· 

Die MotoGP Notizen aus Silverstone 2016

Maverick Vinales 2016 in der MotoGP in Silverstone für Suzuki
Hoch mit dem Mack. Das Suzuki Team feiert mit Maverick Vinales den ersten gemeinsamen Sieg in der MotoGP. (© Dorna)

Diese Dominanz war schon beeindruckend. Vom Start weg fuhr er Kreise um die Konkurrenz. In einer Art und Weise, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat. Mit seinem blauen Motorrad war er von Beginn an rennbestimmend. Und nein: Weder hieß dieser Dominator Jorge Lorenzo, noch Valentino Rossi. Sein Name: Maverick Vinales. Auf Suzuki. Ein weiterer Name in der Siegerliste 2016, in einer Saison, die in jedem Rennen neue Geschichten schreibt und so zu unglaublichsten Saison seit einem Jahrzehnt werden könnte. Das und noch viel mehr in den Notizen aus Silverstone.

 

Warum war dieser MotoGP Grand Prix in Silverstone jetzt eigentlich so etwas Besonderes? Die Antwort lautet: Maverick Vinales, Cal Crutchlow, Andrea Iannone, Marc Marquez, Jack Miller, Valentino Rossi und Jorge Lorenzo. Bitte? Das ist jetzt gerade etwas unverständlich? Och, das ist doch eigentlich ziemlich einfach. Diese sieben Namen sind die Sieger der vergangenen sieben Rennen. Ganz ehrlich: Wann gab es denn zuletzt einmal so ein buntes Feld an Gewinnern? Liegt sehr lange zurück, genau ein Jahrzehnt um genauer zu sein. Auch 2006 gab es sieben verschiedene Gewinner, wenn auch nicht am Stück. Von daher könnte die Saison 2016 (wir haben ja noch ein paar Rennen zu absolvieren) tatsächlich ganz groß in die Geschichtsbücher eingehen.

 

Ein dreifaches Hurra war das somit in Silverstone. Einen der Gründe habe ich gerade schon genannt. Hinzu kam die doppelte Premiere von Maverick Vinales. Erstmals in seiner Karriere konnte er seit seinem Einstieg in die MotoGP dort ein Rennen gewinnen. Gleichzeitig war es auch für Suzuki der erste Sieg seit… Moment. Ich muss ein bisschen in den Geschichtsbüchern blättern. Sekunde, habe es gleich. Ach ja, da ist es. Wow. Liegt wirklich schon neun Jahre zurück. Chris Vermeulen war damals der Glückliche, der 2007 in Le Mans für Suzuki gewinnen konnte. Übrigens der einzige Sieg von Suzuki in den letzten 14 (!) Jahren. Bis eben jetzt Maverick Vinales kam, sah und siegte. An diesem Sonntag passte einfach alles. Schon in den Trainingseinheiten zuvor war Vinales vorne mit bei der Musik und so war ein Angriff auf die Spitze gar nicht mal so überraschend.

 

Aber: Oft schon hatte Suzuki in den letzten Monaten ganz gut dagestanden, im Rennen selbst die Plätze an der Spitze aber nicht halten können. Die kühleren Bedingungen scheinen der japanischen Maschine sehr gelegen zu haben. Dazu noch ein Ausnahmefahrer wie Vinales, der aus dem Bike rausquetschte was ging. An wen erinnert das? Was genau? Das Überfahren eines Motorrads. Einer Maschine, die nicht ganz konkurrenzfähig scheint, aber deren Schwäche durch die Klasse eines Fahrers wettgemacht wird. Genau, Marc Marquez ist gemeint. Die Parallelen von Vinales und Marquez sind an vielen Stellen für mich unübersehbar. Nur mit dem Unterschied: Die Honda war beim Einstieg von Marquez in die MotoGP bereits weltmeisterlich, die Suzuki war (und ist?) es nicht. Umso mehr schmerzt der Fakt, dass diese Symbiose – Vinales und Suzuki – 2016 ein Ende finden wird.

Cal Crutchlow in der MotoGP 2016 in Silverstone für LCR Honda
The smiling Cal. Mr. Crutchlow schimmt in der MotoGP derzeit auf einer Erfolgswelle. (© LCR Honda)

Sein Wechsel zu Yamaha 2017 steht fest. Er wird dort ein weltmeisterliches Team vorfinden. Die Frage ist nur: Wie gut kann das mit einem Teamkollegen Valentino Rossi klappen? Das soll jetzt jedoch nicht das Thema sein. Vielmehr hätte es die Szene in großem Maße bereichert, wenn statt der bisherigen Honda-Yamaha Dominanz noch eine weitere feste Größe an der Spitze hätte mitmischen können. Warum diese Skepsis bei mir? Suzuki wird 2017 einen großen Umbruch erleben. Zwei neue Fahrer (Alex Rins und Andrea Iannone) werden auf Punktejagd gehen. Rins als Rookie wird man Zeit zugestehen müssen. Und ob Iannone auch bei den Blauen aus Japan wieder zu oft seinem Spitznamen „the Maniac“ alle Ehre machen wird, das wird man sehen. Beide Piloten haben für mich – bei allem Respekt vor ihren Leistungen und Fähigkeiten – nicht die Qualität eines Maverick Vinales.

 

Es gibt sie einfach, diese Fahrer wie Rossi, Marquez oder eben auch Vinales, die etwas Besonderes haben, was sich mit Worten kaum beschreiben lässt. Vermutlich könnte man diese Piloten auf die schlechteste Maschine des Feldes setzen, sie würden trotzdem noch Ergebnis herausfahren, die man so normalerweise nicht erwarten würde. Apropos Erwartungen. Was war in Silverstone eigentlich mit den Hondas los? Auf mich wirkte das wie eine Auferstehung. So stark hat man die Hondas – durch die Bank weg – schon seit Monaten nicht erlebt. Fünf Honda Fahrer gibt es in der MotoGP, drei davon landeten in Silverstone in den Top fünf. Bis zum Rennen in Barcelona 2014 muss man zurückgehen, um einen solchen Honda Auftritt zu finden. Damals war es Stefan Bradl bei LCR, der die beiden Repsol Honda von Marquez und Pedrosa in den Top fünf flankierte. Cal Crutchlow ging mit einem neuen Chassis in Silverstone an den Start. Ob es der Schlüssel zu dauerhafterem Erfolg ist? Wird man abwarten müssen. Auffällig war jedoch nicht nur die wieder herausragende Leitung von Crutchlow auf Platz zwei, sondern auch das „kleine Comeback“ von Dani Pedrosa. Nach mehreren Gruselresultaten außerhalb der Top 10 kam er jetzt in Great Britain zurück in die Spur.

 

Ein Wort noch zu Cal Crutchlow. Der scheint derzeit wirklich wieder angekommen zu sein. Wir erinnern uns. 2013 fuhr er für Yamaha Tech 3 und entwickelte sich dort zum großen Favoritenschreck. Vier Podestplätze, 188 Punkte und WM Rang fünf standen zu Buche. Der Umstieg ins Ducati Werksteam schien ein logischer Schritt, doch es war der Schritt zurück statt nach vorne. Eine Katastrophensaison bei Ducati folgte und auch bei LCR Honda lief es zunächst nicht richtig rund. 2016 begann ebenso mehr als holprig, doch in den jüngsten Rennen scheint es richtig Klick gemacht zu haben. Drei Podiumsbesuche in den letzten vier Rennen – es scheint, als sehe man derzeit den besten Crutchlow aller Zeiten.

Nach gut muss auch irgendwo schlecht kommen. Was einen gleichzeitig zu der Frage bringt: Sehen wir den schlechtesten Jorge Lorenzo aller Zeiten? Ausfall in Barcelona. Platz zehn in Assen. Platz 15 in Deutschland, 17er in Brünn und jetzt Platz acht in Silverstone. Nur ein Zwischenhoch in Spielberg auf Rang drei. Nur in seiner ersten MotoGP Saison 2008 war einmal eine ähnliche Schwächeperiode zu sehen, als Lorenzo in drei von fünf Rennen einen Ausfall produzierte. Aber ansonsten: Nicht ansatzweise gab es solche Resultate für ihn, in keinem Jahr danach. Hat er das Rennfahren verlernt? Wohl kaum. Trotzdem ist diese Phase auf den ersten Blick fast unerklärlich. Gut, die Regenrennen in Assen, am Sachsenring und in Brünn kann man sich noch irgendwie zusammenreimen. Das Lorenzo nicht als Lieblingswetter Regen angibt, ist keine wirklich neue Erkenntnis.

 

Sind die Gründe für diese desaströsen Resultate somit vielleicht außerhalb der eigentlichen Rennqualitäten zu suchen? Es scheint fast so und trotzdem lässt sich nur spekulieren. Eines weiß man. Lorenzo hat es nie überwunden, intern bei Yamaha nicht den gleichen Status wie Valentino Rossi genossen zu haben. Rossis Wort gilt dort, alles tanzt nach seiner Pfeife. Für ein Ego wie das von Lorenzo ist das nur schwer zu verkraften. Dies erklärt auch den Wechsel zu Ducati, wo er endlich einmal die uneingeschränkte Nummer eins sein will. Die Weiterentwicklung der Yamaha für 2017 liegt derzeit einzig und alleine in den Händen von Valentino Rossi. Die Saison 2016 wird von Lorenzo also nur noch abgewickelt. Es macht den Eindruck, als ob er diese Saison für sich bereits abgeschrieben hat. Und es scheint, als ob er den Fokus, die Konzentration verloren hat. Wie kann das passieren, wo er doch bis vor wenigen Rennen noch voll dabei war im WM Rennen? Denn was wäre denn besser, als Yamaha mit einem WM Titel zu verlassen und seinem bisherigen Team zu zeigen: Schaut, ihr habt den falschen gehen lassen. Aber scheinbar funktioniert Lorenzo so nicht.

Da war in der Moto2 noch alles in bester Ordnung. Sam Lowes führt das Feld vor der Konkurrenz an.
Da war in der Moto2 noch alles in bester Ordnung. Sam Lowes führt das Feld vor der Konkurrenz an. (© Gresini Racing Moto2 Team)

Der Spanier ist momentan ein einziges Rätsel. Auch wenn man sich seine offiziellen Pressestatements in jüngster Vergangenheit ansieht muss man zum Schluss kommen: Der hat keine Lust mehr. Natürlich lief vieles in den letzten Rennen für ihn nicht optimal. Und Lorenzo braucht die optimalen Bedingungen und scheinbar auch das optimale Umfeld um zu 100 Prozent zu funktionieren. Allerdings will ich immer zu bedenken geben: Es sind nur Beobachtungen und persönliche Einschätzungen die ich hier niederschreiben kann. Wirklich wissen tut es nur einer, warum es einfach nicht mehr läuft und das ist Jorge Lorenzo selbst.

 

Während die Chancen eines Marc Marquez in der MotoGP auf den nächsten WM Titel immer noch mehr als gut sind, schmilzt in der Moto2 der Vorsprung des WM Führenden gerade richtig weg. Richtig dick war das Polster sowieso nicht, das Johann Zarco mit nach Silverstone bringen konnte. Zehn Punkte sind es nach dem Rennen auf Alex Rins noch, die Zarco in Front liegt. Und Schuld an diesem Punkteverlust trägt Zarco vor allem selbst. So richtig sicher bin ich mir immer noch nicht, was da auf der Strecke eigentlich los war. Zarco kämpfte mit Alex Lowes um die Positionen auf dem Podium, verbremste sich vor einer Kurve und drängt Lowes, weil ihm die Fahrbahn ausgeht, von der Strecke. Lowes selbst macht in diesem Moment allerdings auch die Tür innen zu, so dass eine Kollision nicht zu vermeiden ist. Lowes stürzt, Zarco kann weiterfahren, wird aber von der Rennleitung mit einer 30 Sekunden Zeitstrafe belegt. Der Franzose somit außerhalb der Punkte.

 

Muss man über Zarco deshalb jetzt den Stab brechen? Ich meine nein. Denn sein Manöver war aus meiner Sicht zwar unklug, aber nicht krawallig. Er hatte es ja nicht darauf abgesehen, seinen Konkurrenten von der Strecke zu befördern. Er wollte einzig und alleine überholen. An der falschen Stelle, wie sich somit herausstellen sollte. Seine Strafe hat er dafür bekommen und damit sollte die Sache unter dem Stichwort „Rennunfall“ auch erledigt sein. Uns Zuschauern kann es eigentlich gefallen, bleibt es in der mittleren WM Klasse somit spannend bis zum Ende.

So sehen Sieger aus. Brad Binder feiert mit Teamkollege Bo Bendsneyder und "Boss" Aki Ajo den Moto3 Erfolg in Silverstone.
So sehen Sieger aus. Brad Binder feiert mit Teamkollege Bo Bendsneyder und "Boss" Aki Ajo den Moto3 Erfolg in Silverstone. (© Red Bull Ajo Moto3 Team)

Dass die Formel 1 schon seit einiger Zeit unter einem Spannungsproblem leidet, ist mittlerweile auch dem letzten Motorsportfan klar. Nur in einem kleinen Land an der Nordseeküste hat sich diese Meinung seit 2016 grundlegend geändert. Seit Max Verstappen sein Unwesen auf den Pisten der Welt treibt, stehen die Niederlande Kopf. Gerade erst passiert. Über 50.000 Niederländer beim Rennen in Spa zu Besuch, um ihrem Idol zu huldigen. Und wenn das so weitergeht, könnte diese Euphorie auch auf die Moto3 schwappen. Denn was Rookie Bo Bendsneyder für eine Show in Silverstone abzog, das war eine glatte eins mit Sternchen. Frisch war er 2016 als Red Bull Rookies Cup Sieger in die WM eingestiegen – direkt im Erfolgsteam von Aki Ajo. Das der immer wieder Weltmeister formt kann man an Bendsneyders Teamkollegen Brad Binder sehen. Haushoch und deutlich führt der die WM an. Eigentlich kann er sich 2016 nur noch selbst schlagen.

 

Aber zurück zu Bo. Seine Ergebnisse zuletzt stark und immer stärker. Der fünftbeste Fahrer in den letzten drei Rennen. Nur vier Fahrer holten mehr Punkte als der Niederländer. Eigentlich lautete das Saisonziel: Ankommen in der Weltmeisterschaft und dann die ersten Punkte einfahren. Jetzt feiert er sein erstes Podium in seiner noch so jungen Karriere. Wenige Kurven vor dem Ziel sah es so aus, als ob Bendsneyder das Rennen sogar gewinnen könnte. Doch Brad Binder siegte vor Francesco Bagnaia. Fast noch stärker als im Rennen war Bendsneyder danach. Denn er verriet in die Mikros, dass er bewusst zurückgezogen hätte, da sein Teamkollege Binder schließlich um eine WM kämpfen würde und er ihm so den Rücken freihalten wollte. Ganz ehrlich: So clever, so abgezockt, so gut habe ich selten einen Rookie gesehen. Mit 17 Jahren dermaßen mit dem Kopf zu fahren, das ist einfach grandios.

 

Es ist dem Niederländer zu wünschen, dass diese Entwicklung weiter anhält um dann vielleicht schon 2017 an der Spitze angreifen zu können. Ganz toll, so etwas zu sehen. Das macht richtig Laune, zumal ich bei einem Interviewtermin im Januar dieses Jahres schon Gelegenheit hatte Bendsneyder einmal persönlich kennenzulernen. Viel Zeit um die ganzen Triumphe zu feiern bleibt jedoch nicht, denn schon am nächsten Wochenende geht es in Misano weiter.

(Markus Kahl)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0