MotoGP Runde 10 - Indianapolis - Captain America

Captain America - Marc Marquez - rast vor Jorge Lorenzo ins Ziel bei der MotoGP in Indianapolis
Captain America - Marc Marquez - rast vor Jorge Lorenzo ins Ziel bei der MotoGP in Indianapolis (© HRC)

MotoGP ist wie Formel 1. Nur auf zwei Rädern. Und fast genauso langweilig. Zumindest in Indianapolis. Vielleicht ein bisschen. Nicht jedes Rennen kann ultraspektakulär verlaufen, nicht in jeder Kurve kann es Überholmanöver geben. Manchmal läuft es eben so, wie beim zehnten Lauf der MotoGP: Unspektakulär, mit einem Ende, das nicht wirklich überraschend war. Aber doch mit der Auflösung einer Frage, die zuvor niemand gestellt hatte. Während die MotoGP diesmal nicht das ganz große Spektakel im Rennen abliefern konnte, ging es dafür in den kleineren Klassen – Moto2 und vor allem der Moto3 – richtig zur Sache. Wie Petrus auf einmal zum wichtigsten Mann auf dem Grid wurde und so das Feld mächtig durcheinanderwirbelte jetzt in unserem Rückblick auf das Wochenende in Indianapolis.

MotoGP - Das Podium

Hallo Herr Rossi. Zum 14. Mal in Folge auf dem MotoGP Podest: Valentino Rossi
Hallo Herr Rossi. Zum 14. Mal in Folge auf dem MotoGP Podest: Valentino Rossi (©Movistar Yamaha MotoGP Team)

In Amerika ist vieles einfach eine ganze Spur größer. Die Straßen, die Autos und auch die Rennstrecken. Fast musste man ein wenig Angst haben, dass der MotoGP Tross sich in den großen Weiten der Anlage in Indianapolis verliert. Für viele Zuschauer an den TV-Schirmen sah es auch diesmal so aus, als ob nicht viele Zuschauer an der Strecke wären. Doch bei einem Fassungsvermögen von rund 300.000 Plätzen kann eine Zuschauerzahl von 80.000 Menschen schnell untergehen. Was die Besucher bei diesem Rennen geboten bekamen war ein enges Duell um die Plätze eins bis vier. Wie erwartet duellierten sich die Hondas und Yamahas auf der Strecke. Dabei hatte der drittplatzierte Valentino Rossi von allen vier Piloten die schlechteste Ausgangbasis, denn der Italiener ging vom achten Startplatz aus ins Rennen. Doch Rossi besitzt die unglaubliche Gabe, sich fast unbemerkt von Kameras und Konkurrenten auf der Strecke, selbst von vermeintlich schlechten Startplätzen, bis zur Spitze des Feldes vorarbeiten zu können. Insbesondere wenn ein Drittel der Distanz absolviert ist, scheint Rossi noch über einen zusätzlichen Turbo zu verfügen, den andere Konkurrenten nicht haben. Der Start von Rossi war gut, so gut, dass er schon in der ersten Runde auf Platz fünf vorgespült wurde. Ab Runde zwei arbeitete er sich als vierter Stück für Stück an den vor ihm fahrenden Dani Pedrosa ran, der genau auf diesem Startplatz ins Rennen gegangen war.

Die Honda Truppe hat Grund zum jubeln über den 700. Sieg in der MotoGP
Die Honda Truppe hat Grund zum jubeln über den 700. Sieg in der MotoGP (© Honda Racing Corporation)

Ab Runde neun – genau einem Drittel der Renndistanz – schmolz der Vorsprung von Pedrosa auf Rossi, Zehntel für Zehntel. Nur wenige Runden später war der Yamaha Pilot dran. Zwischen Platz drei und vier entwickelte sich in der Folge ein genauso enges Duell wie zwischen Rang eins und zwei. Während Pedrosa und Rossi im Verlaufe des Rennens immer wieder ihre Position wechselten – mit dem besseren Ende für Rossi – blieb das Duell Jorge Lorenzo gegen Marc Marquez an der Spitze einseitig. Bis drei Runden vor Schluss führte Lorenzo auf seiner Yamaha das Rennen an, jedoch zu keiner Zeit mit einem größeren Vorsprung als 0,5 Sekunden auf Marquez. Einige Beobachter hatten erwartet, dass die Hondas den Yamahas das Leben noch sehr viel schwerer machen könnten. Doch Marquez legte sich Lorenzo regelrecht zurecht und ließ drei Runden vor dem Ende den Hammer fallen als er am Yamaha Piloten vorbei zog. Lorenzo hatte in der Endphase nicht mehr genug Energie und dem Honda Mann somit nichts mehr entgegen zu setzen, rollte somit „nur“ als zweiter ins Ziel. Marc Marquez beantwortet die nicht gestellte Frage, indem er ab sofort den Titel „Captain America“ trägt, denn bei allen Starts in der MotoGP auf amerikanischem Boden fuhr er als Sieger von der Strecke. Besser kann die Bilanz nicht sein. Für Jorge Lorenzo bleibt zumindest der Trost, in der WM Wertung vier Punkte auf Valentino Rossi aufgeholt zu haben. Sein Rückstand beträgt jetzt nur noch neun Punkte.

MotoGP - Top

Stefan Bradl bei der MotoGP Pressekonferenz in Indianapolis
Stefan Bradl bei der MotoGP Pressekonferenz in Indianapolis (© Aprilia Racing Team Gresini)

Bei dieser Bewertung wird vielleicht manch einer mit den Augen rollen. Wie kann man einen Fahrer, der nur auf Platz 20 ins Ziel kommt, zum Top des Rennens machen? Aber für uns ist Stefan Bradl in Indianapolis der Top des Rennens. Nach einer wahren Horrorpause im Sommer ist Bradl für den Rest des Jahres 2015 bei Aprilia untergekommen. Nach der Kündigung beim bisherigen Team Forward Racing hing die weitere Karriere lange am seidenen Faden. Doch Bradl kann jetzt die Gunst der Stunde nutzen, um sich als Fahrer für 2016 zu empfehlen. Die erste Gelegenheit dazu hatte er in Indianapolis. Nach dem Wochenende muss man festhalten: Er hat die erste Chance genutzt. Mit einer für ihn völlig neuen Maschine fährt er in den Trainings die gleichen Zeiten (oder besser) als Teamkollege Alvaro Bautista, der schon das ganze Jahr mit dem Bike unterwegs ist. Im Rennen zu Beginn bis auf Platz 13 vorgefahren macht Bradl am Ende hin vor allem seine Verletzung an der Hand Probleme, die dann doch noch nicht zu 100 Prozent auskuriert scheint. Zur Erinnerung: In Assen hatte sich Bradl einen Kahnbeinbruch zugezogen. Trotzdem: Unter den Umständen ein mehr als tapferer Auftritt des einzigen Deutschen in der MotoGP.

MotoGP - Flop

Jack Miller in der MotoGP in Indianapolis
Jack Miller in der MotoGP in Indianapolis (© CWM LCR Honda)

Es war der einzige Ausfall des Rennens: Jack Miller vom LCR Honda Team. Ein Crash ohne Folgen – körperlich zumindest. Miller verliert die Kontrolle über die Maschine nach sieben Runden und kann das Rennen nicht beenden. Soweit so gut. Kein Problem. Kann jedem passieren, insbesondere dann, wenn man ein Rookie in der MotoGP ist. Bei Miller stellt sich das Ganze aber ein bisschen anders dar. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen, kam Miller nicht aus der Moto2, sondern direkt aus der Moto3 in die Königsklasse. Viele kritische Stimmen wurden laut die meinten, dass das keine gute Idee sei und stellten die Frage, ob Miller dabei nicht verheizt wird. Nach zehn Rennen sieht die Bilanz so aus: 50 Prozent der Rennen gab es keine Zielankunft. Wenn Miller ankam, dann zumeist in den Punkten. Es ist also ein zwiespältiger Blick auf die Saisonbilanz des jungen Australiers. Eines lässt sich jedoch festhalten: Der Aufstieg von der kleinsten zur größten Klasse gestaltet sich doch schwieriger als gedacht und Miller muss sehr viel Lehrgeld bezahlen. Eine Tatsache, die auch für den Kopf des Fahrers nicht unbedingt förderlich ist. Nach zehn Rennen muss man schon die Frage stellen dürfen, ob dieses Experiment mit dem schnellen Aufstieg wirklich gelungen ist oder ein weiteres Jahr in der Moto3 oder der Moto2 für seine Entwicklung nicht besser gewesen wäre.

Was sonst noch los war

Andrea Iannone in der Ducati Box
Es gibt viel zu besprechen in der Ducati Box (© Ducati)

  • Die Dursttrecke bei Ducat hält weiter an. Nach drei Ausfällen in den letzten vier Rennen kommt Andrea Dovizioso diesmal als neunter in Ziel – jedoch meilenweit von den eigenen Ansprüchen entfernt. Teamkollege Andrea Iannone wird immerhin fünfter, doch der Abstand zur Spitze wird von Rennen zu Rennen größer als kleiner. Irgendwie entwickelt sich Ducati derzeit in die falsche Richtung.



  • Auch bei Suzuki läuft es derzeit nicht mehr rund. Seit dem GP von Barcelona geht es mit den Ergebnissen stetig zurück. In Assen belegte man die Ränge neun und zehn, am Sachsenring die Plätze zehn und elf und jetzt langte es sogar nur zu den Plätzen elf und 14.
Maverick Vinales und Aleix Espargaro in der MotoGP in Indianapolis
Maverick Vinales und Aleix Espargaro in der MotoGP in Indianapolis (© Suzuki Racing)

Hector Barbera in der MotoGP in Indianapolis
Bester Open Pilot: Hector Barbera (© Dorna)

  • Bester Open Pilot war wieder einmal Hector Barbera, der als 15er einen Punkt einsammelte und so seine Führung in der Open Wertung auf jetzt 20 Punkte ausbauen konnte. Die anderen Piloten der Open Klasse blieben allesamt punktelos.
  • Die schnellsten Maschinen im Feld waren auch diesmal die beiden Ducati, die mit 343,7 km/h bzw. 343,4 km/h die Geschwindigkeitstabelle anführen.

Die Moto2

Alex Rins freut sich mit seinem Team über den ersten Sieg in der Moto2
Alex Rins freut sich mit seinem Team über den ersten Sieg in der Moto2 (© Paginas Amarillas HP 40 Team)

Es war noch ein bisschen Lotterie. Aber nicht mehr viel. Etwas feucht war die Strecke an einigen Stellen noch, als das Feld der Moto2 sich auf die Reise begab. Als Regenrennen deklariert trocknete die Strecke jedoch sehr schnell ab. Und so waren manche Piloten, die zu Beginn das Feld an der Spitze noch kräftig aufmischten, dann auch schnell wieder im Mittelfeld verschwunden. Einer dieser Kandidaten: Hafizh Syahrin. Bis knapp zur Hälfte des Rennens mischte der Malaye unter den Top fünf mit, doch dann ging es Runde für Runde weiter nach hinten im Feld, bis er sogar in der letzten Runde nach einem Sturz ausschied. Syahrin war nur ein Beispiel für ein bunt zusammengemixtes Feld an Fahrern, die von der ersten bis zur letzten Runde aufopferungsvoll um den Sieg kämpften. Bis weit über die Hälfte des Rennens lagen gut 13 Fahrer innerhalb von vier Sekunden. Erst in den letzten Runden kristallisierte sich ein kleineres Feld von Fahrern heraus, die den Sieg unter sich ausmachten. Aber selbst in der letzten Runde bei der Fahrt über die Ziellinie lagen die ersten sechs noch innerhalb von 3,5 Sekunden. Unglaublich eng, unglaublich spannend mit einem Podium, dass es in dieser Form 2015 noch nicht gegeben hat. Alex Rins gewinnt das Rennen von der Pole Position aus – sein erster Sieg überhaupt in der Moto2. Johann Zarco landet auf Platz zwei – er baut seine WM Führung damit weiter aus. Auf Platz drei landet Franco Morbidelli – der Italiener besteigt ebenfalls zum ersten Mal in seiner Karriere ein Podium in der Moto2.

 

Mehr Schatten als Licht bei den Deutschen Startern. Jonas Folger war aussichtsreich von Platz fünf losgefahren, erreichte aber nur als zwölfter das Ziel. Marcel Schrötter holt auf Rang 14 zwei Punkte für sich und sein Team. Florian Alt überquert als 19er und letzter die Ziellinie, während Sandro Cortese diese nach einem Sturz in Runde zehn diese gar nicht mehr sieht. Er wurde zuvor von der Strecke geschubst.

Die Moto3

Das Podium der Moto3 in Indianapolis: John McPhee, Livio Loi, Philipp Oettl
Das Podium der Moto3 in Indianapolis: John McPhee, Livio Loi, Philipp Oettl (© Dorna)

Ohne zu übertreiben: Dieses Rennen wird in die Geschichte der Moto3 eingehen. Wann hat man so ein durcheinander und so überraschende Podestbesucher schon einmal erlebt. Das Rennen wird als Regenrennen deklariert. Doch der Regen ist nicht stark. Weiterer Regen ist zwar angekündigt, doch er kommt im Laufe des Rennens dann doch nicht – oder zumindest nicht so stark, wie befürchtet. Der größte Teil des Feldes fährt also mit Regenreifen los, doch schon in den ersten Runden merken die Fahrer, dass sie mit diesem Reifen nicht sehr weit kommen werden. Die Folge sind regelrecht tumultartige Szenen auf der Strecke und vor allem in der Box. Die Fahrer fahren rein um auf Slicks zu wechseln. Doch im Gegensatz zur MotoGP steht dafür keine zweite Maschine bereit, sondern die laufende Maschine muss umgebaut werden. Sprich: Reifen müssen gewechselt werden und das Setup von Nass auf trocken umgestellt. Bei manchen Teams wirkt dieser unfreiwillige Boxenstopp arg chaotisch. Jedenfalls funktioniert es nicht annähernd so organisiert, wie beispielsweise ein Reifenwechsel in der Formel 1. Zugegeben: Wann passiert das auch schon mal. Aber etwas irritierend anzusehen war es schon.

 

Diese Reifenwechsellotterie wirbelt das ganze Feld komplett durcheinander. Danny Kent – der Polesetter – fährt plötzlich auf dem vorletzten Platz. Genauso geht es vielen anderen Fahrern wie Miguel Oliveira oder auch Enea Bastianini. Sie finden sich, im Gegensatz zu den bisherigen Rennen, ganz hinten im Klassement wieder. Nur drei Fahrer gehen auf volles Risiko: Livio Loi, John McPhee und Philipp Oettl. Loi ist der einzige Fahrer, der schon in der Startaufstellung auf Slicks unterwegs ist. McPhee und Oettl wechseln nach der Aufwärmrunde ihre Reifen noch auf Slicks und müssen somit aus der Boxengasse starten. Doch dieses vermeintliche Handikap entwickelt sich schnell zum dicken Vorteil. Während der Rest des Feldes merkt, dass vernünftige Rundenzeiten auf der abtrocknenden Strecke mit Regenreifen nicht möglich sind, fahren die drei genannten Piloten regelrecht Kreise um den Rest des Feldes. Außer Loi, McPhee und Oettl müssen alle Fahrer in die Box und verlieren so wertvolle Zeit. Oettl schafft es beispielsweise, innerhalb von sechs Runden vom letzten auf den dritten Platz vorzufahren. Und so werden die Pokale an diese drei Fahrer überreicht, die zuvor noch nie auf einem Podiumsplatz gelandet waren. Livio Loi gewinnt vor John McPhee und Philipp Oettl. WM Leader Danny Kent landet auf Rang 21 und verliert zehn Punkte im Kampf um die WM gegen Enea Bastianini, der als sechster das Rennen beendet.

 

(Markus Kahl)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0