Auf der Suche nach guten Geschichten

Ist Jubelstimmung in der Sportberichterstattung nur noch im Fußball möglich?
Ist Jubelstimmung in der Sportberichterstattung nur noch im Fußball möglich?

Viele Fans des Motorradsports und insbesondere der MotoGP denken sich: Schade, dass über meine Sportart kaum etwas in den Medien zu sehen oder zu lesen ist. Doch warum ist das eigentlich so? Der Sportchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Anno Hecker, gibt darauf Antworten und erklärt, wie sogenannte Randsportarten ihren Platz in der Sportberichterstattung finden können.

 

MotoSports24: Mal rein theoretisch angenommen, Sie dürften an einem Tag keine einzige Meldung oder keinen einzigen Beitrag über Fußball veröffentlichen. Hätten Sie ein Problem Ihre Sportseiten zu füllen?

 

Anno Hecker: Ein ganz klares Nein. Da hätten wir null Probleme.

 

Dass Fußball als die alles dominierende mediale Sportart in Deutschland gilt, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Trotzdem die Frage: Was war jetzt zuerst da: Die ausführliche und alles überlagernde Berichterstattung oder die Nachfrage?

 

Das kann man schwer beantworten, weil der Fußball das Sportgeschehen in Deutschland schon seit fast hundert Jahren bestimmt. Das heißt, er hat in einer Phase, in der viele der heutigen Sportarten noch gar nicht ausgeprägt waren, schon eine sehr große Bedeutung gehabt. Vielleicht muss man, wenn man lange zurückdenkt, noch an Boxen oder Autorennen denken. Aber es war schon so, dass sich Fußball sehr früh zum Volkssport entwickelt hat. Insofern würde ich sagen, dass der Fußball über die Entwicklung seiner Attraktivität zum Medienmittelpunkt des Sports in Deutschland gefunden hat.

 

Was will der Leser lesen und würden, wenn Sie völlig frei entscheiden könnten, die Sportseiten bei Ihnen anders aussehen?

 

Wir können völlig frei entscheiden. Aber wir wissen nicht, was der Leser lesen will. Wir vermuten das nur (lacht). Nein, es gibt viele Umfragen und es gibt gute Analysen, aus denen man teilweise erkennen kann, was gewünscht wird. Aber ganz genau wird man es nicht feststellen können. Was wir aber genau erkennen, ist die Reaktion der Leser, wenn man etwas weglässt. Das merkt man insbesondere bei Fußballthemen – auch nur bei Kleinigkeiten. Die Reaktion ist ein indirektes Kriterium für unsere Auswahl, aber nur eines von vielen. Natürlich könnten wir etwas anderes abdrucken, Randsportarten in den Vordergrund rücken und Themen von allgemeinem Interesse zur Seite schieben. Das aber entspräche nicht unseren Vorstellungen.

 

Wie unterscheidet sich denn eine FAZ hier beispielsweise von einer Boulevardzeitung?

 

Ich hoffe doch sehr. Eine Zeitung, die sich am Kiosk verkauft, wird noch einen größeren Schwerpunkt auf den Fußball legen als wir. Der Druck ist viel größer, weil sich eine Kioskzeitung über den Fußball verkaufen muss. Diesen Zwang haben wir als Abonnementzeitung nicht in diesem Maße. Wir genießen eine größere Freiheit - und die nutzen wir für ein möglichst interessantes, relevantes Programm. Es reicht von einer spannenden Reportage über die Mechanismen des „Dopings“, die Probleme eines alternden, mittellosen Boxers bis hin zu den Hintergründen der großen Sportpolitik, ob nun im IOC oder in der Fifa.

 

Nehmen wir einmal das Beispiel MotoGP zur Hand. Eine vermeintliche Randsportart – zumindest in Deutschland. Wie nehmen Sie als Berichterstatter solche Sportarten wahr und was müsste passieren, damit eine solche Sportart mehr Platz auf den Sportseiten bekommen kann?

 

Die Sportredaktion der FAZ hat seit Jahrzehnten, schon seit den fünfziger Jahren, immer großes Interesse am Motorsport gezeigt. Ein Beispiel ist der 4. Juli 1954. An diesem Sonntag gab es einen Automobil Grand Prix in Reims. Mercedes gewann und das war dann die Aufmacher Geschichte im Blatt. Nicht der Fußball-WM Sieg der deutschen Mannschaft in Bern. Wobei ich natürlich zugeben muss, dass dies auch ein wenig der zeitlichen Verzögerung der Ereignisse geschuldet war. Ich will nur sagen: Motorsport spielte und spielt eine angemessene Rolle.

Verblasst der Glanz der Formel 1 in Deutschland auch nach und nach?
Verblasst der Glanz der Formel 1 in Deutschland auch nach und nach?

Und heute?

 

Wir sind trotz aller internationalen Beziehungen eine Zeitung für den deutschsprachigen Markt. Die Leser interessieren sich zunächst einmal für das, was in ihrem Umfeld passiert. Hätten wir also einen deutschen Fahrer, der in den Top fünf mitfahren oder um einen WM-Titel kämpfen würde, wäre das Interesse wesentlich größer. Das ist keine Frage. Und wenn das Interesse größer ist, schaut man automatisch intensiver hin und dann bekommt man auch die entsprechenden Geschichten. Aber Phänomene wie Valentino Rossi, inzwischen auch Marc Márquez, sind natürlich immer ein Thema für uns.

 

Was braucht eine Sportart, um dauerhaft medial erfolgreich und präsent zu sein?

 

Ich will Ihnen anhand des Beispiels Formel 1 einmal zeigen, was im Sport möglich ist. Ein Rennen bevor es mit Michael Schumacher richtig losging, bin ich als junger Redakteur zur Formel 1 gekommen, mit dem klaren Auftrag, über die Entwicklung der Serie zu schreiben. Stand heute muss ich sagen: Ich habe ziemliches Glück gehabt. Ich wusste, wie es kurz vor Schumachers Auftritt in Deutschland aussah. Seine Erfolge wurden aufgesogen wie ein trockener Schwamm der ins Wasser fällt. Das würde im Motorradsport vielleicht nicht diese Ausmaße annehmen, aber es wäre in Abstufungen vergleichbar. Wenn man sich anschaut, wie viele Fans es in Deutschland gibt, die beispielsweise zum Sachsenring fahren, um sich das Rennen anzuschauen, dann kann man schon vermuten, dass sich da etwas bewegen würde.

 

Was müsste demnach eine solche Sportart anbieten können?

 

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich denke, sie muss eine gewisse Relevanz haben. Es muss etwas sein, was professionellen Ansprüchen genügt und was nicht jeder machen kann. Was den Motorradsport betrifft, so gehören eben auch noch Dinge mit dazu, die man in der Kategorie „nicht ganz ungefährlich“, „nervenstark“ und „spektakulär“ zusammenfassen kann. Was fehlt? Den fehlenden „deutschen Faktor“ hatte ich angesprochen. Vielleicht ist es auch so, dass die Motorradakrobatik bei den potentiellen Zuschauern nicht angekommen ist. Spannend bis ins Finale, irre Bremsmanöver, teilweise artistisches Driften. Das ist schon große Kunst. Ob das aber die Mehrzahl der Leute einschätzen kann? Ich habe meine Zweifel.

 

Sehen Sie ansonsten etwas, was Ihnen als Zeitungsmacher auch ganz persönlich fehlt?

 

Eine Sportart muss für den Zuschauer immer schmackhaft sein. Also von Woche zu Woche. Das ist ein Problem für die Motorsportarten generell. Das sind Saisonsportarten. Für uns ist die entscheidende Frage: Sind die Geschichten aus einer solchen Rennserie auch über den Tag hinaus interessant. Entscheidend sind die Figuren, die Menschen. Was sind das für Typen, was transportieren sie und sind die auch bereit, mehr als das anzubieten, was man sowieso sieht und hört. Solche Aussagen wie „es hat heute nicht so gepasst, weil mich Reifen und Vordermann eingebremst haben“ sind schnell ziemlich langweilig. Das hat der Zuschauer im Zweifel im Fernsehen gesehen oder im Netz gelesen. Nein, da muss einfach mehr rüberkommen.

 

Kommen Sie denn an solche Geschichten überhaupt noch heran?

 

Das fällt heute zunehmend schwerer. Schauen sie sich die Formel-1- oder die Fußball- Weltmeister an. Denen ist ihre Privatsphäre sehr wichtig. Die werden ja auch von morgens bis abends belagert. Das führt eben dazu, dass sie sich abschotten - was ich verstehe. Aber dieses Abschotten führt dann eben auch dazu, dass sie sich in der medialen Berichterstattung in einem ganz engen Raum bewegen und jede Frage, die über ihre Bühne hinaus geht als Eingriff in die Privatsphäre betrachten. Daraus entsteht eine Redundanz: Immer die gleichen Fragen, immer die gleichen Antworten. Schauen sie sich beispielsweise an, was Fußballspieler vor oder nach einem Spiel zu sagen haben. Was sie tun, wenn man versucht, in die Tiefe zu gehen. Trainer reagieren übrigens ähnlich. Vieles wird von vorherein abgeblockt, manches als heikles Thema betrachtet. Wir kriegen politisch korrekte Auskünfte, mitunter mehrmals gefiltert. Autorisierte Interviews erkennt man nicht wieder. Und dann drucken wir sie auch nicht. Für Werbesprüche sollen sich die Unternehmen, ich spreche jetzt bewusst von Unternehmen und meine damit sogar einzelne Sportler sowie deren Entourage, also für Werbesprüche sollen sich diese Leute an die Anzeigenabteilung wenden.

Ist die MotoGP in den Deutschen Medien auf Abwegen oder bekommt sie die Kurve?
Ist die MotoGP in den Deutschen Medien auf Abwegen oder bekommt sie die Kurve? (© FGlaenzel)

Und was bedeutet das dann für Ihre bzw. die Arbeit einer Zeitung?

 

Dass es eine tolle, spektakuläre Geschichte im Fernsehen sein kann, aber für uns weitgehend uninteressant ist. Wir sind ja keine Fernsehzeitung, die vorwiegend nachschreibt, was das Fernsehen gezeigt hat. Eine Renngeschichte ist eben nur dann interessant, wenn sie auch nach zwei Tagen noch eine gewisse Relevanz hat. Über Borussia Dortmund können sie beispielsweise immer reden. Aber was wollen sie nach einem Grand Prix schreiben über die Aussage eines Fahrers, der sagt „die Reifen haben eben nicht gepasst, beim nächsten Mal mache ich es besser“. Dann dreht er sich um und verschwindet. Was soll man damit machen? Und das ist dann unglaublich schwierig für einen Kollegen, mit einem Thema aus einer Nischensportart zu landen. Weil er eine wesentlich substantiellere Geschichte liefern muss. Ein Torwartwechsel bei Borussia Dortmund wird schnell zum Thema. Ein Fahrerwechsel in einem Rennstall ist vielleicht eine Kurzmeldung. Das ist die Realität. Einverstanden, es liegt an uns, etwas daraus zu machen, aber ohne Zugang und Bereitschaft funktioniert es nicht.

 

Im Fußball sind ganze Abteilungen mit unzähligen Menschen damit beschäftigt, Bilder, Texte und Videos über ihren Verein zu veröffentlichen. Diese Möglichkeiten haben gerade kleinere Sportarten oft nicht. Was können die davon lernen, um sich in diesem Bereich besser aufzustellen und um einfach besser zu kommunizieren?

 

Bloß nicht das zu machen, was beispielsweise der FC Bayern oder Borussia Dortmund machen. Was machen die? Überschütten uns mit Informationen, wollen damit auch eine bestimmte Meinungsrichtung vorgeben. Aber nicht nur uns, sondern quasi auch dem „Endverbraucher“. Wir sind von dieser Art Informationen nicht abhängig. Unsere Reaktion ist in diesem Fall eindeutig: Wir machen uns unabhängig. Wir wollen uns unser eigenes Bild machen. Wir sind doch nicht die verlängerte Presseabteilung.

 

Was machen Sie also stattdessen?

 

Wir sehen das gerade an einem deutschen Fußballverein, den wir uns ein wenig genauer anschauen, weil wir glauben, dass die Finanzen da nicht so ganz in Ordnung sind. Der Verein versteht das schon recht gut in seinen Kreisen, eine andere Politik zu betreiben. Die versuchen, sich anders darzustellen. Entsprechend hart sind die Urteile oder Reaktionen der Leser uns gegenüber. Die stellen uns dann schon die Frage, wie journalistisch das denn eigentlich sei. Also: Eine Flut an Informationen führt bei uns dazu, dass wir es selbst machen wollen. Selbst recherchieren, genauer hinschauen. Aber das kostet Zeit und Geld.

 

Was sollen diese „kleineren“ Sportarten oder auch Verbände Ihrer Meinung nach dann machen?

 

Ich kann immer nur raten: Bietet eine Geschichte an, die Relevanz hat. Was hat man zu bieten, was könnte interessant sein. Ich würde empfehlen, nicht nur ein Image verkaufen zu wollen, sondern eine gute Sportgeschichte anzubieten. Am besten durch einen Menschen, der ein Gespür dafür hat, gute Geschichten und Interviews zu machen oder anzubieten. Der glaubhaft eines will: Den eigenen Sport bekannter zu machen und zu zeigen, was es bei ihm interessantes gibt. Zusammengefasst: Hat er eine spannende Geschichte, die mich als Journalist fesselt, bin ich auch gerne bereit, mich einzuarbeiten und zu schauen, ob es denn wirklich so ist.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hecker.

(Das Gespräch führte Markus Kahl)

 

 

Anno Hecker ist Leiter der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit vielen Jahren begleitet er den Motorsport und schreibt insbesondere über die Formel 1.

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