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Die MotoGP Notizen aus Misano 2016

Dani Pedrosa in der MotoGP 2016 in Misano für Honda
Ein weiterer Stein im Siegermosaik der MotoGP von 2016. Dani Pedrosa gewinnt in Misano. (© Repsol Honda MotoGP Team)

Der Kleinste wird zum größten. Der King und „one and only“ der Fanherzen gibt alles und muss sich doch nur mit dem zweiten Platz begnügen. Die Helden der Vorwoche werden diesmal schon wieder „nur“ zu Statisten. Und ein Fahrer mit Aufwärtstrend macht die Pressekonferenz nach dem Rennen zum besten Unterhaltungsprogramm. Dazu der Premierensieger in seiner italienischen Heimat und ein Fahrer der so dominant ist, dass er bereits fünf Rennen vor dem Saisonende die Meisterschaft so gut wie in der Tasche hat. Ein zuerst unspektakuläres Wochenende schreibt dann doch wieder seine ganz eigenen Geschichten. Unsere Notizen aus Misano.

 

Ich gebe zu, nach zwei Runden war das Rennen für mich gelaufen. Ich war tatsächlich kurz davor den Fernseher auszuschalten und nur noch das Endergebnis anzusehen. Schon beim Blick auf die Außentemperatur war mir klar: Das kann nur ein Rennen für Valentino Rossi geben. Mich erinnerte die Konstellation stark an Jerez in diesem Jahr. Auch dort war es bullig heiß und der einzige Fahrer, der mit den bei Hitze entsprechend arbeitenden Michelin gut zu Recht kam hieß: Valentino Rossi. Nachdem der Polesetter Jorge Lorenzo nur eine Runde lang sein Glück an der Spitze feiern konnte und ihn Rossi schnell hinter sich gelassen hatte, war das Rennen für mich durch. Ja, es war weiter eng. Denn keiner der Fahrer an der Spitze fiel richtig ab, alles spielte sich in einer guten Sekunde Abstand ab. Trotzdem. Alles schien bereits gelaufen. Dachte ich.

 

Rossi kam nicht von Jorge Lorenzo los, der auf dem zweiten Platz noch auf eine Chance lauerte. Und auch Marc Marquez, der bald auf Platz drei lag, war nicht weit weg von der Musik. Nichts deutete auf eine Änderung dieser Konstellation hin. Doch leise, still und fast heimlich fuhr ein Pilot von hinten heran, den man mindestens die Hälfte des Rennens nicht auf dem Schirm hatte. Dani Pedrosa. Nach sieben Runden auf dem vierten Rang fuhr er über drei Sekunden hinter Rossi her. Selbst zur Hälfte des Rennens – Teamkollege Marquez war mittlerweile überholt – lag er mit fast zwei Sekunden hinter Rossi auf Rang drei. Warum sollte ausgerechnet Pedrosa heute gewinnen? Nichts sprach dafür. Valentino Rossi gilt als Reifenflüsterer und das zeigten auch in Misano seine Rundenzeiten. Die besten Zeiten legte er in den letzten Runden hin, auch vorher fuhr er konstant wie ein Uhrwerk.

Doch Dani Pedrosa bekam zur Hälfte des Rennens seine zweite Luft. Wo andere Maschinen und Fahrer oft abbauen, legte er noch einmal einen Aufguss drauf. In Runde 15 die schnellste Runde seines Rennens und aller Fahrer. Runde um Runde schmolz der Vorsprung. Erst auf den vor ihm fahrenden Lorenzo, dann auch auf Rossi. In Runde 17 war Lorenzo überholt und jetzt lag nur noch der Italiener vor ihm – aber nur noch vier Runden lang. Denn dann war auch Rossi kassiert und Pedrosa fuhr weiter wie entfesselt seinem ersten Sieg 2016 entgegen. Was war der Grund? Man darf eins nicht vergessen. Pedrosa ist der kleinste und leichteste Fahrer der MotoGP. Er hat dadurch noch viel mehr als andere Fahrer mit den Michelin Reifen zu kämpfen, diese auf Temperatur im Rennen zu bekommen.

 

Das Wetter in Misano kam ihm da sehr entgegen. Über 40 Grad Asphalttemperatur machten es für seine Reifen leichter in den gewünschten Wirkungsbereich zu kommen. Seine Bilanz war 2016 bislang eher mehr als dürftig. Nur in den bislang heißesten Rennen (Argentinien, Jerez, Barcelona und Misano) kam er auf annähernd gute Resultate (abgesehen von Le Mans als Ausnahme). Und nur Pedrosa (als einziger daneben noch Michele Pirro) setzte auf den Supersoften Vorderreifen. Beides in Kombination funktionierte bei Pedrosa so gut, dass in Misano dieses Resultat möglich war. Hinzu kommt, dass Honda die anfänglichen Probleme zu Saisonbeginn mit dem Chassis langsam aber sicher in Griff zu bekommen scheint. Die verbesserten Resultate der Honda hatten wir schon eine Woche zuvor in Silverstone genauer beleuchtet. In der Summe ist dieser Sieg Pedrosas gar nicht mal so überraschend, nur hatte diese Faktoren in Summe wohl vor dem Rennen kaum jemand auf dem Schirm.

MotoGP in Misano 2016
Da lag er noch vorne. Alles sah zunächst nach einem klaren Sieg für Valentino Rossi aus. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Warum konnte dann aber Marc Marquez nicht ähnlich schnell unterwegs sein wie sein Teamkollege? Seine Reifenwahl entpuppte sich in Misano als Fehlgriff. Denn als einer von drei Fahrern (Suzuki setzte auch mit beiden Fahrern auf die Mischung) entschied sich Marquez für den harten Vorderreifen. Der kam in Misano bei dieser Strecke und der entsprechenden Hitze aber gar nicht in Schwung. Auch die Suzuki hatten beide schwer zu kämpfen. Nach dem Sensationssieg von Silverstone reichte es für Maverick Vinales nur zu Platz fünf. Immer noch ordentlich, aber mit dem Kampf um die Podestplätze hatte er diesmal nichts zu tun. Doch zurück zu Marquez. Der merkte recht zügig, dass mit diesem Reifen mehr nicht drin war und setzte daher voll auf Platz. Eine Strategie, die sich in der Endabrechnung noch als nützlich erweisen könnte, denn Marquez gewinnt zwar seit dem Sachsenring keine Rennen mehr, sammelt die Punkte aber wie ein Eichhörnchen und verliert so in jedem Rennen nur minimal an Vorsprung auf die Konkurrenz. Zugegeben, 43 Punkte Vorsprung auf Valentino Rossi klingen relativ viel, doch bei noch fünf ausstehenden Rennen kann noch eine ganze Menge passieren. So langsam sollte Marquez unbedingt wieder einmal vor der Konkurrenz ins Ziel kommen sonst könnte dieser Schuss bald noch nach hinten losgehen.

 

Apropos Valentino Rossi. Kann man dem Italiener irgendeinen Fehler an diesem Wochenende ankreiden? Nein, in keiner Weise. Ich muss ehrlich sagen, so enttäuscht habe ich Rossi selten nach einem Rennen erlebt. Es ist mehr als verständlich, dass er gerade bei seinem Heimrennen (er lebt nur wenige Kilometer von der Strecke entfernt) die extra Portion an Motivation hatte. Gerade hier, vor Freunden, Familie und dem gelben Fahnenmeer sollte ein Sieg gelingen. Doch Rossi saß nach der Einfahrt ins Parc Ferme auf seiner Maschine, die Schultern hängend und verzweifelt den Kopf am Schütteln. Als ob er sagen wollte: Was ist hier heute bitte passiert? Ich habe alles rausgehauen was ging und stehe am Ende doch mit (fast) leeren Händen da. Die Verzweiflung in diesem Moment war mit den Händen zu greifen und mehr als verständlich.

In Silverstone noch gefeierter Held, diesmal gab es für Maverick Vinales und Suzuki nur Blech auf Rang fünf.
In Silverstone noch gefeierter Held, diesmal gab es für Maverick Vinales und Suzuki nur Blech auf Rang fünf. (© Suzuki Ecstar)

Deutlich weniger Verzweiflung konnte man im Gesicht von Jorge Lorenzo ablesen. Nach vielen Rennen, die man als regelrechtes Desaster bezeichnen musste, gelang in Misano eine kleine (große) Wende. Am Samstag hatte er in der Qualifikation bereits einen neuen Streckenrekord herausgefahren und sich mit diesem die Pole Position gesichert. Zu was Lorenzo auf dieser Position fähig ist konnte man in der Vergangenheit schon oft beobachten. Freie Fahrt an der Spitze hieß schon oft einen klaren Start-Ziel Sieg, doch der gelang Lorenzo in Misano diesmal nicht. „Der Rest vor mir war heute einfach schneller“ musste der Spanier hinterher zugeben. Er machte nicht den Eindruck, wirklich verärgert zu sein, als er auf dem Podium den Pokal entgegennahm.

 

Nachvollziehbar wäre es in diesem Moment schon gewesen, denn Lorenzo kam (wie schon so oft) ein gellendes Pfeifkonzert entgegen. Peinlich von den Fans? Ja. Man muss Lorenzo nicht lieben, aber man kann auch einfach den Siegern zujubeln und ihn nicht beachten, aber scheinbar ist Lorenzo für viele Zuschauer so ein rotes Tuch, dass man sich Rennen für Rennen an ihm abarbeiten muss. Er tut allerdings auch immer wieder einiges dafür, um die Fettnäpfen, in die er tappt, auch immer wieder ausreichend zu befüllen. Die anschließende Pressekonferenz war dafür wieder ein schönes Beispiel. Der Spanier wurde gefragt, ob seine Strategie für das Rennen denn richtig gewesen wäre. Diese Frage nutze er, um gleich noch eine Breitseite an Teamkollege Rossi loszuwerden, dem er einen zu aggressiven Stil beim Überholen vorwarf.

 

Rossi wiedersprach natürlich sofort und schon entspann sich eine ordentliche verbale Rauferei zwischen den Yamaha Piloten die schon einen gewissen Unterhaltungswert hatte. Als ich gerade die zweite Tüte Popcorn öffnen wollte, war der Disput aber auch schon wieder vorbei. Hat Rossi tatsächlich zu hart gegen Lorenzo überholt? Es kommt darauf an, um in der Sprache von Radio Erivan zu antworten. Nein, im Ernst. Was ist ein zu hartes Manöver? Entgegen einer Messung beim 100 Meter Lauf im Sprint gibt es meiner Meinung nach hier kein klares Schwarz und Weiß. Es kommt einfach auf die Situation an. Klar war das Manöver hart und klar musste Lorenzo seine Maschine aufstellen um nicht von der Strecke zu fliegen. Das ihm das nicht gefällt ist doch völlig klar. Aber es war kein Harakiri Manöver, was auch seitens einen Renndirektion hätte verfolgt werden müssen.

Andrea Dovizioso beim MotoGP Rennen 2016 in Misano für Ducati
Kein Wochenende zum Jubeln und das beim Heimrennen. Ducati nur mit Mittelfeldplätzen. (© Ducati)

Denn sind wir ehrlich. Hätte Rossi nicht an dieser Stelle überholt, wäre es spätestens wenige Kurven danach passiert. Er war schneller als sein Teamkollege und so wäre es tatsächlich nur eine Frage der Zeit gewesen. So sehr Lorenzo für sich gesehen mit seinem Empfinden recht haben mag, gegenüber der Öffentlichkeit kommen solche Worte eher suboptimal rüber. Sie befeuern vielmehr den Eindruck eines arroganten Typen, der einfach nicht verlieren kann. Nun gut, welcher Spitzensportler kann schon gut verlieren? Da dürfte man nicht so viele finden. Manchmal dürfte Schweigen die bessere Lösung sein. Doch während sich viele Fans darüber aufregen und damit nur wieder einen Grund gefunden haben, um gegen Lorenzo mal wieder richtig loszuledern, wird es dem Spanier letztendlich völlig egal sein, was andere über ihn denken. Von daher: Er ist, wie er ist. Und viele andere Fahrer sind auch nicht immer nur Goldschätzchen. Schwamm drüber und damit sollte es auch gut sein.

 

Schließlich ist die Saison 2016 dann doch die wohl beste Saison aller Zeiten. Klar wird zum Schluss ein Name auf dem WM Pokal stehen, der zu den üblichen Verdächtigen gehört. Doch in Misano war es mittlerweile der achte Fahrer im achten Rennen der ganz oben auf dem Podium stand. Wirklich verrückt. Schon rätseln alle, wer in Aragon die Nummer neun werden könnte. Einige Wochen zuvor hatte ich noch geklagt, nichts hätte sich wirklich in der Saison 2016 gegenüber dem Vorjahr verändert. Das muss ich stand heute dann doch zurücknehmen. Diese Unberechenbarkeit bei den Siegen macht einfach nur Spaß, denn der Überraschungsmoment ist einfach riesengroß und verspricht in jedem Rennen Hochspannung. Von mir aus kann es gerne so weitergehen.

Lorenzo Baldassarri gewinnt das Moto2 Rennen 2016 in Misano
In der Mitte fühlt es sich so gut an. Lorenzo Baldassarri siegt erstmals in der Moto2. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Was überraschende Siege bedeuten, konnte man auch in der Moto2 verfolgen. Lorenzo Baldassarri hieß dort der Gewinner. Ein Fahrer aus der Akademie von Valentino Rossi, der erstmals in seiner Karriere ein Rennen in der mittleren WM Klasse für sich entscheiden konnte. Beeindruckend war dieser Erfolg, weil er den wie entfesselt fahrenden Alex Rins doch noch kurz vor dem Ende einfangen konnte. Ich hätte es kaum noch erwartet. Doch der Faktor Misano spielte bei diesem Sieg mit Sicherheit eine mehr als große Rolle. Bei einem Italiener ist in solchen Fällen immer ein bisschen mehr Drama angesagt, so kann man sich die Euphorie und die Bedeutung eines solchen Triumphs gut erklären.

 

Baldassarri also happy, während das Gesicht beim Führenden in der Weltmeisterschaft lang und länger wird. Was ist los mit Johann Zarco? Zwischen Misano und Spielberg vier Siege in fünf Rennen. Auf dem sicheren Weg zum nächsten WM Titel. Doch seit Brünn ist die Ausbeute mehr als mager. In Brünn nur auf Platz elf, in Silverstone landete er gar nur auf Platz 22, weit außerhalb der Punkte. Obwohl er Hitze liebt und die Position dafür eigentlich wie geschaffen war, kam Zarcon in Misano nicht über einen vierten Platz hinaus. Mit letzter Kraft behält er die Führung in der WM mit drei mageren Pünktchen vor Alex Rins. Eine rechte Erklärung gab es von Zarco nicht, er kann sich dich diesen „Einbruch“ scheinbar auch nicht so recht erklären. Der Franzose muss Gas geben, will er es tatsächlich als erster Fahrer schaffen, seinen Titel in der Moto2 zu verteidigen.

 

Ein positiver Sonntag auch aus deutscher Sicht. Jonas Folger auf Rang – vielleicht etwas unter seinen Möglichkeiten. Dafür aber Sandro Cortese mit dem ersten Top 10 Ergebnis der Saison, auf Rang neun. Marcel Schrötter schoss von allen drei Fahrern den Vogel ab. Am Start mit Ausflug neben die Strecke. Doch dann kämpfte sich Schrötter zurück und wurde mit Platz elf im Rennen belohnt. Sicher vom Ergebnis isoliert betrachtet kein Traumresultat, nach dem Rennverlauf aber ein mehr als respektables Ergebnis.

Brad Binder vor Enea Bastianini im Rennen der Moto3 in Misano. So sieht auch der Stand in der Weltmeisterschaft aus
Brad Binder vor Enea Bastianini im Rennen der Moto3 in Misano. So sieht auch der Stand in der Weltmeisterschaft aus. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

In der Moto3 kann man getrost schon den Champagner kaltstellen. Ganz ehrlich: Was soll da bitte für Brad Binder noch schief gehen? 103 Punkte Vorsprung in der WM auf den zweitplatzierten Enea Bastianini. Der Italiener macht seinem Namen „die Bestie“ derzeit zwar alle Ehre, aber Binder wird er, da lege ich mich fest, nicht mehr gefährlich werden. Fünf Rennen sind noch zu absolvieren, 125 Punkte für den Sieger noch zu vergeben. Nur eine fünffacher Nuller von Binder bei entsprechenden Dauersiegen von Bastianini würden den WM Titel noch verhindern. Doch daran kann man bei Binder in dieser Form nicht glauben.

 

In Misano entwickelte sich diesmal nicht das berühmt berüchtigte Moto3 Gekabbel um den Sieg. Nein, diesmal waren es tatsächlich Bastianini und Binder, die in den letzten Runden den Sieg unter sich ausmachten. Der Südafrikaner hatte dabei mit aller Cleverness die Nase 0,2 Sekunden vor dem Italiener und konnte einen erneuten Triumpf von Bastianini (wie 2015) verhindern. Binder fährt die gesamte Saison schon so unfassbar abgeklärt, wie man es selten in dieser Klasse erlebt hat. Klar, ein Danny Kent hatte 2015 mehr Siege auf dem Konto (bei Binder fehlen aber auch noch ein paar Rennen 2016), aber weniger Postbesuche in der Gesamtheit. Binder wirkt in den Rennen mittlerweile so, als ob er alles im Griff hat und immer zum Ende des Rennens noch einmal einen oder zwei Schnaps draufpacken kann. Das wirkt ruhig, clever, routiniert. Für mich schon jetzt einer der Fahrer des Jahres, der mehr als verdient diesen Weltmeistertitel einfahren wird. Gratulieren werde ich noch nicht, aber vielleicht ist dafür die Zeit beim nächsten Rennen in Aragon schon gekommen.

(Markus Kahl)

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Kommentare: 2
  • #1

    Bernd#46 (Samstag, 17 September 2016 17:30)

    Wirklich klasse geschrieben. Top!!!

  • #2

    Motosports24 (Sonntag, 18 September 2016 09:23)

    Danke für das nette Feedback :-)