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Die neue Macht aus Asien

Auf dem Weg zum kommenden Superstar? Adam Norrodin verlässt 2016 in Barcelona die Box des SIC Racing Team.
Auf dem Weg zum kommenden Superstar? Adam Norrodin verlässt 2016 in Barcelona die Box des SIC Racing Team. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Ist der Typ verrückt oder hat er etwa zu viel getrunken? Wie kann man denn von asiatischer Macht sprechen? Wo fährt den ein Asiate in der MotoGP? Na, wo isser denn? Und wann war denn ein asiatischer Pilot mal Weltmeister? Und? Und? Ja, es stimmt ja. Schauen wir auf das Bild von heute, ist der Satz von asiatischer Macht ein schlechter Witz. Spanische und italienische Fahrer bestimmen das Feld in der MotoGP Weltmeisterschaft. Aber: Das könnte sich schon bald ändern. Denn die Weltmeister von morgen werden heute gemacht. Ein Blick in die Kristallkugel, in der ein Asiate als dominierender MotoGP Fahrer gar nicht mehr so utopisch erscheint.

 

Warum soll nach all den Jahren der spanisch/italienischen Dominanz ausgerechnet jetzt ein großer Wechsel stattfinden? Ich meine: Wo sind denn die Asiaten in der WM die wirklich dominant sind? Zugegeben, die Anzahl ist noch überschaubar. Aber bevor wir uns die sportliche Seite anschauen geht der Blick zuerst zu einem ganz anderen Aspekt. Die Motorrad Weltmeisterschaft unterliegt wie jede Sportart knallharten wirtschaftlichen Interessen. Die Musik spielt da, wo der Dollar rollt. Auf diese einfache Formel kann man es bringen. Während über Jahre hinweg Europa dominierend in der Wahrnehmung beim Zweirad war, verlagert sich dieses Gewicht Jahr für Jahr mehr nach: Asien. Natürlich spielt es eine große Rolle, welche Sponsoren sich im Motorradsport engagieren wollen. Was wäre bislang der Grund gewesen, groß für sie einzusteigen?

 

Kein wirklich großer. Die Rennen fanden so gut wie gar nicht in ihrer Region statt, heimische Fahrer waren auch wenige in Sicht. Doch trotzdem wird die Weltmeisterschaft schon seit Jahrzehnten von japanischen Herstellern dominiert. Einer der Aspekte ist jedoch auch das Kundenverhalten. Auf welchen Märkten werden die Hersteller ihre Fahrzeuge los? Für Honda, Yamaha und Co. eine sehr wichtige Frage. Denn es ist doch klar: Wer Motorrad fährt, hat oft auch ein großes Interesse an dem entsprechenden Sport. In Europa sind die Verkaufszahlen für Motorräder schon seit Jahren dramatisch Rückläufig. 2001 wurden in Gesamteuropa noch über 2,1 Millionen Fahrzeuge verkauft. Höhepunkt war das Jahr 2007 mit über 2,5 Millionen verkauften Motorrädern. Seitdem purzeln die Verkaufszahlen in den Keller. 2014 wurden nur noch knapp über 1,1 Millionen Motorräder zugelassen. Ein Einbruch in gut sieben Jahren von weit mehr als 50 Prozent. Eine dramatische Entwicklung.

Mittlerweile fahren rund 65 Prozent aller motorisierten Zweiräder in Asien. Malaysia liegt hier in der Statistik ganz vorne, gefolgt von Thailand auf Rang drei und Japan auf Platz sechs. Griechenland und Italien auf den Plätzen zwei und fünf sind vorne noch mit dabei, dann wird es aber auch schon düster mit weiteren europäischen Ländern, in denen ein Motorrad weit verbreitet ist. Klar werden jetzt viele sagen: Da sind ja auch jede Menge Roller und Scooter in der Statistik mit dabei, richtige Sportmaschinen stehen da in den Verkaufszahlen mit Sicherheit auch nicht ganz oben. Das stimmt. Aber viele Amateurfußballer können auch nicht spielen wie Christiano Ronaldo, trotzdem interessieren sie sich für die ganz großen Jungs und wollen ihnen zuschauen.

 

Das als kleiner Exkurs zum Einstieg, um die Entwicklung besser verstehen zu können. Die Verkaufszahlen bewegen sich im Zweiradmarkt immer stärker Richtung Asien und so ist es auch nur eine Frage der Zeit, wann die Interessenlage sich auch auf die sportliche Seite auswirkt. Stand heute ist der Markt mit asiatischen Fahrern in der Motorrad Weltmeisterschaft überschaubar bestückt – auch von den sportlichen Erfolgen. In der Moto2 kämpfen immerhin drei Fahrer um WM Punkte. Ratthapark Wilairot kommt aus Thailand und steht neben seinem japanischen Teamkollegen Takaaki Nakagami ganz klar im Schatten. Der Japaner hat 2016 wieder die Kurve bekommen, konnte in Assen sogar den ersten Sieg seiner Karriere in der WM feiern. Beide fahren in einem japanischen Team. Hinzu gesellt sich Hafizh Syahrin aus Malaysia. Er hat sich in den letzten Jahren deutlich gesteigert, ist vor allem im Regen immer wieder für gute Ergebnisse zu haben. Bei allen Fahrern gilt jedoch bislang: Bei der Vergabe des WM Titels spielen sie keine Rolle.

Derzeit der erfolgreichste Fahrer in der WM aus Asien: Takaaki Nakagami aus Japan. 2016 feierte er den ersten Rennsieg seiner Karriere in der Moto2.
Derzeit der erfolgreichste Fahrer in der WM aus Asien: Takaaki Nakagami aus Japan. 2016 feierte er den ersten Rennsieg seiner Karriere in der Moto2. (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Nicht viel anders sieht das Bild in der Moto3 aus. Die Japaner Tatskuki Suzuki und Hiroki Ono spielen genauso wie Rookie Adam Norrodin (Malaysia) keine Rolle an der Spitze der Moto3. Einzig und alleine Khairul Idham Pawi (Malaysia) konnte mit zwei Siegen im Regen 2016 für ein Ausrufezeichen sorgen. Er war allerdings nur unter diesen extremen Bedingungen konkurrenzfähig, im trockenen konnte er gerade einmal vier läppische WM Punkte einfahren. Auch hier gilt wie in der Moto2: Eine Rolle bei der Titelvergabe spielen alle asiatischen Fahrer nicht. In der MotoGP gibt es gar niemanden zu erwähnen. Hiroshi Aoyama war der letzte Japaner, der 2014 seine letzte komplette Saison in der MotoGP absolvierte.

 

Diese zweifellos erfolglose Zeit könnte jedoch schon recht bald zu Ende gehen. Der Rechteinhaber der MotoGP – die Dorna – hat schon länger das Potential für den asiatischen Markt entdeckt und will daher auch organisatorisch etwas für jungen Talente anbieten. 2013 wurde der Asia Talent Cup ins Leben gerufen, der – ähnlich wie der Red Bull Rookies Cup in Europa – jungen Talenten die Chance erleichtern soll, einen Aufstieg in die Profiklassen hinzubekommen. Klar ist, dass dieser Asia Talent Cup hier in Europa nicht die Aufmerksamkeit genießt wie lokal vor Ort. Aber schaut man sich die Namen an, die dort seit dieser Zeit in den bekannten Nachwuchsklassen aufgeschlagen sind, dann wird das Interesse mit Sicherheit deutlich größer werden. Denn die Flut an asiatischen Talenten dürfte erst noch kommen, wenn die Entwicklung in dieser Form weitergeht.

Das Yamaha Master Camp setzt verstärkt auf die Ausbildung junger Talente aus Asien.
Das Yamaha Master Camp setzt verstärkt auf die Ausbildung junger Talente aus Asien. (© Yamaha Motor Racing Srl)

Schauen wir auf die Nachwuchsklassen, denn da sind mittlerweile einige sehr vielversprechende Talente unterwegs. Im Red Bull Rookies Cup stehen derzeit zwei Japaner im Mittelpunkt. Ayumu Sasaki führt den Cup derzeit mit über 30 Punkten Vorsprung an. Bei nur noch zwei zu absolvierenden Rennen stehen seine Chancen mehr als gut, dass er Nachfolger vom 2015er Sieger Bo Bendsneyder werden könnte. 15 Jahre ist Sasaki erst alt (im Oktober wird er 16), hat aber schon einige Erfolge vorzuweisen. 2015 gewann er den Asia Talent Cup, im Red Bull Rookies Cup wurde er im gleichen Jahr vierter. Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit, wann er richtig in der WM angreifen kann. Denn neben dem Rookies Cup ist Sasaki auch in der spanischen Moto3 Junior WM unterwegs, belegt dort einen vielversprechenden sechsten Platz.

 

Ähnlich vielversprechend sieht es auch für Kaito Toba aus. Der 16-jährige Japaner fährt ebenfalls in beiden Wettbewerben, Red Bull Rookies Cup und in der Repsol CEV Moto3. Im Rookies Cup belegt er derzeit Rang fünf, in der CEV ist er auf Platz drei stärker als sein Landsmann Sasaki. 2014 gewann er den Asia Talent Cup. Für beide gilt: Sie sind rein von den Ergebnissen auf ähnlichem Niveau unterwegs, fahren in bzw. an der Spitze mit. Die letzte Konstanz fehlt noch, aber das ist kein „Problem“ dieser Jungs alleine. Neben den gerade erwähnten Japaner sollte man aber auch noch ein Auge auf Kazuki Masaki (Japan), Andi Izdihar (Indonesien) und Nakarin Atiratphuvapat (Thailand) werfen. Alle genannten fahren im Asia Talent Cup (außer Atiratphuvapat), sind aber auch schon in der Repsol CEV Moto3 am Start – mit noch durchwachsenen Ergebnissen.

Fester Bestandteil des MotoGP Kalenders: Sepang in Malaysia. Die nächsten Strecken in Asien stehen schon in den Startlöchern
Fester Bestandteil des MotoGP Kalenders: Sepang in Malaysia. Die nächsten Strecken in Asien stehen schon in den Startlöchern. (© IntactGP)

Man sieht jedoch, da kommt einiges auf und zu. Was Junge Asiaten wie Khairul Pawi und einmal sogar schon Adam Norrodin in der Moto3 Weltmeisterschaft zu leisten im Stande sind konnten wir 2016 bereits sehen. Es scheint also nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch wann einer dieser Fahrer in der Weltmeisterschaft ganz oben anklopft. Der nächste Asiate könnte schon 2017 in die WM einsteigen, denn das SIC Racing Team will neben Norrodin scheinbar unbedingt einen weiteren Fahrer aus der Region verpflichten. Und die nächsten Talente stehen im Asia Talent Cup schon bereit. Welche Bedeutung der Nachwuchs aus Asien hat kann man auch am Engagement von Yamaha und Valentino Rossi sehen. Yamaha hat zusammen mit dem Altstar das VR46 Master Camp aus der Taufe gehoben. Hier sollen junge Talente die Chance erhalten durch eine gezielte Förderung die nächsten Schritte in ihrer Karriere machen zu können. Der Fokus bei der Talentförderung liegt dabei auf asiatischen Fahrern.

 

Neben den Fahrertalenten wächst im asiatischen Raum aber auch das Interesse an der MotoGP insgesamt. In Sepang (Malaysia) ist die MotoGP schon seit 1999 unterwegs. Der Grand Prix ist nicht mehr wegzudenken. Die nächsten Austragungsorte stehen schon in den Startlöchern. In Thailand ist in Buriram eine der modernsten Rennstrecken der Welt entstanden. Die Superbike WM ging dort 2015 bereits vor über 100.000 ekstatisch feiernden Fans an den Start. Nicht auszudenken was dort los wäre, wenn Rossi und Co. dort an den Start gehen würden. Fixiert ist ein Rennen der MotoGP zwar noch nicht, aber es scheint nur eine Frage der Zeit, bis dort die Räder rollen. Genauso in Indonesien, wo das Interesse riesengroß ist. Hier dürfte es bis zu einem Rennen allerdings noch etwas länger dauern, da noch nicht einmal eine MotoGP taugliche Strecke zur Verfügung steht.

 

An allen Ecken und Enden kann man also sehen und spüren: Da wächst in Asien was heran. Eine neue Macht. Daher sollten sich die Italiener und Spanier nicht zu sicher sein, auch in ein paar Jahren noch die dominierenden Nationen in der MotoGP zu sein. Denn schon in absehbarer Zeit könnte es sein, dass an Sonntagen des Öfteren eine Nationalhymne aus Japan, Malaysia oder Indonesien zu hören ist.

(Markus Kahl)

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Kommentare: 1
  • #1

    Bernd#46 (Mittwoch, 21 September 2016 18:30)

    Sehr Interessant!! Danke dafür!!!