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Die MotoGP Notizen aus Spielberg 2016

Andrea Iannone und Andrea Dovizioso für Ducati 2016 in der MotoGP in Spielberg
Hatten allen Grund zum Strahlen: Andrea Iannone siegt vor Andrea Dovizioso auf Ducati in Spielberg. (© Dorna)

Wie eine Fata Morgana, so nah und doch so weit, wie eine Fata Morgana. Abrakadabra! Und fort war sie. Was dieser Textauszug einer Österreichischen Popgruppe mit dem MotoGP Rennen in Spielberg zu tun hat? Sehr viel, wie sich im Laufe des Wochenendes herausstellen sollte. Bei der Rückkehr nach Österreich gab es einige Überraschungspakete. Die Strecke, das Drumherum und natürlich einige Fahrer mit einer Sahneleistung. Was war los? Wir schauen auf die Momente des Rennens in den Notizen aus Spielberg.

 

Kennt noch jemand die Erste Allgemeine Verunsicherung? Eine Popgruppe aus Österreich, die vor allem in den 80er und 90er Jahren große Erfolge feierte. Ein Song hieß Fata Morgana und irgendwie passt dieses Lied wunderbar zu diesem MotoGP Lauf. Warum. Na, ist doch klar. Erstens gab es die große Rückkehr nach Österreich – erstmals wurde dort nach 19 Jahren wieder ein MotoGP Rennen ausgetragen. Und zweitens wegen Ducati. Bitte? Was hat denn eine Fata Morgana mit Ducati zu tun?

 

Ach, das ist doch eigentlich ganz einfach. Sechs Jahre lang jagte die rote Truppe aus Bologna einem Sieg in der MotoGP hinterher. Immer wieder gab es Rennen, wo der Triumph wie eine Fata Morgana zum greifen nah schien und am Horizont auftauchte. Doch immer gab es nur Blech zu ernten. Einige Podestplätze waren mit dabei, doch der Platz ganz oben auf dem Treppchen blieb der italienischen Crew lange verwehrt. Diesmal passte aber alles und so war das Rennen in Österreich ein doppeltes Comeback mit Ansage. Schon bei den Tests wenige Wochen zuvor hatte Ducati mit Bestzeiten das Feld dominiert. Auch die Strecke schien wie für sie gemacht. Doch wie das oftmals so ist. Ein paar schnelle Runden machen noch keinen Rennsieg.

 

Schließlich gibt es auch andere Hochgeschwindigkeitsstrecken, die wie für Ducati gemacht scheinen. Doch für einen Sieg hat es viele Jahre nicht gereicht. Wer jetzt also glaubte, ein Erfolg für Ducati wäre in Spielberg ein Selbstläufer, der wurde im Rennen selbst eines besseren belehrt. Viele Beobachter hatten mit einem klaren Ducati Sieg gerechnet. Dass die Yamaha Piloten Jorge Lorenzo und Valentino Rossi dann so im Windschatten kleben bleiben konnten, dass war eine der Überraschungen des Wochenendes. Was war also jetzt das Erfolgsgeheimnis für den Triumph der Italiener? Einmal natürlich die Strecke selbst, die durch ihre langen Gerade prädestiniert war für die Power der Maschinen. Dann aber auch die clevere Strategie. Die Ducati Crew hatte sich für ein gutes Reifenmanagement entschieden, setzte nicht gleich zu Beginn auf die volle Power, sondern gab diese erst zur Mitte des Rennens voll frei. Vorteil: Mehr Kraft bis zum Ende und auch keine Reifen, die eben schon zur Hälfte des Rennens im Eimer waren.

Ein dickes Lob gilt in diesem Moment auch den beiden Piloten, insbesondere Sieger Andrea Iannone. Viel Prügel hatte Iannone – zu Recht – in den letzten Rennen einstecken müssen. Doch diesmal machte er alles richtig. Er blieb ruhig, er blieb besonnen und er fuhr clever. Das er den Speed für die Spitze hat, das muss Iannone keinem mehr beweisen. Sein Problem war bislang nur, dass er immer wieder durch dämliche Aktionen (wie z.B. in Argentinien, wo er eine Kurve vor der Ziellinie seinen Teamkollegen Dovizioso von der Strecke räumte) das zuvor aufgebaute kaputt gemacht hatte. Diesmal hielten die Nerven jedoch und man spürte bei Iannone, dass er diesen Sieg mit aller Macht wollte. So sehr sich sein Teamkollege Andrea Dovizioso auch bemühte, mehr als ein zweiter Platz war an diesem Tag am Ende einfach nicht drin. Die Frage für Ducati bleibt jedoch nun: War es streckenbedingt eine Eintagsfliege oder kann ein solcher Erfolg auch an anderem Platz fortgesetzt werden?

 

Ein kleines Comeback feierte auch Yamaha Pilot Jorge Lorenzo. Nach zwei Rennen, in denen er – im wahrsten Sinne des Wortes – abgesoffen war, gelang mit dem dritten Platz ein gefühlter Sieg. An den Ducati war kein Vorbeikommen möglich, auch wenn der Abstand nicht eben groß war. Aber sowohl Lorenzo wie auch die Ducati fuhren ihr Rennen am Limit. Wie war dieser dritte Platz für den Spanier also nach dieser Schwächephase wieder möglich? Ganz einfach: Es regnete nicht. Außerdem hatte Lorenzo die Temperaturen auf seiner Seite. Er ist derjenige, der mit der Reifenumstellung auf Michelin mit am meisten Probleme unter den Topfahrern hat. Die Reifen müssen für Lorenzo in einem ganz bestimmten Temperaturfenster arbeiten können und das war in Spielberg für ihn der Fall. Gegen die Ducati Power hatte er nichts mehr im Köcher, die Konkurrenz hinter ihm konnte er mit dieser Leistung jedoch ziemlich bequem in Schach halten. Somit alles wieder gut? Ein „ja“ bekommt Lorenzo von mir erst wieder, wenn er eine ähnliche Form auch in Brünn bestätigen sollte.

Stefan Bradl für Aprilia in der MotoGP 2016 in Spielberg
Was war da bitte los? Bei Aprilia - hier Stefan Bradl - flogen nach dem Rennen dei Fetzen. (© Aprilia Racing Team Gresini)

Die großen Überraschungen mit ganz unbekannten Namen an der Spitze blieben in Österreich diesmal aus, dafür waren die Bedingungen einfach zu „normal“. Überraschend war jedoch das Theater, das sich ganz hinten im Feld abspielte. Aprilia - mit Stefan Bradl und Alvaro Bautista – hatte schon schwierige Startplätze erwischt. Dann kam es im Rennen ziemlich dicke. Beide Piloten mit Fehlstart und anschließender Durchfahrtsstrafe. Das Rennen damit quasi schon gelaufen. Für Stefan Bradl kam es noch ein bisschen arger, denn eine scheinbare Alarmfunktion auf seiner Cockpitanzeige zwang den Bayern zu einem weiteren unplanmäßigem Boxenstopp. Die Crew zeigte ihm gleich an, „weiterfahren, alles OK“, doch das war für Bradl in der Anzeige nicht erkennbar. Zweimal in die Box bedeutete am Ende den letzten Platz im Rennen. Warum diese Alarmfunktion losging, ließ sich auch im Nachhinein nicht eindeutig klären.

 

Allerdings holte der Chef von Aprilia danach zum Rundumschlag aus und stellte die Fahrer mit harschen Worten in die Ecke. „Man erwarte ein professionelleres Verhalten der Fahrer, insbesondere beim Start. In Österreich wäre mindestens ein Top 10 Ergebnis möglich gewesen“, so wird Rennchef Romano Albesiano zitiert. Kopfschütteln, nicht nur bei mir. Ich weiß ja nicht, welche Fähigkeiten in die Maschine reininterpretiert werden, aber es sind meiner Beobachtung nach noch keine Bikes, die tatsächlich in die Top 5 vorstoßen können. Wenn ein Rennen wie in Österreich passiert, bei dem es quasi keine Ausfälle gibt, dann ist es für Aprilia momentan noch sehr schwer, aus eigener Kraft in die höheren Punkteränge zu kommen. Kritik an Stefan Bradl habe ich an unterschiedlicher Stelle schon oft anklingen lassen, aber in diesem Fall schießt die Aprilia Führung über das Ziel hinaus.

 

Klar, der Fehlstart geht auf die Kappe der Fahrer. Aber das ist schon ganz anderen Leuten passiert. Für mich kein Grund, in dieser Form über die eigenen Piloten herzufallen. Aber wer weiß: Vielleicht ist der Druck seitens der Vorstandsebene auf die eigenen Crew auch schon größer geworden, weil das Projekt Unmengen an Geld verschlingt, aber in der Kürze der Zeit nicht die gelieferten Ergebnisse erbringt. Man kann nur rätseln, was der tatsächliche Grund dieses Wutanfalls ist.

Marcel Schrötter 2016 in der Moto2 für das AGR Team in Spielberg
Mischt in der Moto2 vor malerischer Kulisse voll mit: Marcel Schrötter in Spielberg. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Grund für Wut gab es für einen Piloten in der Moto2 wenn nur ganz kurz. Natürlich will ein Rennfahrer immer ganz vorne landen. Für ihn ist der zweite Platz der erste Verlierer im Rennen. Trotzdem muss man sagen: Das war für Marcel Schrötter endlich die Vorstellung, die man ihm schon im ganzen Jahr gewünscht hat und auf die man vielleicht auch schon so ein bisschen gewartet hatte. Lange hielt Schrötter zu Beginn mit der Spitze mit, führte das Rennen auch ein paar Kurven einmal an. Entgegen vieler Rennen zuvor verlor er diesmal aber nicht gleich wieder an Boden, sondern pendelte sich kurz hinter den Podestplätzen ein. Kleinste Fehler werden an der Spitze nicht verziehen und so musste sich Schrötter mit einem fünften Platz begnügen. Trotzdem: Es war die beste Platzierung seiner Karriere und es zeigt, dass da nach vorne für ihn doch noch einiges möglich ist. Es ist ihm zu wünschen, dass er diese Qualität auch kompensieren kann um sie auch bei den nächsten Rennen abrufen zu können.

 

Wesentlich zurückhaltender fällt der Applaus für die anderen beiden deutschen Piloten aus. Jonas Folger nach einem Verbremser im Kies. Er kann die Maschine dort nicht halten, sie fällt um und damit auch alle Chancen auf eine bessere Platzierung. Er fährt das Rennen zwar noch zu Ende, landet aber im Ziel nur abgeschlagen auf dem letzten Platz. Wirklich prickelnd ist auch das Resultat bei Sandro Cortese nicht. Nach einem Rennen ohne Höhepunkte fährt er auf Platz elf. Ganz ehrlich: Für jemand mit seinen Ansprüchen und der Qualität des Teams ist das einfach zu wenig. Das muss ich leider an dieser Stelle einmal sagen.

 

Wie von anderen Kräften getragen ist diesmal wieder Johann Zarco unterwegs. Der Start von ihm ist eher mittelmäßig, aber die gezeigte Rennqualität dafür umso beeindruckender. Mit kompromissloser Härte fährt er Stück für Stück nach vorne und gewinnt dieses Rennen am Ende ziemlich souverän. Zarco ist, schon vor der Sommerpause, in kompletter WM Form. Vier der letzten fünf Rennen hat er gewonnen und so ist es keine gewagte Prognose zu sagen, dass der Franzose in dieser Verfassung der erste Pilot sein könnte, der einen Moto2 Titel verteidigt.

Brad Binder, Joan Mir, Enea Bastianini, Fabio Quartararo und Philipp Oettl in der Moto3 2016 in Spielberg
Der Wahnsinn in Tüten. Fünf Fahrer im Kampf um den Sieg in der Moto3 in Spielberg. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Zum Rennen der kleinsten WM Klasse fällt mir nur ein Satz ein. Das! War! Unfassbar! Ganz ehrlich: Deswegen ist es schon meine Lieblingsklasse in der Weltmeisterschaft. Was die Kollegen Joan Mir, Brad Binder, Enea Bastianini, Fabio Quartararo und Philipp Oettl da runtergefahren haben; da kommt man aus dem applaudieren nicht mehr heraus. Das war Motorsport mit Sahnehäubchen, spannender geht es nicht. Diese fünf Herren im Ziel innerhalb von 0,6 Sekunden – da kann man nicht mehr unbedingt von Können sprechen um am Ende vorne zu liegen.

 

Überraschend für mich: Die Überlegenheit der KTM in Österreich. Bis auf Bastianini nur KTM an der Spitze. Dazu vor allem Leopard ganz stark mit dabei. In dieser Art und Weise hat man sie die ganze Saison noch nicht erlebt. Der Pechvogel des Jahres 2016 bleibt für mich Fabio Quartararo. Erst lief es nicht gut und dann kam auch noch Pech dazu. So lässt sich seine Saison wohl zusammenfassen. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr muss er sich um eine Streichholzlänge Rückstand geschlagen geben. Mit 0,008 Sekunden Rückstand landet er hinter Bastianini auf Rang vier. Es will für das Supertalent aus Frankreich einfach nicht laufen. Man kann das Glück nicht erzwingen, aber man kann daran arbeiten, dass es irgendwann zu einem zu Besuch kommt. Wenn Quartararo diese Form auch in die nächsten Rennen mit herübernehmen kann, sollte dieser angestrebte Podestplatz bald erreichbar sein.

 

Ohne Pause geht es nach Österreich eine Woche später direkt weiter in Brünn. Sofort Gelegenheit um eine gute Form zu bestätigen oder eine Scharte wieder auszumerzen.

 (Markus Kahl)

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