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MotoGP Neuling Jonas Folger im Portrait: Der Nachfolger

Der deutsche MotoGP Starter für 2017: Jonas Folger.
Der deutsche MotoGP Starter für 2017: Jonas Folger. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Der Eine geht, der Andere kommt. In der MotoGP wird der deutsche Staffelstab übergeben. Fünf Jahre war es Stefan Bradl, der als einziger deutscher Fahrer im Mittelpunkt des hiesigen Interesses stand. Nun ist diese Ära (vorerst) vorbei. Doch statt zwei deutschen Fahrern in der Königsklasse der Motorrad Weltmeisterschaft, bleibt es wie bislang bei nur einem Starter. Ab 2017 ist es jedoch Jonas Folger, der sich in der MotoGP beweisen kann und darf. Sind es große Fußstapfen in die er treten muss oder wird Folger seinen ganz eigenen Weg gehen? Wer ist das überhaupt, der da ab sofort die deutsche Fahne hochhalten wird? Der Mensch und Rennfahrer Jonas Folger. Eine Annäherung.

 

Wieviel Star kann und muss man im Spitzensport sein? Der Bericht über den neuesten Lamborghini von Fußballer Christiano Ronaldo wird vermutlich hohe Klickzahlen produzieren. Doch sind seine sportlichen Leistungen deswegen so viel höher einzustufen als von Sportlern in anderen Disziplinen? Vermutlich nicht, auch wenn der Glamourfaktor möglicherweise höher ist. Warum ich diese Frage stelle? Weil sie sehr viel mit dem Motorradsport und insbesondere auch mit Jonas Folger zu tun hat. Als junger Mensch rutscht man in eine Sportart hinein, entwickelt sich, wächst dort. Man wird erfolgreicher und plötzlich steht man an der Spitze in seiner Disziplin. Dort angekommen, sind die Veränderungen groß. Der Sport selbst steht zwar noch an erster Stelle, doch der Medienzirkus Drumherum übernimmt oft die Überhand und verändert auch die Personen. Aus Sportlern werden Stars und manchmal auch Diven.

 

Wer Jonas Folger zum ersten Mal kennenlernt merkt: Das ist keine Diva. Es begegnet einem ein Mensch, der auch ganz einfach dein Nachbar oder guter Freund sein könnte. Höflich, freundlich, zuvorkommend. Wer mit Menschen aus seinem Umfeld spricht, bekommt immer wieder ein Wort zu hören: Bodenständigkeit. Ein Typ, gar nicht abgehoben. Geerdet und bei sich angekommen. Das soll also derjenige sein, der ab 2017 in der MotoGP angreifen will und diesen Sport auch als Aushängeschild in Deutschland verkaufen soll?

Die Jahre, als alles Begann Jonas Folger 2008 und 2009 in der 125er WM.
Die Jahre, als alles Begann Jonas Folger 2008 und 2009 in der 125er WM.
Die Jahre, als alles Begann Jonas Folger 2008 und 2009 in der 125er WM.

Die Jahre, als alles Begann Jonas Folger 2008 und 2010 in der 125er WM. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

 

Folger ist der Nachfolger. Allzu viele deutsche Fahrer gab es in der Königsklasse des Motorradrennsports noch nicht. Vor allem nicht, die auch sportlich richtig glänzen konnten. Fünf Jahre versuchte sich zuletzt Stefan Bradl, diesem Titel gerecht zu werden. Einige Achtungserfolge waren dabei, aber der ganz große Durchbruch blieb ihm verwehrt. Hat er dem Motorradsport zum Durchbruch verholfen? Wohl eher nicht. Dabei standen auch immer viele Fans auf Kriegsfuß zu Bradl, der in ihren Augen zu viel „jammerte“. Ein Star mit echten Starallüren war und ist auch Bradl nicht. Und sportlich waren die Ergebnisse zu durchschnittlich, um damit einen echten Boom zu entfachen. Es liegt jetzt an seinem Nachfolger, diese Lücke zu schließen. Ob er das kann?

 

Sportlich könnte die Karriere von Jonas Folger 2017 richtig Fahrt aufnehmen. „Für mich war der bisherige Höhepunkt in meiner Karriere die Unterschrift unter den MotoGP Vertrag. Das ist ja von jedem Rennfahrer ein Traum, dort einmal fahren zu können. Ehrlich gesagt hatte ich bis Valencia 2016 nicht wirklich realisiert, dass dieser Traum jetzt Wirklichkeit geworden ist, bis ich das erste Mal auf die Maschine gestiegen bin“ erzählt Folger.

Dass Folger in der MotoGP landet, hätte man vor einigen Jahren nicht unbedingt erwartet. Denn die Karriere des Bayern wäre 2012 fast zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Folger wird in dieser Zeit immer öfter krank, verschleppte mehrere Viruserkrankungen. Die Ärzte raten zu einer mehrmonatigen Pause, doch er will weiterfahren. Trotz der gesundheitlichen Probleme holt er weiter Topergebnisse, fährt dreimal aufs Podest, erringt dabei seinen ersten Sieg in der Weltmeisterschaft. Bei einigen Rennen gewinnen die gesundheitlichen Probleme jedoch die Oberhand. Zwangspause. Die Spannungen im seinerzeitigen Team bei Aki Ajo, dem Meistermacher in der Moto3, nehmen zu. Als dann Gerüchte über einen angeblich falschen Lebenswandel gestreut werden, geht die Zusammenarbeit mit dem Team 2011 zu Ende.

 

 

Folger steht vor einem Scherbenhaufen. Die Ärzte können ihm nicht sagen, was mit ihm los ist und für 2012 steht ihm nur noch eine Option in der WM zur Verfügung. Er ergreift diese letzte Chance und unterschreibt bei Ioda Racing in der Moto3. Die Maschine entpuppt sich als Totalausfall, immer wieder geht Folger im Rennen der Motor hoch. Das Bike ist in dieser Konstellation nicht fahrbar. Zu diesem Zeitpunkt will Folger aufgeben, hat den Spaß komplett verloren. Doch das Blatt wendet sich zu seinen Gunsten. Endlich finden Spezialisten den Grund für Folgers Krankheit. Pfeiffersches Drüsenfieber. Die Behandlung schlägt an, Folgers Gesundheit stabilisiert sich. Ein enger Freund hilft ihm derweil sportlich, spricht ihm Mut zu. Zur Mitte der Saison 2012 kann er zum Aspar Team wechseln. Es geht sportlich und gesundheitlich wieder aufwärts, die schlimmste Zeit liegt hinter ihm.

Das harte Jahr 2011. Die Karriere von Jonas Folger hing am seidenen Faden.
Das harte Jahr 2011. Die Karriere von Jonas Folger hing am seidenen Faden. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Dem Motorradsport wäre ein großes Talent verloren gegangen, hätte der Bayer seine Karriere 2012 tatsächlich beendet. Denn schon von Kindesbeinen an merken viele Beobachter bei ihm schnell: Der kann mehr als andere in seinem Alter. Dass der Motorradsport schon vor der Geburt ihm mitgegeben wird, erzählt schmunzelnd Folgers Mutter Anka. „Das Morradfahren liegt in der Familie. Ich war hochschwanger und hatte Jonas Vater Jakob und seinen Bruder mit zum Salzburgring begleitet. Jonas Onkel fuhr dort ein Rennen, gewann und ich hatte wenig später den Siegerkranz um den Hals hängen“. Sobald Folger stehen kann, sitzt er mit auf dem Sattel der Motorradverrückten Familie. Mit drei Jahren bewegt er erstmals selbst ein Bike – mühelos, vom ersten Moment an, während ein Nachbarsjunge beim ersten Aufsetzen erst einmal das Motorrad gegen die Hauswand setzt.

 

Im Urlaub in der Toskana kauft Jakob Folger seinem Sohn das erste Bike, da ist Jonas gerade vier Jahre alt. Seine Mutter ersteht seinerzeit einen blauen Skihelm für 5 Mark auf dem Flohmarkt, weil es so kleine Motorradhelme nicht gibt. Die Karriere nimmt daraufhin schnell Fahrt auf. Mit sieben sitzt er erstmals bei einem Rennen als Gaststarter auf der Maschine und wird direkt dritter. Auf eine Zeitungsanzeige hin fährt sein Vater mit ihm zur Sichtung des ADAC Südbayern. Es dauert nur wenige Runden, da stellen die Verantwortlichen klar: Den Jungen wollen wir unbedingt für unser Team. Die diversen ADAC Cups gewinnt er in den folgenden Jahren alle souverän.

 

2005 kommt der Anruf, der die Karriere von Folger entscheiden beeinflusst. Der MotoGP Promotor Dorna baut zusammen mit Talentspäher Alberto Puig eine MotoGP Academy für junge Nachwuchsfahrer in Spanien auf. 1.500 Kandidaten werden gesichtet, drei Fahrer ausgewählt. Folger ist einer von ihnen. Ab sofort heißt es, lange von daheim weg zu sein. Zwischen zwei und sechs Wochen ist Folger ab diesem Zeitpunkt immer wieder in Spanien in einem Sportinternat. „Jonas war immer schon ein Zigeuner“, sagt seine Mutter Anka. „Der hat es nie lange daheim ausgehalten, das war ihm immer zu langweilig. Daher hat ihm die Abwesenheit von daheim damals nicht viel gemacht. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn er nach längerer Zeit wieder nach Hause kam habe ich gemerkt, wie er wieder reifer geworden ist“.

2012 der Katastrophenstart bei Ioda Racing.
2012 der Katastrophenstart bei Ioda Racing...
Jonas Folger 2012 in der Moto3
...der aber gut beim Aspar Team endet...
Jonas Folger 2013 in der Moto3
...und in der Moto3 2013 seine Fortsetzung findet.

Nach Jahren in diversen spanischen Meisterschaften debütiert Folger 2008 in der Motorrad WM. Vier Tage nach seinem 15. Geburtstag darf er erstmals mit einer Wildcard an den Start gehen. Bis 2013 fährt er in der kleinsten WM Klasse, der Moto3. Zwei Siege springen dabei heraus und insgesamt zwölf Besuche auf dem Treppchen. 2014 dann der Aufstieg in die Moto2. Zwei Jahre fährt er dort für das AGR Team, 2016 der Wechsel zum deutschen Vorzeigeteam IntactGP. In drei Jahren sammelt er elf Podiumsbesuche und gewinnt drei Rennen.

 

Jetzt, 2017, der Aufstieg in die MotoGP zu Tech3 Yamaha. Ein neues Kapitel, mit der vermutlich größten Herausforderung seiner sportlichen Karriere. Folger selbst spricht mit leuchtenden Augen vom ersten Moment auf seiner MotoGP Maschine. „Ich war wirklich aufgeregt vor der ersten Ausfahrt. Aber dieser erste Moment war einfach atemberaubend. Es war Wahnsinn. Ein MotoGP Bike zu fahren kann man nicht in Worte fassen, denn die Leistung ist einfach unglaublich. In jeder Hinsicht ist eine solche Maschine zehnmal besser als alles, was ich jemals vorher gefahren bin“.

 

Kann er es also sportlich schaffen, sich auf der Yamaha und in der MotoGP zu etablieren? Sein ehemaliger Teamchef von IntactGP, Jürgen Lingg, ist fest davon überzeugt. „Jonas hat ein unbegreifliches Gefühl für ein Motorrad. So etwas habe ich vorher noch nicht gesehen. Er hat die Maschine jederzeit unter Kontrolle, lässt sie rutschen und sliden, selbst in Sturzgefahr. So ein Gefühl ist etwas, was du nicht lernen kannst, sondern von Haus aus einfach mitbringst“. Lingg ist für Folger voll des Lobes, gibt dem Bayern aber den Tipp mit, „nicht zu nachdenklich zu sein und zu viel zu grübeln“. „Jonas kann sehr präzise Aussagen über ein Motorrad machen. Aber wenn es mal nicht so läuft und einem technisch auch die Möglichkeiten ausgehen, dann versucht er es manchmal mit der Brechstange. Da will er manchmal zu viel. Ehrgeiz ist gut, aber man muss ihn hier und da auch im Zaum behalten“, so Lingg.

2014 folgt für Jonas Folger der Aufstieg in die Moto2 zum AGR Team.
2014 folgt für Jonas Folger der Aufstieg in die Moto2 zum AGR Team. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Eine Sportart ist in Deutschland immer von erfolgreichen Sportlern wachgeküsst worden. Wen hatte Tennis Mitte der 1980er Jahre interessiert, bevor Boris Becker und Steffi Graf den Platz betraten? Und auch ein Michael Schumacher hat mit seinen Triumphen die Formel 1 in Deutschland erst so richtig salonfähig gemacht. Mit seinem Einstieg in die MotoGP könnte Jonas Folger bei ähnlichen Erfolgen auch einen Boom lostreten. Neben der sportlichen Qualität braucht es dazu auch die menschliche Reife.

 

Die, meint sein alter Kumpel und Weggefährte Marcel Schrötter, hat Folger mittlerweile. „In jungen Jahren war Jonas ein bisschen ein Chaot. Er hat gerne was vergessen oder nicht so wirklich geplant. Aber seit seiner schweren Zeit 2011/2012 und der Geburt seiner Tochter ist er menschlich noch einmal richtig gereift. Alles in seinem Umfeld passt jetzt. Und sportlich ist er sowieso über jeden Zweifel erhaben, denn Jonas hat eine natürliche Grundgeschwindigkeit, die einfach nicht jeder mitbringt“, sagt Schrötter.

 

Die MotoGP kann sich auf Jonas Folger freuen, sportlich wie auch als Person. Jürgen Lingg spricht von einem „menschlichen Supertypen“. Sein Kumpel Marcel Schrötter, mit dem Folger viele Monate zusammen in Spanien gelebt und trainiert hat sagt über Folger, er sei „ein echter Kumpel, von seiner ganzen Art her“. Und auch seine Mutter Anka meint „Jonas ist zwar kein aufdringlicher und lauter Mensch. Aber einer, mit dem man extrem viel Spaß haben kann“.

 

Vielleicht braucht es keinen Glamourtypen wie Christiano Ronaldo, der den Motorradsport in Deutschland wachküssen kann. Vielleicht braucht es einfach jemanden wie Jonas Folger, der mit seiner bodenständigen und nahbaren Art sportlich wie menschlich überzeugt und sich so in die Herzen der Motorradfans fahren kann.

(Markus Kahl)

 

Jonas Folger in der Moto2 2015 in Jerez
Sieg in der Moto2 in Jerez 2015. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Jonas Folger 2016 in der Moto2 in Sepang.
Podest in Sepang 2016 in der Moto2. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Jonas Folger 2017 bei den MotoGP Tests.
Die ersten Testfahrten 2017 in der MotoGP. (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)


Die Karriere des Jonas Folger in Zahlen

 

geboren am 13. August 1993

 

Einsätze in der Motorrad Weltmeisterschaft

Jahr Team Starts WM Punkte WM Platzierung
2008 MotoGP Academy  6 1 34
2009 Ongetta Team  16 73 12
2010 Ongetta Team  15 69 14
2011 Red Bull Ajo Motorsport  15 161 6
2012 Ioda Racing Project/
Mapfre Aspar Team 
15 93 9
2013 Mapfre Aspar Team  16 183 5
2014 AGR Team  18 63 15
2015 AGR Team  18 163 6
2016 Dynavolt IntactGP Team  18 167 7
2017 Monster Yamaha Tech3 Team      

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