Wer Bücher liest, gewinnt MotoGP Rennen

Der Original AGV Rennhelm von Valentino Rossi aus dem Valencia Rennen 2014.
Der Original AGV Rennhelm von Valentino Rossi aus dem Valencia Rennen 2014.

Maurizio Vitali ist langjähriger Betreuer und Spezialist von Helmhersteller AGV. Im Gespräch mit MotoSports24 spricht der Italiener über Löcher in der Rennkombi, den Spirit von Valentino Rossi und warum man das Wort „Test“ nicht immer allzu wörtlich nehmen sollte.

 

MotorSports24: Herr Vitali, Sie betreuen Rennhelme von AGV. Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht ein Helm in der Ausstattung eines Rennfahrers. Ist es das wichtigste Zubehör?

 

Maurizio Vitali: Es hängt ein Stück von dem Rennfahrern selbst ab, aber konzeptmäßig ist der Helm am wichtigsten, weil er auch die Persönlichkeit des Fahrers wiederspiegelt. Auf einer Rennkombi sehen sie die Logos der Sponsoren, die somit die Kombi anhand der Sponsoren identifiziert. Dahinter steckt dann alles, mit dem ein Profipilot Geld verdient. Aber im Helm steckt die Persönlichkeit des Piloten, da er sich hier selbst darstellen kann. Was ist also wichtiger: Helm oder Kombi? Wenn ich mich festlegen muss, dann doch eher der Helm.

 

Wie individuell werden denn die Helme auch auf die einzelnen Fahrer und deren Kopf angepasst?

 

In so einem Fall, um einmal das Beispiel von Valentino Rossi aufzugreifen, wird sein Helm praktisch um den Kopf von Rossi entwickelt. Das heißt, es wird ein Scan des Kopfes von Rossi gemacht. Der Helm wird somit um den Kopf von Rossi konstruiert und ist dadurch nicht mehr so arbeitsintensiv wie das in der Vergangenheit noch der Fall war. In der Vergangenheit hat man einen normalen Vertriebshelm aus dem Regal genommen und an die Notwendigkeiten des Rennfahrers angepasst. Bei Rossis Helm läuft es genau umgekehrt. Man passt man noch Kissen für Wangen und Nacken individuell an, das ist es dann aber mehr oder weniger auch schon.

 

Welche Sicherheitselemente gibt es denn überhaupt bei einem solchen Helm?

 

Nehmen wir als Beispiel den Helm, mit dem Valentino Rossi fährt. Das ist ein Full Carbon Helm. Zwei Aspekte sind hier sehr wichtig: Das erste Element ist die Aerodynamik, die Form des Helms. Was heißt Aerodynamik in diesem Fall? Nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Stabilität während des Fahrens. Es gibt Helme, die sehr viel Luft abfangen, das gibt dann aber viel Druck auf den Kopf des Fahrers. Das ist hier nicht der Fall, denn der Helm wurde im Windkanal getestet. Der Helm steht still, weil die Luft Drumherum geleitet wird. Das zweite sehr wichtige Element ist das Sichtverhältnis. Dieser Helm hat ein sehr weites Sichtfeld. Das heißt, bei normalen Helmen müssen viele Fahrer ihren Kopf ein Stück anheben, wenn sie aus der Kurve kommen. Bei Rossis Helm muss man das nicht mehr machen. Dazu kommen dann noch solche Aspekte wie ein besonders hartes Visier, eine entsprechende Visierverriegelung und natürlich der allgemeine Schutz durch das Material des Helms.

 

Sie sind als Betreuer von AGV direkt bei den Rennen der MotoGP vor Ort. Was ist dort genau Ihre Aufgabe?

 

Der erste Job ist es, die Notwendigkeiten und Anforderungen des Piloten vorauszusehen und vorzubereiten. Dadurch, dass ich die Anforderungen der einzelnen Fahrer gut kennen weiß ich, welche Fahrer bei welchen Lichtverhältnissen beispielsweise welches Visier bevorzugen. Es ist für mich sehr wichtig, dass ein Fahrer seinen Helm nimmt und direkt damit losfahren kann. Sollte der Fahrer noch mal zu mir kommen und eine Veränderung wünschen, mache ich das natürlich auch. Aber mein Job ist eigentlich, das entsprechend vorauszusehen. So läuft das jetzt beispielsweise auch bei Jack Miller, den wir 2015 als neuen Fahrer betreuen. Dort steht am Anfang im Vordergrund, den Helm an den Kopf von Miller anzupassen, so dass der Fahrer sich rundherum damit wohlfühlt. Erst am Ende steht dann die Feinabstimmung, wie zum Beispiel das passende Visier.

 

Wie oft gibt es Anpassungen an den Helmen? Läuft so etwas dann auch mal eine Saison?

 

Wenn der Helm funktioniert und passt, dann gibt es keine Updates. Höchstens mal kleinere Anpassung an die Strecke oder an die Witterungsverhältnisse.

Maurizio Vitali (Mitte) von AGV erläutert die Besonderheiten der Helme.
Maurizio Vitali (Mitte) von AGV erläutert die Besonderheiten der Helme.

Wie viele Personen kümmern sich insgesamt an einem Wochenende um die Helme?

 

Auf der Rennstrecke mache ich das alleine. Aber natürlich greife ich dann auch auf das Team zurück, dass mich bei vielen Dingen unterstützt. Bei mehreren Rennen kommen einige Leute von der Entwicklung mit dazu, um sich anzuschauen, wo bestimmte Elemente überarbeitet werden können.

 

Wird denn ein Helm beispielsweise nach einem Sturz an der Strecke repariert oder macht man das gar nicht?

 

Nein. Jedes Mal wenn der Helm den Boden berührt wird er ersetzt.

 

Wie viele Helme haben Fahrer an einem Wochenende im Einsatz?

 

Minimum sind es drei, in einigen Fällen vier oder fünf.

 

Was sich viele Fragen: Wie entstehen eigentlich die vielen unterschiedlichen Designs auf den Helmen?

 

In diesem Fall mischen wir uns als Helmbetreuer gar nicht ein. Die Piloten haben da eigene Grafiker zu Hand, die sie dort unterstützen. Das einzige Element, was wir mit dazu beitragen, sind die Punkte, wo wir unser Logo platzieren wollen. Man schickt uns die Grafik zu und wir schauen dann, ob es irgendwelche Sicherheitsaspekte berührt oder der Helm dadurch beeinträchtigt würde und segnen das dann ab.

 

Sie sind nun seit vielen Jahren als Betreuer von AGV und Motorradhelmen unterwegs. Wie lange machen Sie das schon?

 

1992 habe ich meine aktive Rennfahrerlaufbahn beendet. 1996 habe ich dann mit der Betreuung der Helme bei AGV begonnen.

 

Sie sind auch direkter Betreuer vieler Fahrer. Wen haben Sie schon beim Thema Helme zur betreut?

 

Sehr viele. Max Biaggi, das war einer der Ersten. AGV suchte damals jemanden, der auf den Rennstrecken die Helmbetreuung unterstützen sollte. Man wollte da niemanden aus der Produktion haben sondern jemanden, der „Stallgeruch“ hat. Sprich jemanden, der die ganzen Eigenheiten von Fahrern auch kennt. Aber da waren natürlich auch andere Leute wie Marco Simoncelli oder heute Pol Espargaro, Stefan Bradl und natürlich Valentino Rossi, dessen Karrieren ich seit Anbeginn eng begleite.

 

Als direkter Helmbetreuer von Valentino Rossi würde mich interessieren, was für ein Mensch das ist. Von vielen Fans wird er sehr verehrt, seine Leistungen sind auch nach diesen vielen Jahren immer noch erstklassig. Was zeichnet ihn aus?

 

Also erstmal ist er ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Er liebt diesen Sport, liebt diese Welt, liebt das Fahren und die Technik. Er liebt das Ganze wirklich sehr. Valentino ist noch ein Fahrer von der alten Generation. Den findest du auch abends noch in der Box, wo er bei den Mechanikern steht und schaut, wie die an der Maschine arbeiten. Die jüngere Generation ist da etwas anders gestrickt. Jemand hat sie gesehen und entdeckt wie schnell sie sind. Die haben da schon auch andere Interessen, während Rossi sehr auf das Motorradfahren konzentriert ist.

 

Wie gestaltet sich für Sie persönlich die Arbeit mit ihm?

 

Ich arbeite schon so lange mit Valentino zusammen, so dass es mir fast etwas schwer fällt, bestimmte Elemente in der Arbeit zu benennen. Die Zusammenarbeit ist für mich ziemlich einfach, weil ich weiß, was Valentino mag und braucht, womit er sich wohlfühlt. Es ist nichts spezielles, weil ich einfach weiß, wie Valentino tickt und ihm so das geben kann, was er in einer bestimmten Situation benötigt.

Markus Kahl (links) trifft Josef Morat (Mitte) von Dainese und Maurizio Vitali (rechts) von AGV zum Interview.
Markus Kahl (links) trifft Josef Morat (Mitte) von Dainese und Maurizio Vitali (rechts) von AGV zum Interview.

Wie erklären Sie sich denn die nach wie vor so grandiose Popularität von Rossi bei den Fans?

 

Wahrscheinlich spürt man einfach, dass Valentino den Job mag. Er macht das mit Leidenschaft, er lebt das und hat Spaß dabei. Ich glaube, das merken die Leute ganz genau. Man fragt sich ja oft, warum sind manche Fahrer beliebter sind als andere. Ich glaube, Valentino hat in diesem ganzen Bereich auch einfach viel geändert, wo vorher wenig Kommunikation war. Und Valentino hat eine sehr große Kapazität um zu kommunizieren, über seine Helmgrafiken oder Gesten, wenn er gewinnt und dort seine ganze Leidenschaft zeigt. Also, diese Vorleben seiner Leidenschaft kommt bei den Leuten genauso an. Es hat sich in all den Jahren nichts verändert wie er Motorradfahren lebt. Und das ist einfach authentisch und echt.

 

Sie selbst sind auch Motorradrennen gefahren. Wann war das und welche Rennen bzw. in welcher Klasse? Wenn Sie an die Zeit von damals zurückdenken: Was sind die größten Veränderungen gegenüber der heutigen Zeit?

 

Ich bin in der Weltmeisterschaft von 1991 bis 1993 in der 125er Klasse gefahren. Die gesamte Karriere ging 1979 los, bevor ich dann 1992 die Karriere endgültig an den Nagel gehängt habe. Immerhin, zwei Rennen konnte ich in dieser Zeit gewinnen. Aber mit 35 Jahren war es dann an der Zeit aufzuhören. Das waren allerdings noch Zeiten, wo man noch nicht über die Ausstattung von Rennkombis wie heute verfügt hat. Ich habe immer die Rennen mit einem Loch im Knie beendet. Wenn ich da auf die Idee mit dem Slider für die Knie gekommen wäre, wäre ich wohl ein reicher Mann geworden oder Lino Dainese gewesen (lacht). Bis Mitte des Rennens konnte man noch normal fahren. Doch wenn die Kombi dann durchgescheuert war, musste man seinen Fahrstil ändern. Denn es wurde ja sonst schmerzhaft. Am Anfang habe ich dann alte Visiere ausgeschnitten und an der Kombi mit Klebebändern fixiert. Das hat richtig gut funktioniert.

 

Die Unterschiede gegenüber damals sind allerdings immens, vor allem technisch. Die Helme waren viel schwieriger zu handhaben, es gab keine Slider oder Protektoren. Von den Sicherheitsstandards von heute konnte man damals nur träumen.

 

Was vermissen Sie von früher in der heutigen Zeit und gibt es etwas, das sie zu ihrer aktiven Zeit gerne von heute gehabt hätten?

 

Ja klar, da gibt es schon große Unterschiede. Damals lebte man im Paddock wesentlich mehr zusammen. Man kämpfte auf der Strecke hart gegeneinander, aber abends hat man sich dann gemeinsam im Zelt getroffen – normalerweise in dem von Loris Reggiani, denn das war das größte Zelt von allen. Man hat dann zusammen gesessen und gegessen, getrunken und Spaß gehabt. Heute ist das alles wesentlich professioneller. Wenn man an die Organisation denkt, ist heute schon vieles sehr viel einfacher geworden. Aber klar, man erinnert sich immer lieber an die jungen Zeiten als an die heutigen. Was sich wirklich verändert hat, ist das Verhältnis der Piloten untereinander. Was früher noch Normalität war, so wie ich es eben schon in Ansätzen beschrieben habe, ist heute undenkbar. Vielleicht noch zum Teil in den kleinen Klassen, wo man sich schon länger kennt und eher direkter miteinander umgeht. Aber in der großen Klasse ist das nicht möglich. Da ist alles voll durchprofessionalisiert.

 

Zum Schluss würde ich gerne noch wissen, was in all Ihren Jahren im MotoGP Paddock mal für eine Geschichte passiert ist, an die Sie auch heute noch gerne zurückdenken. Gibt es da etwas Verrücktes oder interessantes was Sie erlebt haben?

 

Ich erinnere mich an eine Geschichte, als Valentino Rossi das erste Rennen in Brünn gewonnen hat. Das Qualifying war sehr gut gelaufen und er war sehr aufgeregt vor dem Rennen, wo er sich vorstellen konnte, zu gewinnen. Als ich mit drei Freunden im Camper abends gesessen bin, ist Valentino plötzlich hereingeplatzt. Wir lasen also gerade ein Buch von einem italienischen Kabarettisten, als er dazu stieß. Das war eher so ein spirituelles Buch. Valentino stellte Fragen, so wie er das immer macht, wenn er ein Problem lösen möchte, doch wir haben einfach weitergelesen. Also hat sich Valentino bis spät in die Nacht mit dazu gesetzt und mit diesem Spirit des Abends wohl auch sein erstes Rennen gewonnen.

 

Die zweite Geschichte ist mir mit Niccolò Antonelli passiert, der momentan in der Moto3 fährt. Moto3 Fahrer fahren nicht grundsätzlich mit den Airbags in der Rennanzügen. Also haben wir ihn im letzten Jahr mit der Kombi mit eingebautem Airbags mit der Ansage rausgeschickt, er möge die doch mal ein paar Runden testen. Dann ist er vier Kurven gefahren und hat es ein bisschen zu wörtlich genommen und sich hingeworfen. Er kam dann zurück in die Box und sagte nur, er habe es jetzt getestet, es würde prima funktionieren. In diesem Jahr hat er dann einen neuen Rekord aufgestellt mit 24 Stürzen. Er wird mit Sicherheit mal ein schneller Pilot werden, aber er ist physisch einfach noch nicht ganz so weit.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Vitali.

(Das Gespräch führte Markus Kahl)

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