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Die MotoGP Notizen aus Aragon 2016

Brad Binder für das KTM Ajo Team in der Moto3 in Aragon 2016
It's party time! Brad Binder bejubelt mit seinem Team den Gewinn des WM Titels in der Moto3. (© Red Bull KTM Ajo Moto3 Team)

Langsam aber sicher biegt die MotoGP auf die Zielgerade der Saison 2016 ein. Und wieder sind es die gleichen Namen wie 2015, die im Kampf um die Weltmeisterschaft die entscheidenden Protagonisten sind: Marc Marquez, Valentino Rossi und Jorge Lorenzo. Einzig und alleine mit dem Unterschied, dass in diesem Jahr die Rollen doch ganz anders verteilt sind. Das war in diesem Rennen in Aragon mehr als deutlich zu spüren und zu sehen. Was uns beim vorletzten Europarennen des Jahres 2016 so aufgefallen ist, das jetzt in der Analyse in den Notizen aus Aragon.

 

Ich muss zugeben: Mein Vertrauen in die Fähigkeiten von Valentino Rossi sind groß. Sehr groß. Wenn der Rekordchamp an der Spitze liegt oder auf dem Weg dahin ist, bin ich immer kurz davor den Fernseher auszuschalten. Denn dann ist das Rennen für mich eigentlich gelaufen. Für mich ist in diesem Moment klar: Das Rennen geht zu seinen Gunsten aus. Aber irgendwie hält es mich dann doch meist am Übertragungsgerät und in letzter Zeit werde ich immer wieder überrascht. In Aragon lief es für mich sehr ähnlich. Rossi mit starkem Start und wieder auf dem Weg an die Spitze. Er ist vorne, die Konkurrenz scheint schon geschlagen, doch aus für mich nicht erkennbaren Gründen wird der Abstand nicht größer, sondern sogar kleiner. Anders gesagt: Aus einem Vorsprung wurde ein Rückstand. Wie kann das sein?

 

Zwei Faktoren sollten für Rossi an diesem Sonntag den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben. Erstens: Die Reifen. „In der Entscheidenden Etappe des Rennens haben die die Räder starkes Spinning gehabt, aber ich denke, mit diesem Problem waren viele unterwegs“, sagte Rossi nach dem Rennen. Jetzt muss ich allerdings sagen: Die Beschwerden über die Reifen hielten sich erstaunlicherweise in Grenzen. Außer bei Dani Pedrosa, dessen Reifen nach dem Rennen aussah wie einmal durch einen Mixer gequirlt, waren wenige bis keine Klagen zu hören. Dabei war Rossi doch in vielen Rennen zuvor ein regelrechter Reifenflüsterer, kam im Gegensatz zu vielen anderen gut mit den Michelin zurecht. Doch Aragon liegt dem Doctor grundsätzlich nicht besonders, vielleicht hatte er auch mit seinem Reifensatz diesmal einfach nur Pech. Schaut man auf die Rundenzeiten sieht man, dass Rossi die schnellsten Runden zu Beginn des Rennens fahren konnte. Hinten raus fehlten die entscheidenden Körner zum Sieg.

Valentina Rossi für Movistar Yamaha in der MotoGP in Aragon 2016.
Er bekam in Aragon 2016 nicht ganz die Kurve: Valentino Rossi. (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

Zweitens: Ein kleiner Fehler. Zwei Runden vor dem Ende passierte Rossi etwas, was ebenfalls sehr ungewöhnlich für ihn ist. Gerade zum Ende eines Rennens hin ist er oft besonders stark und zieht hier so manches Ass aus dem Ärmel. Doch in Aragon verbremste sich der Yamaha Pilot, musste dadurch eine weite Linie wählen und verlor damit die entscheidenden Meter auf die Konkurrenz. Marc Marquez war mittlerweile schon enteilt und der direkt hinter ihm fahrende Jorge Lorenzo konnte durchschlüpfen. Für Rossi blieb statt Gold an diesem Tag nur Bronze übrig. Ein gutes oder schlechtes Ergebnis für ihn? Ich bin da ehrlich gesagt unschlüssig. Zu Beginn des Rennens wirkte er – wie schon eingangs erwähnt – bärenstark. Ich hätte ziemlich viel Geld auf einen Sieg von ihm gewettet. In Anbetracht dieser Umstände, fühlt sich dieser dritte Platz eher wie eine Niederlage an.

 

Und noch ein weiterer Aspekt macht dieses Ergebnis zu keinem besonders guten. Der Verlust von Punkten auf die WM Spitze. Durch den Sieg von Marc Marquez hat Rossi ordentlich Federn lassen müssen. Statt den vorherigen Rückstand von 43 Punkten zu verringern, ist er mit jetzt 52 Punkten Rückstand vielmehr deutlich angewachsen. Aber schauen wir die Sache auch mal aus anderer Sicht an. Aufgrund der Probleme mit den Reifen und dem Bremsfehler zum Ende ist der dritte Platz sogar ziemlich ordentlich. Rossi mag Aragon dazu nicht besonders, daher geht dieser Platz dann doch unter dem Strich ganz in Ordnung. Trotzdem fühlt es sich für mich eher wie eine Niederlage an, auch wenn der Italiener das natürlich nicht zugeben wird, sondern aufgrund der Situation das Ergebnis als für sich gut einordnet. Ich tue mich schwer, ihm da zu folgen.

 

Bei wem es mir auch immer schwerer fällt aus dem Staunen nicht mehr herauszukommen ist Marc Marquez. Schon oft ist er als Alien bezeichnet worden, ein Fahrer, der nicht von diesem Stern ist. Was das heißt, konnte man in der dritten Runde des Rennens wieder erleben. Kurve sieben und Marquez verliert in dieser schnellen Kurve urplötzlich das Vorderrad. Für jeden anderen Fahrer hätte das, dass Aus bedeutet. Nicht so für Marquez. Mit dem Ellbogen fängt er diesen Sturz ab, richtet die Maschine wieder auf und kann tatsächlich weiterfahren. Von Platz eins fällt er zwar auf Platz fünf zurück, dass ließ sich zu diesem Zeitpunkt des Rennens aber noch verschmerzen, da ja noch 20 Runden vor ihm lagen. Der Spanier schüttelte sich kurz, gab sich eine Runde Zeit, um die Reifen wieder auf Temperatur zu bringen und legte dann los.

Nach dem Qualifying hatten viele auf einen Durchmarsch des Honda Piloten getippt, zu souverän war er da Kreise um die Konkurrenz gefahren. Die Souveränität bekamen nach diesem beinahe Crash die Fahrer vor ihm zu spüren. Pro Runde knabberte er der Spitze zwischen einem und vier Zehnteln weg. Erst ließ er Andrea Dovizioso hinter sich, zwei Runden später Jorge Lorenzo. Wiederum nur drei Runden später schnappte sich Marquez Maverick Vinales und nochmal zwei Runden danach Valentino Rossi. In sieben Runden vier Fahrer hinter sich gelassen, da darf man nach dieser Schrecksekunde schon mal den Hut ziehen. In jeder Faser von Marquez war sein unbedingter Siegwille zu spüren. Das konnte man sogar noch nach dem Rennen in seinem Statement merken. „Dieser Sieg macht mich glücklich. Dieses Rennen war bei mir rot im Kalender markiert, ein Rennen, was ich unbedingt gewinnen wollte. Valentino (Rossi) konnte jetzt in vielen der letzten Rennen Punkte auf uns gutmachen. Diesen Trend musste ich stoppen um nicht seinem Selbstvertrauen weiteren Schub zu geben. Denn umgekehrt hätte es bei uns anfangen können, Zweifel zu bekommen“.

Marc Marquez für Repsol Honda in der MotoGP in Aragon 2016.
So ausgelassen hat man Marc Marquez schon lange nicht mehr jubeln gesehen. (© Respol Honda MotoGP Team)

Marquez also bärenstark und mit dem ersten Sieg seit dem Rennen am Sachsenring. Neben der Stärke des Spaniers fällt auch die Stärke der Honda auf. Zu Beginn der Saison war die Yamaha wohl das dominierende Bike. Zwischendurch – insbesondere nach dem Österreich Grand Prix – war auch die Ducati ganz vorne mit dabei, doch mittlerweile habe ich den Eindruck, dass die Yamaha etwas Boden gegenüber der Honda verloren hat. Als die dominierende Maschine kann man sie nicht mehr bezeichnen. Seit Barcelona (also seit sieben Rennen) stand Yamaha nicht mehr auf Platz eins. In der Siegerstatistik ist Honda an Yamaha mit mittlerweile sieben zu fünf Siegen im Vorsprung. Das Momentum spricht rein von den Siegen derzeit komplett für Honda, zumal einzig und alleine Valentino Rossi die Maschine weiterentwickelt, da Jorge Lorenzo dafür (durch seinen Wechsel 2017 zu Ducati) nicht mehr vorgesehen ist. Dreht sich damit gerade ein Trend? Könnte so sein, die Zahlen sprechen jedenfalls dafür.

 

Ein anderer Trend in eine positive Richtung ist bei einem ganz anderen Hersteller zu finden. Aprilia zeigt mittlerweile echte Aufwärtstendenzen. In Österreich hatte es zwischen Team und Fahrer noch richtig geknallt, als die Teamführung den Fahrern mehr oder weniger unverblümt völlig Unfähigkeit vorgeworfen hatte. Nach viel Kritik seitens Stefan Bradl an der fehlenden Weiterentwicklung, hat sich das Blatt jetzt aber scheinbar zum Besseren gewendet. Klar, Anfang der Saison hatte Aprilia mit beiden Fahrern schon einstellige Rennergebnisse hingezaubert. Aber es war klar, dass diese Resultate nur aufgrund vieler Stürze von anderen Fahrern begründet waren. Jetzt jedoch kann man aus eigener Kraft in oder an die Top zehn heranfahren. Teamkollege Alvaro Bautista ist schon seit drei Rennen immer unter den ersten zehn zu finden und auch Stefan Bradls Ergebnisse werden von Rennen zu Rennen besser. Erstmals war von ihm nach Aragon sogar Lob zu vernehmen. Das kommt auch nicht alle Tage vor. Österreich somit als reinigendes Gewitter?

 

Vielleicht. Umso unverständlicher erscheint unter diesen positiven Entwicklungen der komplette Wechsel der Fahrerpaarung von Aprilia für 2017. Bautista und vor allem Bradl haben die Maschine seit dem Start im letzten Winter kontinuierlich weiterentwickelt. Jetzt scheinen Team und Fahrer das Bike langsam zu verstehen und in die richtige Richtung zu entwickeln. Gerade über Bradl hört man an vielen Stellen nur positives, weil er scheinbar ein Fahrer ist, der die richtigen Hinweise zur Verbesserung eines Bikes geben kann. Aleix Espargaro und Sam Lowes werden 2017 die Aprilia steuern. Nichts gegen diese beiden Herren persönlich, aber ich frage mich immer mehr, was diese mehr als fragwürdige Entscheidung von Aprilia eigentlich bringen soll. Lowes hatte man eigentlich schon für 2016 verpflichtet und nur aufgrund des Bradl Deals im letzten Jahr noch ein Jahr im eigenen Team in der Moto2 geparkt. Lowes ist ein schneller Pilot aber auch einer, der immer wieder eine Maschine überstürzt ins Kiesbett werfen kann.

Stefan Bradl und Alvaro Bautista in der MotoGP für Aprilia in Aragon 2016.
Bei Aprilia mit Alvaro Bautista und Stefan Bradl zeigt die Tendenz klar nach oben. (© Aprilia Racing Team Gresini)

Er kommt neu in die MotoGP, muss sich an Bike, Umfeld und Team erst gewöhnen. Das erste halbe Jahr fällt er somit mindestens aus, weil er erstmal selbst mit sich zurechtkommen muss. Ein Kaliber wie Marc Marquez ist er nicht, der aus dem Stehgreif Siege einfahren kann – vor allem nicht mit einer Aprilia. Dann dazu Aleix Espargaro. Pardon, Aleix, es ist nicht persönlich gemeint. Aber mehr als ein solider Mittelklassefahrer ist er nicht. Punkt. Da muss man gar nicht drüber diskutieren. Auch er wird sich an die Maschine und das Team erst einmal gewöhnen müssen. Auch das wird Zeit brauchen. Zeit, die Aprilia aber fehlen wird, um die Maschine selbst weiter nach vorne zu bringen, denn die Piloten werden mit sich selbst am Anfang mehr als genug zu tun haben. Wie man unter diesen Umständen, nach dem ersten Jahr mit eigenem Bike in der MotoGP, die komplette Fahrerpaarung auswechseln kann, bleibt mir ein Rätsel. Auch wenn es vielleicht eine positive Entwicklung in 2017 nehmen könnte (man steckt ja nicht drin), aber mit dem heutigen Wissen kann man die Entscheidung von Aprilia nur als komplette Dummheit bezeichnen. Etwas Anderes fällt mir dazu nicht ein.

 

Szenenwechsel zur Moto2. Hier bleibt die Platte bei mir die Gleiche wie schon in den Rennen zuvor. Der Schwung vom amtierenden Weltmeister Johann Zarco ist komplett weg. Er schleppt sich regelrecht durch die Rennen. Wenn er nicht schleunigst den Schalter zum alten Modus findet, fährt der WM Zug an ihm vorbei. Denn Alex Rins lauert schon: Mit nur einem Punkt Rückstand, bei noch vier ausstehenden Rennen. Na hallo, das könnte ja fröhlich werden. Und auch Sam Lowes ist durch seinen Sieg wieder mit dabei beim Titelrennen. Sicher, er hat bei 40 Punkten Rückstand einen schwereren Stand als Rins, aber unmöglich ist es nicht, so einen Rückstand aufzuholen.

Alex Marquez in der Moto2 in Aragon 2016
Alex Marquez konnte den ersten Podiumsbesuch seiner Moto2 Karriere feiern. In Aragon fuhr er auf Platz zwei. (© Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Moto2 Team)

Neben dem WM Kampf gab es aber noch einen anderen positiven Aspekt bei diesem Aragon GP. Alex Marquez, der jüngere Bruder von Marc, konnte erstmals in seiner Karriere ein Moto2 Rennen auf dem Podest beenden. 2014 war er noch Weltmeister in der Moto3 geworden, hatte seit seinem Aufstieg in die Moto2 aber mehr mit sich und der Maschine, als mit den Gegnern zu kämpfen. Alleine fünf Rennstürze in diesem Jahr (die ganzen weiteren im Training nicht mitgerechnet) – zur Hälfte der Saison hatte er fünf von neun Rennen wegen einem Crash nicht beendet. Ein absolutes Desasterjahr drohte für ihn. In den letzten Rennen zeigte die Tendenz aber aufwärts. In Österreich Platz sechs, in Brünn sogar Platz fünf. Jetzt gelingt ihm in Aragon mit Platz zwei der Befreiungsschlag. Ich bin sehr gespannt, ob er damit nur eine Eintagsfliege produziert hat oder mich doch dazu bewegen kann, seine Namensumdeutung auf Alex Crashquez wieder zurückzunehmen.

 

Kommen wir damit zum Helden des Tages in Aragon. Denn Brad Binder ist der König, ach was, der Kaiser der Moto3 in diesem Jahr. Eine Leistung, die bislang noch keinem Fahrer in der Moto3 gelungen ist. 2012 stieg Binder in die erste volle Moto3 Saison ein. Jahr für Jahr wurden die Resultate besser, 2014 holte er auf einer Mahindra seine ersten Podestplätze. Dann der Wechsel zum Weltmeisterteam von Aki Ajo, bei dem er 2015 noch ein wenig enttäuschte. Doch 2016 sollte der Knoten endgültig platzen. Verdient und souverän, so holt der Südafrikaner seinen ersten WM Titel. Und es waren wirklich beeindruckende Ergebnisse, die Binder in dieser Saison bislang abliefern konnte. Denken wir an das Rennen in Jerez, wo der KTM Pilot vom letzten (!) Startplatz aus noch das Rennen gewinnen konnte. Einfach nur beeindruckend.

 

Genauso jetzt in Aragon. Mindestens zweiter musste er werden um schon an diesem Wochenende aus eigener Kraft den Titel einfahren zu können. Obwohl er mit seinem Bike an diesem Sonntag nicht sonderlich zufrieden war und viel Unruhe im Rennen herrschte. Am Ende behielt Binder wieder einen klaren Kopf und die Konkurrenz in Schach. Klar muss man zugeben, dass es ihm sein ärgster Verfolger Jorge Navarro über weite Strecken auch relativ einfach machte. Der Spanier hatte massiv mit Verletzungen zu kämpfen, die ihn in den Rennen immer wieder zurückwarfen. Aber man muss die Konstanz, die Ruhe und Souveränität von Binder einfach loben. Das muss man in dem Alter auch einfach mal so auf die Strecke bringen. Für mich schon jetzt der Fahrer der Saison.

Brad Binder für das Red Bull Ako KTM Team in der Moto3 in Aragon 2016
Der Weltmeister der Moto3 heißt 2016 Brad Binder (© Red Bull KTM Ajo Moto3 Team)

Zum Schluss noch ein paar interessante Fakten zu Binder:

  • Er ist der erste Südafrikaner nach Jon Ekerold 1980 (in der 350 ccm Klasse), der einen WM Titel gewinnen kann.
  • Er ist der erste Südafrikaner überhaupt, der in der kleinsten WM Klasse einen Titel gewinnt.
  • Seit dem zweiten Rennen in Argentinien führte Binder die WM Tabelle konstant an und gab diese Führung bis zu Ende nicht mehr her.

Damit atmet der MotoGP Tross noch einmal kräftig durch, bevor es in drei Wochen in die große Asienrunde in Motegi, Phillip Island und Sepang geht.

(Markus Kahl)

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