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Die MotoGP Notizen aus Brünn 2016

So sieht ein glücklicher Teamchef aus. Lucio Cechinello feiert den Sieg seines Fahrers Cal Crutchlow in Brünn.
So sieht ein glücklicher Teamchef aus. Lucio Cechinello feiert den Sieg seines Fahrers Cal Crutchlow in Brünn. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Man könnte glatt meinen, Petrus sei zum MotoGP Fan geworden. Und da ihm ein Rennen unter gewöhnlichen, trockenen Bedingungen einfach zu langweilig ist, bringt er in diesem Sommer einfach ein bisschen mehr Spannung rein. Drei der letzten vier Rennen in der MotoGP im Regen. Jedes mal ein Lotteriespiel, mit einem Sieger: Marc Marquez. Wer jetzt denkt, der Onkel, der das hier schreibt, kann nicht mal richtig einen Namen von der Ergebnisliste abschreiben empfehle ich jetzt unsere Notizen aus Brünn.

 

Meine Herren, machen sie bitte ihr Spiel. Der Croupier nimmt anschließend die Kugel und wirft sie in den Roulettekessel. Kugel und Scheibe bewegen sich, bis die Kugel in eine Vertiefung der Scheibe fällt. Heraus kommt, tata, ein Sieg oder eben ein ziemliches Debakel. Bevor jetzt einige schon zum Telefonhörer greifen weil sie denken, der Schreiber braucht medizinische Betreuung, die seien beruhigt. Denn was war bei der MotoGP in den letzten drei von vier Rennen denn bitte so anders? Wer konnte mit Sicherheit sagen, wie ein Regen im nassen ausgeht? Wer hatte die richtige Reifenstrategie gewählt? Wer hat vielleicht Pech und rutscht auf einem feuchten Stück von der Strecke? Wie beim Roulette war es: Nicht vorhersehbar.

 

Am Samstag sah in Brünn noch alles perfekt aus. Trockene Bedingungen, purzelnde Streckenrekorde. Irgendwie wirkten alle happy. Doch am Sonntagmorgen war Schluss mit lustig. Es kübelte aus Eimern. Die Wetterprognose sagte jedoch: Punkt 14 Uhr hört es auf zu regnen. Genauso kam es dann auch. Deswegen wurde der Start der MotoGP auch zum großen Reifenpoker. Regenreifen waren Pflicht. Die Frage war nur: Welche? Würde die Strecke komplett nass bleiben und es noch einmal regnen, wäre der softe Reifen für vorne und hinten Pflicht. Würde es jedoch leicht abtrocknen, wäre der harte Vorder- und Hinterreifen am besten funktionieren. Bei deutlich trockeneren Verhältnissen wäre der Wechsel des Bikes auf Intermediates oder sogar Slicks im Rennen notwendig.

Sieger unter sich. Cal Crutchlow lässt mit Valentino Rossi und Marc Marquez die Champagnerkorken knallen.
Sieger unter sich. Cal Crutchlow lässt mit Valentino Rossi und Marc Marquez die Champagnerkorken knallen. (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

Nach dem Rennen wissen wir: Cal Crutchlow hatte den besten Wetterfrosch in seinen Reihen. Denn als einer von drei Fahrern setzte er auf die harte Mischung der Regenreifen vorne und hinten. Ob Crutchlow auch in den ersten Runden schon dachte, dass er da auf die richtigen Reifen zurückgegriffen hätte? Ich kann es mir kaum vorstellen. Denn seine Platzierung fiel zu Beginn erst einmal wie ein Stein nach unten. Von Position zehn ins Rennen gegangen, lag Crutchlow nach einer Runde auf Platz 15. Von da aus sollte tatsächlich noch ein Sieg möglich sein? Wie wir jetzt wissen, war das möglich – und wie. Denn genau wie von ihm und seiner Crew kalkuliert, blieb die Strecke nass, aber nicht zu nass. Sie wurde trockener, aber eben nicht zu trocken. Ein Wechsel auf eine Maschine mit anderer Bereifung war nicht notwendig und so konnte Crutchlow mit den Reifen Rundenzeiten fahren, von denen anderer Piloten nicht mal träumen konnten.

 

Beispiel gefällig? Knapp zur Mitte des Rennens führt noch Andrea Iannone das Feld an. In Runde zwölf fuhr er eine Zeit von 2’10.236. Was machte derweilen Crutchlow? Der brannte eine 2’08.526, also eine fast zwei Sekunden schnellere Zeiten, auf den Asphalt. Das setzte sich Runde für Runde so fort. Crutchlow hatte neben dem richtigen Riecher und Können aber auch das Glück ein Stück auf seiner Seite. Denn im Vergleich zum Sachsenring trocknete die Strecke tatsächlich nicht in dieser Geschwindigkeit ab, wie man das vielleicht hätte erwarten können. Ein dickes Plus bei dieser Reifenwahl. Hätten wir ähnliche Verhältnisse wie in Deutschland erlebt, wer weiß, ob das Rennen auch so günstig für Crutchlow ausgegangen wäre. So erlebte er jedoch in Brünn den besten Rennsonntag seiner Karriere mit seinem ersten Sieg in der MotoGP.

 

Neben Crutchlow als Gewinner des Rennens kann man auch anderen Fahrern nur ganz dick zu ihrer Platzierung gratulieren. Valentino Rossi und auch Marc Marquez machten auf den Plätzen zwei und drei auch (fast) alles richtig. Einzig und alleine der weichere Frontregenreifen musste (zu) lange geschont werden. Das machten die beiden jedoch hervorragend, rieben sich zu Beginn nicht mit harten Manövern so auf, dass es am Ende den Reifen zerlegen sollte. Gerade Rossi hatte zu Beginn massiv zu kämpfen um Anschluss an die Vorderleute zu bekommen, während Marquez seine Platzierung von Beginn an besser managen konnte. Ihm war von Anfang an klar: Ich muss hier nicht mit der Brechstange einen Sieg herausfahren. Nahe bei Rossi und/oder Lorenzo als Platzierung reicht, alles andere ist zu riskant. Somit verwaltete Marquez – wie schon in Assen und in Spielberg – seine Platzierung. Immer im Fokus bei ihm: Die WM und nicht das einzelne Rennen. Das ist verdammt clever, denn so wird man Weltmeister. Von daher kann und muss man ihn als den großen Gewinner der Regenrennen nennen.

Andrea Iannone und Andrea Dovizioso für Ducati 2016 in der MotoGP in Brünn
Ducati hatte in Brünn mehr mit sich als mit den Gegnern zu kämpfen. Andrea Iannone und Andrea Dovizioso flogen nämlich die eigenen Reifen regelrecht um die Ohren. (© Ducati)

Wo Gewinner sind, da sind dann auch Verlierer. Und wieder einmal ist bei einem Regenrennen Jorge Lorenzo auf dieser Liste zu finden. Wie kann das sein? Im Gegensatz zum Sachsenring oder auch zu Assen, hatte Lorenzo in Brünn nur eine Teilschuld an seinem schlechten Resultat. Wie ein Crutchlow oder auch ein Rossi fiel Lorenzo zu Beginn des Rennens weit zurück. Die Zeit für seinen harten Hinterreifen sollte erst (wie bei anderen Fahrern) im Laufe des Rennens kommen. Alles lief für Lorenzo mehr oder weniger wie bei der Konkurrenz. Stück für Stück, Runde für Runde konnte er seinen Rückstand aufholen. Doch sieben Runde vor dem Ende musste er zwangsweise in die Box, weil sich ein Stück Reifen von der Lauffläche verabschiedet hatte. Zuerst nicht sichtbar – weder für Zuschauer oder seine Boxencrew – doch dann offensichtlich. Sieben Runden hätte dieser Reifen unter keinen Umständen mehr gehalten. Lorenzo also auf Slicks wieder raus, doch das ging bei zu nassen Verhältnissen gerade einmal eine Runde gut. Wieder zurück auf die andere Maschine – diesmal mit neuem Vorderreifen. Und siehe da: Der Spanier fuhr plötzlich die gleichen Zeiten wie die Spitze, doch der Zug war aufgrund des Rückstands bereits abgefahren.

 

Was hatte Lorenzo also falsch gemacht? Oder war es einfach nur Pech? Teamkollege Valentino Rossi war schließlich mit der gleichen Reifenmischung unterwegs. So wie es sich jetzt darstellt, war es vor allem wohl Pech. Denn Rossi fuhr zu Beginn schnellere Zeiten als Lorenzo. Die Belastung für seinen Reifen müsste somit also höher gewesen sein. Schließlich war es nicht nur Lorenzo, dem der Reifen um die Ohren flog. Auch die beiden Ducati von Andrea Iannone und auch Andrea Dovizioso erwischte es. Bei Iannone löste sich die Lauffläche erst rund drei Runden vor dem Ende, Dovizioso war wesentlich früher dran. Das richtige Reifenmanagement ist immer auch eine Frage des persönlichen Fahrstils. Dass sich allerdings Teile der Lauffläche verabschieden, dass ist für einen Reifenhersteller der Super-Gau. So etwas darf nicht passieren. Andere Probleme von Michelin waren ja auch schon in Argentinien aufgetreten. So richtig im Griff scheinen die Franzosen die ganze Sache noch nicht zu haben. Da kann man Fahrer wie Lorenzo schon verstehen, wenn sie nach dem Rennen auf den Hersteller wettern.

Neben den großen Namen waren es aber in Brünn vor allem aber auch die kleineren Teams, die mit den widrigen Bedingungen perfekt umgehen konnten. Loris Baz auf Rang vier, Teamkollege Hector Barbera auf Platz fünf, dazu noch Eugene Laverty auf Platz sechs. Namen, die man für gewöhnlich an solcher Stelle nicht findet. Alles richtig gemacht an diesem Sonntag. Und was war mit Stefan Bradl? Nach der Enttäuschung in Spielberg gab es in Brünn zumindest wieder einen kleinen Lichtblick. Mit zwei WM Punkten und Rang 14 konnte Bradl wieder abreisen. Klar, der Teamkollege wurde geschlagen, aber die ganz große Freude blieb aus. Bradl verriet anschließend, dass er schon am Vormittag des Rennens seine Techniker auf eine Feinjustierung der Elektronik hingewiesen hatte, dies aber unbeachtet blieb. Eine bessere Platzierung rückte somit für den Aprilia Piloten in weite Ferne.

Jonas Folger in der Moto2 für Intact GP 2016 in Brünn
Doppelter Grund zu Jubeln. Erster Sieg für IntactGP in der Moto2, erster Sieg für Jonas Folger 2016. (© IntactGP)

Nach durchwachsenem Ergebnis in der MotoGP gab es dafür in Moto2 doppelt Grund zu feiern. Direkt am Start bereits ein unnachahmliches Manöver vom späteren Sieger Jonas Folger. Nur von Startplatz acht aus losgefahren, überholte Folger gleich alle Konkurrenten zu Beginn, zog außen vorbei und übernahm direkt die Spitze. Was folgte war ein harter Kampf um die Führung, auch wenn sich das abschließende Podium bereits ab der vierten Runde sortiert hatte. Folger fuhr vor Alex Rins und Sam Lowes. Spannend wurde es aufgrund zweier Faktoren. Erstens: Der Abstand zwischen den drei Führenden war durch die Bank weg eng. Nach zehn Runden hatte Folger gerade einmal knapp eine Sekunde Vorsprung vor Rins und gut zwei Sekunden auf Lowes herausgefahren. Der kleinste Fehler hätte sich sofort gerächt. Und damit kommt auch schon zweitens: Das Wetter. Was in einem Rennen passieren kann, hatte man kurz zuvor schon bei der Moto3 gesehen. Ohne erkennbaren Fehler rutschten manche von der Strecke.

 

Folger gelange es jedoch, seine Maschine auf der Strecke und die Konkurrenz in Schach zu halten. Für Folger war es damit der lang ersehnte erste Sieg 2016. Endlich, möchte man sagen, wo er doch bei einigen Rennen schon sah nah dran gewesen war. Ich erinnere nur an den Sachsenring, wo der Deutsche um 0,059 Sekunden den Sieg verpasste. Der Erfolg in Brünn war aber nicht nur für Folger ein dicker Grund zu jubeln. Denn auch für sein Team war es ein ganz besonderer Moment. Seit 2013 ist das IntactGP Team in der Moto2 am Start, bislang ohne Sieg. Diese sieglose Zeit ist seit diesem Wochenende Geschichte. Beinahe hätte es auch noch einen weiteren Erfolg im Team zu bejubeln gegeben, doch Sandro Cortese rutschte in der letzten Runde beim Kampf um Platz vier von der Strecke. Einfach extrem unglücklich.

John McPhee gewinnt in Brünn 2016 sein erstes Moto3 Rennen für Peugeot Saxoprint.
John McPhee (Nr. 17) gewinnt in Brünn sein erstes Moto3 Rennen unter erschwerten Bedingungen. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Nicht viel besser lief es auch für den letzten deutschen Fahrer im Feld Marcel Schrötter. In Brünn wurde bekannt, dass er 2017 den Platz für Jonas Folger bei IntactGP übernehmen wird. Gemeinsam mit Sandro Cortese kommt es somit zum deutschen „Dream Team“ in der Moto2. Schrötter hatte schon das ganze Wochenende schwer mit den Reifen zu kämpfen, eine Tatsache, die sich auch im Rennen fortsetzte. Nach dem tollen Auftritt eine Woche zuvor in Spielberg nun wieder ein deprimierendes Ergebnis außerhalb der Punkte auf Rang 18.

 

Den Rennauftakt in Brünn bildeten wieder die Leichtgewichte der Moto3. Alle warteten eigentlich auf die nächste Khairul Pawi Show. Der Malaie hatte zuvor schon die Regenschlachten in Argentinien und am Sachsenring für sich entschieden, ein weiterer Erfolg in Brünn hätte keinen mehr überrascht. Doch diesmal blieb ihm ein Erfolg verwehrt. Fünf Runden vor Schluss rutschte er von der Strecke. Zu diesem Zeitpunkt war er dritter, ein Podest wäre also wieder drin gewesen. Aber es war nicht nur Pawi alleine, für den es an diesem Tag mehr als unglücklich lief. Selbst mit WM-Leader Brad Binder meinte es die Strecke an diesem Tag nicht gut. Binder war drauf und dran das Rennen zu gewinnen. Er führte souverän, machte keine Fehler. Doch genauso wie Pawi kam er fünf Runden vor Schluss auf eine besonders nasse Stelle der Strecke. Das Bike rutschte weg, Binder chancenlos. Das Aus im Kies.

 

Deswegen auch so ärgerlich für Ihn: Den Punktevorsprung in der WM hätte er massiv ausbauen können, denn sein Verfolger Jorge Navarro holte auf Platz zehn nur sechs Punkte. So war es schlussendlich John McPhee vergönnt, seinen ersten Erfolg in der Moto3 Weltmeisterschaft zu feiern. Er siegte vor Jorge Martin (ebenfalls seine bislang beste Platzierung in der Moto3) und Fabio Di Giannantonio. Philipp Oettl holte als 15er einen WM Punkt.

 

Drei der letzten vier Rennen im Regen und jetzt geht es nach Silverstone, Großbritannien. Muss man mehr sagen, was uns schon wieder blühen könnte?

(Markus Kahl)

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