MotoGP Runde 11 - Brünn - War das die Wende?

Gespannte Erwartungen am Start: Valentino Rossi, Marc Marquez und Jorge Lorenzo vor dem Start der MotoGP in Brünn
Gespannte Erwartungen am Start: Valentino Rossi, Marc Marquez und Jorge Lorenzo vor dem Start der MotoGP in Brünn (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Könnt ihr Euch noch daran erinnern als ihr als Kinder auf die Bescherung an Heiligabend gewartet habt? Mir ging es jedenfalls so, dass der Tag einfach nicht vorbei gehen wollte bis man endlich vor dem Baum stehen durfte. Jedes Fernsehprogramm war zu kurz, spielen wollte man auch nichts mehr und die Stunden vergingen wie Jahre. Man hatte ja auch nicht wirklich mehr was zu tun. Der Tag zog sich wie Kaugummi. Und wie war es für die Eltern? Weihnachtsbaum schmücken, Essen vorbereiten, vielleicht noch die letzten Geschenke verpacken, Großeltern abholen, Tisch decken, zwischendurch das Kind noch etwas beschäftigen. Vier Stunden fühlten sich an wie zehn Minuten, man schaffte (fast) gar nicht alles. Jedenfalls waren die Eltern froh, als die Familie dann irgendwann zufrieden um den Weihnachtsbaum saß und man als Kind dann endlich die ersehnten Geschenke auspacken durfte.

 

Was das jetzt mit MotoGP zu tun hat? Ich denke bei dieser kleinen Geschichte hier sieht man einfach, wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann. In vielen Kommentaren war zum Rennen in Brünn zu lesen: Langweilig, unspektakulär, nichts passiert. Gähn. Stimmt. Das Rennen war für den Betrachter sicher kein Leckerbissen an Höhepunkten. Die ganz großen und spektakulären Zweikämpfe fehlten, relativ bald war klar, dass es an der Spitze ein einsames Rennen geben würde. Doch wie würde das Rennen von einem Fahrer beurteilt, der ganz vorne um den Sieg mitfährt? Vermutlich dürfte zum Ende hin der Fokus auf die Ohren und den Popometer gehen. Klingt die Maschine sauber? Gibt es unnatürliche Geräusche? Fühlen sich die Reifen noch gut an? Für den Fahrer dürfte es in diesem Moment alles andere als langweilig sein. Er wünscht sich nur ein schnelles Ende des Rennens und versucht, die Konzentration hoch zu halten, wenn er sich nur auf sich selbst konzentrieren muss. So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein. Das Rennen in Brünn, jetzt in unserer Zusammenfassung.


MotoGP - Das Podium

Wer ist hier der Boss? Jorge Lorenzo feiert seinen MotoGP Sieg in Brünn
Wer ist hier der Boss? Jorge Lorenzo feiert seinen MotoGP Sieg in Brünn (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

Die Geschichte dieses Rennens ist schnell erzählt. Ein üblicher Blitzstart von Jorge Lorenzo, der sich ab den ersten Metern an die Spitze des Felds setzt und diese Führung bis in die letzte Runde behält. Für Lorenzo ein ziemlich entspannter Sieg, wie er auch selbst hinterher zugeben muss. „Ich braucht am Schluss nicht mehr allzu viel Druck machen. Also kein perfektes Rennen, denn ich hätte zum Schluss auch noch schneller fahren können. Ich hatte einen Vorsprung der nicht groß genug war um richtig entspannt zu sein, aber groß genug, um nicht alles riskieren zu müssen. Am Anfang des Rennens habe ich so viel Druck gemacht wie möglich um von Marc wegzukommen, der mich viele Runden verfolgte. Zum Glück wurde das Bremsen für mich nach ein paar Runden mit leererem Tank leichter, so dass ich besser in die Kurven kam. Ich konnte zwar nur Zehntel für Zehntel herausfahren, doch nach einer Sekunde Vorsprung war es möglich weg zu kommen und so den Sieg nach Hause fahren“.

 

Marc Marquez heftet sich zu Beginn des Rennens direkt an das Hinterrad von Lorenzo. Über einige Runden sieht es danach aus, als ob er sogar schneller fahren könnte als der Yamaha Pilot. Doch bereits ab Runde sieben Muss Marquez abreißen lassen. Zehntel für Zehntel wird der Rückstand auf Lorenzo größer. Auf der Ziellinie sind es über vier Sekunden – eine gefühlte Ewigkeit in der MotoGP. Marquez erklärt es wie folgt: „Jorge hat heute ein tolles Rennen abgeliefert. Wir wussten, dass wir nicht zu weit von ihm weg sind, aber wir waren einfach nicht nah genug dran. Wir haben versucht an ihm dran zu bleiben, vor allem zu Beginn des Rennens. Aber nach sechs, sieben Runden habe ich Leistung verloren und so konnte er seine Runden drehen. Unser Ziel war es, eine Lücke zu Valentino und dem Rest zum Rennbeginn herauszufahren. Das ist uns gelungen und so ist dieser zweite Platz prima“.

Die volle Schräglage reicht diesmal zu Rang drei. Valentino Rossi
Die volle Schräglage reicht diesmal zu Rang drei. Valentino Rossi (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Der drittplatzierte Valentino Rossi macht es ebenfalls kurz und schmerzlos. Über weite Strecken hatte Rossi im Training Probleme, mit seinen Zeiten ganz nah an die Spitze zu gelangen. Doch der Italiener ist nicht als Trainingsspezialist bekannt. Umso überraschender tauchte er in der Startaufstellung in der ersten Starreihe auf. Rossi startet gut, duelliert sich einige Kurven mit Andrea Dovizioso und geht bereits in der zweiten Runde endgültig am Ducati Piloten vorbei. Zu diesem Zeitpunkt hat Rossi auf die vor ihm liegenden Marquez und Lorenzo bereits über zwei Sekunden Rückstand. Doch entgegen der sonstigen Rennen kann Rossi diesmal den Rückstand nicht verkürzen. Vielmehr wächst und wächst der Abstand auf über sechs Sekunden auf Marquez und über zehn Sekunden auf Lorenzo im Ziel an.

 

Eine am Ende sehr gleichbleibende und konstante Fahrt auf den Plätzen eins, zwei und drei. Eine Fahrt um Punkte und Platzierungen, bei der der eine dem anderen nicht die Butter vom Brot nehmen kann.


MotoGP - Top

Hat allen Grund zu feiern. Sieg und WM Führung für Jorge Lorenzo
Hat allen Grund zu feiern. Sieg und WM Führung für Jorge Lorenzo (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

Der Sieger des Rennens ist auch heute unser Top des Wochenendes. Und das aus gleich zwei Gründen. Erstens: Die Wochenendperformance. In allen Training Sessions lag Jorge Lorenzo in den Zeiten auf Platz eins, nur im zweiten freien Training einmal mit 0,076 Sekunden Rückstand auf Platz zwei. Brünn war Lorenzos Wochenende. Das war an allen Ecken und Enden zu spüren. Man hört von seinem Team, dass sie schon donnerstags beim Blick in die Augen sehen könnten, was an diesem Wochenende beim Spanier möglich ist. An diesem Wochenende war wohl zu sehen: Das geht eine Menge. Lorenzo dominant und fehlerfrei und somit der verdiente Sieger. Was uns auch gleich zu zweitens führt. Denn der Yamaha Pilot hat durch seinen Sieg in Brünn auch die WM Führung übernommen. Zwar ist er punktgleich mit Teamkollege Valentino Rossi, doch er liegt mit 5:3 Rennsiegen vorne und führt so die WM Tabelle an. Ist das also die Wende im Kampf um die Weltmeisterschaft? Vielleicht. Die Antwort werden wir spätestens in Valencia erhalten.


MotoGP - Flop

Cal Crutchlow auf seiner Honda in der MotoGP in Brünn
Cal Crutchlow auf seiner Honda in der MotoGP in Brünn (© LCR Honda)

Ich nenne ihn augenzwinkernd immer „Grumpy Cal“. Den mürrischen Cal. Er schaut immer ziemlich grimmig drein, Cal Crutchlow. Für seinen teils derben Humor ist er bekannt, doch das letzte Lachen ist ihm an diesem Wochenende wohl endgültig vergangen. Er ist einer der Wechselkönige der letzten Jahre. Nach erfolgreicher Zeit bei Tech3 wollte er unbedingt auf eine Werksmaschine. Bei Ducati kam er aber gar nicht zurecht und so flüchtete Crutchlow ein bisschen Hals über Kopf zu LCR Honda. Jetzt hört man die Stimmen, das es möglicherweise auch hier nur zu einem Jahresaufenthalt reichen könnte. Warten wir es ab. Was wir heute aber schon wissen: Brünn ist ein negativer Höhepunkt in der Saison 2015. Mit hohen Ambitionen war Crutchlow gestartet, wollte an alte Erfolge anknüpfen. Ein dritter Platz im dritten Rennen war verheißungsvoll. Doch ab dann blieben die Top Ergebnisse aus. Nach dem vierten Rang in Barcelona setzte es drei Ausfälle in Folge. Nach einem sechsten, siebten und achten Rang jetzt nun der vierte „Nuller“ 2015. Zu viel für einen Fahrer mit seinen Ansprüchen. Punktemäßig kaum besser als Stefan Bradl 2014 ist die Saison 2015 eine ziemlich unbefriedigende für Crutchlow. Ob er sich noch steigern kann und wieder in die Spur findet? Wir werden sehen. Genauso wohin sein Weg 2016 führen wird.


Was sonst noch los war

Stefan Bradl und Aprilia. Das könnte – wenn man sich die Zusammenarbeit nach zwei Rennen anschaut – eine echte Liebesbeziehung werden. Jedenfalls wirkt Bradl nach seinem Blitzwechsel in der Sommerpause bei Aprilia wie ausgewechselt. Motiviert bis in die Haarspitzen fährt er Runde um Runde besser mit seiner Maschine. Den Teamkollegen Alvaro Bautista hat er schon (fast) im Griff, dem Team gibt er gutes Feedback. Fast scheint es, als erlebt man einen „neuen“ Bradl, der richtig Lust hat und dies auch in seiner kompletten Körpersprache zeigt. Er kämpft darum, den Platz auch 2016 zu bekommen – die Chancen stehen dabei vielleicht gar nicht mal so schlecht. Und er kämpft auf der Strecke und wird in Brünn mit seinen ersten beiden WM Punkten für Aprilia belohnt.

Intensive Arbeit in der Aprilia Box: Stefan Bradl und sein Team
Intensive Arbeit in der Aprilia Box: Stefan Bradl und sein Team (© Aprilia Racing Team Gresini)


In Brünn ohne Punkte: Maverick Vinales
In Brünn ohne Punkte: Maverick Vinales (© Suzuki Ecstar Racing Team)

Mr. Zuverlässig patzt. Das gab es in der Saison 2015 noch nicht. Maverick Vinales lieferte auf seiner Suzuki bislang eine blitzsaubere Bilanz ab. Keine Stürze, keine Ausfälle, immer WM Punkte gesammelt. In jedem der zehn bisherigen Rennen lief das so, doch diesmal hat es auch ihn erwischt. Ein Vorderradrutscher und schon war das Rennen für Vinales vorzeitig beendet. Der 20jährige Spanier wird es verschmerzen können, hat er doch bisher eine nahezu fehlerlose Saison abgeliefert.



Wieder da. Nach dem Sommerpausentheater um den Teamchef und dem daraus folgenden Fehlen in Indianapolis, ist das Forward Racing Team in Brünn wieder am Start. Stefan Bradl wurde jetzt dauerhaft von Claudio Corti ersetzt und Loris Baz fährt mit einer starken Leistung als bester Open Pilot einen WM Punkt auf Platz 15 ein. Drücken wir dem Team die Daumen, dass sie zumindest die Saison 2015 anständig beenden können. 2016 scheint derzeit noch weit weg. Hier wird noch einiges an Organisationstalent vonnöten sein, um auch im nächsten Jahr wieder mit dabei zu sein.

Loris Baz auf seiner Forward: Bester Open Pilot in Brünn
Loris Baz auf seiner Forward: Bester Open Pilot in Brünn (© Forward Racing)


Die Moto2

Ein Ergebnis zum davonlaufen? Nein. Jonas Folger als bester Deutscher Pilot der Moto2 in Brünn auf Platz sechs.
Ein Ergebnis zum davonlaufen? Nein. Jonas Folger als bester Deutscher Pilot der Moto2 in Brünn auf Platz sechs (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Er ist derzeit der unangefochtene König der Moto2: WM-Leader Johann Zarco. Auch in Brünn kam niemand am dominanten Franzosen vorbei. Genau eine Runde dauerte es, bis Zarco die Führung im Rennen übernehmen konnte und sie bis zum Ende nicht mehr hergab. Durchaus unterhaltsam ging es am Anfang im Verfolgerfeld zu. Tito Rabat konnte schon in der dritten Runde die Verfolgerposition hinter Zarco einnehmen. Wie festgenagelt pendelte sich sein Rückstand hinter Zarco um eine Sekunde ein. 1,4 Sekunden waren es im Ziel. Doch nie kam Rabat dem Franzosen so nah, wie er es gerne gehabt hätte. Vielmehr musste er gegen Ende des Rennens immer wieder einen Blick in den Rückspiegel werfen, ob Alex Rins zum Überholmanöver ansetzen könnte. Knappe 0,3 Sekunden Rückstand hatte Rins auf Rabat im Ziel. Dritter wurde der Spanier. Noch eins, zwei Runden mehr und er hätte Rabat wohl gefährlich werden können. Doch so konnte sich der Sieger von Indianapolis „nur“ hinter Rabat auf dem Treppchen einreihen. Durch seinen Sieg in Brünn baut Johann Zarco seine WM Führung auf nunmehr 79 Punkte auf den Zweitplatzierten Tito Rabat aus.

 

Ein Blick auf die deutschen Fahrer. Jonas Folger platziert sich nach einem sehr soliden Rennen auf Rang sechs, nachdem er von Platz zehn ins Rennen gegangen war. Sandro Cortese wird etwas enttäuschend nur achter – nach Startposition vier. Im letzten Jahr hatte Cortese das Rennen noch als dritter beendet. Marcel Schrötter fährt auf Platz 19 weit außerhalb der Punkteränge über die Ziellinie, während Florian Alt sogar vorzeitig ausscheidet.


Die Moto3

Hat gut Lachen: Enea Bastianini, zweiter in Brünn. Sieger Nicollo Antonelli lässt im Hintergrund den Champagner fliegen
Hat gut Lachen: Enea Bastianini, zweiter in Brünn. Sieger Nicollo Antonelli lässt im Hintergrund den Champagner fliegen (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wieder einmal ein verrücktes Rennen in der kleinsten Klasse – doch diesmal leider in negativer Art und Weise. Nach den Stürzen zweier Gruppen schon in der ersten Runde kam es zu einem Abbruch und Restart mit anschließender Verkürzung des Rennens auf zwölf Runden. Dabei verletzte sich einer der Unfallverursacher – Gabriel Rodrigo – so schwer, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Allerdings gab es von Rodrigo selbst schon recht bald Entwarnung, er will beim nächsten Rennen in Silverstone schon wieder an den Start gehen. Nach dem Neustart entwickelte sich ein - wie in der Moto3 üblich – spannender Kampf von vielen Fahrern an der Spitze. Neun Fahrer am Ende innerhalb von 1,5 Sekunden, ein wieder einmal enger Ausgang. Der glückliche und verdiente Sieger heißt Niccolo Antonelli, der mit dem Erfolg in Brünn seinen ersten Podestplatz direkt auf Platz eins feiern kann. Zweiter Rang für Enea Bastianini. Der Italiener sammelt derzeit ziemlich unauffällig die Punkte ein und robbt sich so Stück für Stück in der Weltmeisterschaft an den derzeitigen WM-Leader Danny Kent heran. Mittlerweile sind es nur noch 45 Punkte Abstand zwischen Bastianini und Kent. Kent wird in Brünn nur siebter und verliert so wichtige Punkte im WM Kampf. Dritter und letzter auf dem Podium wird Brad Binder vom KTM Ajo Team. Während Philipp Oettl sich beim letzten Rennen in Indianapolis noch über Platz drei freuen konnte, bleibt diesmal „nur“ der 15. Rang mit einem WM Punkt. Oettl hat jedoch Glück im Unglück, wird er nämlich in einen der ersten Stürze verwickelt. Doch das Team kann sein Bike schnell wieder fahrtüchtig machen und Oettl so beim Neustart den einen Punkt ergattern.

(Markus Kahl)

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