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Im Maschinenraum der MotoGP

Mittendrin in der Garage des Forward Racing Teams im zweiten freien MotoGP Training am Sachsenring.
Mittendrin in der Garage des Forward Racing Teams im zweiten freien MotoGP Training am Sachsenring.

Wenn man es am Bildschirm zu Hause verfolgt oder auch an der Rennstrecke: Es sieht so einfach aus, doch es steckt sehr viel Planung und Arbeit dahinter. Rausfahren, reinfahren, ein bisschen schrauben, Reifen runter und wieder rauf. Das war‘s. Doch was passiert in der Box und hinter den Kulissen einer Trainingssitzung in der MotoGP? MotoSports24 hatte am Sachsenring Gelegenheit, sich eine komplette Session im zweiten freien Training (kurz FP2 genannt) bei und mit dem Forward Racing Team anzuschauen. Ein Blick in den Maschinenraum eines MotoGP Teams.

14:05 Uhr. Start des zweiten freien Trainings in der MotoGP. Sekundengenau verlassen die beiden Bikes die Forward Garage und gehen auf ihre ersten Trainingsrunden. Genauigkeit und Präzision sind zwei Worte, die uns immer wieder während und nach dem Training begegnen werden. Denn die Arbeit an der Maschine, egal ob vor, während oder nach einer Trainingseinheit, erfordert große Genauigkeit.

 

Wie genau startet ein Team in ein MotoGP Wochenende? In den meisten Fällen greift das Team auf Setup und Einstellungen des vorherigen Rennens zurück. Forwards Crew-Chief Sergio Verbena erklärt es so: „Wenn das Wetter am Freitag gut ist, schauen wir uns an, ob das Setup des vorherigen Grand Prix passt. Beim ersten freien Training starten wir in der Regel mit der Reifenabstimmung, indem wir beide Typen nacheinander ausprobieren und vergleichen. Wichtig ist, was uns der Fahrer für eine Rückmeldung gibt. Mit diesen Aussagen gehen wir dann daran, die Maschine Stück für Stück zu optimieren“.

 

Während Loris Baz und Claudio Corti ihre Runden auf der Strecke drehen, stehen die Mechaniker der Forward Crew vor den Zeitenmonitoren und verfolgen die Rundenzeiten. Corti muss an diesem Wochenende am Sachsenring für Stammfahrer Stefan Bradl einspringen, der aufgrund eines Kahnbeinbruchs in der rechten Hand nicht in der Lage ist ein Rennen zu fahren.

 

Als gewöhnlicher Beobachter vor dem Fernseher kommt mir die Ausfahrt eines Piloten recht kurz vor, bevor er nach seinen ersten Runden im Training wieder in die Box einfährt. Steht man jedoch in der Box und schaut zu, kommt einem die Zeit der Ausfahrt ziemlich lange vor.

Ersatzfahrer Claudio Corti im Einsatz bei der MotoGP am Sachsenring
Ersatzfahrer Claudio Corti im Einsatz bei der MotoGP am Sachsenring (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl).
Stefan Bradl konnte aufgrund seines Kahnbeinbruchs nicht fahren.
Stefan Bradl konnte aufgrund seines Kahnbeinbruchs nicht fahren (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Loris Baz rast in der MotoGP über den Sachsenring
Loris Baz rast in der MotoGP über den Sachsenring (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

14:20 Uhr. Die erste Boxeneinfahrt nach gut 15 Minuten. Wenn man die Einführungsrunde herausrechnet, war diese erste Ausfahrt für rund zehn Runden gut am Sachsenring. Beide Fahrer gehen zu ihren Plätzen, um mit dem Crew-Chief und dem Datenspezialisten die Eindrücke der vorherigen Runden zu besprechen. Währenddessen wechseln die Mechaniker die Reifen und auch die Karbonbremse an der Maschine.

 

Für jeden der Fahrer stehen bei Forward in der MotoGP vier Mechaniker, ein Crew-Chief und ein Elektronikspezialist zur Verfügung. Dazu kommen noch drei weitere Ingenieure und Spezialisten, die sich um die Strategie (vor allem im Elektronikbereich) für beide Fahrer kümmern. Welche Möglichkeiten hat das Team überhaupt, um innerhalb einer Trainingssession größere Veränderungen an der Maschine vornehmen zu können? „Wir bereiten die Maschine so optimal wie möglich für das Training vor“, sagt Tex Geissler, der Elektronikspezialist bei Forward. „Wir speichern für den Fahrer beispielsweise verschiedene Einstellungen vorher ab, die er während der Fahrt ganz einfach per Knopfdruck verstellen kann. So stehen ihm unterschiedliche elektronische Settings zur Verfügung, um beispielsweise so etwas wie das Ansprechen der Traktionskontrolle zu verändern. Wir fangen immer mit einer sehr smoothen Einstellung an und tasten uns dann gemeinsam mit dem Fahrer an die optimale Einstellung aus Fahrbarkeit und Sicherheit heran“.

Elektronikspezialist Tex Geissler erklärt die Besonderheiten einer MotoGP Maschine
Elektronikspezialist Tex Geissler erklärt die Besonderheiten einer MotoGP Maschine (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Im Gegensatz zur Elektronik besteht beim Chassis dagegen kaum die Möglichkeit, um größere Veränderungen an der Maschine während einer Trainingseinheit zu verändern. Teile, wie die Reifen oder auch die Bremsen können in kurzer Zeit gewechselt werden. Für größere Umbauten muss jedoch die Zeit zwischen den Trainingseinheiten genutzt werden. Alternativ kann der Fahrer jedoch auch auf eine zweite Maschine umsteigen, die vorab mit einem anderen Setup vorbereitet wurde.

 

Gute zehn Minuten bleiben beide Fahrer in der Box, bevor es mit leicht verändertem Bike wieder zurück auf die Strecke geht. Wieder sehen wir das gleiche Spiel: Die Crew des Fahrers steht gebannt vor dem Zeitenmonitor und beobachtet die Rundenzeiten. Bei Claudio Corti schaut die Crew ganz besonders intensiv hin, denn er wird ja durch den plötzlichen Blitzeinsatz regelrecht ins kalte Wasser geworfen. Daher ist es für ihn auch besonders schwierig, passende Aussagen zum Verhalten der Maschine zu machen, da ihm der Vergleich zu den Rennen zuvor fehlt.

Sergio Verbena, Crew-Chief von Stefan Bradl beim Forward Racing Team
Sergio Verbena, Crew-Chief von Stefan Bradl beim Forward Racing Team (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Corti hat ähnliche Größe und Gewicht wie Stefan Bradl, so dass die Crew das Bike für ihn nicht großartig umbauen muss und größere Veränderungen nicht notwendig sind. Trotzdem ist ein direkter Vergleich zwischen beiden Fahrern schwierig, da ja neben der Einstellung von Sitz oder auch Lenkerabstand noch der individuelle Fahrstil hinzukommt, auf den eine Maschine abgestimmt werden muss. Allerdings hat Crew-Chief Verbena den Vorteil, schon einmal mit Corti gearbeitet zu haben. Er weiß also, welche Abstimmung und Einstellung für Corti nötig ist.

 

Eine Frage die ich mir immer stelle ist, warum es trotz der vielen Daten und dem Wissen der Crew (auch aus Vorjahren) oft so schwierig ist, trotzdem ein passendes Setup zu finden. Man kennt viel, sehr viel und dreht sich trotzdem im Kreis. „Fünf Grad in der Streckentemperatur machen einen enormen Unterschied“, erklärt Verbena. „Ein Setup, das am Morgen noch funktioniert hat, arbeitet dann aber nicht mehr am Mittag. Es ist eben die große Kunst, für diese veränderten Bedingungen immer genau das richtige Setup zu finden. Die kleinsten Veränderungen der äußeren Bedingungen haben oft sehr große Auswirkungen auf die Maschine und ihr Verhalten. Außerdem helfen uns Daten aus dem Vorjahr nur bedingt, wenn ein anderer Fahrer auf der Maschine gesessen hat. Das Setting der Maschine war dann so anders, dass es sich mit heute nicht vergleichen lässt“.

Teambesprechung mit Claudio Corti im zweiten freien Training
Teambesprechung mit Claudio Corti im zweiten freien Training

Apropos Veränderungen. Nicht nur die äußeren Bedingungen ziehen ein oftmals völlig anderes Fahrverhalten nach sich. Wie komplex so eine Maschine funktioniert und welche Auswirkungen Veränderungen – und sind sie noch so klein – haben, versucht Tex Geissler zu veranschaulichen. „Alles hängt miteinander zusammen. Ein Reifen harmoniert vielleicht nicht mit der elektronischen Abstimmung, die wir am Bike eingestellt haben. Ändern wir aber beispielsweise auch etwas am Fahrwerk, hat das alles direkt Auswirkungen auch auf andere Bereiche der Maschine. Man müsste somit bei jeder Änderung ein paar Proberunden drehen um zu sehen, ob es für den Fahrer so besser zu fahren ist. Doch so viel Zeit haben wir in einem Training einfach nicht. Denn wir dürfen ja auch die Rundenzeiten nicht aus den Augen verlieren, damit wir uns möglichst direkt für das Q2 (die Qualifikation für die ersten 12 Plätze in der Startaufstellung) qualifizieren“.

 

14:35 Uhr. Loris Baz und auch Claudio Corti kommen noch einmal in die Box. Im Gegensatz zum ersten Stopp fällt diese wesentlich kürzer aus. An den Maschinen wird nichts verändert. Die Fahrer besprechen sich kurz mit ihrer Crew.

Ein Mechaniker des Forward Racing Teams verpackt Teile des Motorrads im Team Truck
Ein Mechaniker des Forward Racing Teams verpackt Teile des Motorrads im Team Truck (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Präzises Arbeiten während und auch nach dem Training der MotoGP gehört für die Crew mit dazu.
Präzises Arbeiten während und auch nach dem Training der MotoGP gehört für die Crew mit dazu.
Jedes Teil eines Motorrads hat bei Forward Racing seinen Platz. So findet man alles schnell wieder.
Jedes Teil eines Motorrads hat bei Forward Racing seinen Platz. So findet man alles schnell wieder (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

14:42 Uhr. Acht Minuten vor Ende des FP2 gehen beide Fahrer noch einmal auf die Strecke. Zeit für viele Runden bleibt so kaum noch. Doch man will als Fahrer so viele Runden wie möglich nutzen, um Änderungen zu probieren und auch die Strategien zu testen, die man eben noch mit seiner Crew besprochen hat. Während die Fahrer auf der Strecke sind, zeichnet die Elektronik weiter jede Bewegung, jede Bremsung und jedes Ziehen am Gasgriff auf. Heutige MotoGP Maschinen sind ohne elektronische Hilfen eigentlich unfahrbar. Tex Geissler macht das in einem kleinen Beispiel greifbar. „Die Maschinen haben mittlerweile über 250 PS, wiegen dabei aber nur gut 160 kg. Ohne die Elektronik wäre vermutlich kein Fahrer glücklich beim fahren. Die Elektronik dient also auch dazu, die Maschinen beherrschbar zu machen. Klar kann man die Einstellung so wählen, dass es für den Fahrer ein Höchstmaß an Sicherheit durch die Elektronik gibt. Dann ist er aber langsam. Die Kunst ist es also, die Maschine schnell, fahrbar und sicher zu machen, so dass der Fahrer nicht beim ersten Gas geben vom Bike geworfen wird“.

 

Mit nur einem Tastendruck am linken Lenker können die Fahrer Einstellungen im Rennen verändern.
Mit nur einem Tastendruck am linken Lenker können die Fahrer Einstellungen im Rennen verändern.

Mit der Masse an Daten, die die Elektronik aufzeichnet, muss man aber auch erst einmal zurecht kommen. Aus einer Masse an Zahlen gilt es, die richtigen für sich zu finden. Im Gegensatz zur Formel 1 gibt es in der MotoGP jedoch keine drahtlose Übertragung der Daten. Sprich: Nur wenn die Maschine in der Garage steht, kann auf die Aufzeichnungen zugegriffen werden. Ein Mitverfolgen der Daten während einer Trainingssession ist somit nicht möglich. Allerdings geht das Auslesen der Daten schnell. Ein ganzes Rennen ist innerhalb von knapp zwei Minuten auf dem Rechner, ein paar Runden im Training brauchen etwa 20 Sekunden. Wer jedoch meint, dass durch das Auslesen der Daten alle Schwierigkeiten in null Komma nichts auf dem Rechner abzulesen sind, der irrt. Denn zuallererst wird der Fahrer angehört, wie er die Maschine auf der Strecke empfunden hat, erst dann werden Daten aus den Aufzeichnungen zur weiteren Analyse herangezogen.

 

14:50 Uhr. Die schwarz-weiße Flagge wird geschwenkt, die Trainingseinheit ist vorbei. Die Maschinen rollen zurück in die Box, es wird ruhig auf der Strecke. Wieder sitzen die Fahrer nun mit ihrer Crew zusammen, um die Einheit zu besprechen. Für den Zuschauer ist die Arbeit – scheinbar – erst einmal getan. Doch gerade jetzt herrscht in der Garage bei den Teams Hochkonjunktur. Sergio Verbena erzählt, was jetzt zu tun ist. „Die Maschine wird jetzt erst einmal vollständig gereinigt. Es geht hier aber weniger um ästhetische Gründe sondern mehr darum, dass es sich so leichter arbeiten lässt und mögliche Beschädigungen schneller entdeckt werden können. Dann macht man mit der Maschine eine kleine Inspektion. Die Räder werden abgenommen, Bolzen werden nachgezogen, Wasser und Öl gewechselt. Intensiv schaut man sich auch die Bremsscheiben an, denn kleinste Unebenheiten oder Fehler auf der Scheibe haben große Auswirkungen. Vieles wird überprüft, ausgebessert oder getauscht. Und dann geht es nach der Besprechung daran, die Maschine für das nächste Training zu präparieren“.

Eine MotoGP Maschine nach dem Training: Nur noch ein Gerippe.
Eine MotoGP Maschine nach dem Training: Nur noch ein Gerippe.
Ich schaue zusammen mit Pressesprecherin Laura Beretta dem team bei der Arbeit zu
Ich schaue zusammen mit Pressesprecherin Laura Beretta dem Team bei der Arbeit zu (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Bunte Kurven aus den Daten eines MotoGP Bikes.
Bunte Kurven aus den Daten eines MotoGP Bikes.

Für die Besprechung mit dem Fahrer ist jetzt mehr Zeit als während der vorherigen 45 Minuten. Das Gefühl des Fahrers mit seiner Maschine kann jetzt mit belastbarem Datenmaterial verglichen werden. Klagt ein Fahrer beispielsweise in einem bestimmten Streckenabschnitt über mangelnde Traktion, kann mit den vorhandenen Aufzeichnungen nach Ursachen geforscht werden. Dem Fahrer kann jede Bewegung, jeder Eingriff auf der Maschine gezeigt werden. Probleme, die bei der anschließenden Datenanalyse sichtbar werden, können so greifbar gemacht werden. Für den Fahrer ist es nun nachvollziehbar, was auf der Strecke los war. Genauso kann in diesem Moment ein Feintuning des elektronischen Setups vorgenommen werden, um die Maschine an die Wünsche des Fahrers anzupassen. Das Ziel ist, die Maschine in jeder Kurve, auf jeder Gerade so fahrbar wie möglich zu machen. Sprich: Optimale Beschleunigung aus Kurven, gute Traktion, perfektes Bremsgefühl.

 

Treffen mit Tex Geissler und Sergio Verbena vor dem Team Truck
Treffen mit Tex Geissler und Sergio Verbena vor dem Team Truck (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wie gut muss sich also ein MotoGP Fahrer auskennen um erklären zu können, was auf der Strecke mit seiner Maschine passiert? Sergio Verbena muss schmunzeln. „Also ich habe noch keinen Fahrer erlebt, der technisch so versiert war, um das alles fachlich erklären zu können. Sie können ihr Gefühl vermitteln aber nicht, warum das jetzt gerade passiert“. Und wer ist dann am Ende derjenige der über das Setup zum Rennen entscheidet? Für den Crew-Chief von Stefan Bradl hat immer der Fahrer das letzte Wort. Und Tex Geissler ergänzt in diesem Zusammenhang: „Das hängt auch immer vom Verhältnis der Techniker zum Fahrer ab. In jedem Team gibt es da auch unterschiedliche Herangehensweisen. Die Frage ist immer: Wieviel Vertrauen hat man zueinander. Der Crew-Chief hat oft viel Erfahrung und weiß, welche Richtung man einschlagen sollte. Es gibt aber natürlich auch die etwas sturen Fahrer die meinen, alles zu wissen“.

 

15:10 Uhr. Die Maschine von Claudio Corti – das Bike was sonst Stefan Bradl fährt – ist mittlerweile fast in seine Einzelteile zerlegt. Die Mechaniker arbeiten mit einer unheimlichen Ruhe und trotzdem sehr schnell. Fast hat man den Eindruck, in einem Operationssaal in einem Krankenhaus zu sein. Alles wirkt wohl geordnet, alles hat seinen Platz. Nichts liegt unnötig herum. Genauso wie in der Box, sieht es auch im Team Truck hinter der Garage aus. Hunderte von Schubladen und Boxen machen das Sortieren von Ersatzteilen und Utensilien leichter. Außerdem muss immer mit daran gedacht werden, die Teile möglichst gut zu verstauen, damit sie anschließend die Reise zur nächsten Rennstrecke unbeschadet überstehen. Platz muss effizient genutzt werden und so sieht man viele Mitglieder der Crew damit beschäftigt, Teile zu sortieren oder zu säubern.

 

Für diesen Tag sind die Trainings absolviert. Doch nach dem Training ist vor dem Training. Und so geht das Spiel am Samstag wieder von vorne los.

(Markus Kahl)

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