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MotoGP Kommentator Gregory Haines im Interview: "Du weißt nie, was dich hinter der nächsten Ecke erwartet"

Gregory Haines (rechts) zusammen mit seinem Kommentatorenpartner Nick Harris in der Übertragunskabine 2014 in Assen
Gregory Haines (rechts) zusammen mit seinem Kommentatorenpartner Nick Harris in der Übertragunskabine 2014 in Assen

Viele MotoGP Zuschauer vor den Bildschirmen kennen eher seine Stimme als sein Gesicht. Gregory Haines berichtet seit 2013 für motogp.com über die Rennen in der Motorrad-Königsklasse. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern, Dylan Grey und Nick Harris, kommentieren und begleiten sie dabei alle Trainings und Rennen. MotoSports24 sprach mit dem Engländer über seinen Job als Kommentator, über lange und arbeitsreiche Rennwochenenden und die lustigen Momente der Saison 2014.

 

Motosports24: Gregory, erst einmal danke, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast. Uns würde zu Beginn erst einmal interessieren: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Kommentator für die MotoGP zu werden?

 

Gregory Haines: Gute Frage, auf die es nicht die eine Antwort gibt. Ich wollte schon immer ein Kommentator sein. Bereits mit 11 Jahren habe ich angefangen, meine Kommentare beim Computerspiel „Grand Prix 3“ zu Hause aufzuzeichnen. Zu dieser Zeit war ich total begeistert von Murray Walker (Britischer Formel1 Reporter und Kommentator für die BBC), über sein Wissen, einfach über alles. Seine Begeisterung war einfach ansteckend. Ich selbst habe zu Beginn Nachrichten über die Formel 1 für gpupdate.net geschrieben. 2013 habe ich dann angefangen für die Dorna (Rechteinhaber unter anderem für die Moto GP) zu arbeiten, habe dort Interviews vorbereitet und aufgezeichnet. Ich wusste ja, dass die Dorna die Berichterstattung für die MotoGP produziert und hatte natürlich gehofft, dort irgendwann meine Chance zu bekommen. Plötzlich musste der eigentliche Kommentator der Rennen, Gavin Emmet, zur Hochzeit seines besten Freundes – ausgerechnet am Wochenende des Barcelona GP. Also wurde ich gefragt, ob ich mit Nick Harris zusammen die Qualifikation kommentieren könne. Ich wusste auch, dass Gavin 2014 zu BT Sports wechseln würde. Und so nahm alles seinen Lauf, indem ich bereits bei den letzten Rennen 2013 praktische Erfahrung sammeln konnte, bevor mir dann der Platz neben Nick Harris für 2014 als Kommentator angeboten wurde. So ist es bei mir gelaufen. Aber es gibt sicher viele verschiedene Verläufe von Anderen, wie sie ihren Weg in die Reporterkabine gefunden haben.

 

Was macht für Dich als Kommentator die Faszination der MotoGP aus?

 

Diese Frage ist für mich leichter zu beantworten. Es ist eigentlich egal, ob es um MotoGP, World Superbike, Formel 1 oder Tourenwagenrennen geht. Ich kann mich einfach für den schnellen Rennsport begeistern. Mich hat das schon immer fasziniert. Aus diesem Grund habe ich mir auch immer viele alte Berichte angeschaut und Unmengen an Büchern zu dem Thema verschlungen. Für mich ist das ein Hobby. In Bezug auf die MotoGP war es 2014 einfach fantastisch, in die komplette Berichterstattung eingebunden zu sein. Als Teil der Dorna haben wir einfach die Chance, die komplette Klaviatur an Berichterstattung zu bedienen. Egal ob es dabei um aktuelle Beiträge, Fernsehgrafiken oder die Nachrichten für die sozialen Netzwerke geht. Und du weißt einfach nie, was passieren wird. Das Spektakel, was wir zum Beispiel in den ersten Runden der MotoGP in diesem Jahr gesehen haben, war einfach unglaublich.

 

Wie läuft für Dich eigentlich so ein Wochenende in der MotoGP konkret ab?

 

Das kann sich von Rennen zu Rennen unterscheiden, aber in der Regel gibt es einen bestimmten Ablauf. Mittwochs, vor einem Rennwochenende, geht’s von zu Hause mit dem Wagen ins Büro. Von dort breche ich dann zum Flughafen auf. Am Nachmittag sind wir dann bereits meistens vor Ort. Oft kann man abends noch mal etwas ausspannen. Manchmal müssen wir aber auch direkt zu einer Veranstaltung, über die wir für motogp.com berichten. Donnerstags geht es dann zum ersten Mal zur Rennstrecke, wo ich noch letzte Recherchen für das Wochenende oder bereits Voraufzeichnungen für „After the flag“ (eine Zusammenfassung nach allen Rennen für motogp.com) und Fox Sports USA mache. Außerdem haben wir die Pressekonferenz mit den Fahrern und ich produziere weitere Videobeiträge für motogp.com. Das eigentliche Kommentieren beginnt dann am Freitag, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Am Morgen zwischen den Trainingssitzungen und auch später am Tag kommentiere und bespreche ich auch Videozusammenfassungen. Es gibt meist bestimmte Fristen, bis wann die Sachen fertig sein müssen. So geht das die ganze Zeit und es kommt dann oft vor, dass ich an einem ganzen Rennwochenende nicht ein einziges Bike auf der Strecke gesehen habe. Samstags und sonntags kommen dann noch die Liveinterviews mit den „Top Drei Fahrern“ dazu. Manchmal machen wir diese Gespräche im gleichen Raum, in dem Nick und ich kommentieren. Oder aber es ist am anderen Ende der Strecke, wo ich dann direkt nach dem Rennen hinsausen muss. Am Sonntagnachmittag treffen sich Dylan und ich dann meistens auf der leeren Strecke mit dem Produktionsteam für „After the flag“, um die letzten Szenen aufzuzeichnen.

 

Wie bereitest Du Dich auf ein Rennwochenende vor? Ist das kompliziert?

 

Es ist nicht kompliziert, nur sehr zeitintensiv. Ich bin ein großer Freund von Statistiken und den kleinen Geschichten rund um den Paddock. Ich habe immer „Greg’s MotoGP Ordner“ bei mir. Es ist meine „magische Mappe“ mit Portraits über die Fahrer, den Stand in der Weltmeisterschaft, historischem des Sports und Ergebnissen aus dem Jahr. Meistens schreibe ich alles per Hand auf, da ich glaube, dass man es sich so besser behält. Ich baue nicht alle Infos in die Kommentierung mit ein, aber es ist wichtig sie zur Hand zu haben, wenn ich etwas davon erwähnen möchte. Das meiste erzähle ich sowieso aus dem Kopf; aber es ist gut diese Infomappe bei sich im Hintergrund zu haben. Es gibt auch noch ein Blatt – ich nennen es meinen Spickzettel – für jedes der drei Rennen. Dort stehen die wichtigsten Fakten wie Punktestände der Fahrer drauf, die Startaufstellung der Vorjahre so wie andere Fakten. Außerdem stehen da noch Infos wie die Renndistanz, die Rundenanzahl und die 2/3 Distanz, falls ein Rennen mit der roten Flagge beendet wird. Und natürlich die aktuelle Startaufstellung und alles was ich sonst noch zum Rennen wissen muss. Wie man also sieht ist es gar nicht kompliziert. Man muss sich nur organisieren, sich Zeit nehmen und konstant auf dem Laufenden bleiben.

 

Wie anstrengend ist das für Dich, wenn Du vier Stunden am Stück oder länger an einem Rennsonntag kommentieren musst?

 

Das kann sehr anstrengend sein. Aber es gibt ein paar elementare Dinge, die du zur Vorbereitung machen kannst, um gut in Form zu sein. Es mag selbstverständlich klingen, aber sieh zu, dass du nicht müde bist. Wenn man am Vortag zu spät ins Bett gekommen ist besteht einfach die Gefahr, dass dir ein blöder Fehler bei der Kommentierung passiert. Das Gleiche gilt für alle, die ein paar Drinks zu viel am Abend davor gehabt haben. Das sind alles Kleinigkeiten, die einen vor einem Ausrutscher während der Berichterstattung bewahren. Man sollte dazu in der Lage sein, etwas erzählen zu können, wenn es mal zu einer Verspätung bei den Rennen kommt. In solchen Momenten kommt einem das Wissen um den Sport und die persönliche Erfahrung sehr zugute. In Aragon zum Beispiel war ich dieses Jahr praktisch achteinhalb Stunden am Stück am kommentieren. Es ging mit dem Warm-Up der Moto3 um 8.30 Uhr los und lief dann bis zum Ende des MotoGP Rennens um kurz nach vier Uhr. Wegen der einstündigen Verspätung durch Nebel beim ersten Warm-Up war an diesem Tag keine Pause zwischen den Warm-Ups und den Rennen, wie das normalerweise der Fall ist. Das Schwierige daran ist, dass der wichtigste Teil der Übertragung mit der MotoGP ja erst am Ende kommt. Wie sich dann herausstellte war es aber ein historischer Nachmittag mit dem 800. Grand Prix der MotoGP, an den man noch lange zurückdenken wird – auch ich ganz persönlich.

 

Gibt es auch lustige oder komische Momente in der Reporterkabine die Du in diesem Jahr erlebt hast?

 

Klar. Manche kann ich erzählen, aber manche auch nicht. Es gibt so viele Momente, aber an diese zwei kann ich mich noch gut erinnern. In Japan kommentierte ich zusammen mit Dylan das Moto3 und Moto2 Warm-Up. An diesem Wochenende hatten wir allerdings drei Headsets in unserem Übertragungsraum angeschlossen. Für das Warm-Up der MotoGP ist Dylan - wie üblich - runter in die Boxengasse gegangen und Nick hat - wie immer - neben mir Platz genommen. Unglücklicherweise schaltete Nick dann sein Mikrofon an, realisierte allerdings nicht, dass er das Headset von Dylan auf dem Kopf hatte. Er begann zu sprechen und alle konnten in der Übertragung seine Stimme hören – allerdings nur durch das Mikrofon, dass auf dem Tisch lag. Ich habe mich also beeilt den Beginn selbst zu sprechen, damit Nick das richtige Headset einschalten konnte. Wie es dann eben manchmal so kommt, gewann die komische Seite dieser Situation die Oberhand und ich musste losprusten vor Lachen. Es war ein urkomischer Moment, aber ich glaube die Zuhörer haben gleich gemerkt, welch gute Atmosphäre in unserer Reporterkabine herrscht. Ich habe von Nick in diesem Jahr so viel gelernt und werde sicher nicht vergessen, dass ich neben und mit einer echten MotoGP Legende zusammenarbeiten konnte.

 

Der andere lustige Moment war in Malaysia, ebenfalls während des Warm-Ups der Moto3. Dylan war nicht da, so dass ich alleine zu kommentieren begann. Acht Minuten waren vergangen, doch von Dylan war weit und breit keine Spur. Ich konnte ja in diesem Moment nichts machen und so kommentierte ich einfach weiter. Dummerweise hatte ich nicht gemerkt, dass ich unabsichtlich eine von zwei Türen zugeworfen und Dylan so ausgeschlossen hatte. Ich hätte es bis spät in den Tag nicht gemerkt. Während ich also sprach klopften Dylan, Nick und Friné Velilla (Dornas MotoGP Pressemitarbeiterin) verzweifelt von außen an die Tür und versuchten herein zu kommen. Letztendlich wurde der Sicherheitsdienst gerufen. Nick brach in lautes Gelächter aus als der Mann ankam und sichtlich Mühe hatte, unter den 30 mitgebrachten Schlüsseln den Richtigen zu finden. Das werde ich so schnell nicht vergessen.

 

An was wirst Du Dich erinnern, wenn Du an die Saison 2014 zurückblickst – sowohl sportlich wie auch persönlich?

 

Nun, zwei der persönlich großartigen und vor allem lustigen Momente habe ich ja gerade schon erzählt. Wenn ich an die Rennwochenenden denke, war Mugello schon sehr besonders. Wir waren dort in einem ländlich gelegenen Quartier untergebracht, mitten in der tollen Landschaft der Toskana. Wir hatten eine tolle Fahrt über herrliche Landstraßen zur Strecke mit Pavarotti als Begleitung im Ohr. Dann kam das Rennen. Ein unglaublicher Kampf zwischen Marquez und Lorenzo. Während des Rennens schrie Nick plötzlich: „Wow, Wow, Wow. Sie berühren sich schon wieder. Lorenzo meint es ernst. Marquez meint es ernst. Was ein unglaubliches Rennen um die Spitze“. An diese Worte werde ich mich noch lange erinnern.

 

Ein anderer großartiger Moment war, als ich alleine in meinem Leihwagen morgens um fünf Uhr nach dem Rennen auf der Strecke in Katar gefahren bin. Ich war einfach glücklich, dass meine erste Übertragung so gut geklappt hatte. Ich dachte in diesem Moment über viele Dinge nach, während bei der anschließenden Rückfahrt zum Hotel langsam die Sonne aufging.

 

Darf man als Kommentator eigentlich einen Lieblingsfahrer haben? Wenn ja, verrätst du uns seinen Namen?

 

Jeder kann einen Lieblingsfahrer haben. Das ist eine Sache der persönlichen Vorliebe und nicht etwas, was man wirklich kontrollieren kann. Es ist egal ob du ein Fan zu Hause vor dem Bildschirm oder auf der Tribüne bist, ein Fernsehmoderator, ein Pressemitarbeiter, ein Crew Chief oder eben ein Kommentator. Natürlich kann man als Kommentator, der weltweit zu hören ist, seine Vorliebe nicht offen zeigen. Unser Job ist es, die Leute neutral zu informieren und zu unterhalten. Ich persönlich hatte allerdings noch keinen Lieblingsfahrer. Ich liebe den Sport an sich und hoffe, dass man diese Leidenschaft auch spürt.

 

Gibt es denn eine Rennstrecke im Kalender die du besonders magst?

 

Das klingt wie eine klassische Antwort, aber ich mag alle Grand Prix Strecken, da jede von ihnen ihren eigenen Charme hat. Da ich als Kommentator auf allen Strecken in diesem Jahr einen Rundgang machen konnte, will ich allerdings nicht verhehlen, dass die Strecken in Mugello und auf Phillip Island eine besondere Attraktion sind. Silverstone hat mir allerdings auch sehr viel Spaß gemacht, da ich im Alter von zehn Jahren dort ein britisches Tourenwagen Rennen angesehen habe. Wie auch immer, mein Heimrennen ist und bleibt das Rennen in Barcelona. Ich habe dort alles gesehen seit ich 12 Jahre alt bin: Autos, Motorräder, LKW’s, einfach alles. Und es war die erste Strecke auf der ich im Motorsport gearbeitet habe. Aus all diesen Gründen wird die Strecke immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben!

 

Auf was freust Du Dich jetzt in der Winterpause wenn die Räder still stehen?

 

Nun, wie du vielleicht weist, wird sich 2015 alles ändern. Die Dorna hat mich gefragt, ob ich ein Teil der World Superbike Berichterstattung werden möchte, die sie im kommenden Jahr erstmals vollumfänglich übertragen wird. Ich werde also das Fahrerlager wechseln und an der Seite von Steve Day die Rennen kommentieren, der von Eurosport zur Dorna gekommen ist. Natürlich werde ich die Arbeit mit Nick in der MotoGP stark vermissen. Ich hoffe natürlich, dass wir die Zusammenarbeit irgendwann fortsetzen können. Ich habe von ihm in seiner Art der Berichterstattung und auch durch seine langjährige Erfahrung mit den vielen Geschichten so unglaublich viel gelernt. In einem Fahrerlager voller großer Ego’s kann ich sagen: Nick hat keins und wenn, zeigt er es nicht nach außen. Das ist eine Qualität, die nur wenige Menschen in diesem Metier haben. Nick ist somit – das kann ich wirklich sagen – ein echter Freund fürs Leben geworden. Wir haben uns ab dem ersten Tag unglaublich gut verstanden, nie gab es Probleme als wir zusammen in der Reporterkabine gesessen haben. Ich denke das liegt auch an unser beider Bemühung, die Übertragung so gut wie irgend möglich zu gestalten. Jetzt freue ich mich auf den Superprestigio (Dirt Track Rennen in Barcelona) und dann natürlich Weihnachten in England mit der Familie. Dann ist auch schon 2015, wo es für mich als Kommentator in der World Superbike Serie losgeht. Dazu kommen noch einige Rennen der CEV und des Asia Talent Cup. Aber wie sagte schon mein Großvater John: Du weißt nie, was dich hinter der nächsten Ecke erwartet.

 

Danke Gregory, für diesen spannenden und sehr persönlichen Einblick in Deine Arbeit.

 

(Das Gespräch führte Markus Kahl)

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