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Wenn Valentino Rossi anfängt, seine Rennkombi zu knutschen

Motorradjacke von Dainese.
Motorradjacke von Dainese.

Eine Rennkombi. Einfach nur ein Stück Leder oder doch mehr? Josef Morat verantwortet den Vertrieb von Dainese im Bereich Motorrad in Deutschland, Österreich und der Schweiz. MotoSports24 sprach mit ihm über Sicherheit, Aberglaube und das Leben einer Rennkombi im Sportleralltag.

MotoSports24: Ist es übertrieben zu sagen, ein Rennanzug oder eine Kombi ist für einen Rennfahrer wie eine zweite Haut?

 

Josef Morat: Nein, ist es nicht. Das ist in der Tat wie eine zweite Haut. Außer Funktionswäsche trägt der Rennfahrer ja meist nichts drunter. Dazu kommt, dass die Kombi im besten Fall hautnah geschneidert wird. Denn schließlich sollen die Protektoren ja richtig sitzen. Ansonsten ist die ganze Funktion der Protektoren eher instabil. Es gibt aber auch Rennfahrer, die mögen eine sehr enge Kombi überhaupt nicht. Jorge Lorenzo ist so ein Beispiel, der schon einmal mit Dainese gefahren ist. Wenn man ihn sich bei Fahren anschaut, da flattert die Kombi schon richtig. Das ist bei uns immer eine schöne Anekdote, weil Lorenzo gerne mit unserem Schneider diskutiert hat. Der Schneider meinte, Mensch, mit so einer breiten Kombi funktioniert das nicht. Schon von der Aerodynamik her nicht und auch nicht von der Protektion her, weil es eben instabil wird. Und Lorenzo wollte es immer möglichst weit haben.

 

Warum entscheidet man sich dann, eine so weite Kombi zu tragen?

 

Lorenzo, wie vielleicht auch andere, will komfortabel fahren. Und der Sportler entscheidet am Ende, wie er es tragen will. Er hat sozusagen die Hoheit über seine Kombimaße.

 

Was macht einen guten Rennanzug aus?

 

Die Sicherheitsaspekte. Das ist der erste Ausgangspunkt. Alles was protektiv wirkt und ist. Was es dann auch aushält, wenn es einen Sturz gibt. Das ist definitiv das, was einen guten Rennanzug ausmacht. Dann kommen natürlich Elemente dazu wie Farben und Sponsorenaufnäher. Das ist für einen Rennfahrer auch sehr wichtig. Sie bekommen ja schließlich Geld dafür und das ist ein Aspekt, auf den Rennfahrer heute sehr achten. Aber der Sicherheitsaspekt wie Reiß- und Reibungsfestigkeit, Protektion sowie Aerodynamik stehen da schon an erster Stelle.

 

Gibt es noch andere Aspekte?

 

Ja. Auch die Kombination Aerodynamik und Helmkombi müssen passen. Dieses Jahr gab es zum Beispiel eine sehr große Diskussion in Sepang, wo Lorenzo gegenüber Rossi neun Stundenkilometer langsamer war auf der Geraden. Am Anfang drehte sich die Diskussion noch darum, dass er von Yamaha ein unterschiedliches Motorrad bekommt. Im Nachhinein hat man es noch einmal im Windkanal getestet und gemerkt, dass die Kombination Helm und Rennanzug von Rossi effizienter war als die von Lorenzo und eben für diesen enormen Unterschied im Topspeed gesorgt hat.

 

Wie entsteht so ein Rennanzug – auch unter dem Aspekt Sicherheit?

 

Also, der Ausgangspunkt ist immer die Protektion, inklusive des Airbags, der den ganzen Schulterbereich mit abdeckt. Dieser „Buckel“ ist ja damals entstanden, weil man an den obersten Wirbeln zwischen Helm und Rückenprotektor einen zusätzlichen Schutz mit einfügen wollte. Der Ausgangspunkt ist somit die Protektion und drum herum entsteht dann der Rest der Kombi. Für Rennfahrer ist das natürlich individuell angepasst. Dazu kommt, dass die Kombi in Leder von sich aus schon protektiv ist. Das heißt, im Falle eines Ausrutschers oder Sturzes soll und muss das Leder schon entsprechend etwas mit abfangen. Klar gibt es von Dainese auch Kleidung in Stoff, aber das wird dann eher nur für den Tourenbereich angeboten. Aber in den letzten Jahren hat auch bei den Tourenfahrern die Nachfrage nach Lederkombis zugenommen – eben vorwiegend wegen des Sicherheitsaspekts.

 

Warum?

 

Schauen sie sich Jacken aus Stoff einmal an. Die können sie gar nicht so eng schneidern wie Leder. Auch unter dem Gesichtspunkt Zertifizierung. Eine Stoffjacke ist wesentlich härter zu zertifizieren als eine aus Leder. Und die Reibungsfestigkeit ist bei Leder immer höher als bei Textil. Leder passt sich auch an meinen Körper an, was Textil so nie schaffen kann.

Dainese Rückenprotektor Wave Air.
Dainese Rückenprotektor Wave Air.

Lederkombis gibt es auch für Jedermann im Motorradzubehörshop. Was sind die größten Unterschiede zu den Anzügen im Profisport?

 

Eigentlich gar keine. Die Topkombi, die wir dem Endkunden – auch in Maßfertigung – anbieten, ist eins zu eins gleich zu einer Kombi eines MotoGP Rennfahrers.

 

Was ist das Besondere der Dainese Anzüge gegenüber anderen Fabrikaten?

 

Es ist immer schwer zu sagen wir sind besser oder schlechter als andere Produkte. Ich sage mal so. Lino Dainese (Gründer und Vorstandschef) selber hat bestimmte Kriterien definiert, bei denen Dainese keine Kompromisse trifft. Der Ausgangspunkt ist, dass die Kombi nicht nur sicher sein muss, sondern auch ergonomisch passen und von der Chemie her stimmen soll. Was heißt das genau? Wenn ich jetzt eine Lederkombi anziehe und für die Färbung beispielsweise Chrom statt natürliche Farben verwendet werden, habe ich bei dem einen oder anderen schon mal ein Allergieproblem. So etwas wird bei uns vorher getestet. Somit unterscheidet sich die Qualität von Dainese Lederkombis im Vergleich zu manchen Mitbewerbern in Haptik und Geruch ganz erheblich. Im ganzen Produktionsprozess machen wir da keine Kompromisse. Das fängt bei der Auswahl des Leders an und hört beim endgültigen Zusammenschnitt vor Ort in Italien auf.

 

Auf was sollte ein privater Käufer also beim Erwerb eines Rennanzugs achten?

 

Also, ich würde sagen, das richtige Maß ist schon sehr wichtig. Das ist eigentlich das Wichtigste. Die zweite Frage ist, was mache ich damit? Wo fahre ich, wo bin ich unterwegs? Die Kombi ist das Ausgangselement. Dazu kommen die Protektoren, Handschuhe und Stiefel. Und natürlich ein Helm, klarerweise. Es gibt Kunden, die kommen mit klaren Vorstellungen zu uns. Aber es gibt auch Kunden, die fragen uns, was kannst du mir empfehlen? Aber der Faktor Protektion steht schon im Mittelpunkt. Gute Protektionsbekleidung sieht man nur dann, wenn man einen Unfall hat. Bis dahin sind alle Elemente eigentlich gleich. Letztendlich sollte und muss sich jeder Motorradfahrer darüber im Klaren sein, was ihm seine Gesundheit Wert ist. Guter Schutz sollte es mir Wert sein, denn es gibt guten Schutz, der trotzdem nicht aufträgt, aber effektiv seinen Dienst verrichtet, wenn es darauf ankommt.

 

Kommen wir wieder zurück vom Produkt hin zur Rennstrecke. Gibt es spezielle Wünsche der Rennfahrer an ihren Anzug?

 

Eines vorweg: Die Rennfahrer sind alle sehr abergläubisch. Alle Fahrer sind heute mit D-Air Kombis (mit Airbag) unterwegs. Das einzuführen war allerdings kein leichter Job. Valentino Rossi, um mal ein Beispiel zu nennen, ist zu Beginn dieser Kombi nur in der Qualifikation gefahren, nicht im Rennen. Die Fahrer machen da wenige Kompromisse und sind nur schwer von neuem zu überzeugen. Gerade wenn man da mit neuen Technologien um die Ecke kommt. Wenn sie also viele Rennen in einem Anzug gewonnen haben, wollen sie nicht unbedingt etwas Neues ausprobieren. Von daher halten sie sich mit speziellen Wünschen eher zurück.

 

Wie viele Fahrer werden von Ihnen betreut?

 

In der MotoGP sind es Valentino Rossi, Stefan Bradl, Pol Espargaro, Andrea Iannone, Nicky Hayden und ab 2015 Jack Miller. Dazu noch einige Fahrer mehr, natürlich auch noch in der Moto2 oder in der Moto3.

Markus Kahl (links) im Gespräch mit Josef Morat von Dainese.
Markus Kahl (links) im Gespräch mit Josef Morat von Dainese.

Welche Aufgaben hat Dainese an einem Rennwochenende?

 

Wir sind immer mit unserem Racingteam vor Ort präsent. Der Job von unserem Team ist es, einmal die Kombi für das Rennen vorzubereiten, wenn der Fahrer beispielsweise eine kleine Modifikation haben will. Oder aber die Kombis werden in speziellen Belüftungssystemen zwischen den Qualifikationen getrocknet. Auch wenn ein Airbagsystem ausgelöst hat, wird das wieder nachgeladen. Wenn es dann beispielsweise zu einem Sturz kommt, wird die Kombi überprüft, ob sie überhaupt noch benutzbar ist. Wenn ja, geht sie direkt ins Werk nach Molvena. Dort wird geprüft, ob es reparabel ist. Wenn ja, wird ausgetauscht und die Sicherheitselemente angepasst. Die Kombi geht dann wieder zurück an den Fahrer.

 

Wie viele Personen kümmern sich um die Anzüge an einem Rennwochenende?

 

So etwa vier bis fünf Personen.

 

Gibt es auch persönliche Betreuer für die Fahrer?

 

Nein, das Team betreut alle Fahrer. Aber ist ja auch klar, dass ein Valentino Rossi als unser Topfahrer dann doch noch einmal eine etwas andere Betreuung erhält als der letzte Starter in der Moto3, der vielleicht frisch dazu gekommen ist. Rossi hat da natürlich auch noch mal andere Ansprüche an seine Rennkombi als dass ein junger Nachwuchsfahrer hat.

 

Wie lange haben die Fahrer so einen Anzug in Gebrauch?

 

Die Fahrer nutzen sie so lange, bis sie eigentlich nicht mehr benutzbar ist. Also wenn es keinen Unfall oder einen Wechsel bei den Sponsoren gibt, fahren die Fahrer die Kombi im Extremfall auch schon mal eine ganze Saison.

 

Gibt es auch Geschichten an einem Rennwochenende, an die Sie heute noch gerne zurückdenken weil sie so skurril, lustig oder auch spannend waren?

 

Es gibt schon Situationen, wo so etwas vorkommt. Einen Fall hatten wir mal mit Valentino Rossi. Valentino hatte bei einem Rennen in Assen bei Tempo 220 einen Highsider. Er ist auf dem Rücken aufgekommen und hatte den Wave Rückenprotektor getragen. Dort ist innen Metall verarbeitet, auf dem man dann durch den Sturz einige Wirbel von Rossi eingepresst gesehen hat. Als er zurückgekommen ist, hat den Protektor abgegeben und wir haben ihn geöffnet, um ihn anzuschauen. Wir lernen ja vom Rennsport und sehen ihn als Entwicklung mit an. Alles, was an einem Wochenende passiert, wird von uns registriert, aufgenommen und für die Weiterentwicklung der Produkte genutzt. In dem Fall haben wir den Protektor aufgemacht und es Rossi gezeigt. Er hat ihn daraufhin einige Male abgeküsst und war in diesem Moment sehr dankbar, so einen Protektor getragen zu haben. Wer weiß, was sonst passiert wäre.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Morat.

 (Das Gespräch führte Markus Kahl)

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