Der Herr der Regeln

Renndirektor Mike Webb im Kontrollzentrum der MotoGP am Sachsenring
Renndirektor Mike Webb im Kontrollzentrum der MotoGP am Sachsenring.

Er ist vielleicht einer den unbeliebtesten, gleichzeitig aber auch einer der wichtigsten Personen im MotoGP Paddock: Mike Webb. Direktor der Rennleitung und Hüter über Regeln sowie Abläufe auf und neben der Strecke. Immer wieder kommt es zu brenzligen Situationen, in der die Rennleitung blitzschnell eine Entscheidung treffen muss. Oftmals geht es darum, schlimmes zu verhindern. Aber es gehört auch dazu, in entscheidenden Rennsituationen einzugreifen und über Sieg und Niederlage mitzuentscheiden. Im großen Exklusivinterview mit MotoSports24 spricht der Neuseeländer über schwierige Entscheidungen, wie diese überhaupt zustande kommen und wie die Rennleitung an einem Wochenende arbeitet.

MotoSports24: Wie sieht für Sie ein gewöhnliches Wochenende in der Rennleitung aus?

 

Mike Webb: Also für mich geht es bereits dienstags vor einem Rennen los. Da komme ich an der Strecke an. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sind die Tage, an denen ich mich mit meinem Team vorbereite. Es ist viel Organisation und jede Menge Meetings mit den Verantwortlichen vor Ort. Freitag und Samstag sind dann die Trainingstage in der MotoGP. Sobald das erste Motorrad auf der Strecke ist bin ich vor Ort in der Rennleitung und bleibe dort die ganze Zeit.

 

Was können sie an ihrem Arbeitsplatz alles beobachten? Besteht nicht die Gefahr, dort irgendwann den Überblick zu verlieren?

 

Die Idee einer Rennleitung ist ja, den Überblick zu behalten. Rund um die Strecke sind feste Kameras installiert, die jedes Stück der Strecke erfassen. Wenn man die Monitore hier vor Ort sieht: Wir sind nicht nur auf die Bilder auf der Strecke konzentriert, sondern auch auf die Auslaufzonen, wo beispielsweise eine Maschine einen Unfall haben kann. Alle Bilder sind auf den Monitoren hier zu sehen. Sobald etwas bei einem Bild auf einem der kleineren Monitore zu sehen ist, wird es auf die großen Monitore umgeschaltet, damit wir es besser sehen können.

 

Es ist also nicht nur das Bild der Fernsehkameras, auf das Sie zurückgreifen können?

 

Nein, wir haben viel mehr Kameras. Viele haben auch noch ein Zoom Funktion, so dass wir das Bild näher ran holen können. Wir nutzen keine Kameras der normalen Übertragung sondern haben ein geschlossenes System, quasi unseren eigenen Kanal für die Rennleitung.

Blick in die Race Direction am Sachsenring. Je nach Rennstrecke achten hier zwischen 10 und 30 Personen auf das Geschehen auf der Strecke.
Blick in die Race Direction am Sachsenring. Je nach Rennstrecke achten hier zwischen 10 und 30 Personen auf das Geschehen auf der Strecke.

Worin besteht ihre Hauptaufgabe während Sie in der Rennleitung hier an einem Rennwochenende sitzen?

 

Die offizielle Beschreibung meines Jobs ist: Ich bin verantwortlich, dass die Veranstaltung pünktlich abläuft und alle Regeln eingehalten werden. Das klingt nach sehr wenig, aber es hat eine sehr große Bedeutung. Was heißt das genau? Das die Boxengasse zur richtigen Zeit öffnet, zu allen Trainingszeiten und zu den Rennen. Mehr noch als das müssen wir darauf achten, was während der Trainingseinheiten passiert. Sicherheit steht an erster Stelle, erst danach schauen wir, dass auch die Regeln beachtet werden. Wenn also alles normal abläuft sitze ich hier recht entspannt und schaue mir das Treiben auf der Strecke an, schaue, ob auch alle Regeln beachtet werden. Sobald allerdings ein Unfall passiert, müssen wir beispielsweise entscheiden, ob die Einheit abgebrochen wird. Ich koordiniere dann den Einsatz des Krankenfahrzeugs wenn es eines benötigt wird, koordiniere die Streckenposten. Und dann gehören dazu noch die Anhörungen mit den Fahrern nach dem Rennen oder des Trainings.

 

Werden den Fahrern immer wieder bestimmten Verhaltensregeln vor den Rennen oder auch vor dem Saisonstart erklärt bzw. beigebracht?

 

Also zuerst einmal: Dies ist die absolute Elite des Motorradrennsports. Die Fahrer, die hier unterwegs sind, haben eine Menge Erfahrung die sie mitbringen. Sei es durch nationale Meisterschaften oder durch andere Rennsportklassen. Ich muss ihnen also nicht sagen, wie sie sich verhalten sollen. Manche sind sehr jung wenn sie hier ankommen, also muss ihnen etwas Disziplin beigebracht werden. Es gibt das Regelbuch der FIM dem wir sehr streng folgen. Wenn wir also bestimmte Probleme haben, gebe ich den Fahrern Instruktionen wenn bestimmte Dinge passiert sind oder wir etwas ändern wollen und erkläre ihnen, was wir machen wollen. Für gewöhnlich gibt es zum Saisonstart eine große Besprechung mit allen Fahrern. Ansonsten machen wir das nur noch, wenn es erforderlich ist.

 

Also gibt es diese Besprechungen auch immer dann, wenn im Rennen zuvor beispielsweise etwas Spezielles passiert ist?

 

Ganz genau. Wir hatten ein Problem beim Catalunya Grand Prix dieses Jahr, bei dem sich viele Moto3 Fahrer nicht regelkonform verhalten haben. Viele Fahrer sind hintereinander hergefahren, auf der Strecke teilweise auf der Ideallinie langsam. Also hatten wir im folgenden Rennen eine Besprechung mit den Fahrern, bei der wir über das Problem gesprochen haben. Gibt es dagegen beispielsweise einen kleinen Unfall, bei dem nur ein oder zwei Fahrer betroffen sind, besprechen wir das mit ihnen direkt danach und sprechen gegebenen falls eine Strafe aus.

 

Sind Sie der Böse, wenn Sie Strafen aussprechen oder zeigen die Fahrer auch Verständnis und sagen, es ist in Ordnung?

 

Also wahrscheinlich bin ich der meistgehasste Mensch im Paddock (lacht). Wir sind zu dritt in der Rennleitung, die die Entscheidungen treffen. Wir treffen die Entscheidungen bei Vorfällen wie die zwischen Valentino Rossi und Marc Marquez in Assen in diesem Jahr, genauso auch wie bei Unfällen auf der Strecke. Klar sind die Fahrer nicht erfreut wenn sie zur Rennleitung müssen, da sie ja irgendetwas falsch gemacht haben. Ich bin der Vorsitzende der Rennleitung und informiere den Fahrer dann über die Strafe, die er erhält. Also mögen mich die Fahrer nicht so gerne (schmunzelt).

Letzte Kurve bei der MotoGP in Assen. Der Kampf zwischen Valentino Rossi und Marc Marquez um den Sieg.
Letzte Kurve bei der MotoGP in Assen. Der Kampf zwischen Valentino Rossi und Marc Marquez um den Sieg (© Dorna).

Lassen sie uns doch eine solche Entscheidung einmal an einem Beispiel festmachen. Sie haben es eben schon angesprochen. Die letzte Kurve in Assen 2015. Marquez will Rossi überholen, sie berühren sich und Rossi muss durch das Kiesbett abkürzen. Wie entscheiden Sie so eine Situation?

 

Also was wir in dieser Situation machen ist das, was wir immer machen. Wir drei Leute in der Rennleitung besprechen die ganze Situation und kommen dann zu einer gemeinsamen Entscheidung. Ein großer Vorteil ist, dass wir Loris Capirossi - als ehemaligen Fahrer - bei uns sitzen haben, der sehr klar sagen kann, was die Fahrer in so einem Moment auf der Strecke tun oder denken. Dazu kommt die Möglichkeit, die Situation in vielen unterschiedlichen Kameraperspektiven anschauen zu können. Einstellungen, die der normale Zuschauer nicht hat. Der Vorteil dieser Situation war, dass sie ganz am Ende des Rennens war und wir so eine Menge Zeit hatten, uns die Situation in der Videoaufzeichnung ganz in Ruhe anschauen zu können. Wir entscheiden dann anhand des Regelwerks und des aktuellen Vorfalls wie wir vorgehen. Diese Situation war sehr einfach für uns zu entscheiden. Wir hatten eine sehr gute Helikopterperspektive die zeigt, dass Marc Marquez zwar versucht Rossi zu überholen, aber in keinem Moment wirklich an ihm vorbei ist. Er ist immer hinter Rossi.

 

Also, der Fahrer der vorne liegt hat das Recht, seine Linie auf der Strecke zu nutzen und zu halten. Marquez kam also dann in der Ecke an Rossi heran um ihn zu überholen, hat das aber nicht geschafft sondern Rossi berührt. Diese Berührung hat Rossi dazu gezwungen seine Ideallinie zu verlassen. Was ist also passiert? Wie wir sagen, hat Rossi „die Grenzen der Rennstrecke“ verlassen. Er hat also die Kurve abgekürzt, aber nur, weil es ihm nicht anders möglich war. Das ist auch das, was uns die Fahrer in der Anhörung danach gesagt haben.

 

Beide Fahrer haben die Strecke verlassen, Marquez weniger als Rossi. Unsere Entscheidung war deswegen auch so klar, weil Rossi immer in Führung lag. Er fuhr in die Kurve als Führender und er verließ sie auch wieder in Führung liegend. Das Verlassen der Strecke war nicht freiwillig, sondern bedingt durch die Berührung. In diesem Fall gab es keine Strafe für Rossi. Die Zeit, die er durch die Abkürzung gewonnen hat war nicht entscheidend, da es das Ende des Rennens war. Wäre es ein paar Runden zuvor gewesen, hätte Rossi einen Zeitvorteil bekommen und wir hätten darüber diskutieren müssen, wie wir damit umgehen. Aber in diesem Fall gab es keinen Vorteil, weil die Fahrer in der Reihenfolge über die Linie gefahren sind, so wie es auch in die letzte Kurve ging.

Valentino Rossi siegt bei bei der MotoGP in Assen 2015 nach einem Ausritt durchs Kiesbett.
Valentino Rossi siegt bei bei der MotoGP in Assen 2015 nach einem Ausritt durchs Kiesbett (© Dorna).

Was hätte passieren müssen, dass Sie als Rennleitung eine andere Entscheidung getroffen hätten?

 

Der erste Punkt ist, dass Rossi die ganze Zeit in Führung war. Wenn Marquez bei diesem Überholmanöver vorne gelegen hätte an dieser bestimmten Stelle, hätte er das Recht gehabt, seine Linie zu halten oder sich für diese zu entscheiden. Dann wäre auch unsere Entscheidung eine andere gewesen. Der zweite Punkt ist die Berührung zwischen den beiden, die Rossi zu einer Fahrt durch das Kiesbett gezwungen hat. Wäre die Berührung nicht gewesen, hätte es für Rossi keinen Grund gegeben, eine andere Linie zu wählen. Der dritte Punkt hätte dann noch ein Sturz sein können, der uns zu einer anderen Entscheidung gebracht hätte. Wäre Marquez hier der Verursacher, hätten wir ihn mit einer Strafe belegen müssen.

 

Zurück zu Ihnen. Aus wieviel Personen besteht die Rennleitung?

 

Die offizielle Rennleitung besteht aus drei Personen. Das bin ich als Vorsitzender der Rennleitung, Javier Alonso ist der Vertreter der Dorna (des MotoGP Promotors) und Franco Uncini als FIM Sicherheitsbeauftragter. Wir Drei treffen die Entscheidungen in jedem Rennen der Saison. Aber es gibt auch noch mehr Leute wie Loris Capirossi beispielsweise, die mit uns im Team dabei sind. Je nach Rennstrecke haben wir dann auch immer noch Personen des örtlichen Veranstalters, so dass wir zwischen 10 und 30 Personen sind, die im Raum der Rennleitung Platz nehmen. Im Großen und Ganzen sind es immer die gleiche Leute, die bei jedem Rennen mit dabei sitzen.

 

Gibt es eine bestimmte Aufgabenverteilung bei den drei festen Mitgliedern der Rennleitung?

 

Ja, absolut. Fangen wir bei Franco Uncini, als Sicherheitsbeauftragtem, an. Wie der Name schon sagt, ist er für die Sicherheit auf der Strecke verantwortlich. Er ist an den Tagen vor dem Rennen sehr in die Vorbereitung involviert. Wie sind die Sicherheitsbarrieren, die Auslaufzonen, die Kiesbette, der Zustand des Asphalts, wie sehen die Kurbs aus. Also wie sieht die Strecke unter dem Gesichtspunkt Sicherheit aus. Javier Alonso als Dorna Vertreter hat vor allem die Aufgabe, die direkte Zusammenarbeit mit dem Veranstalter vor Ort zu organisieren. Meine Hauptaufgabe besteht darin, dass sich alle an die Vorgaben des Regelbuchs halten. Das betrifft natürlich hauptsächlich die Fahrer. Wer verhält sich wie, wer macht was, wer hält sich vielleicht nicht an die Regeln und wer sollte dann eine Strafe bekommen.

Die Rennleitung hat die komplette Strecke während eines MotoGP Rennens mit einem eigenen Kamerasystem bestens im Blick.
Die Rennleitung hat die komplette Strecke während eines MotoGP Rennens mit einem eigenen Kamerasystem bestens im Blick.

Wie schauen Sie sich ein Training und das Rennen an? Auf was achten Sie?

 

Sie sehen hier im Raum der Rennleitung eine Menge Monitore. Das Erste worauf wir schauen, ist das TV Livebild. Wir bekommen nicht nur das Übertragungsbild, was man im Fernsehen sieht, sondern eben auch deutlich mehr Einstellungen. Also die schnellste Referenz ist das, was auf dem Hauptschirm passiert, denn dort ist in der Regel die meiste Action. Sobald einer der Streckenposten ein Signal gibt, dass etwas passiert ist, kommt diese Situation direkt auf die großen Monitore. Also als erstes schauen wir also das Livebild an, zweitens Unfälle, wenn welche passieren und drittens achten wir auf die Passagen, in denen oft etwas passiert.

 

Wie sehen Entscheidungen aus, die Sie im Rennen treffen können? Welche Optionen haben Sie? Ich denke beispielsweise an eine Situation mit Jonas Folger, in der er mit einer Strafe im Rennen belegt wurde, die nicht schnell genug durch eine Boxendurchfahrt erledigte und dann disqualifiziert wurde.

 

Also es gibt im Regelbuch eine Menge Strafen, die durch die Rennleitung ausgesprochen werden können. Dieses hier ist ein gutes, aber auch extremes Beispiel. Wir haben seitdem die Regeln hier angepasst. Die Regel zu diesem Zeitpunkt war etwas ungerecht. Was er laut Regelbuch falsch gemacht hat, war im Vergleich zu dem, was er auf der Strecke getan hat, zu streng. Also haben wir das angepasst, so dass es jetzt fairer ist. Die Dinge, die während eines Rennens passieren können sind ja ganz unterschiedlich. Fahrer, die beispielsweise in einer Kurve abkürzen und sich so einen Vorteil durch einen Platztausch erarbeiten, müssen sich danach wieder zurückfallen lassen.

 

Wie lange haben die Fahrer dafür Zeit das umzusetzen?

 

Früher war es so, dass es zu Start Ziel einen Hinweis auf einer Tafel an der Boxenmauer gab mit der Ansage, was der Fahrer zu tun hat. Heute kann ich von meinem Platz aus dem Fahrer direkt eine entsprechende Nachricht auf das Display seines Bikes schicken. So sieht er, was zu tun ist und welche Strafe er gegebenen falls erhält.

 

Wie informieren Sie die Teams?

 

Ich kann per Paddockradio den Ansprechpartner in der Boxengasse anfunken und ihm sagen, dass er zu einem bestimmten Team gehen soll. Der teilt ihnen mit, dass der Fahrer eine Strafe erhalten hat, die der Fahrer auch gleichzeitig auf dem Display seiner Maschine angezeigt bekommt. Zusätzlich halten wir aber auch an Start Ziel noch die klassische Anzeigetafel hin, so dass es der Fahrer auch dort sehen kann.

 

Wäre es einfacher, wenn man eine Funkverbindung direkt zum Helm des Fahrers herstellen könnte?

 

Es gibt die Regel, dass es keine Funkverbindung zum Fahrer geben darf. Wir haben in den letzten Jahren immer mal diskutiert, ob wir eine Funkverbindung zum Fahrer erlauben sollen. Allerdings haben die Fahrer das immer wieder abgelehnt. Es ist ganz anders beispielsweise als bei der Formel 1, wo permanent miteinander gesprochen werden kann. Aber wir haben ein wesentlich kürzeres Rennen, wir haben keine Boxenstopps für Reifenwechsel oder zum Auftanken. Also gibt es einfach weniger Strategie, die angewandt werden muss. Außerdem sagen die Fahrer, dass es sie zu sehr in ihrer Konzentration stört, wenn plötzlich jemand zu ihnen spricht. Also nutzen wir hauptsächlich das Display, um mit dem Fahrer zu kommunizieren, ob für Strafen oder sonstige Hinweise. Beispielsweise bei Rennabbruch oder falls beim Fahrer auch ein technisches Probleme auftauchen, was er vielleicht nicht selbst bemerkt.

 

Aber ist es nicht schwierig mitzubekommen, wenn auf dem Display etwas angezeigt wird, während ich über die Piste rase?

 

Es ist sicher schwieriger, als eine Nachricht per Funk zu übermitteln. Aber wie ich eben schon gesagt habe, wollen die Fahrer das nicht nutzen. Wir hören den langjährigen und erfahrenen Fahrern sehr genau zu, was die gerne möchten oder dazu sagen. Wir diskutieren sehr intensiv mit ihnen, wenn wir Regeln ändern oder anpassen wollen, weil uns ihre Meinung sehr wichtig ist.

Harter Zweikampf in der letzten Kurve zwischen Marc Marquez und Jorge Lorenzo 2013 in Jerez. War es die richtige Entscheidung zugunsten des Honda Piloten?
Harter Zweikampf in der letzten Kurve zwischen Marc Marquez und Jorge Lorenzo 2013 in Jerez. War es die richtige Entscheidung zugunsten des Honda Piloten? (©Bridgestone Motorsport)

Welche Entscheidungen, die Sie in den letzten Jahren treffen mussten, waren für Sie besonders schwer?

 

Also die schwierigste Entscheidung ist immer die, wo man beide Fahrer in ihrer Argumentation verstehen kann. In der Regel sind ja immer zwei Fahrer bei einer Sache involviert. Wenn man dann beide Fahrer anhört und auch beide Argumente verstehen und nachvollziehen kann, ist es für uns natürlich schwierig, hier eine Entscheidung zu treffen. Es gibt ja diese Situation, wo kein Fahrer beabsichtigt, etwas falsch zu machen, doch zwei Fahrer kommen an der gleichen Stelle zur gleichen Zeit an und dann passiert der klassische Rennunfall, den ja keiner will. Das sind Situationen, die für uns ganz schwierig sind.

 

Ich kann mich an eine Situation vor zwei Jahren in Jerez erinnern, als Marc Marquez Jorge Lorenzo in der letzten Kurve regelrecht von der Strecke gedrängt hat.

 

Also, das ist bei diesen wirklich prominenten Fahrern natürlich auch noch einmal eine ganz besondere Angelegenheit. Sie fahren hart, aber für sie gelten natürlich auch die gleichen Regeln wie für alle anderen. Das war eine sehr schwierige Entscheidung zu der Zeit. Unserer Meinung nach war es damals keine Absicht, den anderen Fahrer von der Strecke zu drängen. Es gab die Absicht, ein Überholmanöver zu machen. Die Entscheidung war damals: Es war ein Rennunfall. Denn es gab genug Platz auf der Innenseite der Kurve, die Marquez zum Überholen nutzen konnte. Aber bei der Geschwindigkeit war es einfach unvermeidlich, dass die Beiden sich berühren. Es ist eine der wenigen Entscheidungen, die ich mit zeitlichem Abstand heute vielleicht anders treffen würde. Heute würde ich möglicherweise eine Strafe aussprechen, wenn es zu einem ähnlichen Vorfall kommen würde, weil das Überholmanöver zu hart war. Die Sichtweise auf manche Situationen ändert sich im Laufe der Jahre. Die Öffentlichkeit, aber vor allem aber auch die Fahrer, erwarten heute unterschiedliche Verhaltensweisen auf der Strecke, als sie es noch vor zwanzig oder sogar vor zwei Jahren erwartet haben. Die Sichtweise, was erlaubt ist und was nicht, was sicher ist und was nicht, hat sich im Laufe der Jahre verändert. Diesem Zeitgeist müssen wir uns als Rennleitung anpassen.

Aber ich kann für meine Kollegen und mich in der Rennleitung sagen: Die Zahl der Entscheidungen, die man am Tag danach oder auch Jahre danach vielleicht anders treffen würde, ist verschwindend gering. Wir müssen ja oft sehr, sehr schnell entscheiden. Und aus diesem Grund kann ich sagen, bin ich mit unseren Entscheidungen sehr zufrieden.

 

Es gibt nun im zweiten Jahr die sogenannten Strafpunkte in der MotoGP. Können Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat und wie sich dies in den letzten Monaten entwickelt hat.

 

Der Grund für die Einführung dieser Strafpunkte war, dass es immer wieder Kleinigkeiten gibt, die auf der Strecke passieren, für die wir die Fahrer ermahnen. Uns ist aufgefallen, dass es immer wieder Fahrer gibt, die immer wieder die gleichen Fehler machen oder Verhaltensweisen auf der Strecke zeigen. Was wir also einführen wollten war so etwas wie gelbe oder rote Karten wie im Fußball. Ein klares System, bei dem man bei zu vielen Verwarnungen eine entsprechende Strafe kassiert. Es funktioniert prima und wir setzen es auch sehr intensiv ein. Fahrer, die also immer wieder mit etwas auffallen, erhalten so eine entsprechende und gerechte Strafe. Wir haben es im Laufe der Zeit leicht angepasst um es noch nachvollziehbarer und fairer zu machen. Eine dieser Anpassungen ist beispielsweise ähnlich wie beim gewöhnlichen Punktesystem des Führerscheins: Wenn man sich lange Zeit anständig verhält verfallen die Punkte auch wieder.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Job in der Rennleitung gekommen? Was hat Sie dafür begeistert?

 

Es ist mittlerweile ein langer Teil meines Lebens. Ich bin seit über 24 Jahren im Grand Prix Zirkus zu Hause. Zuerst als Mechaniker, dann als Crew Chief für das Yamaha Grand Prix Team. Als ich das Team verlassen habe, wurde ich technischer Direktor für die Rennserie. Als der damalige Direktor der Rennleitung in Ruhestand gegangen ist, habe ich den Job von ihm übernommen. Ich bin ja selbst auch viele Jahre Motorradrennen in Neuseeland gefahren. Mein Leben hat sich immer im Motorradrennsport abgespielt und so war es für mich ein ganz natürlicher Weg bis hin zu dem Job, den ich heute ausübe.

 

Gibt es eigentlich auch Erlebnisse in Ihrer Karriere, über die Sie auch heute noch schmunzeln können?

 

Das ist natürlich immer etwas schwierig, sich an die eine Geschichte zu erinnern. Es gibt so viele Momente, in denen wir als Rennleitung zusammensitzen und über etwas lachen müssen. Über manche Unfälle beispielsweise. Oder über Fahrer, die immer wieder in der gleichen Kurve den gleichen Fehler begehen. Solange nichts Schlimmes passiert, kann man darüber auch mal schmunzeln. Wir sind in erster Linie ja selbst große Anhänger der Rennserie. Von daher sehen wir vor allem die gute, nicht die schlechte Seite des Sports.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Webb.

 

(Das Gespräch führte Markus Kahl)

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Kommentare: 1
  • #1

    Roswitha Kermel (Sonntag, 25 Oktober 2015 16:29)

    " Uns ist aufgefallen, dass es immer wieder Fahrer gibt, die immer wieder die gleichen Fehler machen oder Verhaltensweisen auf der Strecke zeigen "Ich kann mich an eine Situation vor zwei Jahren in Jerez erinnern, als Marc Marquez Jorge Lorenzo in der letzten Kurve regelrecht von der Strecke gedrängt hat.
    Es war ein Rennunfall. Denn es gab genug Platz auf der Innenseite der Kurve, die Marquez zum Überholen nutzen konnte.
    Marquez hat seinen aggressiven Fahrstil bis heute nicht geändert und
    beim heutigen Rennen Rossi provokativ attakiert. Ist das Fairnes ?
    Wie kann man vor der WM so eine Entscheidung treffen ?!