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Die MotoGP zur Halbzeitpause 2016 - Alles bleibt, wie es ist

Danilo Petrucci 2016 in der MotoGP am Sachsenring für Pramac Ducati
Alles klar zur Halbzeit der MotoGP 2016? (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Die große Änderung war angekündigt. Die Unsicherheit bei Teams und Fahrern war vor dem Start in die Saison 2016 ziemlich groß. Was passiert mit den Reifen? Wie verhält sich die neue Einheitselektronik? Welche Nachteile bekommen Teams wie Ducati, bei denen bestimmt Privilegien wegfallen? Die Antworten fallen ganz unterschiedlich aus.

 

Die mittlere und kleinste Klasse der WM beschäftigte dagegen mehr die Frage, wer die Favoriten für 2016 sein könnten. Johann Zarco als Moto2 Weltmeister 2015 auch wieder für 2016? Und wer folgt Danny Kent in der Moto3 nach seinem Aufstieg eine Klasse höher? Die Lage der Liga zur Halbzeitpause – Eine Analyse.

Der MotoGP Fahrer an sich ist ein sensibles Wesen. Passt eine Abstimmung oder ein Reifen nicht zu 100 Prozent so wie gewünscht, dann kann er unleidlich werden. Es ist aber auch ein sensibles Geschäft. Winzige Änderungen an der einen Stelle, bringen manchmal größere Veränderungen an der anderen Stelle mit sich. Und so war vor Saisonbeginn die ganz große Frage von Bike und Fahrer: Was passiert mit mir? Bridgestone hatte sich als Reifenlieferant nach Jahren zurückgezogen. Insider sagen, die Japaner hatten schlicht keine Lust mehr auf die hohen Ausgaben. So fand ein alter Bekannter den Weg zurück: Michelin. Schon einmal waren die Franzosen Reifenausstatter der MotoGP, ab diesem Jahr übernahmen sie damit die Exklusivausstattung der Bikes. Für beide Seiten natürlich Neuland, denn vor allem die Fahrer und Ingenieure waren ja die Abstimmung auf die Bridgestone gewöhnt. Und Michelin konnte – was völlig klar war – nicht ab dem ersten Tag die gewünschte Mischung wie gewohnt zur Verfügung stellen.

 

Außerdem muss man immer bedenken, dass jeder Reifen seine speziellen Eigenschaften hat. Während bei einem die Seite eher härter konstruiert ist, ist bei einem anderen

beispielsweise die Haltbarkeit besser. Die Kunst war es nun einen Reifen dem Feld anzubieten, der für möglichst viele Fahrer „passte“. Dass das naturgemäß nicht von Anfang an gelingt, liegt auf der Hand. Trotzdem war gerade zu Beginn der Saison der Reifen ein zu großes Gesprächsthema. Denn wenn die Sicherheit von Fahrern nicht gewährleistet werden kann, dann läuft irgendwas nicht optimal. Daher muss man an dieser Stelle einmal an das Desaster aus Argentinien erinnern, wo Scott Redding bei höchster Geschwindigkeit der Reifen auf der Geraden einging.

 

Heute weiß man: Der Michelin verträgt die Kombination aus Gewicht (Redding ist einer der längsten und schwersten Piloten im Feld) und Hitze nicht. Dass es nach Argentinien zu keinen weiteren Ausfällen in ähnlicher Weise kam ist auch darauf zurückzuführen, dass die Bedingungen nicht mehr ähnlich heiß waren. Sollte es jetzt im Hochsommer noch einmal zu ähnlichen Temperaturen kommen (oder z.B. auch in Sepang) bin ich gespannt, wie der Reifen dann reagieren wird. Mittlerweile muss man allerdings zugeben, dass Michelin die Entwicklung vorangetrieben hat. Die Klagen der Fahrer wurden jedenfalls von Rennen zu Rennen weniger.


Immer wieder Gesprächsthema: Die neuen Reifen von Michelin.
Immer wieder Gesprächsthema: Die neuen Reifen von Michelin. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Während man also von der Reifenfront immer wieder viel hört (und teils durch Stürze auch sieht), ist es im Bereich der Einheitselektronik verhältnismäßig ruhig. Bei verschiedenen Teams klagen die Fahrer über Schwierigkeiten, im Großen und Ganzen scheint es aber hier besser zu laufen als erwartet. Am auffälligsten waren (oder sind) die Schwierigkeiten wohl bei Honda. Der Motor gilt als schwer zu zähmendes Biest, eine Erkenntnis, die auch nicht erst seit 2016 bekannt ist. Doch bislang war es den Honda Leuten gelungen, diesen schwer händelbaren Motor durch die eigene Elektronik halbwechs zu zähmen. 2015 gelang das schon nur mehr schlecht als recht. In diesem Jahr sind die Probleme kaum noch zu übersehen. Denn es ist einzig und alleine Marc Marquez (von der Ausnahme Jack Miller im Starkregen von Assen abgesehen), der die Maschine im ganz eigenen Fahrstil auf der Piste zu halten vermag. Die wenigsten klagen hört man von Ducati und auch bei den anderen Werksteams von Yamaha und Suzuki scheinen die Probleme weitaus weniger dramatisch als zunächst noch angenommen.

 

Wenden wir uns nach der Technik denjenigen zu, die das Ganze auch in zählbare Ergebnisse umsetzen müssen. Das Fahrerfeld 2016 hat sich – auch wenn man das im ersten

Moment nicht vermutete – doch ziemlich verändert. Es gab genügend Beobachter die dachten (oder hofften?), dass an der Spitze des Feldes richtig Bewegung reinkommen könnte. Reifen und Elektronik sollten dabei die Hilfestellung sein, um das Feld insgesamt zusammenrücken zu lassen. Beim ersten Blick auf den WM Stand muss man ganz klar sagen: Das ist nicht passiert. Beim zweiten Blick sieht man jedoch, dass sich doch ganz schön was verändert hat. Schauen wir auf die Details.

 

Die Namen Valentino Rossi und auch Jorge Lorenzo hatten wir 2015 ganz vorne in der WM Tabelle. 2015 war es Rossi, der mit 179 Zählern als Führender vom Sachsenring kam. Jorge Lorenzo lag zu diesem Zeitpunkt nur 13 Punkte hinter Rossi. Die Kluft zum Rest des Feldes war aus Rossis Sicht mit über 60 Punkten Abstand zum Drittplatzierten schon mehr als komfortabel. In dieser Saison, ist das Feld der Spitzenleute etwas enger zusammengerückt. Der neue Triumphator heißt momentan Marc Marquez – aber erst durch sein Ergebnis am Sachsenring konnte er diesen Punktevorsprung überhaupt herstellen. Mit 170 Punkten führt er die WM an, aber Jorge Lorenzo (122) und Valentino Rossi (111) folgen mit keinem uneinholbaren Rückstand auf den Rängen zwei und drei. Aus einem Zweikampf 2015, ist ein Dreikampf 2016 geworden.


Wer jetzt jedoch meint, dass die WM schon gelaufen ist, der sollte mit dem Öffnen der Champagnerflasche vielleicht noch ein bisschen warten. Das Marc Marquez nach seinem schwächeren Jahr 2015 zurück auf der Bühne ist, das kann man eindeutig an der Punktetabelle ablesen. 2016 fährt ein (zum Teil) runderneuerter Marquez, den man so in seiner bisherigen Karriere noch nicht erlebt hat. Während es noch 2015 hieß: Sieg oder Kiesbett, erlebt man jetzt einen deutlich gereifteren Fahrer. Bestes Beispiel: Der zweite Platz von Assen in diesem Jahr. Noch in den Jahren zuvor hätte Marquez vermutlich alles daran gesetzt dieses Rennen auf Biegen und Brechen zu gewinnen.

 

Doch 2016 ist das anders. Er selbst sagt, dass er für einen Sieg zu viel hätte riskieren müssen und ein zweiter Platz in diesem Fall genauso viel wert gewesen wäre. Aber natürlich kann Marquez das wilde Tier in sich nicht völlig ablegen, wie man am Sachsenring gesehen hat. Dieser frühzeitige Wechsel auf Slicks, auf dieser noch zum Teil feuchten Piste, das hatte schon was von Gambling. Aber es ist eben der Tanz auf der Rasierklinge, wie ihn kaum ein

anderer Fahrer wie der Spanier vollführen kann. Dieses Mehr an Reife mit dem Schuss Genialität und dem nötigen Glück auf seiner Seite machen den Honda Piloten derzeit zum WM Kandidaten Nummer eins. Allerdings kommt die erste Saisonhälfte Marquez auch immer etwas entgegen, zählen doch z.B. die Strecken in Austin oder auch am Sachsenring zu seinen Lieblingspisten. Aber neben der guten eigenen Form profitiert Marquez auch von der Schwäche seiner Konkurrenten.

 

Schauen wir da zuerst auf Jorge Lorenzo. Seine Saison ist vom Punkteverlauf eigentlich kaum schlechter als im letzten Jahr, allerdings verhagelten ihm zwei Sonderfaktoren ein besseres Abschneiden. Erstens: Die unerwarteten Nuller in Argentinien (Sturz) und Barcelona (von Andrea Iannone abgeschossen). Das wäre noch verkraftbar von den Punkten gewesen, wenn nicht zweitens dieser totale Einbruch bei den letzten beiden Rennen im Regen passiert wäre. Letztes Jahr in Assen noch dritter und am Sachsenring vierter, warf Lorenzo die Punkte durch einen zehnten und 15. Platz in diesem Jahr regelrecht weg.


Marc Marquez in der MotoGP 2016 für Honda am Sachsenring.
Ihn gilt es zu schlagen um in der MotoGP 2016 Weltmeister zu werden: Marc Marquez. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Lorenzo hat grundsätzlich mehr Probleme mit den neuen Michelin Reifen – so war es an vielen Stellen schon zu hören. Insbesondere mit der Regenmischung kommt er gar nicht zurecht, anders ist ein solches Ergebnis nicht zu erklären. Auch 2015 musste er teils einen kräftigen Rückstand auf Teamkollege Rossi in der WM aufholen. Aber ob das 2016 mit diesen offensichtlichen Problemen wieder gelingt? Für Lorenzo kommt die Sommerpause genau zur richtigen Zeit um die Akkus wieder aufzuladen und auch mental neue Kraft tanken zu können. Dass er auch 2016 in der Lage ist um den Titel mitfahren zu können, dass hat er mit den drei bisherigen Siegen in der Saison schon bewiesen. Der Druck wird für ihn jedoch nicht kleiner werden, denn solche Aussetzer wie in Assen oder am Sachsenring sind in den weiteren Rennen schlicht nicht mehr drin. Ein Regenrennen darf auch nicht mehr mit dabei sein, sonst könnte der WM Zug für ihn tatsächlich schon bald abgefahren sein.

 

Ist dieser Zug für den Yamaha Teamkollegen Valentino Rossi vielleicht sogar schon abgefahren? Eins ist klar: Rossi darf man nie, nie und nochmals nie abschreiben. Dafür ist der Italiener einfach zu gerissen und taktisch zu clever unterwegs. Doch so langsam wird einem klar, warum Rossi 2015 wirklich alles dafür tat um seinen zehnten WM Titel einfahren zu können. Die Grundkonstellation hat sich für ihn 2016 komplett geändert. Und vielleicht hat er das im vergangenen Jahr gespürt, dass eine solche Chance

möglicherweise nicht noch einmal kommen würde. Aber bekanntlich ist es erst dann vorbei, wenn es vorbei ist (dafür fünf Euro in das Phrasenschwein). Marquez müsste als WM Leader nur stürzen oder sich verletzen und ganz fix wäre der Vorsprung dahin. 

Aber – und das ist klar – wenn alles so läuft wie bislang, dürfte es für Rossi 2016 verdammt schwer werden, in den WM Kampf noch einmal richtig einzugreifen. Was läuft in dieser Saison nicht so wie noch im letzten Jahr? Es sind die Ausfälle. Drei der acht Rennen konnte Rossi nicht beenden. In Austin und Assen stürzte er, in Mugello ging ihm der Motor hoch. Dazu jetzt das verbockte Rennen am Sachsenring. Das ist es auch schon, was man ihm als „Fehler“ vorhalten kann. Dreimal aufs Podest gefahren wären so ca. 50 bis 60 Punkte mehr. Die Welt in der WM würde komplett anders aussehen.

 

Man kann also schon ein bisschen von Pech reden, denn im Regen zu stürzen, das kann einfach passieren. Schaut man sich nämlich die weiteren Resultate von Rossi an muss man sagen: Er scheint sogar stärker als 2015. Jedenfalls ist er der Einzige im Feld, der es richtig versteht mit den Reifen umzugehen. Rossi hat den Vorteil, schon einmal mit Michelin gefahren zu sein. Ein Vorteil jedoch, den er bislang noch nicht vollumfänglich zu seinen Gunsten einsetzen konnte. Mit dem Yamaha Piloten wird also trotz aller Schwierigkeiten weiter zu rechnen sein – als Verfolger Nummer eins von Marc Marquez.


Valentino Rossi und Jorge Lorenzo in der MotoGP 2016 in Barcelona für Yamaha.
Kämpfen momentan vor allem mit sich: Valentino Rossi und Jorge Lorenzo von Yamaha. Denn der Verfolger lauert schon im Hintergrund: Marc Marquez auf seiner Honda. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Apropos Verfolger. Was ist eigentlich aus dem groß angekündigten und angestrebten Angriff auf die Spitze von Ducati geworden? Um es freundlich zu beschreiben: Das hat wohl nicht wirklich funktioniert. 2015 hatte Andrea Iannone zur Halbzeit 118 Punkte gesammelt, war dritter in der WM. Andrea Dovizioso folgte mit 87 Punkten auf Rang fünf. In dieser Saison muss man in der WM-Tabelle schon deutlich länger suchen um diese Namen zu finden. Iannone mit 63 Punkten nur achter, Dovizioso mit 59 Zählern nur neunter. Was ist da bitte passiert? Die Erklärung scheint gar nicht so einfach, aber vor allem bei Iannone waren es diverse persönliche Fehler, die zu einem solchen Ergebnis führten. Den eigenen Teamkollegen in Argentinien in der letzten (!) Kurve vor der Ziellinie abgeschossen, ebenso Jorge Lorenzo in Barcelona. Vier Rennen ohne Zielankunft – das ist einfach zu wenig um richtig bei der WM Musik mit dabei zu sein. Und auch Teamkollege Dovizioso mit nicht mehr als soliden Leistungen. Eine oder wenige schnelle Runden bekommt das Ducati Werksteam hin, auf die Distanz scheint aber das Jahr 2016 bislang eher ein Rück- als ein Fortschritt zu sein. Ob es aber wirklich an der Maschine liegt? Auf diese Antwort muss man wohl noch bis 2017 warten.

 

Denn dann kommt Jorge Lorenzo zu Ducati. Er wurde geholt, um endlich wieder einen Titel für die Roten zu gewinnen. Dieser Wechsel von Lorenzo, von blau zu rot, war nur einer der vielen Mosaiksteine beim wilden Tausch der Plätze in der MotoGP. Die Wechselgerüchte und Transfers – als silly season bezeichnet – war diesmal im wahrsten Sinne des Wortes 

„verrückt“. Für gewöhnlich startet die heiße Transferphase immer im Sommer. In diesem Jahr war sie mit besonderer Spannung erwartet worden, weil alle Verträge der Fahrer in der MotoGP mit Ablauf der Saison enden. Doch statt wilder Spekulation heißt es in diesem Sommer: Füße hochlegen und die Sonne genießen. Die „silly season“ ist nämlich schon durch, nur noch ein paar ganz wenige Restplätze sind zu vergeben. Den aktuellen Überblick über die Besetzung der Fahrerplätze für 2017 gibt es auch hier. Daher will ich jetzt nicht mit allen Wechseln in der Aufzählung langweilen.

 

Warum ist also 2016 dann für 2017 schon alles so früh erledigt? Die Erklärung dürfte heißen: Planungssicherheit. Und den Stein dafür ins Rollen gebracht hat kein geringerer als Altmeister Valentino Rossi himself. Noch vor dem Start in das erste Rennen der Saison machte Rossi alles klar, unterschrieb einen zwei Jahres Vertrag für 2017 und 2018 bei Yamaha. Damit war die Konkurrenz in Zugzwang, denn die begehrten Plätze bei den Werksteams sind auch immer am schnellsten belegt. Um es vorwegzunehmen: Die ganze große Revolution – finde ich – blieb aus. Letztendlich sollten sich die Wechsel nur als kleine (oder etwas größere) Rochade erweisen. Richtig neu bei den Werksteams ist lediglich Alex Rins, der als Aufsteiger aus der Moto2 ab 2017 für Suzuki an den Start geht. Ansonsten schieben sich die Stars auf dem Spielfeld nur von rechts nach links. Ob ein Wechsel von Lorenzo zu Ducati oder ein Transfer von Vinales von Suzuki zu Yamaha Sinn machen? Die Antwort darauf gibt es erst im kommenden Jahr.


Fahren 2016 bislang ziemlich hinterher: Die Ducati mit Andrea Iannone und Andrea Dovizioso.
Fahren 2016 bislang ziemlich hinterher: Die Ducati mit Andrea Iannone und Andrea Dovizioso. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Auf eine endgültige Antwort müssen wir aus deutscher Sicht auch noch warten. Sicher ist nur: Jonas Folger steigt 2017 in die MotoGP auf, wird einen Platz bei Yamaha Tech3 übernehmen. Von Stefan Bradl werden wir uns aller Voraussicht nach jedoch aus der MotoGP verabschieden müssen. Nach Stand der Dinge wird Bradl in die Superbike WM wechseln – genaues Ziel noch offen. Was mich dabei vor allem umtreibt ist die Frage, wie es soweit überhaupt kommen konnte.

Nach dem halben Desaster Jahr 2015 bei Forward Racing der Wechsel zu Aprilia. Waren die Ergebnisse in der zweiten Saisonhälfte noch ziemlich durchwachsen, kann man in diesem Jahr von durchaus respektablen bis sehr ordentlichen Resultaten sprechen. Was hat man von Aprilia erwartet? Das erste Mal mit einer kompletten MotoGP Eigenkonstruktion angetreten, war von vorneherein klar, dass es hier nicht um den Kampf um die Podestplätze geht. Dauerhaft in den Top 10 zu landen wäre völlig in Ordnung und da muss sich vor allem Bradl vor keinem verstecken.

Außer in Qatar und am Sachsenring kam er immer ins Ziel, immer in die Punkte, vier der acht Rennen beendete Bradl in den Top 10. Resultate, mit denen sowohl der Deutsche wie auch das Team eigentlich ganz zufrieden sein könnten. Doch statt einer Fortsetzung dieser begonnenen Pionierarbeit setzt Aprilia Bradl zum Ende des Jahres den Stuhl vor die Tür. Keine Vertragsverlängerung. Diese Entscheidung bleibt für mich heute noch im Dunkeln, vor allem, wenn man sieht, wer für Bradl von Aprilia verpflichtet wurde. Bradl gehen somit für 2017 die Optionen aus. Nur noch ein kleineres MotoGP Team wie Avintia oder Aspar zeigen Interesse. Doch Bradl will diesen Schritt scheinbar nicht gehen, liebäugelt stattdessen mit dem Wechsel in die Superbike WM. Ob das mit bald 27 Jahren der richtige Schritt ist? Wie man hört, ist der Promotor der MotoGP und der Superbike WM, die Dorna, an einem weiteren Engagement eines Deutschen Fahrers stark interessiert. Daher könnte dieser mögliche Wechsel auch ein Erklärungsgrund sein. Richtig überzeugen tut es mich jedoch nicht.


Stefan Bradl 2016 in der MotoGP für Aprilia am Sachsenring
Einmal tief durchatmen. Stefan Bradl auf der Suche nach einem Motorrad für die Saison 2017. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Und was ist mit dem Rest? Da gibt es durchaus ein paar interessante und spannende Einzelergebnisse. Hier zu nennen ist vor allem Maverick Vinales, des sich so ein bisschen als „the best from the rest“ entwickelt hat. Dominierten in den letzten Jahren immer nur Honda und Yamaha (gelegentlich auch noch Ducati), ist es jetzt Vinales, der sich mit konstanten Plätzen in den TOP 6 an die Spitze herangefahren hat.

Doch zaubern kann das kommende Supertalent (er wechselt 2017 zu Yamaha) auch nicht. Jetzt im Regen von Assen und dem Sachsenring gab es mit den Plätzen neun und zwölf herbe Rückschläge. Als bester Pilot außerhalb der Werksteams hat sich 2016 Pol Espargaro gemausert. Nach kleiner Schwächeperiode 2015 hat er nun den Weg zurück in die Spur gefunden und seinen 

Teamkollegen Bradley Smith klar im Griff. Sollte Espargaro die bisherigen Resultate auch in der zweiten Saisonhälfte weiterführen können, könnte 2016 das bislang erfolgreichste Jahr in seiner MotoGP Karriere werden.

 

Als „one hit onder“ oder „king of the wet“ haben sich Jack Miller und auch Scott Redding gemausert. In den Rennen vor den Regenschlachten von Assen und dem Sachsenring eher mit unauffälligen Ergebnissen, setzen beide Piloten im Nassen ein Highlight. Redding mit einem dritten und vierten Rang und Miller sogar mit einem Sieg in Assen. Zeigt: Beide verfügen über entsprechendes Potential, was sie jetzt „nur“ noch auf ein trockenes Rennen übertragen müssten. Ob das gelingt, werden wir in der zweiten Saisonhälfte genau beobachten.


Neben den großen Jungs wollen wir aber auch die kleineren Klassen nicht vergessen. Zuerst der Blick auf die Moto2. Alles läuft wie erwartet und doch auch irgendwie nicht. Die Namen Johann Zarco, Alex Rins und auch Sam Lowes hatte man schon vor Saisonbeginn ganz vorne erwartet. Allerdings, da bin ich ehrlich, doch in einer etwas anderen Reihenfolge. Nach teils sehr ordentlichen Ergebnissen in seinem Rookie Jahr war Alex Rins für mich der ganz große Favorit auf den Titel 2016. Klar, mit 25 Punkten Rückstand auf WM Leader Zarco ist der Titel auch weiterhin in Griffweite. Trotzdem hatte ich gedacht, dass er 2016 zum großen Dominator in der Moto2 wird. Umso mehr überrascht mich der amtierende Weltmeister Johann Zarco. Sein Start in die Saison verlief etwas holprig, in Qatar nur zwölfter, beim Heimrennen in Frankreich gar nur 24er. Ein schwächeres Jahr nach einem Titel wäre beileibe keine Überraschung gewesen. Doch Zarco hat – scheinbar – den alten Hunger wiedergefunden. Drei Siege in den letzten vier Rennen, dazu ein zweiter Platz – das sind Resultate, die Zarco derzeit zum Topanwärter auf eine Titelverteidigung machen. Dazu noch sein fixer Aufstieg in die MotoGP 2017 – es könnte derzeit kaum besser laufen für den Franzosen.

 

Ziemlich enttäuschend ist dagegen die derzeitige

Performance von Sam Lowes. Nur ein Podestplatz aus den letzten fünf Rennen (dritter in Mugello), das ist eigentlich zu wenig für jemanden, der konstant um den Titel mitfahren will. Es scheint bei Lowes das alte Problem zu sein: Die fehlende Konstanz. Immer wieder überzeugt der Brite mit schnellen Runden und guten Ergebnissen im Training. Aber die dauerhaften Resultate ganz vorne im Feld, die bleiben immer wieder mal aus. Es wird sehr interessant zu beobachten sein, wie sich Lowes in der MotoGP entwickeln wird. Er hat für 2017 ja schon einen Vertrag bei Aprilia in der Tasche.

Neben Lowes, müssen wir auch noch einen Blick auf den viertplatzierten in der WM werfen. Der Dauerbrenner Tom Lüthi. Seit 2007 fährt der Schweizer in der mittleren WM Klasse. In den letzten Jahren immer konstant unter den TOP 6. Der große Angriff auf den Titel: Es hätte 2016 klappen können und sollen. Toller Auftakt mit dem Sieg in Qatar, doch dann war es auch schon wieder vorbei mit der Herrlichkeit. Zwei Ausfälle im Regen zuletzt, ansonsten immer in den Top 7. Das ist wieder einmal sehr solide, aber eben auch nicht mehr. Lüthi feiert in diesem Herbst seinen 30. Geburtstag. So sehr ich es diesem feinen Sportsmann gönnen würde, aber ich befürchte, mit einem Titelerfolg wird es auch 2016 wieder nichts.


Johann Zarco 2016 in der Moto2 am Sachsenring
Weltmeister 2015 in der Moto2. Auch 2016? Johann Zarco. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Damit kommen wir zum nächsten „Problemfall“ oder sollte ich besser sagen Problemfällen? Die Bilanz der deutschen Fraktion in der Moto2 schwankt zwischen himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Es sollte das Jahr für Jonas Folger werden. Und selten standen die Vorzeichen besser. Denn: Folger wechselte zu Saisonbeginn zum perfekt aufgestellten IntactGP Team. Deutscher Fahrer in heimischem Team, das sollte die große Erfolgsgeschichte werden. Die Saison fing gut an, Folger bei den Rennen immer an der Spitze mit dabei. In Qatar in Führung liegend raus, Argentinien und kurz danach Jerez endeten auf dem Podest. Dann kam die Verkündung des Aufstiegs in die MotoGP zu Tech3 und damit endete die Erfolgsbilanz abrupt. Ausfall, P15, P10. Resultate, die nicht hilfreich sind, um einen WM Titel zu holen. Die Gründe dafür? Blieben im Dunkeln. Denn sowohl Team wie auch Fahrer schienen vor einem kleinen Rätsel zu stehen. Jetzt am Sachsenring die Rückkehr zum technischen Stand des Bikes aus Jerez und sieh da: Direkt ein zweiter Platz, haarscharf am Sieg vorbei. Der Titel dürfte weg sein, dafür ist der Rückstand auf P1 einfach zu groß. Aber vielleicht gelingt es Folger ja noch, einen positiven

Ergebnisschwung zu erzeugen, der ihn mit entsprechender Euphorie in die MotoGP tragen kann.

 

Wenn wir auf die anderen beiden deutschen Fahrer schauen, wird die Bilanz deutlich dusterer. Ich will es an der Stelle auch kurz halten, denn eine längere Analyse hatte ich schon bei den Notizen am Sachsenring zu Sandro Cortese und Marcel Schrötter gemacht. Nur so viel: Für beide eine bislang ziemlich enttäuschende Saison. Mit großen Zielen war Schrötter angetreten, zur Halbzeit steht jedoch die bittere Erkenntnis, dass es auch auf einem Wunschbike mit den Ergebnissen kaum besser läuft als im Vorjahr. Und warum Sandro Cortese nicht auf Touren kommt? Das bleibt wohl das sahnige Geheimnis von Philadelphia – oder das von Cortese. Top Team, gute Voraussetzungen, viel Erfahrung (es ist bereits Corteses viertes Jahr in der Moto2). Doch es läuft nichts zusammen. Die schlechteste Punkteausbeute aller Zeiten in der Moto2, da wird dann auch der mentale Druck immer größer. Es wäre Cortese und auch Schrötter zu wünschen, den Schalter in der Sommerpause zum besseren hin zu finden.


Jonas Folger in der Moto2 2016 am Sachsenring
Aufsteiger: Für Jonas Folger geht es 2017 in die MotoGP. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Marcel Schrötter 2016 in der Moto2 am Sachsenring für das AGR Team
Gleichschritt: Trotz Vollgas geht es für Marcel Schrötter nicht voran. (© Ronny Lekl)
Sandro Cortese 2016 am Sachsenring in der Moto2 für Intact GP
Absteiger: Es droht die schlechteste Moto2 Saison aller Zeiten für Sandro Cortese. (© Ronny Lekl)

Mit die größte Spannung herrscht bekanntlich immer in der Moto3. In keiner WM Klasse geht es so eng zu, in keiner Klasse liegen Freude und Leid so eng zusammen. Deswegen macht es einem die Moto3 auch sehr schwer, wirklich seriöse Prognosen für die Spitze abzugeben. Klar: Vor Saisonbeginn hatte man seine Favoriten auf dem Zettel stehen. Jorge Navarro, Enea Bastianini, Brad Binder, Romano Fenati und auch Fabio Quartararo. Doch wie das immer so ist, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Drei dieser Namen sind tatsächlich auch die drei Führenden in der Moto3 WM. Vor allem Brad Binder beeindruckt dabei in teils fantastischer Art und Weise. Sein Husarenritt in Jerez – vor letzten Startplatz aus zum Sieg – ist schon ein Rennen, was in die Geschichtsbücher eingehen wird. Ansonsten glänzte Binder vor allem durch Konstanz. Diese Qualität ist es, die ihm einen guten, aber keinen uneinholbaren Vorsprung in der WM beschert hat. Und man muss auch ehrlich sein: Binder profitiert natürlich auch vom Ausfall von Jorge Navarro, der wegen seiner Verletzung das Rennen in Assen absagen musste.

 

Neben diesen beiden WM Führenden gibt es aber auch einige Überraschungen – negativ wie positiv. Sicher nicht so wie

erwartet verläuft die Saison für Romano Fenati. Schon 2015 wurde er als Titelkandidat gehandelt, so auch in diesem Jahr. Nach der Hälfte der Saison hat er über 60 Punkte Rückstand auf Platz eins – das ist schon ein Brett. Sein Problem ist die mangelnde Konstanz. Es sind zu viele Rennen, in denen er nicht mit der Spitze mitfahren kann – zu wenig für einen echten Titelkandidaten. Enttäuschend auf ganzer Linie ist bislang auch Enea Bastianini. Im letzten Jahr war er mittendrin im Titelkampf, galt durch den Aufstieg von Danny Kent und Miguel Oliveira schon so ein bisschen als natürlicher Nachfolger.

 

Aber 2016 ist bislang ein Desaster für ihn. Nur Rang sechs nach neun Rennen, dass hatte sich der Italiener sicher anders vorgestellt. Was ist sein Problem? Das ist eine gute Frage. Vielleicht sind es auch noch die Nachwehen von 2015. Zum Ende der Saison kam es zwischen Bastianini und seinem Team zum Zerwürfnis, weil der Italiener trotz laufenden Vertrags unbedingt das Team verlassen wollte. Das klappte, wie man weiß, nun nicht. Hatte man deshalb Schwierigkeiten um sich wieder zusammenzuraufen? Zuletzt zeigte die Formkurve wieder deutlich nach oben. Vielleicht ein Zeichen, dass sich die Wogen dort wieder geglättet haben.


Khairul Pawi in der Moto3 am Sachsenring 2016
Der Regengott der Moto3, der Kreise um die Konkurrenz fährt: Khairul Pawi. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Brad Binder in der Moto3 in Assen 2016
Warum so skeptisch, Brad Binder? Schließlich führt der Südafrikaner die Moto3 WM zur Halbzeit an. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Positive Überraschungen gibt es in dieser Moto3 Saison zuhauf. Erst einmal ist dort der Regenmann Khairul Pawi zu nennen. In den beiden Regenschlachten von Argentinien und auch vom Sachsenring fuhr er Kreise um die Konkurrenz, gewann bei unmöglichen Bedingungen jeweils mit einem unfassbaren Vorsprung. Einzig und alleine: Diese Qualität kann er im trockenen noch nicht zeigen. Aber auch hier scheint es nur eine Frage der Zeit. Ebenso wie Pawi gehören die Namen Francesco Bagnaia, Nicolo Bulega und auch Fabio Di Giannantonio auf die Plus Seite der bisherigen Saisonbilanz. Bulega und Di Giannantonio: Beide als Rookies in ihrer ersten Saison – dafür machen sie ihre Sache wirklich sehr, sehr gut.

Beide schon mit Podestbesuchen. Die Ansätze sind jedenfalls sehr vielversprechend. Bagnaia schaffte in seiner vierten Saison den ersten Sieg und dazu drei dritte Plätze. Eine Entwicklung bei den Ergebnissen, die man von ihm nicht unbedingt erwartet hätte.

 

Halbzeit in der Motorrad Weltmeisterschaft. Einige verrückte Geschichten konnten wir schon erleben, auf die nächsten freue ich mich. Doch jetzt heißt es für alle erst einmal: Füße hochlegen und einen feinen Drink genießen, bevor nach der Sommerpause die Premiere der MotoGP in Österreich auf dem Programm steht.

(Markus Kahl)


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