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Drei Gründe warum die MotoGP ziemlich langweilig ist

Man kennt das Gesicht: Jorge Lorenzo 2016 in der MotoGP in Assen.
Man kennt das Gesicht: Jorge Lorenzo 2016 in der MotoGP in Assen. (© www.gp-photo, Ronny Lekl)

Es ist wie in einer Beziehung. Am Anfang steht die Lemerenzphase. Alles ist toll. Nichts hässlich. Nichts langweilig. Man kann nicht voneinander lassen und hätte am liebsten jede Minute gemeinsam verbracht. Doch dann kommt irgendwann der Alltag. Die Zeit verstreicht. Und die Gewohnheiten, die vorher noch ganz süß waren, findet man plötzlich gar nicht mehr so chic. Auf einmal begegnen einem Dinge, die dann gar nicht so toll sind. Sachen, die einen ärgern oder langweilen. Oder wo man denkt: Das könnte man doch etwas anders machen. So geht es mir auch mit der MotoGP. Die Anfangseuphorie des Neuen ist vorbei, der Alltag mit verschiedenen Auffälligkeiten ist eingekehrt. Und an manchen Stellen echte Langeweile. Warum?

1. Die immer gleichen Gesichter

Das Rennen in Assen 2016 war eine echte Befreiung. Nach zehn (!) Jahren gewinnt endlich mal wieder ein Fahrer ein Rennen, der nicht für ein Werksteam an den Start geht. Unglaublich, aber wahr. Jack Miller war seit Toni Elias 2006 der erste Fahrer, der für ein Kundenteam gewinnen konnte. Ein neues Gesicht auf dem Podium ganz oben. Endlich, endlich, endlich möchte man da schreien. Denn sind wir mal ehrlich: Klar haben wir auch in den vergangenen Jahren schon zu genüge ultraspannende Rennen erlebt. Aber wer war mit Sicherheit in diese Duelle und Schlagabtausche verwickelt? Na klar, ein Pilot von Yamaha oder Honda, gelegentlich auch mal einer von Ducati. In den letzten Jahren somit die Herren Rossi, Lorenzo, Marquez, Pedrosa, Stoner, Dovizioso und Iannone. Sollte ich eins, zwei Namen vergessen haben, möge man sich die in Gedanken bitte selbst dazuschreiben. Was ist mit dem Rest vom Feld? Der taucht da vorne bei der Sektdusche nur bei außergewöhnlichen Umständen auf. Meist nur dann, wenn es regnet.

 

Nur so konnten Fahrer wie Scott Redding oder auch ein Danilo Petrucci überhaupt mal auf das Podium gelangen. 2016 sollte ja alles ein bisschen anders werden – dachte man. Neue Reifen, für alle neu. Einheitselektronik, für viele neu. Doch was passierte bis jetzt? Genau, nichts. Die Sieger von gestern sind auch die Sieger von heute. Natürlich haben die Werksteams mehr Geld, mehr Ingenieure. Natürlich können sie sich dadurch einen technischen Vorteil erarbeiten. Und natürlich fahren auch die besten Fahrer für diese Teams. Da ist es logisch und naheliegend, dass diese Namen eben auch in dieser Regelmäßigkeit den Pokal entgegennehmen.

 

Schauen wir mal kurz auf die Formel 1. Da ist nämlich ein ähnliches Phänomen zu beobachten. 1994 wurde ein gewisser Michael Schumacher Weltmeister – in einem Kundenteam. Er kämpfte damals mit Damon Hill um die WM, der ebenfalls in einem Kundenteam an den Start ging. Schauen wir uns die Situation heute an: Da kämpft ein Mercedes Werksteam gegen ein Ferrari Werksteam oder ein Red Bull (quasi) Werksteam um die Erfolge. Kundenteams kämpfen fast nur noch ums Überleben. Oder der Blick zum Fußball. In den letzten Jahren heißt der Meister ausschließlich Bayern München. Richtige Konkurrenz? Fehlanzeige. Und der Erfolg zieht weiteren Erfolg nach sich. Egal ob in MotoGP, Formel 1, Fußball oder einer anderen Sportart. Sponsoren setzen auf die Gewinner, die noch stärker werden und damit sich noch weiter vom Feld absetzen. Die richtige Entwicklung? Das möge jeder für sich selbst beurteilen. Aber eines ist damit jedenfalls sicher: Es führt zu einer gewissen Langeweile. Denn Sport heißt ja auch: Neue Geschichten von neuen Gesichtern. Das fehlt.

Wer erzählt jetzt eigentlich was? Werksfahrer (fast) unter sich bei der traditionellen Pressekonferenz der MotoGP.
Wer erzählt jetzt eigentlich was? Werksfahrer (fast) unter sich bei der traditionellen Pressekonferenz der MotoGP. (© Dorna)

2. Das immer gleiche Medien Bla Bla

Und, wie ist es heute gelaufen im Rennen? Ein Fahrer, nennen wir ihn Max Mustermann (der Name ist austauschbar), antwortet daraufhin sinngemäß: Danke an das Team. Die Reifen haben heute gut funktioniert. Ich habe alles gegeben. Es hat heute alles gepasst. Wenn es mal schlecht gelaufen ist, sieht die Antwort übrigens genauso aus, nur umgekehrt. Das war es auch schon. Ach ja, gesagt haben das übrigens die immer gleichen Fahrer, die wir auch schon beim ersten Punkt genannt haben. Denn vom Rest des Feldes sind dann (in der Regel) nur Statements aus der Pressemeldung des Teams zu lesen, die dann brav von allen Medien übernommen wird.

 

Das immer gleiche Bla Bla macht mich in letzter Zeit müde. Klar will und soll niemand sein Team öffentlich in die Pfanne hauen. Das wird, denke ich, auch niemand wirklich erwarten. Aber mir fiel beim letzten Formel 1 Rennen etwas auf, was ich in der MotoGP so noch nicht gesehen haben. Da gibt es einen abgetrennten Platz (vermutlich gibt es dafür einen Namen, den ich aber nicht kenne), wo sich alle (!) Fahrer und interessierte Journalisten nach dem Rennen treffen. Nicht die Podestbesucher (die kommen da eher nicht hin, weil sie ja zur Pressekonferenz müssen), aber der Rest des Feldes. Dort hat jeder anwesende Journalist die Gelegenheit, Fragen an die „Hinterbänkler“ zu stellen. Schöne Nummer, wie ich finde, weil man so eben auch die Chance hat, direkt nach dem Rennen möglichst alle Fahrer vor das Mikrofon zu bekommen. Und eben auch die, die es eben nicht auf das Treppchen und somit in die Pressekonferenz geschafft haben.

 

Moment, höre ich jetzt einige rufen. Man kann die Fahrer doch auch so nach dem Rennen in der Box ansprechen. Da wünsche ich viel Spaß damit. Denn die Realität sieht doch wie folgt aus: Die Boxengasse ist lang und je nach Standort auch zweigeteilt. Außerdem sind die Fahrer da ja auch nicht die ganze Zeit anzutreffen. Und wenn man Fahrer eins noch vor Ort erwischt hat, ist Fahrer zwei vielleicht schon längst verschwunden. Zudem ist es ja auch so, dass die Journalisten oder Fernsehteams nicht mit zehn Leuten vor Ort sind. Man kann also nicht überall gleichzeitig sein. Nein, so ein Media Debrief für alle Fahrer an einem zentralen Ort nach einem Rennen fände ich eine schöne Sache. So hätte man wenigstens die Möglichkeit direkte Fragen zu stellen und wäre nicht nur auf Informationen des Teams angewiesen.

 

Aber damit alleine ist es ja noch nicht getan. Denn schauen wir uns mal bewusst die Meldungen zwischen den Rennen statt. Oftmals sind das nur belanglose Sachen. Tiefgreifende Berichte oder vielleicht auch mal ein spannendes Interview mit einem Fahrer oder einer anderen Person aus dem Paddock? So gut wie nicht vorhanden. Die Frage ist jetzt nur: Machen/wollen es die Journalisten nicht oder stehen auch die Personen aus dem Paddock dafür nicht zur Verfügung? Ich habe viel Verständnis für Fahrer, die neben dem Rennen und ihrem Training auch jede Menge Sponsorentermine wahrnehmen müssen. Ich rede natürlich hauptsächlich von den großen Jungs aus den Werksteams, bei denen die Nachfrage naturgemäß am höchsten ist. Aber wie soll man als Fan, Interessierter oder Medienmensch an interessante Geschichten kommen? Ich denke, gerade abseits des alltäglichen gibt es doch etwas, worüber man mit diesen Leuten sprechen kann. Ist es nicht gewollt oder haben diese Leute tatsächlich nichts zu erzählen oder wollen es vielleicht auch nicht?

 

Damit wären wir am Anfang dieses Punkts, denn die momentane Praxis führt damit automatisch zu Langeweile. Und ich bin ganz ehrlich, auf diese Art von Medien Bla Bla kann ich auch verzichten. Irgendwelche roboterhaften Statements, dafür braucht es keinen vor Ort. Ein bisschen mehr Leine für Fahrer, ein bisschen mehr Interesse von anderer Seite und schon könnte diese Langeweile in mehr Lebendigkeit umschlagen.

Da brannte für einen Tag mal richtig die Hütte in der MotoGP. Brad Pitt beim Besuch von Valentino Rossi in dessen Box 2015 in Silverstone.
Da brannte für einen Tag mal richtig die Hütte in der MotoGP. Brad Pitt als Glamourfaktor beim Besuch von Valentino Rossi in dessen Box 2015 in Silverstone. (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

3. Der MotoGP fehlt der Glamour

Was meint der jetzt damit? Der Sport ist doch glamourös genug. Oder etwa nicht? Na klar. Der Sport sollte beim Sport schon immer noch im Mittelpunkt stehen. Aber man sieht doch die Tendenz und Entwicklung in allen Sportbereichen. Es passiert einfach unheimlich viel Drumherum. Prominente und Stars geben sich in der Formel 1 oftmals die Klinke in die Hand. Der Fußball ist so gesellschaftsfähig geworden, dass er in vielen Bereichen Einzug gehalten hat und als Vorbild oder Bild für Veranstaltungen und Menschen genutzt wird. Doch was passiert in der MotoGP? So wie ich es wahrnehme, so gut wie nichts. Mensch, was war das ein Hallo als Brad Pitt im letzten Jahr in der Boxengasse fröhlich winkte. Und siehe da: Die Bilder gingen durch die Zeitungen. Aber wie oft passiert das?

 

Alltag ist doch eher der, dass die Fahrer und Teams ihre Updates selbst liefern. In sozialen Netzwerken sieht man die klassischen Bilder. Auf oder neben der Strecke am Rennwochenende (logisch), die Bilder am Flughafen oder aber die Bilder beim Training, insbesondere auf dem Fahrrad. Das finde ich auf Dauer: Langweilig. Manches ist Pflichtprogramm, aber manches eben auch nicht. Und so wundere ich mich oft schon etwas über die Ideenlosigkeit. Passiert einfach so wenig oder darf/will man nicht mehr zeigen? Mir ist schon klar, dass Fahrer, die viel in der Öffentlichkeit stehen, auch mal ihre Ruhe haben wollen. Aber ganz ehrlich: Niemand hat sie dazu gezwungen diesen Job auszuüben. Und so ist es nun einmal so, dass bestimmt Dinge einfach mit dazu gehören. Ob ich jetzt das Abendessen fotografiert haben muss? Wohl eher nicht. Das hat mit dieser Art von Glamour, wie ich es meine, nämlich herzlich wenig zu tun.

 

Nein, ich denke eher an den „Verkauf“ der Serie nach draußen, um neue Kreise für sich und den Sport zu gewinnen. Die, die es eh schon mögen, muss man nicht dazugewinnen. Aber es gibt eine Menge Leute, die von dem Sport noch nichts wissen. Und die bekommt man im Zweifel nicht über den Sport alleine eingefangen. Es gibt so viele Möglichkeiten um sich ins rechte oder andere Licht zu rücken, doch warum nutzt das kaum einer oder keiner? So hat man meist die (mehr oder weniger) gleichen Bilder, die gleichen Leute und irgendwie ziemlich wenig Abwechslung. Zusammengefasst: Man präsentiert sich ziemlich langweilig. Und da bringt es auch nichts, ein nettes Fest oder Party im Paddock für einen ganz engen Kreis an Personen zu machen, weil davon nichts nach außen dringt. Man bleibt einfach gerne „unter sich“.

 

Mut zur Veränderung ist das Zauberwort. Nicht nur für sich, sondern den Sport im Ganzen. Veränderung sollte nicht nur des verändern Wollens passieren. Sondern um die MotoGP insgesamt nach vorne zu bringen, sie greifbarer und begehrenswerter zu machen. So wie es ist, ist es manchmal ziemlich langweilig. Es wird Zeit, dieses Rituale aufzubrechen. Und nicht das wir uns falsch verstehen: Meine Liebe zu diesem geilen Sport ist noch lange nicht erkaltet. Manchmal braucht es nur einfach ein frisches Holzscheit, um das Feuer wieder richtig zum Lodern zu bringen.

(Markus Kahl)

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