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Das Netz des Schreckens

Jorge Lorenzo in der MotoGP 2016 für Yamaha in Brünn
Immer wieder im Mittelpunkt von Hohn und Spott: Jorge Lorenzo. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Ich bin von Grund auf ein toleranter Mensch. Behaupte ich jetzt einfach mal. Es dauert, bis ich mich wirklich über etwas richtig aufrege. Es ist so ein bisschen wie mit dem berühmten Fass. Man kippt immer noch ein bisschen Wasser rein. Doch irgendwann ist es tatsächlich ein letzter Tropfen, der es zum Überlaufen bringt. Denn es wird an allen Ecken und Enden nur noch gepöbelt. Jetzt pöbele ich zurück. Mit einer Wutschrift.

 

Es war nach dem Rennen von Brünn. Jorge Lorenzo hatte wieder einmal ein äußerst unglückliches Rennen absolviert. Zweimal das Bike im nassen getauscht, dadurch alle Chancen auf eine bessere Platzierung zunichte. Außerhalb der Punkte landet er. Wieder ist es ein Regenrennen, das er versemmelt. Wer sich hinterher ausführlich mit den Ursachen beschäftigt kann recht schnell erkennen, dass es diesmal nicht unbedingt seine Angst war die ihn stoppte. Aber egal. Das Thema ist durch und auch an anderer Stelle ausführlich diskutiert worden.

 

Das ist die Vorgeschichte. Natürlich schaut man sich als Betreiber einer Webseite wie dieser auch diverse Kanäle in den sozialen Netzwerken an. Man liest und diskutiert in Gruppen, Foren, eben da, wo es etwas zum Thema MotoGP zu sehen gibt. Die Reaktionen auf das Rennen von Brünn waren dann bei mir der Tropfen zu viel in dem schon erwähnten Fass. Ich will die einzelnen Worte und Kommentare nicht wiedergeben, die dort geschrieben sind. Erstens: Zu viel und zu lang. Zweitens: Keine Lust das alles nochmal rauszusuchen. Zusammengefasst konnte man da jedoch folgendes lesen: Lolli (für alle, die damit nichts anfangen können: Das ist die abwertende Benennung von Jorge Lorenzo) ist zu blöd im Regen zu fahren, er ist sowieso zu allem zu blöd auf der Strecke. Außerdem ist er arrogant, ein Arsch, ein unverdienter Weltmeister, ein Schönwetterfahrer. Und er jammert zu viel. Überhaupt ist er jemand bei dem man sich fragen muss, wie der in der Weltmeisterschaft an den Start gehen darf.

Das war jetzt die ganz, ganz freundliche Zusammenfassung dessen, was da an vielen Stellen zu lesen war. Es war nicht das erste Mal, dass man diesen Dreck über Lorenzo auskippte. Aber er ist in diesem Fall nur der Aufhänger für diesen Beitrag, denn schon ganz andere Fahrer haben auch schon (oder immer noch in schöner Regelmäßigkeit) ihr Fett abbekommen. Marc Marquez nach dem Konflikt mit Valentino Rossi im Saisonfinale 2015 zum Beispiel. Beschimpfungen? Das war noch die ganz harmlose Nummer. Morddrohungen? An der Tagesordnung. Viele wünschten ihm die Pest an den Hals. Oder Stefan Bradl. Das ist sowieso ein Blinder, quasi unfähig um überhaupt ein Motorrad zu bedienen. Immer wieder ist das zu lesen. Auch andere Fahrer haben mehr als einmal eine mitbekommen. Egal ob Jack Miller oder auch andere (deutsche) Piloten. Es wird gepöbelt und ausgeteilt, was das Wörterbuch der Beschimpfungen so hergibt.

 

Ich stelle mir das so vor. Das sitzt irgendein Mensch irgendwo daheim oder sonst wo. Schaut ein Rennen oder liest irgendeinen Artikel (gerne auch mal nur eine Überschrift). Wohl über irgendeinen Fahrer, den man nicht leiden kann (warum auch immer). Dann geht die Schublade „den Typen hasse ich“ auf, und schon geht es los. Die gleiche Platte wie beim letzten Mal (denn die Beschimpfungen sind gegenüber bestimmten Leuten immer gleich) wird rausgeholt und in gleicher oder ähnlicher Weise abgespielt. Alles wird rausgehauen, was die Tonleiter an schaurigen Misstönen hergibt.

 

Ich entschuldige mich für die Wortwahl, aber in diesem Fall geht es nicht mehr anders. Dieses Verhalten kotzt mich wirklich an. Was bildet sich jemand ein, in dieser Form über andere Menschen herzuziehen, die sie höchstwahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gesehen oder gesprochen haben. Deren Hintergründe sie nicht kennen und die Ursachen manchen Verhaltens oder Ergebnisse nicht. Es sitzt sich halt so gemütlich vor einem PC/Smartphone/Tablet und da lässt sich so ein Erguss an Unverschämtheiten auch ganz leicht mal raushauen. Nicht nur gegen Fahrer, sondern im Laufe einer Diskussion dann auch gerne gegen andere Mitschreiber. Ist ja anonym. Ist ja nur im „Netz“. Ist ja egal. Das man damit sich selbst völlig bloßstellt: Ist auch egal.

Stefan Bradl in der MotoGP 2016 für Aprilia in Brünn
Der Sound der Kommentare zu und über Stefan Bradl sind oft alles andere als freundlich. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Natürlich darf und kann man die Leistung eines Sportlers bewerten. Das gehört dazu, passiert ja hier auch ständig. Und manche Zeitgenossen sind einem auch sympathischer als andere. Der Unterschied ist nur: Pöbele ich oder setze ich mich differenziert und kultiviert damit auseinander. Was ich mich die ganze Zeit frage: Was denken diese Leute sich? Denken die überhaupt? Es ist ja kein Phänomen, das es nur in der MotoGP geben würde. Auch im Fußball oder anderen Sportarten, gar auch bei anderen Themen. Alles muss an Kotze raus, was der Magen, pardon, Wortschatz hergibt. Benehmen? Gesprächskultur? Abwägende Argumente? Pardon, aber das ist nun wirklich nicht drin. Kostet extra und dafür hat man weder Zeit noch Geld. Ich durfte mir dann auch schon bei der Teilnahme einer solchen „Diskussion“ anhören: Das geht hier sehr gesittet zu. Da musst du mal in anderen Foren und Gruppen schauen, da geht es noch viel härter ab. Das ist der Moment, wo einem nichts mehr einfällt.

 

Das Schlimme daran ist: Mir fällt tatsächlich nichts ein, wie man wieder zu einer „normalen“ Gesprächskultur zurückkommen könnte. Es heißt immer die „sozialen Netzwerke“. Sind es mittlerweile an vielen Stellen nicht vielmehr die asozialen Netzwerke? Was ist da draußen bitte los? Ganz ehrlich: Wenn ein Fahrer wie Jorge Lorenzo irgendwo auf irgendeinem Foto einen Schaal trägt und sich anschließend gefühlt tausend Leute darüber das Maul zerreißen. Ist das wirklich witzig oder nicht einfach nur noch peinlich und zum fremdschämen? Die Konsequenz für mich lautet daraus nur, dass ich mich in diesen Netzwerken immer weniger oder kaum noch tummele. Denn was bringen diese „Diskussionen“ noch für einen Mehrwert? Mir gar keinen.

 

Es gibt genügend Leute da draußen, mit denen man gemeinsam Spaß an der Sache – in diesem Fall der MotoGP – haben will und kann. Ich erlebe es an unterschiedlicher Stelle – zum Beispiel auch bei WhatsApp – was für eine sympathische Gesprächskultur zum gemeinsamen Interesse entstehen kann. Es geht also. Und ich bin ganz ehrlich: Lieber unterhalte ich mich mit zehn vernünftigen Leuten, als bei 1.000 Personen gefühlt nur 900 Pöbler dabei zu haben. Das Netz des Schreckens - an vielen Stellen. Ich habe keine Antwort darauf, wie sich das ändern lässt. Und ich habe ganz einfach auch keine Lust mehr darauf.

(Markus Kahl)

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Kommentare: 3
  • #1

    Susa (Dienstag, 30 August 2016 09:33)

    Danke - du sprichst mir aus der Seele!

  • #2

    Johannes Suleman Meier (Samstag, 03 September 2016 11:07)

    Danke für diesen Bericht. Dieser Bericht spricht mir aus der Seele. Ich(Sorry für die Wortwahl) hasse es inzwischen so sehr diese shitstorm Kommentare zu lesen das ich aus praktisch allen Networks ausgestiegen bin. Den es scheint das diese Leute unverbesserlich sind. Wehe man sagt etwas gegen diese Kommentare dann kriegst man gleich sein Fett weg und zwar so massiv das es einem leid tut überhaupt etwas gesagt zu haben. Ist mir alles schon passiert. Bitte mach weiter so, den es tut gut einmal ehrliche und durchaus auch positive Kritik zu lesen.

  • #3

    Motosports24 (Samstag, 03 September 2016 17:54)

    Herzlichen Dank für das positive Feedback. :-)