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Die MotoGP Notizen aus Assen 2016

Jorge Lorenzo 2016 in der MotoGP in Assen
Ein Desasterwochenende für den Weltmeister. Jorge Lorenzo hat mit sich und dem niederländischen Regen schwer zu kämpfen. (© www.gp-photo.de)

Es war das bislang wohl skurrilste Rennen der Saison: Der Große Preis der Niederlande in Assen. Das Wetter ist dort, genauso wie die Rennstrecke selbst, schon richtige Tradition. Unberechenbar, schnell wechselnd und oft sehr regnerisch. Ich neige dazu zu sagen: Es tröpfelt. Aber was im Rennen der MotoGP für Sturzbäche auf die Strecke kamen, dass erlebt man wirklich nicht alle Tage. Entsprechend chaotisch auch das Rennen mit einem ziemlich durcheinander gewirbelten Feld. Ein paar Szenen des Rennsonntags wollen wir uns noch einmal genauer anschauen, in den Notizen aus Assen.

 

Der Regen in den Niederlanden spülte in der MotoGP einen Fahrer ganz an die Spitze, dem jeder im Fahrerlager diesen Sieg mehr als gegönnt hatte. So war es hinterher zumindest von vielen Seiten zu hören und auch zu lesen. Jack Miller heißt der Mann, der seit mittlerweile eineinhalb Jahren Pilot in der MotoGP ist. Als großes Talent war er direkt von der Moto3 2015 in die MotoGP gehievt worden. 2014 noch knapp am WM Titel in der kleinsten WM Klasse vorbeigeschrammt, war Miller so etwas wie das Versprechen auf eine große Zukunft. Es gab eine Menge Stimmen die skeptisch waren, ob der Sprung von ganz klein zu ganz groß bei den Motorrädern nicht zu groß wäre. Die Antwort fällt nach den bisherigen rund 18 Monaten durchwachsen aus.

 

Als neuer Superheld war er angekündigt worden. Einer, der dem „Alien“ Marc Marquez Dampf machen, der zum neuen MotoGP Helden werden sollte. Wenn man dies als Maßstab für die Bewertung von Millers bisheriger Karriere in der MotoGP zum Maßstab nehmen würde, könnte das Fazit nur lauten: Er ist krachend gescheitert. Aber: So einfach kann man es sich nicht machen. Natürlich ist er nicht der Ausnahmepilot wie ein Marc Marquez, der bereits in seiner Rookie Saison den Titel einfahren konnte. Doch mindestens zwei Gründe erklären das. Erstens: Marquez fuhr in seiner WM Saison direkt auf einer Werksmaschine mit Werksunterstützung. Zweitens: Die Erfahrung aus zwei Jahren Moto2. Ja, jetzt haben die Kritiker vielleicht nicht ganz Unrecht, wenn sie sagen, der Aufstieg aus der Moto3 in die MotoGP war zu schnell. Das kann durchaus sein. Denn die Ergebnisse von Miller waren – vor dem Sieg in Assen – wirklich mehr als dürftig. Ein zehnter Platz in Barcelona 2016 war das bislang beste Resultat für Miller in der MotoGP.

Davor jedoch: Gute Ansätze, vor allem im Nassen, aber eben auch sehr viele Stürze und unglückliche Aktionen. Aber alles keine Dinge, die man einem Rookie nicht zugestehen könnte. Alles im Plan eigentlich und doch macht es den Anschein, als ob Honda schon die Lust am Projekt Miller verloren hätte. Heute kann man sagen: Was ein Glück für Miller, dass er seinerzeit einen Dreijahresvertrag mit Honda unterschrieben hatte, sonst wäre er sein Bike vielleicht in diesem Jahr schon los. Gut, Verträge sind in der Motorrad WM oft nur Schall und Rauch. In diesem Fall wird er jedoch eingehalten. Gut für den Australier. Man muss Miller ein dickes Kompliment für seinen Erfolg in Assen machen. Dass er im Regen gut unterwegs ist, konnte man bei anderen Regenrennen schon beobachten. Doch man muss es bei solch irregulären Bedingungen auch einfach mal schaffen, sein Bike auf der Strecke zu halten. Frag nur mal nach bei Valentino Rossi. Für einen solchen Triumph braucht es nicht nur Können, sondern vor allem Mut und eine ganz, ganz dicke Portion Glück, um eben nicht an einer nassen Stelle mal ganz schnell mit dem Kies zu kuscheln.

 

Bei Miller kam das an diesem Sonntag alles zusammen. Wird es deshalb den Blick auf ihn und seine Leistungen verändern? Ich meine nein. Der Australier hat ohne Frage großes Talent. Allerdings verfügen alle Fahrer, die in der WM unterwegs sind, über Talent. Talent alleine macht noch keinen Sieger und erst recht keinen Weltmeister. Dafür bedarf es harter und noch viel härterer Arbeit. Ob Miller da hinkommen kann? Wir werden sehen. An einigen Stellen war schon zu hören, er sei ein Partytier und nicht unbedingt als Trainingsweltmeister bekannt. Ob es stimmt? Ich kann es nicht sagen. Wenn es stimmt, könnte dieser Triumph schnell zur Eintagsfliege werden. Oder aber es löst etwas aus, was auch bei Miller selbst zu einem Motivationsschub und Mentalitätswandel führen wird. Denn machen wir uns nichts vor: Unter normalen und regulären Bedingungen wäre dieser Sieg aller Wahrscheinlichkeit nach niemals passiert. Deswegen kann ich bei Schlagzeilen wie „Miller wird nach diesem Sieg zur Legende“ oder „ein Star wurde geboren“ nur den Kopf schütteln.

 

Vielleicht wäre ein gesunder Schuss Realismus einfach besser angebracht. Die Reaktion von Miller nach dem Sieg hat Bände gesprochen. Da war ein von seinen Gefühlen völlig übermannter Fahrer zu sehen bei dem alles herausbrach, was sich in den letzten Monaten angestaut hatte. Miller hat viel – auf gut deutsch – in die Fresse bekommen. An vielen Stellen völlig zu unrecht. Genauso wie man ihm da eine mitgegeben hat sollte man ihn jetzt nicht in den Himmel heben. Er hat einen großen Sieg eingefahren. Aber das kann nicht mehr als ein Anfang sein. Ob Miller wirklich zu einem großen Fahrer wird, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. Aber mehr als ein Sieg ist – bei aller verständlichen Euphorie – schlicht nicht passiert. Warten wir also ab, was die Zukunft bringt.

Jack Miller bei der MotoGP in Assen 2016
Hatte allen Grund für ein ordentliches Burnout zum Rennsieg: Jack Miller. (© Estrella Galicia 0,0 Marc VDS)

Genau diese Frage muss man sich auch bei einem anderen Fahrer stellen. Was wird die Zukunft bringen? Hier aber eher die ganz nahe Zukunft. Die Rede ist von Weltmeister Jorge Lorenzo. Alle fragen sich nach Assen: Was ist mit Lorenzo bitte los? Das war ein Auftritt zum Gruseln. Hat man den Spanier jemals bei einem Rennen in der MotoGP in einer so schlimmen Verfassung erlebt? Ich kann mich nicht erinnern. Im ersten Teil des Rennens, als der Regen einsetzte, fuhr Lorenzo teilweise über fünf Sekunden langsamer als die Spitze. Pro Runde wohlgemerkt. Teilweise war Lorenzo so langsam unterwegs, dass seine Zeit von keinem (!) Fahre im Feld noch unterboten wurde. Der Yamaha Pilot kann von großem Glück sprechen, dass das Rennen abgebrochen wurde und unter etwas besseren Bedingungen zu Ende gefahren wurde. Er profitierte so auch von vielen Stürzen, die ihm am Ende noch sechs WM Punkte auf Rang zehn bescherten.

 

Was war also los mit dem Weltmeister? Eine endgültige Erklärung gibt es irgendwie nicht. Er selbst sagt, dass er durch die schrecklichen Bedingungen kurz davor war seine Maschine einfach abzustellen. Aber ehrlich: Galten diese Bedingungen für die anderen Fahrer nicht genauso? Was mit Lorenzo wirklich los war, kann letztendlich nur er ganz alleine beantworten. Ich kann nur mutmaßen und Fragen stellen, aber diese Schwierigkeiten im Regen sind bei Lorenzo mittlerweile nicht mehr von der Hand zu weisen. Seit seinem Sturz 2013 in Assen im Regen ist nichts mehr so wie es einmal war. Damals brach sich der Yamaha Pilot das Schlüsselbein, fuhr aber frisch operiert ein unglaubliches Rennen auf Platz fünf nach Hause. Jedes Rennen danach im Nassen lief für Lorenzo nicht mehr so wie dieses.

 

Der Spanier kann für mich noch so oft behaupten, Regen mache ihm nichts aus, die Resultate – vor allem in jüngerer Vergangenheit – sprechen eine völlig andere Sprache. Man erinnere sich nur an die Rennen in Misano oder auch Motegi 2015. Ist er mental im Regen mittlerweile so blockiert? Vor allem jetzt in Assen spricht alles für diese These. Klar waren die Bedingungen mehr als schwierig. Natürlich ist es hart, seine Maschine bei solchen Witterungsverhältnissen überhaupt auf der Strecke zu halten. Jeder der Motorrad fährt kann ein Lied davon singen wie es ist, bei Regen unterwegs zu sein. Es kann sich also nur um eine völlige mentale Blockade halten. Eine andere Erklärung kann ich einfach nicht finden. Ich erinnere mich an eine eigene, persönliche Situation. In einer Fahrstunde auf dem Weg zum Motorradführerschein hatte es vorher kurz geregnet. Die Straße war am Abtrocknen, aber an einigen Stellen noch nass. Eine Ampel vor mir sprang auf Rot, ich bremste – wie ich fand ganz normal und auch nicht hart. Ich kann mich erst wieder an die nächste Situation erinnern, als der Fahrlehrer plötzlich neben mir stand und fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Das Vorderrad musste im Nassen vor der Ampel einfach weggerutscht sein und schwups lag ich auf der Schnauze. Ich hatte jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder die Stunde abbrechen und sich von dem Sturz erst einmal erholen. Oder aber aufsteigen und einfach weiterfahren, denn die Maschine war außer ein paar Kratzern an der Seite nicht weiter beschädigt. Ich entschied mich damals instinktiv für das Weiterfahren. Heute sage ich: Zum Glück. Denn obwohl ich damals die restliche Stunde nur noch mit zitternden Knien auf der Maschine saß war mir klar: Wenn ich nicht mehr aufgestiegen wäre, hätte ich vielleicht nie wieder auf einem Bike gesessen.

 

Was ich damit sagen will: Auch hier hätte eine mentale Blockade dazu führen können, dass es eine Zweiradkarriere für mich nie gegeben hätte. Ähnlich scheint es also jetzt auch bei Jorge Lorenzo zu sein. Nur mit dem Unterschied: Er ist Profi, hat eine ganz andere Erfahrung, eine andere Betreuung und professionelle Coaches um sich herum. Die müssen, wenn Lorenzo das zulässt und will, wohl dringend mit ihm arbeiten. Dieses Rennen in Assen hat mich sehr erschreckt, weil ich den Weltmeister in einer solchen Verfassung noch nicht erlebt habe. Etwas zerknirscht ist jetzt an mancher Stelle von ihm plötzlich zu hören, Regenrennen wären entgegen der eigentlichen Aussagen wohl doch nicht so einfach für ihn. Mensch Jorge, da muss schnell was passieren. Sonst könnte der WM Zug ruck zuck aufgrund solcher Probleme ohne ihn weiterfahren.

Stefan Bradl 2016 in der MotoGP in Assen für Aprilia
Skeptischer Blick von Stefan Bradl. Wohin geht sein Weg 2017? (© Aprilia Racing Team Gresini)

Ein anderes Thema fand in Assen abseits der Strecke statt. Der Vertragspoker. Diesmal bei, von und mit Aprilia. In den Hauptrollen: Aleix Espargaro und Stefan Bradl. Am Donnerstag vor dem Rennen war von mehreren Medien bereits verkündet worden, dass Bradl raus ist bei Aprilia für eine Weiterbeschäftigung im kommenden Jahr. Nun gut, könnte man sagen. Es ist das gute Recht von Aprilia. Ein Vertrag läuft aus und man schaut sich auf dem Markt um, ob sich nicht was Besseres beim Fahrerangebot auftut. Was sich nach dieser Meldung jedoch abspielte, war schon ein ganz merkwürdiges Schauspiel. Denn entgegen der Vermutung, Aprilia werde diese Meldung auch ganz offiziell bestätigen, passierte: Nichts. Kein Statement, keine Pressemeldung, nur Schweigen. Stattdessen folgte das wirklich deutliche und klare Statement von Aleix Espargaro selbst, der bei twitter schrieb: Ich habe bei niemandem irgendeinen Vertrag unterschrieben. Rätselraten bei mir: Was soll dann diese Meldung der Medien? Das ist doch dann alles Schmarrn.

 

Die Auflösung erfolgte dann am Sonntag. Aprilia verschickte die offizielle Mitteilung, dass sie einen Vertrag mit Aleix Espargaro für 2017 und 2018 unterschrieben hätten. Ganz ehrlich: Da kommt man sich schon ein bisschen verschaukelt vor. Warum wird donnerstags ein neuer Vertrag von Fahrerseite heftig dementiert, sonntags aber dann bestätigt? Wollte da jemand nur seinen Preis hochtreiben? Diese Aktion kann ich gar nicht verstehen. Genauso wenig erschließt sich mir der Fahrertausch von Aprilia von Bradl zu Espargaro. Ohne Aleix zu nahe treten zu wollen: Aber was verspricht man sich mehr von ihm? Bradl und genauso sein Teamkollege Alvaro Bautista haben die Maschine in den letzten Monaten kontinuierlich weiterentwickelt. Gerade 2016 haben beide teils recht ordentliche Rennresultate eingefahren. Dass die Aprilia in diesem Jahr um Podestplätze mitfahren könnte, das hat niemand erwartet. Warum man dann allerdings einen soliden Fahrer „nur“ gegen einen anderen soliden Fahrer tauscht, das erschließt sich mir nicht. Hätte man auf ein junges Talent aus der Moto2 gesetzt: Den Schritt hätte ich nachvollziehen können. Klar, Dankbarkeit darf man im Sport und insbesondere im Motorsport nicht erwarten. So bleibt jedoch für mich ein bitterer Nachgeschmack und die Erkenntnis: Richtig fein und logisch geht es in diesem Geschäft leider oft nicht zu.

 

Und zum Schluss dann noch ein Kopfschüttler. Die Zuschauertribünen waren am Rennsonntag gut und sehr gut gefüllt. Für welchen Fahrer der meisten Anwesenden das Herz schlägt, war anhand der Farbe bei Leibchen und Kappen schnell und gut auszumachen. Dann begann und endete das erste Rennen der Moto3. Ein wirklich wieder einmal ultraspannendes Rennen mit drei Namen an der Spitze, für die man sich an diesem Tag einfach einmal mitfreuen konnte. Die Kamera schwenkt nach der Zielüberfahrt der Moto3 Piloten in die Zuschauermenge der Haupttribünen. Und was sehe ich: Genau, nichts. Ich glaube drei Hände, die sich zu einem matten Applaus quälten, ansonsten gelangweiltes Schweigen. Das wiederholte sich im Übrigen noch einmal bei der Moto2.

 

Sorry für die Wortwahl, aber ich habe mich in diesem Moment schon ein bisschen fremdgeschämt. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn man bei einem Sportereignis einen Sportler oder eine Mannschaft unterstützt und ihm oder ihnen fest die Däumchen drückt. Aber mit einem solchen Desinteresse da zu sitzen wenn sich andere Jungs – und das bei diesem Wetter – ihren, pardon, Hintern aufreißen, das ist schon mehr als schade. Es erwartet ja keiner, dass sich die Leute ihr T-Shirt vom Leib reißen, sich in den Schlamm werfen oder einen Regentanz vollführen. Aber ist es wirklich zu viel verlangt das, wenn man schon vor Ort ist, auch anderen Protagonisten zumindest einen höflichen Applaus spendet? Gerne auch ein bisschen euphorischer? Nun ja, es muss jeder selbst entscheiden. Aber es ist schon ziemlich schade, das in dieser Form zu beobachten.


(Markus Kahl)

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