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Wird dieses Detail die MotoGP WM 2016 entscheiden?

Haben Fahrer wie Bradley Smith (links) oder Scott Redding (rechts) bald mehr Chancen Werkspiloten wie Marc Marquez (mitte) zu besiegen?
Haben Fahrer wie Bradley Smith (links) oder Scott Redding (rechts) bald deutlich bessere Chancen, Werkspiloten wie Marc Marquez (mitte) zu besiegen? (©Estrella Galicia 0,0 Marc VdS)

Manchmal ist es ratsam, ein Reglement bis zum Ende zu lesen. Denn vermeintlich uninteressante Textpassagen entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als kleine (oder größere) Bombe. Motosports24 hat sich zum Start der Saison das Reglement für 2016 noch einmal etwas genauer angeschaut. Dabei sind wir auf einen Passus gestoßen, der bislang völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit geblieben ist.

Doch kurz zur Vorgeschichte. Im Frühjahr 2015 hatte die Grand-Prix Kommission sogenannte „concession points“ eingeführt. Sprich: Für jeden Platz auf dem Podium gibt es seitdem diese Punkte. Ab einer bestimmten erreichten Zahl war bzw. ist die Weiterentwicklung des Bikes untersagt. Diese Regelung war seinerzeit eingeführt worden, um insbesondere Herstellern wie Ducati, Aprilia und Suzuki eine schnellere Entwicklung zur Spitze hin zu ermöglichen. Werksteams wie Honda oder Yamaha wurden dadurch „benachteiligt“. Durch die vielen Podestplätze 2015 haben die Roten von Ducati ihre Zugeständnisse zur Weiterentwicklung bereits verloren, da sie zu viele dieser „concession points“ bereits eingesammelt haben. Nur noch Suzuki und Aprilia verfügen über bestimmte Privilegien, um Ihre Maschinen im Laufe der Saison durch Veränderungen weiterentwickeln zu können.

 

Dieser Eingriff der Verantwortlichen von FIM und Dorna, mehr Chancengleichheit im Feld herzustellen, geht auch 2016 mit den geänderten Regularien weiter. Dies betrifft jedoch alle Teams, nicht nur einzelne. Die Reifen kommen nicht mehr von Einheitslieferant Bridgestone sondern von Michelin. Auch die maximale Treibstoffmenge pro Rennen ist nun mit 22 Litern für alle Teams gleich. Ebenso müssen alle Motorräder ab 2016 mit der einheitlichen Elektronik von Magneti Marelli starten. Viel ist also getan worden um das Feld enger zusammenrücken zu lassen. Mehr Wettbewerb auf der Strecke soll so ermöglicht werden.

 

Diese Linie wird nun seit einiger Zeit konsequent fortgeführt. Umso verwunderlicher ist es daher, das ein kleiner, aber entscheidender Passus im Reglement für 2016 bislang völlig unbeachtet geblieben ist. Denn es ist eine Regel eingeführt worden, die im besten Fall bereits nach dem Rennen in Austin greifen könnte. Um eine zu starke Dominanz eines Fahrers oder eines Teams zu verhindern, haben die Verantwortlichen beschlossen, ab einer bestimmten Anzahl von Rennsiegen Zusatzgewichte an die Siegermaschinen bauen zu lassen. In Abschnitt 2.4.4.1, Absatz 4 des aktuellen Reglements heißt es: „Sobald ein Fahrer drei Siege in einer Saison erreicht hat, ist seine Maschine im darauffolgenden Rennen mit einem Zusatzgewicht von zwei Kilogramm auszustatten. Für jeden weiteren Sieg ist ein eine zusätzliche Erhöhung um zwei Kilogramm vorzunehmen. Das Zusatzgewicht soll jedoch die Höchstzahl von acht Kilogramm nicht überstiegen“.

Dank Regenchaos 2015 in Silverstone auf das Podest gespült: Danilo Petrucci. Bald könnte er vielleicht öfter jubeln - ausgeschlossen ist es dank neuer Regularien nicht.
Dank Regenchaos 2015 in Silverstone auf das Podest gespült: Danilo Petrucci. Bald könnte er vielleicht öfter jubeln - ausgeschlossen ist es dank neuer Regularien nicht. (© Pramac Ducati)

Das heißt konkret: Sollte ein Fahrer sechs Rennen in dieser Saison gewinnen, muss er ein maximales Zusatzgewicht von acht Kilo in jedem weiteren Rennen mit herumfahren. Ob unter diesen Umständen noch Siege möglich sind, kann zumindest bezweifelt werden. Da wir über diesen Passus so erstaunt waren und es ehrlich gesagt nicht glauben konnten was dort steht, haben wir bei den Verantwortlichen des Regelwerks nachgefragt und eine Bestätigung dieser Vorschrift erhalten. „Ja, es stimmt. Diese Regelung gibt es. Durch die permanente Dominanz von Honda und Yamaha in den letzten Jahren haben wir in Stringenz zu den bisherigen Entscheidungen diese Regelung für 2016 mit in die Vorschriften aufgenommen. Wir hoffen, dass wir so für noch mehr Wettbewerb auf der Strecke sorgen können. Es sollen auch kleinere Teams die Möglichkeit erhalten, einmal um einen Sieg mitfahren zu können. Das können wir vielleicht so gewährleisten“, so die Antwort, die uns per E-Mail zugestellt wurde.

 

Wir wollten ebenso wissen, was die großen Werksteams in der MotoGP zu dieser Vorschrift sagen. Bei Ducati zeigte man sich ziemlich erstaunt. „Ehrlich gesagt ist uns dieser Teil des Reglements bislang noch gar nicht bewusst aufgefallen. Letztendlich betrifft es uns bislang ja auch noch gar nicht, denn erst nach drei Siegen greift diese Vorschrift ja. Daher sehen wir das momentan ziemlich gelassen“.

 

Ziemlich gefasst reagiert man bei Honda. „Wir kennen diese Regelung. Allerdings sind wir ehrlich gesagt momentan mehr damit beschäftigt, überhaupt ein siegfähiges Bike auf die Strecke zu bringen. Aber wir haben im Winter bei den Tests schon mal mit Zusatzgewichten gearbeitet, um die Reaktion der Maschine zu testen. Bis zu vier Kilo sollten machbar sein, danach wird es schwierig“.

 

Wütend ist man dagegen bei Yamaha. „Auch wir kennen diese Regelung. Wir haben im Vorfeld alle Bemühungen gestartet, das dieser Passus wieder aus dem Reglement verschwindet. Denn es ist für uns ganz klar erkennbar, wer von dieser Regelung am stärksten benachteiligt wird. Wir haben derzeit das beste Bike im Feld, daher wäre das für uns eine unverhältnismäßige Entscheidung. Wir arbeiten weiter daran, dass dieser Absatz wieder gestrichen wird. Sollten wir tatsächlich die ersten sein, die davon betroffen sind, werden wir alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, um dagegen vorzugehen“.

 

Was diese Änderung im Reglement am Ende für konkrete Auswirkungen haben wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Denn das Zusatzgewicht bedeutet ja nicht zwangsweise, dass ein bestimmtes Bike nicht mehr gewinnt. Spannend dürfte auch zu beobachten sein, wie die Teams tatsächlich reagieren, sobald diese Regelung für sie greift. Vielleicht kommt es dann auch zu taktischen Rennen, bei denen mit Absicht „nur“ ein zweiter Platz herausgefahren wird. Die Folgen dieser Regelung dürften somit mehr als spannend sein. Eines steht jedoch schon jetzt fest: Die MotoGP Saison 2016 dürfte abwechslungsreicher und attraktiver werden als es wir es alle vor dem Start gedacht hätten.

(Markus Kahl)

 

P.S. Der eine oder andere wird es wahrscheinlich schon gemerkt haben: Dieser Beitrag war ein schöner Aprilscherz. Diese von uns genannte Regelung ist 2016 nie eingeführt worden. Aber wer weiß, eigentlich wäre es doch eine überlegenswerte Idee... Ich hoffe, du hattest auch ein bisschen Spaß mit diesem Aprilscherz.

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Kommentare: 1
  • #1

    roger916 (Samstag, 02 April 2016 10:01)

    .ift. Vielleicht kommt es "Vielleicht kommt es dann auch zu taktischen Rennen, bei denen mit Absicht „nur“ ein zweiter Platz herausgefahren wird" ???
    War da nicht was, letztes Jahr im Finale ?