"Es geht darum, zu gewinnen"

MotoSports24 trifft Scott Redding beim MotoGP Rennen am Sachsenring
MotoSports24 trifft Scott Redding beim MotoGP Rennen am Sachsenring (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Der David Beckham der MotoGP, der neben dem Motorrad fahren auch noch Zeit für einen Triathlon findet. Scott Redding hat viele Facetten. Im Jahr 2015 fährt er für das Estrella Galicia 0,0 Marc VdS Team in der MotoGP. Seine Ergebnisse stellen ihn nicht zufrieden, doch sein Ziel ist und bleibt in jedem Rennen das Gewinnen. Im Gespräch mit MotoSports24 spricht Redding über Motivation, Trainingsunlust, Popularität und das Geheimnis, dass hinter seinen Tattoos steckt.

MotoSports24: Hier und da war zu lesen, Scott Redding wäre so etwas wie der David Beckham der MotoGP. Ist so eine Aussage für Dich Ansporn und Motivation, vielleicht selbst zu einer Ikone im Motorradrennsport zu werden, so wie es Beckham im Fußball geschafft hat?

 

Scott Redding: Also um ehrlich zu sein, bist du in diesem Sport immer so etwas wie eine Ikone. Sicher nicht für jeden, aber für irgendjemanden. Klar ist es schön für jemanden ein Vorbild zu sein, der so wie du sein will oder dir nacheifert. Man muss sehr empfindsam mit dem sein was man hier macht. Die MotoGP hat sehr viele Anhänger, da ist so ein Blick und Verhalten normal. Es ist gut wenn Leute Respekt für das haben, was du machst und die so sein wollen wie du. Daher ist das mit Beckham ein gutes Beispiel.

 

Könnte es für dich eine Motivation sein, als bester britischer MotoGP Fahrer in die Geschichtsbücher einzugehen oder denkst du über so etwas nicht nach?

 

Das wäre schon schön. Es hat ja vor zwei Jahren fast geklappt, als ich in der Moto2 beinahe den Titel eingefahren habe und somit zum ersten britischen Weltmeister seit Barry Sheen geworden wäre. Als jüngster britischer Pilot, der ein Rennen gewinnt, habe ich es ja schon in die Bücher geschafft, da wäre es natürlich auch cool als Weltmeister dort drin zu stehen.

 

Aber es könnte schwierig werden, denn Danny Kent könnte dir diesen Titel in diesem Jahr in der Moto3 diesen Titel vor der Nase wegschnappen.

 

Stimmt, das könnte schwierig werden. Die Weltmeisterschaft zu gewinnen ist die eine Sache, aber Weltmeister in der MotoGP zu werden hat natürlich noch einmal ein ganz anderes Niveau, einen ganz anderer Status.

Volle Schräglage: Scott Redding in der MotoGP am Sachsenring
Volle Schräglage: Scott Redding in der MotoGP am Sachsenring (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Hier in Deutschland herrscht genau einmal im Jahr Ausnahmezustand wenn es um die MotoGP geht, nämlich hier am Sachsenring. Ansonsten ist das Interesse mit einer Massensportart wie Fußball nicht vergleichbar. Wie groß ist die Begeisterung in Großbritannien für die MotoGP? Man sieht hier im Paddock schließlich eine Menge Briten herumlaufen.

 

Also die Begeisterung in Großbritannien ist jetzt nicht wirklich spektakulär groß. Es schauen sich jetzt nicht so viele Leute an. Es gibt schon einige Fans aber nicht diese Masse, wie man sie beim Fußball, Rugby, Cricket oder der Formel 1 sieht. Wenn man da in die Runde Fragen würde: Kennst du Andrea Dovizioso würden viele mit den Schultern zucken. Wenn du nach Valentino Rossi fragst, den kennen sicher ein paar mehr Leute. Es ist einfach bei mir zu Hause nicht der populärste Sport. Wenn ich nach Hause komme, nimmt mich dort eigentlich niemand wahr. Wenn ich nach Spanien komme merkst du sofort, wie viele Leute dich dort erkennen – auch wenn du kein Spanier bist.

 

Somit ist es für dich eigentlich besser in Großbritannien zu leben, damit du deine Ruhe hast.

 

Stimmt, aber das Wetter dort ist eben meist ziemlich besch…eiden.

 

Und du hast dir die falsche Sportart ausgesucht um in Großbritannien richtig populär zu werden…

 

Also um ehrlich zu sein, suchst du dir deinen Sport nicht danach aus, um besonders populär oder bekannt zu werden. Für mich sind das eher schwache Persönlichkeiten die ihren Sport nur danach aussuchen, um berühmt zu werden. Ich hab mir meinen Sport nicht direkt ausgesucht sondern bin da einfach reingewachsen. Es geht für mich im Sport immer darum, zu gewinnen, nicht um den Ruhm und das ganze Geld. Wenn man gewinnt, geht man zufrieden nach Hause. Ich mache beispielsweise Triathlon und diese Sachen und da will ich gewinnen. Ich trainiere, weil ich gewinnen will. Ich kann mich nicht damit abfinden zu sagen: Hey, heute nur Platz 16, das ist wirklich fantastisch. In mir ist einfach immer drin: Ich will gewinnen. Und das kann man nicht einfach ausschalten.

Seit 2015 wieder bei Marc vdS in der MotoGP: Scott Redding
Seit 2015 wieder bei Marc vdS in der MotoGP: Scott Redding (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Was war deine Motivation um eine Karriere im Motorradrennsport zu beginnen?

 

Ich habe so mit vier Jahren angefangen, wenn ich mich richtig erinnere. Ich war gut beim Motorradfahren und so hat sich dann einfach alles entwickelt. Ich wurde in Rennen geschickt, man fuhr jedes Wochenende, hat trainiert. Und ich war eben gut, gut auch in meiner Altersklasse. So kommt dann eins zum anderen.

 

Nun, es haben ja viele große Sportler ihre Karriere in sehr jungen Jahren begonnen.

 

Ich habe letztens gelesen: Um richtig gut zu sein musst du 10.000 Stunden diese eine Sache gemacht haben. Und wenn man zurückblickt: Drei Stunden am Tag – da ist es bis zu diesen 10.000 Stunden nicht sehr weit hin.

 

Hast du auch ein Talent oder auch eine Motivation für andere Sportarten?

 

Also die Motivation für Tennis, Fischen oder Golf spielen fehlt mir völlig, Rennen fahren steht da an erster Stelle. Für mich muss es etwas wie Down-Hill, Motorcross, Triathlon und eben Rennen fahren sein. Etwas mit Geschwindigkeit und Rädern die sich drehen. Alles, was nicht weit vom Motorrennen entfernt ist.

 

Und wie sieht es mit Fußball aus?

 

Das ist gar nicht mein Ding. Um ehrlich zu sein: Die Jungs verdienen da so viel Geld und leisten dafür - meiner Meinung nach - im Verhältnis nicht so viel. Natürlich sind sie talentiert, aber wie ich schon sagte: Auch hier gilt die 10.000 Stunden Regel, dann hast du ein hohes Niveau. Klar, viele haben auch etwas in die Wiege gelegt oder den Weg geebnet  bekommen. Aber durch die Förderung mit Geld bekommen sie jetzt noch viel mehr davon und es wird mehr, ohne das sie noch groß etwas dafür tun müssen.

Schatten liegen über der MotoGP Saison von Scott Redding
Schatten liegen über der MotoGP Saison von Scott Redding (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wenn wir schon gerade über andere Sportarten sprechen. Vor gar nicht allzu langer Zeit hast du trainiert, um an einem Triathlon teilzunehmen. Was war die Motivation das zu tun? Und neugierig gefragt: Hat das geklappt, hattest du Spaß?

 

Ich habe ein paar langjährige Freunde, die das aus Spaß machen und die sagten, komm, mach doch mit. Und ich dachte mir, das könnte doch ganz witzig sein. Tja, und dann habe ich meinen ersten Triathlon gemacht und ich muss sagen, das hat sehr viel Freude gemacht. Da waren ganz „normale“ Leute mit dabei die einfach täglich ihrem Job nachgehen und da Spaß dran hatten – das fand ich sehr angenehm. Man gehört dann einfach mit dazu und das hat mir gefallen. Du kannst meine Freunde fragen, die einen klassischen „nine to five Job“ haben. Wir haben uns unterhalten und uns befragt: Wie bereitest du dich vor? Wir sind zusammen schwimmen gegangen und wir können dies und das zusammen vorbereiten. Was sollen wir essen usw. Man ist sehr leicht mittendrin.  Hier in der MotoGP ist es – um das als Vergleich zu nehmen – einfach völlig anders. Du hast hier viele Leute um dich herum, viel Druck. Jeder will etwas von dir. Bei der Triathlon Geschichte konnte ich einfach ich selbst sein und Spaß daran haben, sich dem Wettbewerb zu stellen.

 

Hat dir der Triathlon auch für deinen Job in der MotoGP geholfen?

 

Also für das Training war es sehr gut. Man muss einfach unfassbar fit dafür sein. Es ist wirklich verrückt, wie gut man da drauf sein muss. Man muss hier für die MotoGP auch gut trainiert sein. Aber wenn man seinen Plan hat, läuft es. Aber beim Triathlon führt  jede Kleinigkeit zu großen Veränderungen. Wenn du dich richtig gut ernährst zum Beispiel, bringt dir das im Wettbewerb gleich ein Plus von zehn Prozent. Also mir hat es einfach auch etwas den Stress vom Rennalltag genommen.

Immer für einen Spaß zu haben: Scott Redding in der Startaufstellung der MotoGP in Barcelona
Immer für einen Spaß zu haben: Scott Redding in der Startaufstellung der MotoGP in Barcelona (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Den berühmten „nine to five Job“ hast du eben schon mal angesprochen, den auch ich beispielsweise habe. Man sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch. Die Motivation, morgens aufzustehen und ins Büro zu fahren, ist nicht jeden Tag wirklich hoch. Ich denke, auch du wirst Tage haben, wo dir dein Bett morgens zuflüstert: Bleib doch noch ein bisschen liegen. Was ist also dein Geheimnis um die Motivation zu finden, jeden Tag sein Trainingspensum durchzuziehen?

 

Also, man hat ja keine Wahl. Doch natürlich hat man eine Wahl, aber du bist der Einzige, der dabei verliert. Wenn du also nicht trainieren gehst bist du der Einzige, der auf dem Motorrad leidet. Als ich noch jünger war dachte ich oft, ach lass mir doch die Ruhe mit dem Training. Auf dem Motorrad kam dann natürlich schnell der Gedanke: Warum habe ich nicht mehr gemacht. Aber man lernt von diesen Situationen. Heute macht mir es sogar Freude. Das Training für den Triathlon ist dafür ein gutes Beispiel, denn ich kann mein persönliches Programm durchziehen, was mir auch auf dem MotoGP Bike hilft. Ich treffe mich also mit Freunden und wir fahren mit dem Rad noch 60 Kilometer. Ich sage einfach OK, das machen wir heute Abend und ich habe dabei sogar noch Spaß.

 

Ich denke, die richtige Motivation für eine Sache zu finden ist wesentlich größer, wenn man Erfolg hat. Ich habe den Eindruck, deine Vorstellungen für die 2015er Saison war eine andere, vor allem mit besseren Ergebnissen, oder?

 

Es ist schwierig. Dieses Jahr ist es wirklich schwierig. Ich habe mehr erwartet, das Team hat mehr erwartet. Aber die Resultate sind momentan nicht da. Wir versuchen jedes Mal, wenn ich auf der Maschine sitze, uns zu verbessern. Es ist ja nicht so, dass ich da raus gehe und sage, ich habe einfach mal ein bisschen Spaß. Es ist ja immer mein Ziel zu gewinnen und wenn das nicht funktioniert wird es schwierig. Man gibt alles was man zur Verfügung hat – genauso wie die Jungs die am Ende auf dem Podium stehen – doch du bekommst für deinen Einsatz nichts zurück. Klar ist das frustrierend, aber man muss einfach in einem längeren Zeitraum denken. Irgendwann werde ich die Früchte der Arbeit ernten können.

Scott Redding auf seiner Honda in der MotoGP in Mugello
Scott Redding auf seiner Honda in der MotoGP in Mugello (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Du hast einmal gesagt, du hättest nicht die Vorteile eines Marc Marquez gehabt. Ist es demotivierend zu sehen, wie andere Fahrer scheinbar bessere Chancen durch besseres Material zur Verfügung haben, vielleicht auch mehr Geld durch Förderung erhalten? Oder ist dir das egal und du sagst, jetzt erst recht?

 

Also, das macht mich eigentlich nicht verrückt. Denn man muss ja einfach auch sagen, dass es eine Menge Leute gibt, die deutlich schlechter dran sind als ich. Ich bin einfach glücklich, diesen Job ausüben zu können. Aber auf der anderen Seite, wenn du jemanden siehst, der die ganze Zeit auf einer Werksmaschine sitzt, ein ganzes Team um sich herum hat, Regeln für ihn geändert werden, ist das schon nicht immer so einfach. Klar ist es nicht so schön mit einem Satelittenbike gegen die Werksmaschinen zu kämpfen, mit den ganzen Höhen und Tiefen die dazu gehören und andere dann die Weltmeisterschaften gewinnen zu sehen. Aber sie fahren auch nur eine Maschine und fahren auch „nur“ ihre Ergebnisse ein. Ganz ehrlich: Es ist eben auch nicht das Ende der Welt.

 

Viele Menschen sind hier und da schon die ganzen Tattoos auf deinem Körper aufgefallen. Was war für dich die Motivation dir so etwas stechen zu lassen und kannst du uns kurz erzählen, was sie für dich bedeuten?

 

Ich habe mein erstes Tattoo 2010 bekommen. Es war mein erstes Moto2 Jahr, in das ich mit nichts gestartet bin. So bin ich damals in die Tests gegangen. In dieser Zeit sind meine Großeltern innerhalb eines Monats gestorben. Ich dachte nur: Verdammt, alles ist für dich vorbei. Als ich aufgewachsen bin, war meine Großmutter wie eine Mutter für mich. Ich habe viel bei ihr gelebt, da mein Vater eine Menge gearbeitet hat, um auch das Geld für meine Rennen zu verdienen. Plötzlich waren sie also weg und so habe ich mehr oder weniger alleine gelebt - mit 16 Jahren. Ich habe in dieser Zeit versucht, alles richtig zu machen. Das war also der Grund für das erste Tattoo.

 

Heute denke ich immer wieder über vieles nach und dann kommen plötzlich Gedanken und Ideen, die mich zu einem neuen Tattoo inspirieren. Eines auf der Schulter ist eine Blume und ein Kettenrad. Was ich damit ausdrücken will ist, dass wir MotoGP Fahrer zwar anders sind als „normale“ Leute, aber genauso auch ein Herz und Gefühle haben. Es gibt eine Menge Leute, die über einen sagen, dass man ein Nichts wäre. Als ob man kein Gefühl hätte. Aber das ist nicht so. Denn am Ende sind wir wie jeder andere auch. Für mich sind diese Tattoos ein Ausdruck dafür, stark zu bleiben und ich versuche mich damit immer daran zu erinnern.

 

Danke für das Gespräch, Scott.

 

(Das Gespräch führte Markus Kahl

Fotos by Ronny Lekl, www.gp-photo.de)

Scott Redding
(© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
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(© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
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