MotoGP Runde 8 - Assen - Doctorspiele in der Cathedrale

Valentino Rossi bejubelt seinen MotoGP Sieg in Assen
Valentino Rossi bejubelt seinen MotoGP Sieg in Assen (©Movistar Yamaha MotoGP Team)

Urplötzlich war da eine ziemlich rumpelige Stimmung. Ein Freund von mir und ich diskutierten noch während des Rennens in Assen über die Geschehnisse auf der Strecke. Er war felsenfest der Meinung, er sehe ein superspannendes Rennen, weil es endlich mal wieder einen richtigen Fight um Platz eins gäbe. Ich dagegen hatte eher den Standpunkt, dass es zwischen Valentino Rossi und Marc Marquez zwar eng zugehe, aber so wirklich Spannung nicht aufkommen würde, weil die Überholmanöver und Positionswechsel fehlen. Sprich: Ein echter Krimi sehe für mich anders aus. Und ich prophezeite ihm, dass Rossi dieses Rennen auf jeden Fall gewinnen würde, was er kategorisch abstritt, da er sich nicht sicher war. Es zog eine regelrechte Gewitterfront zwischen uns auf, eine verbale Auseinandersetzung, ähnlich dem Duell auf der Strecke. Keiner ließ sich vom anderem überzeugen. Es ging klassisch unentschieden aus, denn auch nach Rennschluss war eine gleiche Einschätzung der Ereignisse nicht möglich. Während hier keine Einigung zu erzielen war, war es dafür auf der Strecke umso klarer. Valentino Rossi gewinnt in beeindruckender Art und Weise das Rennen in Assen.

Da passt kein Blatt Papier mehr dazwischen. Valentino Rossi und Marquez fighten in der letzten Kurve um den Sieg in Assen
Da passt kein Blatt Papier mehr dazwischen. Valentino Rossi und Marquez fighten in der letzten Kurve um den Sieg in Assen (© Dorna)

Das Podium

 

Eindeutig? Eindeutig! Das Rennen in Assen war an diesem Wochenende eine echte Zweiklassengesellschaft. Schon nach drei Runden konnten Valentino Rossi, Marc Marquez und Jorge Lorenzo eine Lücke zum Viertplatzierten von fast drei Sekunden herausfahren. Schnell war klar: Der Sieg im Rennen führt nur über diese drei Fahrer. Und auch innerhalb dieser Dreiergruppe wurde die Lücke zügig größer und größer. Insgesamt trennten Jorge Lorenzo auf Platz drei am Ende über elf Sekunden von den beiden führenden Rossi und Marquez. Es war nichts zu machen für Lorenzo, das erkannte er schnell. Und so war der Spanier darauf bedacht, diesen dritten Platz sicher nach Hause zu bringen. Spannend war es dagegen zwischen Rossi und Marquez, die um Platz eins kämpften. Wobei spannend? Wirklich? Wäre nicht vielmehr das Wort eng angebracht?


Vermutlich ist von beidem etwas richtig. Denn man hatte beim Anblick von Valentino Rossi im gesamten Rennen den Eindruck, er kontrolliere das in einer hochkonzentrierten Art und Weise. Nicht ein einziges Mal gelang es Marquez im Rennen, einen Positionswechsel in einer Kurve herbeizuführen. Moment, werden jetzt viele rufen, er ist doch in der 20 Runde vorbei gegangen. Stimmt, aber nur, weil Rossi es zuließ. Denn drei Runden vor Schluss machte der „Doctor“ ernst. Er zog wieder an Marquez vorbei. Rossi vor Marquez bis in die letzte Kurve. Dass es der Honda Pilot in der letzten Schikane noch einmal mit der Brechstange versuchen würde, überraschte nicht wirklich. Sein Manöver aber zu optimistisch, Rossi muss ins Kies ausweichen, kürzt damit ab und gewinnt trotzdem das Rennen. Kurzes Luft anhalten und überlegen: War das jetzt OK oder hat sich Rossi einen Vorteil verschafft? Die Antwort gaben Teams und Rennleitung: Keine Proteste, keine Einsprüche. Rossi siegt vor Marquez und Lorenzo.

Valentino Rossi feiert sich und wird gefeiert beim MotoGP Rennen in Assen
Valentino Rossi feiert sich und wird gefeiert beim MotoGP Rennen in Assen (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

MotoGP – Top

 

Diesmal kommt man in dieser Kategorie am Sieger nicht vorbei. Valentino Rossi ist unser Top des Wochenendes. Auf dem Papier und auf der Strecke war es zwischen ihm und seinem Verfolger Marc Marquez eng, sehr eng. Doch Rossi wirkte an diesem Tag wirklich wie ein Doctor, der sich seinen Gegner regelrecht zurechtlegt und dann im passenden Moment genüsslich seziert. Es war ein beeindruckendes Schauspiel des Altmeisters, der an diesem Tag seine Erfahrung voll ausspielte und diesen Sieg hochverdient mit nach Hause nimmt. Auch wenn Rossi sagt, er sei am Limit gefahren: Es wirkte nie so. Auch Marquez als Verfolger sagte, er sei am Limit unterwegs gewesen. Doch bei ihm arbeitete die Maschine mehr, er hatte viel mehr zu tun, während es bei Rossi klar, präzise und schnörkellos wirkte. Man kann gar nicht so viele Hüte ziehen wie man möchte, denn das war nahe an der Perfektion was der Italiener hier ablieferte.

Ein nachdenklicher Scott Redding in der Box in Assen
Ein nachdenklicher Scott Redding in der Box in Assen (©Estrella Galicia 0,0 Marc VdS MotoGP Team)

MotoGP – Flop

 

Flop klingt hart. Aber was die Ergebnisse betrifft, ist die Saison 2015 bislang wirklich ein Flop für Scott Redding. Mit viel Euphorie war er mit und bei seinem „alten“ Moto2 Team Marc VDS in seine zweite MotoGP Saison gestartet. Vom Material mit einer Factory Honda ausgestattet, hätte alles gut werden sollen. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. Denn Redding kämpft 2015 mit sich und seiner Maschine. Schon seit dem Saisonstart will kein rechtes Gefühl für das Bike aufkommen. Er kämpft mit Abstimmungsproblemen. Nach dem tollen siebten Platz in Barcelona schien es aufwärts zu gehen, doch jetzt kommt in Assen der Rückschlag. Rang 13, wieder zurück auf Anfang. Redding sagt er fühle sich, wie als ob er einen Schritt vor und zwei zurück machen würde. Er sammelt Punkte, ja, aber Zufriedenheit sieht anders aus. Denn der Teamwechsel sollte für ihn eine Verbesserung werden und kein Stillstand. Genau danach sieht es momentan allerdings aber aus.

Was sonst noch los war

 

  • Jetzt lässt es sich nicht mehr wegdiskutieren: Ducati ist auf dem absteigenden Ast. Vordere Startplätze und Plätze auf dem Podium: Schon im zweiten Rennen hintereinander nur noch Wunsch, aber keine Realität. Immerhin kein erneuter Crash bei Andrea Dovizioso, aber nur Platz zwölf als Rennergebnis. Er, der in Katar noch um den Sieg mitkämpfte. Andrea Iannone immerhin mit einem sehr ordentlichen vierten Rang, aber weit davon entfernt, um das Podium mitkämpfen zu können.
  • Eine spannende Verfolgergruppe hinter den Podiumsfahrern. Eine Gruppe, angeführt von Pol Espargaro auf Platz fünf bis zu Platz acht mit Dani Pedrosa innerhalb von 0,4 Sekunden im Ziel. Enger geht es kaum. Und auch die weiteren Fahrer ab Rang neun bis zwölf liegen gerade einmal drei Sekunden auseinander. Tolles Racing, viel zu selten auf dem Bildschirm zu sehen.
  • Nach dem Top in Barcelona kommt jetzt schon wieder der Titel Unglücksrabe. Stefan Bradl ist der Pechvogel des Wochenendes. Nach guten Trainingsergebnissen kommt der Abflug im Rennen. In der sechsten Runde fliegt Bradl mit einem Highsider ab und bricht sich beim Sturz das Kahnbein in der rechten Hand. Eine Operation scheint unvermeidlich, hinter dem Start beim Heimrennen am Sachsenring steht jetzt ein dickes Fragezeichen.
  • Noch ein Rückschlag, wenn auch nicht so heftig. Für Suzuki war nach dem Sensationswochenende in Barcelona wieder das Backen kleinerer Brötchen erforderlich. Aleix Espargaro zwar wieder mit einem tollen zweiten Startplatz, aber im Rennen kamen Espargaro und Teamkollege Maverick Vinales nicht über die Plätze neun und zehn hinaus.
  • Mehr als schwierig ist die Lage derzeit auch bei Rookie Jack Miller. Der LCR Honda Pilot sah auch in Assen nicht die Zielflagge. Drei Stürze in den letzten vier Rennen, der Australier zahlt momentan heftiges Lehrgeld in seiner ersten MotoGP Saison.
  • Und es gab in Assen ein kleineres Startfeld in der MotoGP als sonst, denn die Box von Karel Abraham blieb leer. Der Tscheche hatte sich in Barcelona den Zeh gebrochen, eine Teilnahme am Rennen war in Assen somit nicht möglich.
Andrea Iannone fliegt zu Platz vier
Andrea Iannone fliegt zu Platz vier (© Ducati)
Da hatte er noch gut lachen: Stefan Bradl nach Startplatz 13
Da hatte er noch gut lachen: Stefan Bradl nach Startplatz 13 (© Athina Forward Racing Team)
Nach tollem Startplatz zwei im Rennen "nur" Rang neun: Aleix Espargaro
Nach tollem Startplatz zwei im Rennen "nur" Rang neun: Aleix Espargaro (© Suzuki Racing Team)

Das Podium in der Moto2 in Assen: Tito Rabat, Johann Zarco und Sam Lowes
Das Podium in der Moto2 in Assen: Tito Rabat, Johann Zarco und Sam Lowes (© Dorna)

Die Moto2

 

Erste Runde, Rennabbruch. Luis Salom zerlegt sein Motorrad in Einzelteile, nachdem er unschuldig mitten in ein Pulk von Fahrern in der ersten Runde gerät. Öl läuft auf die Strecke, die Maschine fängt leicht an zu brennen und ist nur noch Schrott. Die Strecke muss gereinigt werden, alles also wieder auf Anfang. Dort sieht es dann fast genauso aus wie bei Rennstart Nummer eins. Nur mit dem Unterschied, das Jonas Folger einen noch besseren Start erwischt. Er übernimmt direkt die Führung, die er fast die erste Hälfte des Rennens behält. Doch dann passiert das, was einige schon zum Start befürchtet hatten. Folger muss mit einem gebrauchten Vorderreifen ins Rennen gehen, da der einzige, letzte neue Reifen massive Unwucht in die Maschine bringt. Aber nicht nur der Vorderreifen baut bei Folger danach massiv ab, auch der Hinterreifen, von dem sich regelrechte Stücke herauslösen. Der Deutsche kämpft ab diesem Zeitpunkt mit stumpfen Waffen.

 

Das Rennen in Assen wird somit zum Duell des amtierenden Weltmeisters Tito Rabat und dem WM Führenden Johann Zarco. Zarco macht es brillant, legt sich Rabat im Rennen förmlich zurecht. In der drittletzten Runde überholt er Rabat und übernimmt die Führung, die er bis ins Ziel auch nicht mehr hergibt. Zarco gewinnt vor Rabat und Sam Lowes und baut damit seine WM Führung weiter, auf jetzt 45 Punkte, aus.

 

Der Blick auf die deutschen Fahrer: Jonas Folger wird als bester deutscher siebter. Dann folgen Sandro Cortese und Marcel Schrötter außerhalb der Punkte auf den Rängen 17 und 18. Florian Alt scheidet bereits in der ersten Runde nach einem Sturz vorzeitig aus.

Zieleinfahrt in der Moto3 in Assen: Miguel Oliveira vor Fabio Quartararo und Danny Kent
Zieleinfahrt in der Moto3 in Assen: Miguel Oliveira vor Fabio Quartararo und Danny Kent (© Dorna)

Die Moto3

 

Alles wie gehabt? Ja, irgendwie schon. Wie immer ging es auch beim Rennen in Assen eng in der kleinsten Klasse der Motorrad Weltmeisterschaft zu. Allerdings trennte sich diesmal das Feld recht schnell. Schon nach vier Runden entstand eine große Lücke zwischen den ersten sieben Fahrern und dem Rest des Feldes. Dieses Feld sollte bis zum Ende beisammen bleiben. Und jeder aus dieser Gruppe war in der Lage, das Rennen für sich zu entscheiden. Immer wieder kam es zu Führungswechseln. Mal lag Miguel Oliveira vorne, mal Jorge Navarro, mal war es Enea Bastianini – der Polesetter – mal Danny Kent. Keiner wollte (oder konnte) dauerhaft den Pacemaker machen, also musst wieder einmal die letzte Runde, vielleicht sogar die letzte Kurve entscheiden.


Und in dieser letzten Runde zog plötzlich einer am Gashahn, der sich die ganze Zeit zwar mit im Feld tummelte, sich aber geschickt zurückhielt: Fabio Quartararo. Der 16 jährige Franzose machte sich drauf und dran, die letzten schwachen Rennen vergessen zu machen und das erste Rennen seiner noch so jungen Weltmeisterschaftskarriere zu gewinnen. Nur noch wenige Kurven trennen ihn vom großen Ziel. Doch die große Überraschung blieb aus, denn Miguel Oliveira gelang es noch, sich drei Kurven vor der Ziellinie an Quartararo vorbei zu fahren. Die ersten sieben Fahrer innerhalb einer knappen halben Sekunde über die Zielflagge, das berühmte Fotofinish der Moto3 auch in Assen. Miguel Oliveira gewinnt sein zweites Rennen 2015, Fabio Quartararo wird zweiter, steigt zum zweiten Mal aufs Podest. Als dritter mit dabei noch der WM Leader Danny Kent, der damit seine Führung in der Fahrerwertung auf 57 Punkte ausbaut.


Kurioses am Rande: Der Ausfall des Husqvarna Teams mit Isaac Vinales und Maria Herrera. Beide werden von der Strecke geschossen, beide an der gleichen Stelle, beide in guter bis sehr guter Position. Das nennt man wirklich Pech. Und noch ein Blick auf die deutschen Starter: Philipp Oettl verpasst mit Platz 16 die WM Punkte denkbar knapp, Wildcard-Fahrer Kevin Hanus fährt als 28er und letzter über die Ziellinie.


(Markus Kahl)

Der Stand in der WM-Fahrerwertung

MotoGP
MotoGP
Moto2
Moto2
Moto3
Moto3

Kommentar schreiben

Kommentare: 0