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Miguel Oliveira im MotoGP Interview: „Wenn du keinen Druck hast, wirst du dich nicht entwickeln“

Miguel Oliveira für KTM Ajo 2017 in der Moto2
Miguel Oliveira ist eine der Überraschungen der Moto2 Saison 2017. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Er ist eine der Überraschungen des Moto2 Jahres 2017. Miguel Oliveira. Vier Podestplätze hat er in dieser Saison schon eingefahren, der Weg zum ersten Sieg scheint nicht mehr weit zu sein. Oliveira ist aber nicht nur Motorradrennfahrer, sondern auch Student und Nachwuchscoach. Dazu spricht er sechs Sprachen. Wie er das alles unter einen Hut bekommt, erzählt er im Gespräch mit Motosports24.

 

Mit wem sitze ich jetzt eigentlich hier zusammen? Mit Miguel dem Rennfahrer, mit Miguel dem Zahnarzt oder mit Miguel dem Nachwuchscoach?

 

(Lacht). Also schon mit Miguel dem Rennfahrer. Aber die anderen beiden Miguels gibt es natürlich auch.

 

Man sieht dich jetzt öfter auf Bildern mit Nachwuchsfahrern aus Portugal im Oliveira Cup. Kannst Du uns erzählen, was es damit auf sich hat? Bist Du somit jetzt so etwas wie ein Nachwuchscoach?

 

Ja, in gewisser Weise schon. Ich habe diesen Cup ins Leben gerufen, um jungen Nachwuchsfahrern eine Chance zu geben, einen Fuß in den Motorradsport setzen zu können. Der Sport ist nicht gerade günstig und viele können sich das nicht leisten, also habe ich nach einem Weg gesucht, damit Kinder und Jugendliche das trotzdem machen können.

 

Könnte da in Deiner Heimat mit diesem Engagement gerade so etwas wie ein neuer Boom entstehen?

 

Das ist noch viel zu früh um da jetzt ein Fazit zu ziehen. Zwei der Fahrer sind schon in Nachwuchsklassen der spanischen Europameisterschaft unterwegs. Aber man muss schauen, wie sie sich entwickeln. Es ist aber auf jeden Fall ein Anfang.

 

Hast Du eine Erklärung dafür, warum es so wenig Fahrer aus Portugal gibt, die Motorradsport betreiben?

 

Vielleicht aufgrund der Mentalität der Eltern ein Kind auf ein Motorrad zu setzen. Wenn man es mit Spanien vergleicht: Dort ist es für Eltern einfach ganz normal ein Kind auf ein Motorrad zu setzen. Auch schon in sehr jungen Jahren. Dazu kommt, dass sie vier Rennen in ihrem Land haben und einen sehr starken Wettbewerb auch für die jüngeren Fahrer. Es ist einfach leichter für sie mit dem Sport in Berührung zu kommen.

 

Wie bist du dann selbst zum Motorradsport gekommen und nicht, beispielsweise, beim Fußball gelandet?

 

Durch meinen Vater. Er war von Motorrädern fasziniert und hatte zuvor sein ganzes Leben lang schon welche. Er hat mir ein Quad gegeben als ich drei Jahre alt war. Man nimmt viel von seinen Eltern an. Fischt Dein Vater beispielsweise oder spielt Fußball, wirst du eher dort auch landen. Mein Vater mochte die Motorräder und so bin ich dort gelandet.

Seit 2017 fährt Miguel Oliveira für das Red Bull KTM Ajo Team in der Moto2
Seit 2017 fährt Miguel Oliveira für das Red Bull KTM Ajo Team in der Moto2. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wie schwierig war es für dich in die WM zu kommen?

 

Es war sehr hart. Ich hatte keine großen Sponsoren oder viel Geld. Es war mehr oder weniger nur durch einfaches Können. Es macht mich schon ziemlich stolz aus diesem Grund jetzt hier zu sitzen. Der Weg war der härteste, den man sich vorstellen kann. Ich bin zuerst in der spanischen Meisterschaft für zwei Jahre gefahren bevor es dann in die WM ging.

 

Wie groß ist der Faktor Glück und Zufall in einer Karriere?

 

Ich würde sagen 50/50. Natürlich kommt eine Menge von der Arbeit, aber wenn man beispielsweise stürzt, kann man Glück oder Unglück haben. Und wenn du oft stürzt und dich verletzt, behindert es dich natürlich in deinem Fortschritt.

 

Du hast in einem Interview mal gesagt, Maverick Vinales war ein ganz wichtiger Part in deiner Karriere. Warum?

 

Ich denke, wir waren die stärksten Fahrer seit ich elf Jahre alt war. Wir sind in vielen Rennen aufeinandergetroffen und haben uns gegenseitig zu Höchstleistungen angestachelt. Ich weiß nicht, wie es sich entwickelt hätte, hätte jeder nur für sich sein Ding gemacht.

 

Ist es denn besser immer gegen Gegner zu kämpfen die – und sei es nur für den Moment – besser sind als man selbst?

 

Auf jeden Fall. Das ist ein Teil des Wettbewerbs. Du hörst nie zu arbeiten auf. Wenn du keinen Druck hast, wirst du dich nicht entwickeln.

 

Der richtige Durchbruch in der Moto3 ist dir seinerzeit im Team von Aki Ajo gelungen. Was war hier so viel besser als in den Jahren zuvor?

 

Die ganze Struktur des Teams. Das Motorrad hat gut funktioniert und das Team hat schon sehr gut und professionell gearbeitet. Ich habe eine große Unterstützung gefühlt und dann kamen schnell die Ergebnisse.

 

Letztes Jahr kam dann für dich der Aufstieg in die Moto2. So ein Klassenwechsel ist gerade im ersten Jahr oft schwierig. War dein Start für dich selbst besser oder schlechter, als es unter dem Strich die WM Punkte sagen?

 

Es war ein harter Beginn in der Serie. Ich hatte mir im Training vor dem Saisonstart zwei Finger gebrochen. Dann habe ich mir noch das Schlüsselbein gebrochen und drei Rennen verpasst. Es war eine echt harte Zeit. Aber diese Durststrecke hat mir schon dabei geholfen um auf dem Level zu sein, auf dem ich mich jetzt befinde.

 

Jetzt bist du zurück im „alten“ Team bei RedBull und Aki Ajo. Wann war für dich klar: Da will ich hin und da kann ich wieder hin?

 

Es war im letzten Jahr als ich diverse Optionen vorgefühlt habe. Aki (Ajo) hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann und dann hat alles seinen Lauf genommen. Jetzt bin ich froh hier zu sein.

Miguel Oliveira für KTM Ajo 2017 in der Moto2
Der Blick fokussiert in die Zukunft gerichtet. Miguel Oliveira hat in der Moto2 noch viel vor. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wie zufrieden bist du bislang mit deiner Saison und dem Teamwechsel.

 

Sehr zufrieden bislang. Wir konnten nicht unbedingt diese Ergebnisse mit der neuen Maschine erwarten. Ich bin superzufrieden mit dem Team und dem Umfeld, lerne eine Menge. Ich hoffe, dass ich das mit guten Resultaten auch zeigen kann.

 

Du klopfst 2017 schon an der Spitze der Moto2 an. Was klappt 2017 so viel besser als im ersten Jahr Moto2?

 

Ich denke für einen Fahrer ist es wichtig, gute Erfahrungen zu sammeln. Eine gute Motivation macht einen großen Unterschied. Natürlich ist es auch hilfreich die technische Basis zu haben um den richtigen Weg zu finden. Alles das finde ich hier vor. Somit läuft es einfach rund.

 

Neben deinem Job als Rennfahrer hast du aber noch eine zweite Karriere laufen. Wie wird man zum Studenten der Zahnmedizin, wenn man parallel dazu Leistungssport betreibt?

 

Das ist schon hart, beides zusammen unter einen Hut zu bringen. Ich habe mir nach der Schule überlegt damit anzufangen. Klar ist das auch schon mit Blick für die Zeit nach meiner Karriere. Aber ich werde mir Zeit damit lassen. Meine Priorität momentan ist das Rennfahren. Aber es ist schon so, dass mir das Studium auch dabei hilft, das Wochenende an der Strecke ein bisschen zu vergessen. Und es hilft mir dabei auf andere Gedanken zu kommen.

 

Du bist also noch mittendrin in deinem Studium?

 

Ja klar. Ich habe das jetzt zwei Jahre erst gemacht und es wird noch eine ganze Weile dauern.

 

Wann fängst du somit im Clinica Mobile an zu arbeiten?

 

(Lacht). Ich weiß nicht. Vielleicht ist das für die Zukunft tatsächlich eine Option.

 

Hast du einen Karriereplan? Noch dieses Jahr und 2018 Moto2 dann vielleicht der Aufstieg in die MotoGP. Wie sehen deine Vorstellungen aus?

 

Ja, das klingt so wie ich mir das auch vorstellen könnte. Nächstes Jahr auf jeden Fall Moto2. Wenn die Ergebnisse stimmen sollten, bin ich vielleicht dazu in der Lage die Aufmerksamkeit von einem Team in der MotoGP zu erhalten. Aber daran denke ich momentan nicht. Ich will jetzt erst einmal hier und jetzt stark sein und meinem Team zeigen was ich leisten kann.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Miguel.

(Das Gespräch führte Markus Kahl)

Miguel Oliveira für KTM Ajo 2017 in der Moto2
Wir haben Miguel Oliveira 2017 am Sachsenring zum Gespräch getroffen. (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

 

 

Miguel Oliveira wurde am 4. Januar 1995 in Portugal geboren. 2017 absolviert er seine zweite Moto2 Saison im Team von Red Bull KTM Ajo. Zuvor war er 2016 in die Moto2 aufgestiegen, davor fünf Jahre in der Moto3 WM gefahren. Mehr über Miguel auf seiner Homepage: https://www.migueloliveira44.com/en


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