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MotoGP Pilot in der Krise: Die Leiden des Stefan Bradl

Wohin führt der Weg? Stefan Bradl mit skeptischem Blick.
Wohin führt der Weg? Stefan Bradl mit skeptischem Blick. (© LCR Honda)

Sich mit den Leistungen eines MotoGP Fahrers auseinanderzusetzen ist journalistischer Alltag. Journalisten recherchieren, analysieren, beobachten, befragen und schreiben dann ihren Beitrag. Neutral als Nachricht, wertend als Kolumne oder pointiert als Glosse. In der Regel fällt einem das ziemlich leicht. In diesem Fall ist es ein bisschen anders. Warum?

 

MotoGP und Deutschland. Das sind zwei Dinge, die bisher nicht wirklich zueinander gepasst haben – zumindest wenn es um das Thema Fahrer geht. Seit fast drei Jahren gibt es endlich mal wieder einen deutschen Fahrer und somit ist es nachvollziehbar, dass sich Aufmerksamkeit und Begeisterung von Fans und auch Journalisten auf diese eine Person konzentrieren: Stefan Bradl. Der einzige Deutsche in der Königsklasse der um Punkte fährt, dazu ein wirklich sympathischer Typ mit echten Rennfahrergenen. In den ersten 24 Monaten seiner Zeit in der MotoGP war alles gut. Stück für Stück wurde Bradl besser, holte mehr Punkte, gewann Vertrauen. Alles sah danach aus, dass sich diese Entwicklung auch 2014 fortsetzen würde. Noch ein paar Punkte mehr, genauso wie den einen oder anderen Podestplatz. So war es angedacht. Doch jetzt im Herbst 2014 wissen wir: Diese Saison ist mehr als ein Schritt zurück. Man soll solche Worte sparsam benutzen, aber eigentlich ist 2014 sportlich gesehen ein: Desaster.

 

Kurzer Rückblick. Schon die erste Hälfte der Saison verläuft für Stefan Bradl nicht wie gewünscht. Gleich der Ausfall im ersten Rennen in Katar. Im darauffolgenden Rennen in Amerika holt er sein bis dato bestes Ergebnis und rollt als Vierter über die Ziellinie. Es soll – bis auf das Resultat in Frankreich – die einzige Ergebnisverbesserung gegenüber 2013 bleiben. Haften bleiben vor allem die Ergebnisse in Assen, mit dem Sturz schon in der Einführungsrunde und vor allem sein Rennen beim Heimspiel am Sachsenring, wo Bradl einsam und alleine in der Startaufstellung stehend nur als Sechzehnter ins Ziel kommt. Zuletzt gibt es in vier Rennen zwei Ausfälle. Egal wie man die Bilanz also dreht und wendet: Die Form- und Ergebniskurve zeigt seit Wochen und mittlerweile Monaten steil und teils immer steiler nach unten. Somit stellt sich die Frage: Was ist da los? Hat Bradl das Motorradfahren verlernt? Wohl kaum.

 

Seit der Sommerpause, besser gesagt seit den Wochen davor, kochten die Spekulationen hoch. Wie geht es mit dem Vertrag von Stefan Bradl 2015 weiter? Das Interesse von Honda ist auf dem Gefrierpunkt angelangt, noch vor dem Rennen in Indianapolis unterschreibt der Bayer deshalb beim Forward Racing Team einen neuen Kontrakt. Die Verhandlungen und die Entscheidungsfindung waren für Bradl sicher eine belastende Zeit. Umso mehr konnte man davon ausgehen, dass er es seinen Kritikern von Honda in der zweiten Saisonhälfte noch einmal zeigen will. Doch wenn man sich die letzten Ergebnisse anschaut, werden sich vielmehr die Verantwortlichen von Honda bestätigt fühlen, nicht mehr auf Bradl zu setzen. Dabei fangen die Probleme von Bradl mittlerweile schon in den Trainingssessions an. Seit Wochen hört man in seinen Interviews vor allem (fast) nur noch eins: Erklärungen, warum es diesmal nicht wie gewünscht gelaufen ist. Alles isoliert betrachtet nachvollziehbar, doch in der Summe einfach zu viele „bad news“. Wer die Reaktionen nach dem Rennen in Misano am letzten Wochenende von Bradl und auch seinem Team aufmerksam verfolgt hat, konnte vor allem eins wahrnehmen: Frust und Enttäuschung pur. Alleine die veröffentlichte Pressemeldung nach dem Rennen spricht Bände. Maximal kurz, so kurz wie selten zuvor.

 

Was ist also los mit Stefan Bradl? Ist der Druck zu groß den er sich macht? Kommt er mit der Maschine nicht mehr klar? Will er zu viel? Hat das Selbstbewusstsein durch die vielen negativen Resultate zu stark gelitten? Hat er eine mentale Blockade? Ist er nicht richtig fit? Fehlt ihm die Motivation um sich für sein jetziges Team noch mal voll reinzuhängen? Braucht er einfach mehr „biss“ um auch schwierige Situationen besser meistern zu können? Fragen über Fragen, Spekulation an Spekulation. Wie so oft wird es vermutlich eine Mischung aus den erwähnten und vielen weiteren Faktoren sein. Letztendlich wissen tut es nur einer: Stefan Bradl selbst.

 

Beste Anlagen, gute Voraussetzungen: Auf dem Papier müsste alles passen. Doch die Realität sieht anders aus. Da darf man als neutraler Berichterstatter auch schon mal ein wenig persönlich werden und mit bangen, dass Bradl diese schwierige Phase möglichst schnell übersteht und auch ein Rennwochenende mit einem zufriedenen Lächeln verlassen kann. Ein deutscher Fahrer in der MotoGP. So wichtig für den Sport wie für Bradl selbst. Gerne auch als Initialzündung für mehr deutsche Fahrer in der Königsklasse. Das hier und jetzt bringt aber vor allem eine Frage zum Vorschein: Quo vadis, Stefan Bradl?

 (Markus Kahl)

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