MotoGP Runde 3 - Argentinien - Oder: Ein Doctor bekommt nicht genug

Andrea Dovizioso (Ducati), Valentino Rossi (Yamaha) und Cal Crutchlow (LCR Honda) auf em MotoGP Podium in Argentinien
Das MotoGP Podium in Argentinien (©Dorna)

Irgendwann kommt der Punkt, an dem einem die ganzen Redewendungen ausgehen. Er ist so wie ein guter Wein: Je älter desto besser. Aber will das überhaupt noch einer hören? Nein, weil es alt und abgedroschen ist. Aber das, was man am letzten Wochenende auf dem Termas de Rio Hondo zu sehen bekam, war genau das Gegenteil. Ein alter Wein, pardon, Mann, der so jung ist und wirkt, als sei er gerade erst in den Rennzirkus eingestiegen. Der Bock hat, Lust zu fahren und aber so gar keine Abnutzungserscheinungen zeigt. Weder bei sich, noch bei seinen fahrerischen Fähigkeiten, auch nicht bei den Medienvertretern und erst recht nicht bei seinen Fans. Valentino Rossi, der Doctor. Besser wie nie zuvor.

 

Doch diesen Sieg in Argentinien hätte es für Rossi eigentlich nie geben können und eigentlich auch nicht geben dürfen. Sein Schüler jedoch zeigte sich von einer Seite, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hat. Marc Marquez bezeichnet Rossi noch immer als sein Vorbild. Und ja, die beiden verbindet viel. Talentiert, durchsetzungsstark und mit viel Biss ausgestattet, dazu noch fast am gleichen Tag geboren. Nur ein Tag trennt die beiden im Kalender – 14 Jahre aber im Ganzen. Ja und dieser Marquez hätte, könnte, sollte dieses Rennen gewinnen. Doch irgendwas lief schief.

 

Den Start diesmal nicht in den Sand gesetzt, übernahm Marquez direkt von der ersten Runde an die Führung und baute diese Stück für Stück aus. Runde für Runde legte Marquez noch einen drauf, bis er nach zehn Runden einen recht komfortablen Vorsprung von über vier Sekunden herausgefahren hatte. Dann begann jedoch für ihn das Drama, das er möglicherweise selbst schon befürchtet hatte. Seine Bestzeit hatte der Honda Pilot direkt in der zweiten Runde auf den Asphalt gebrannt – mit harten Reifen hinten. Das diese Reifenmischung bei den immer weiter steigenden Temperaturen auf dem Asphalt Probleme machen könnten war vielen Beobachtern schon von vorneherein klar. Doch Marquez wollte nicht die extra harten Reifen wählen, weil, wie er sagte „er sich damit nicht wohl fühlte“. Konkurrent Rossi nahm die Reifen jedoch und fuhr sie im wahrsten Sinne des Wortes richtig warm.

Marc Marquez und Valentino Rossi im Duell beim MotoGP Rennen in Argentinien
Marc Marquez und Valentino Rossi im Duell (©HRC Repsol Honda)

Wer jedoch meint, die Zeiten von Marquez würden sich dramatisch verschlechtern, der irrt gewaltig. Konstant legte er Zeiten zwischen 1’39 und 1’40 hin. Bestzeit war in Runde 2 mit einer 1’39.071, in seiner letzten Runde fuhr er eine 1’39.469. Gar nicht schlecht, doch nicht gut bzw. schnell genug für Valentino Rossi. Denn seine Zeiten verbesserten sich im Gegensatz zu Marquez. Auf den ersten Blick auf die Zeitentabelle würde man meinen: Wo war Rossi denn bitte schneller? Auch er fuhr konstant Zeiten zwischen 1’39 und 1’40, doch gerade zum Ende hin holte Rossi seine besten Zeiten raus. Runde 20 markierte mit einer 1’39.019 die beste Zeit aller Fahrer des Rennens. Doch Zehntel für Zehntel reichten bei dem dann doch zu knappen Vorsprung um Marquez nicht nur ein, sondern auch zu überholen.

 

Dann kam der Fehler des Spaniers, den man ihm nach zwei Weltmeistertiteln kaum noch zugetraut hätte. Statt geduldig auf eine gute Möglichkeit zu warten wollte er direkt mit Gewalt wieder an Rossi vorbei. Doch der dachte gar nicht daran seine Ideallinie aufzugeben und so berührte Rossis Hinterrad das Vorderrad von Marquez und der Spanier flog in hohem Bogen von der Strecke. Auch der schnelle Sprint zurück zum Bike brachte nichts mehr, Marquez war raus und Rossi nicht mehr vom Sieg abzuhalten. (Hier der Crash noch einmal im Video: https://de.eurosport.yahoo.com/video/marquez-crash-weltmeister-im-pech-194623854.html)

 

Hinterher sagt es sich so leicht, da hätte Marquez lieber einen zweiten Platz eingefahren, als mit einem Nuller nach Hause zu kommen. Doch Marquez ist auf der Strecke als Heißsporn bekannt – schon manches Mal gab es wilde Aktionen von ihm in der Vergangenheit. Doch bei dieser Aktion hätte man davon ausgehen können, dass er aus seinen Fehlern gelernt hat. Hat er – wie gesehen – wohl doch nicht. Rossi war es egal, denn mit dem zweiten Sieg im dritten Rennen zementiert er 2015 seine WM Führung mit 66 Punkten vor Andrea Dovizioso (60 Punkte) und Andrea Iannone (40 Punkte) Marc Marquez folgt erst auf Rang 5 mit gerade einmal 36 Zählern.

Andrea Dovizioso bejubelt seinen zweiten Platz auf seiner Ducati beim MotoGP Rennen in Argentinien
Andrea Dovizioso (Ducati) bejubelt seinen zweiten Platz (©Ducati)

Apropos Dovizioso. Der Ducati Pilot ist nicht nur im Gesamtklassement auf Rang zwei, sondern erbte durch den Ausfall von Marquez auch in Argentinien seinen zweiten Platz. Drei Rennen, dreimal zweiter. So konstant wie ein Uhrwerk fährt Dovizioso seine Punkte ein. Mit einer solchen Taktik sind schon manche Weltmeister geworden. Mal sehen, was für ihn noch möglich ist. Die Ducati ist jedenfalls (wie auch Teamkollege Iannone beweist) voll dabei bei der Musik. Doch gerade dieser Iannone war es, der zum Schluss des Rennens denkbar knapp (mit 0,054 Sekunden Rückstand) den Platz auf dem Podest verpatzte.

LCR Honda Teamchef Lucio Cecchinello und Cal Crutchlow feiern ihren dritten Platz in der MotoGP in Argentinien
LCR Honda Teamchef Lucio Cecchinello und Cal Crutchlow im Freudenrausch (©LCR Honda)

Das Leid von Iannone war das Glück (und Können) von Cal Crutchlow, der im dritten Rennen bei seinem neuen LCR Honda Team schon den ersten Podestplatz feiern konnte. Seit Qatar zeigt die Formkurve steil nach oben. In jedem Rennen bis jetzt eine Verbesserung bei den Startplätzen (in Argentinien auf Platz vier) und ebenso in den Ergebnissen. Nach Rang 12 in Qatar ging es über Platz sieben in Austin jetzt auf die Drei. Wie es scheint hat Crutchlow sein altes Selbstbewusstsein aus besten Tech 3 Zeiten wieder gefunden. Das gruselige Jahr 2014 bei Ducati scheint vergessen und Crutchlow tut das, für was er schon immer gut war: Die etablierten Werksfahrer ärgern. Man muss nicht drum herumreden: Das Ding in Argentinien war von Crutchlow bockstark.

 

Und dann hätten wir noch einen Fahrer, der mit großen Zielen in die Saison gestart war. Jorge Lorenzo heißt der Mann. Teamkollege von Valentino Rossi und zweifacher MotoGP Weltmeister. Sein Ergebnis ist nicht zu erklären und bedarf einer ausführlichen Analyse. Nur eine Frage sei an dieser Stelle erlaubt: Zerbricht Lorenzo erneut an Teamkollege Rossi? Die Frage lasse ich für heute unbeantwortet im Raum stehen.

Stefan Bradl vor dem Start der MotoGP in Argentinien auf seiner Forward Yamaha
Skeptische Blicke von Stefan Bradl schon vor dem Rennstart (©Forward Yamaha Racing)

Ja und dann gehen wir im Ergebnisranking mal ein bisschen tiefer. Nicht ganz ans Ende, aber zumindest halten wir uns an einem Punkt fest. Ganz fest. Denn dieser Punkt ist gleichzeitig der erste Punkt für Stefan Bradl in der WM im Jahre 2015. Von Anfang an war klar: Durch den Wechsel zur Open Yamaha bei Forward werden Ergebnisse in hohen Top 10 Platzierungen nur schwer möglich sein. Doch Aleix Espargaro hatte 2014 gezeigt, was mit einer (scheinbar so) unterlegenen Maschine möglich ist. Bis auf zwei Rennen ausschließlich Top 10 Ergebnisse und Startplätze in hohen einstelligen Regionen, dazu sogar ein Podestplatz im Chaosrennen von Aragon. Die Latte war für Bradl hoch gelegt. Zu hoch? muss man nach den ersten drei Rennen schon fragen. Die ganze Saison 2014 noch einmal zu analysieren, das ist an anderer Stelle schon zu genüge getan worden. Doch was ist los mit Bradl? Geht 2015 genauso weiter wie 2014 geendet hat? Klar, ein erster Punkt ist eingefahren, doch der Bayer zeigt sich ja selbst nicht zufrieden nach dem Rennen in Argentinien. Er spricht von Elektronik- und Reifenproblemen, die ihm ein besseres Ergebnis verhindert hätten. Fairerweise muss gesagt werden, dass er in Argentinien innerhalb einer Fünfergruppe ins Ziel kam, die innerhalb einer halben Sekunde lag. Das am Ende aber Fahrer wie Teamkollege Baz und Rookie Jack Miller dabei vor ihm liegen – das dürfte Bradl auch mehr als genug schmerzen. Interessant zu beobachten ist auch, dass Bradl in der letzten Runde des Rennens die drittschnellste Zeit fuhr, im letzten Sektor sogar die beste Zeit seines Rennens. Spricht das also für Reifenprobleme? Klingt irgendwie nicht so. Was ist also los mit ihm? Das Rätsel Stefan Bradl geht auch 2015 weiter.

 

Nach den Überseerennen in Austin und Texas legt die MotoGP eine kurze Pause ein, bevor es dann Anfang Mai mit den Europarennen in Jerez weitergeht. Zeit, um für den einen oder anderen Fahrer durchzuschnaufen. Der eine oder andere wird darüber sicher ganz froh sein.

Markus Kahl

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