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Ein Tag an der Rennstrecke mit Moto2 Pilot Francesco Bagnaia: The circle of bike

Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
Einer der Aufsteiger der Moto2 Saison 2017: Francesco Bagnaia im Sky Racing Team VR46. (© www.gp-fever.de, Steve Wobser)

Es gibt diesen schönen Spruch: „Eat, sleep, train, repeat“. Der gar nicht so abwechslungsreiche Tag eines Spitzensportlers. Wer Ergebnisse will, muss vorher ordentlich leiden. Doch ist dieser Alltag wirklich so eintönig? Gibt es nicht doch etwas Abwechslung? Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Also dachten wir: Lass uns das doch einfach mal selbst überprüfen. Und so konnten wir einen ganz gewöhnlichen Tag von Francesco Bagnaia miterleben. Na, ein ganz gewöhnlicher Tag war es nicht, sondern ein Tag an der Rennstrecke, der aber in der Vorbereitung schon sehr viel früher beginnt. Der Freitag, an dem die ersten beiden freien Trainings in der Moto2 stattfinden. Bagnaia und das Sky Racing Team haben uns dafür einen exklusiven Einblick gewährt.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstag im Leben des Francesco Bagnaia. Die Uhr zeigt 7.45 an, als der Wecker klingelt. Nur noch zwei Tage bis zum Start in ein Rennwochenende. Der Ablauf eines Tages: Oft sehr ähnlich. Je näher ein Rennwochenende rückt, umso mehr wird über organisatorische Fragen gesprochen. Wann ist Anreise, welche Termine gibt es im Vorfeld schon abzusprechen. Aber auch um vermeintlich „banale“ Fragen wie das Merchandising des Fahrers wird geredet. So läuft ein Vormittag von Francesco Bagnaia oft ab. Mittags beginnt dann die Zeit des Trainings. Oft im Fitnessstudio oder aber auf dem Motorrad. Bis zu vier Stunden gehen dabei drauf, danach neigt sich der Tag oft schon langsam dem Ende zu.

 

Unter der Woche ist Bagnaia Teil der VR46 Riders Academy. MotoGP Superstar Valentino Rossi hat diese vor einiger Zeit ins Leben gerufen, um jungen Nachwuchstalenten eine gezielte Förderung zukommen zu lassen. Fahrer wie Andrea Migno aus der Moto3, aber auch Franco Morbidelli oder Rossis Halbbruder Luca Marini sind Mitglieder dieser Academy. Sie tauschen sich unter der Woche intensiv aus, reden und trainieren gemeinsam. Ist es dann nicht ein Problem, wenn man unter der Woche gemeinsam trainiert, sich am Sonntag im Rennen auf der Strecke aber besiegen will? „Nein“, sagt Francesco Bagnaia. „Bei uns herrscht die ganze Zeit gesunder Wettbewerb untereinander. Egal, ob wir gerade auf der Ranch von Valentino (Rossi) gegeneinander fahren oder unsere Fitnesseinheiten machen. Dieser Wettbewerb wird dann auf der Strecke einfach fortgeführt. Man hat Respekt voreinander und trotzdem herrscht eine gesunde Rivalität. Ich finde das sehr wichtig, weil man so permanent dazulernt“.

Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
2015 fährt Francesco Bagnaia auf einer Mahindra in der Moto3 noch eher hinterher. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Bagnaia fährt 2017 seine erste Saison in der Moto2. Doch das merkt man bei vielen Rennen rein gar nicht. Frech wie Oscar fuhr er bereits dreimal aufs Podest. Der erste Sieg in der mittleren WM Klasse scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dabei gilt die Moto2 als die härteste aller WM Klassen. Der Grund: Die Maschinen haben einen technischen Gleichstand. Durch die Bank weg sind die meisten Fahrer mit einem Kalex Rahmen unterwegs, einen Einheitsmotor von Honda müssen sowieso alle verwenden. „Eine Moto3-Maschine kann man an vielen Stellen verändern und hier und da sicher das perfekte Bike auf die Strecke bringen“, erzählt Bagnaia. „Die Moto2 ist komplett anders. Erst einmal ist die Maschine schwerer. Dann ist es viel schwieriger, die perfekte Abstimmung zu finden. Um nach vorne zu kommen, muss man viel mehr an seinem Fahrstil arbeiten. Das ist in dieser Klasse entscheidend“.

 

Noch waren wir nicht eine Minute am Rennfreitag. Und doch gehört das alles eben Erzählte mit dazu. Denn so ein Rennwochenende beginnt sehr viel weiter vorher, als man zunächst glaubt. Die Vorbesprechungen zu den Rennen beginnen immer schon Tage vor einem Rennwochenende. Fahrer und Team setzen die ersten Schwerpunkte, in welche Richtung die Maschine präpariert werden muss. Aber auch der Fahrer kann etwas für eine optimale Vorbereitung tun. Nämlich die körperliche Anpassung an die jeweilige Strecke. Für das Rennen am Sachsenring ist beispielsweise der Trainingsschwerpunkt auf den Muskelaufbau gelegt. Die Strecke in Deutschland erlaubt durch ihre vielen Kurven keine Zeit zum Ausruhen. Oder Le Mans: Die Strecke gilt als körperlich anspruchsvoll, somit gibt es hier den Schwerpunkt auf Ausdauer und Kondition. Das Rennwochenende beginnt also für Bagnaia schon lange vorher.

 

Der Donnerstag ist für den Italiener der wichtigste Tag vor den Trainingseinheiten, der Qualifikation und dem Rennen. Denn hier werden die Grundlagen mit dem Team für das Wochenende gelegt. Wie soll das Setup aussehen, welche Änderungen sind angedacht. Der Freitag beginnt für Bagnaia sehr entspannt, denn vor halb acht muss er nicht aufstehen. Der Start der Moto2 ist bei den Europarennen in der Regel erst gegen kurz vor elf, wenn Moto3 und MotoGP schon ihr erstes freies Training hinter sich haben. Zum Frühaufsteher muss Bagnaia somit in diesem Jahr nicht werden.

Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
2016 startet Bagnaia in der Moto3 voll durch... (© www.gp-photo.de)
Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
...denn er gewinnt das 1. Rennen seiner WM Karriere. (© www.gp-photo.de)

Ich treffe ihn vor dem Start in seinen Trainingsfreitag zum Gespräch. Ich bin sehr angenehm überrascht. Man weiß ja nie, welcher Mensch einem da jetzt begegnet, vor allem, wenn man das erste Mal auf jemanden trifft. Bagnaia ist ein ausgesprochen höflicher junger Mann, wirkt in seiner ganzen Art sehr zurückhaltend und äußerst ruhig. So jemand soll am nächsten Tag mit 250 Sachen über die Strecke brettern? Kann man sich kaum vorstellen. Aber dieses Gefühl werde ich auch noch bei anderen Piloten haben, die ich an diesem Wochenende treffe. Bagnaia erzählt mir also von seinen ganzen Vorbereitungen und den Ablauf für ihn an einem Trainingstag. An diesem Freitag darf ich ihn am Sachsenring begleiten.

 

Sobald Bagnaia an der Strecke angekommen ist geht es für ihn erst einmal direkt in die Hospitality des Sky Racing Teams. Denn auch für Rennfahrer gilt der alte Spruch der Bundeswehr: Ohne Mampf kein Kampf. Frühstück steht auf der Agenda, bevor Bagnaia das erste Mal an diesem Tag einen Fuß auf und Richtung Strecke setzt. Ein Blick geht vor seinem eigenen Start in das Training immer zum Himmel. Wie ist das Wetter, wie die Temperaturen, wie die Streckenbeschaffenheit? Orientierung gibt ihm dabei die Moto3. Wie schnell konnten die an diesem Vormittag unterwegs sein?

 

Bagnaias eigene Vorbereitung auf die erste Ausfahrt beginnt etwa eine halbe Stunde vor der ersten Ausfahrt der Moto2. Dienstuniform, sprich den Rennanzug anziehen. Davor den Körper mit leichten Stretchingeinheiten auf Betriebstemperatur bringen. Gut zehn Minuten bevor die Ampel auf Grün schaltet und die Motorräder rausfahren, ist Bagnaia in der Box und bespricht die letzten Punkte mit seinem Crew Chief. Es wird noch gescherzt und gelacht, die Stimmung ist gelöst, nichts deutet auf irgendwelche Anspannung hin. Dann geht es los. Francesco Bagnaia dreht seine ersten Runden auf dem Sachsenring 2017. Bei trockenen Bedingungen und 17 Grad geht es auf die Strecke. Mechaniker und die gesamt Crew schauen jetzt gebannt auf die Monitore, die in der Box aufgebaut sind.

Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
2017 steigt... (© www.gp-fever.de, Steve Wobser)
Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
...Francesco Bagnaia... (© www.gp-photo.de)
Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
...in die Moto2 auf. (© www.motosports24.de)

Schnell sieht man ein erstes vorsichtiges Lächeln auf den Gesichtern, denn Bagnaia reiht sich in der Zeitentabelle direkt in den Top zehn ein. Acht bis zehn Runden dauert so eine erste Ausfahrt, bevor es dann zum ersten Mal wieder zurück an die Box geht. Bagnaia und sein Crewchief stecken die Köpfe zusammen. Von Hektik keine Spur. Währenddessen werden minimale Änderungen an der Maschine vorgenommen. Anpassungen, als direkte Folge des Feedbacks vom Fahrer. Bagnaia selbst sagt, dass er an seiner Maschine nicht gern große Veränderungen vornimmt, egal auf welcher Strecke er unterwegs ist. Es gibt ein Grundsetup, was ihm als Rookie das Leben leichter machen soll.

 

Mit großen Ansprüchen oder Wünschen startet Bagnaia nicht in einen Trainingsfreitag. Er vertraut ganz auf seine Crew, die schon mehr Erfahrung in der Moto2 als er hat und die ihm zum Start ein gut fahrbares Bike in die Box stellen. Nach dieser ersten Pause geht es wenige Minuten später schon wieder auf die Strecke. Die Eindrücke von Team und Fahrer haben sich nicht groß verändert. Bagnaia bleibt bei seinen bisherigen Zeiten. Ohne große Vorkommnisse dreht er seine Runden. Am Sachsenring hat das Team noch weniger Platz in seiner Garage als an anderen Strecken. Umso mehr kommt es darauf an, dass alles an der richtigen Stelle liegt und steht und die Mechaniker schnell auf ihre Utensilien zugreifen können. Wie in einem OP- Saal in einem Krankenhaus sieht es fast aus, so steril und ordentlich ist dort alles verstaut.

 

Bagnaia fährt seine Runden bis zum Ende der offiziellen Trainingszeit durch. Kein weiterer Boxenstopp ist erforderlich. Nach dem Ende seiner Trainingseinheit beginnt für Fahrer und Team die weitere Arbeit. Bagnaia, sein Crew- und Teamchef sitzen jetzt zusammen und analysieren die Einheit. Wie hat sich Bagnaia gefühlt, welche Rückschlüsse geben die Daten her? Währenddessen beginne die Mechaniker das Motorrad des Fahrers fast komplett zu zerlegen. Alles geschieht völlig ruhig und routiniert. Doch warum wird das Motorrad überhaupt auseinandergebaut, wo es doch keinen Sturz oder Beschädigungen gab? Es dient der Pflege der Maschine. Winziger, teils sogar kaum sichtbarer Dreck setzt sich auf die einzelnen Teile. Bei der richtigen Pflege und Reinigung wird die Zuverlässigkeit gewährleistet und mögliche, nicht gleich sichtbare Beschädigungen, werden entdeckt.

Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
Ausfahrt... (© www.motosports24.de)
Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
...Besprechung... (© www.motosports24.de)
Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
...Ausfahrt. (© www.motosports24.de)

Francesco Bagnaia zieht sich nach dieser Trainingseinheit in seinen Ruhebereich zurück. Er zieht sich um, um danach direkt zum Team in die Box zurückzukommen. Das Videostudium nach der Trainingseinheit steht an, bevor es dann auch schon zum Mittagessen geht. Leichte Kost steht auf dem Speiseplan, meistens beschränkt es sich an diesen Tagen auf Nudeln mit Hühnchen. Viel Zeit bleibt danach nicht, denn es geht Schlag auf Schlag weiter. Das zweite freie Training steht am Nachmittag auf dem Zettel. Der Ablauf? Identisch zum Vormittag. Losfahren, reinkommen, analysieren, rausfahren, reinkommen, analysieren, reinfahren, Ende.

 

Ist das Ende der freien Trainings auch das Ende des Arbeitstags für Francesco Bagnaia? Nein! Eine ausführliche Analyse folgt mit dem Team, bei der über die guten und schlechten Momente des Tages gesprochen wird. Dabei wird auch die erste Strategie für das Qualifying am Samstag besprochen. Nach der Zeit in der Box nimmt sich Bagnaia dann meist etwas Zeit für sich. Bei einer Entspannungsmassage im Clinica Mobile bleibt etwas Raum zum Abschalten. Für die Crew ist der Tag noch nicht vorbei, denn am Abend werden schon die technischen Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen. Statt gelangweilt vor irgendeinem Fernseher zu sitzen, ist Bagnaia hier gerne bei seinem Team in der Garage. „Es gibt immer etwas zu besprechen“, erzählt er mir. „Außerdem bin ich gerne bei und mit meinem Team zusammen. Man kann durch diese gemeinsamen Gespräche und die gemeinsame Zeit ein besseres Verständnis füreinander entwickeln“, ergänzt er zum Schluss.

 

Langsam geht an der Strecke die Sonne unter, bevor ein neuer Tag auf Francesco Bagnaia und sein Sky Racing Team VR46 wartet. Wieder ein Tag voller Arbeit und der Hoffnung auf gute Platzierungen. Kleine Details sind es beim Rookie, im Team und der Moto2 insgesamt, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. The circle of bike. Die Kunst, das Spiel mit diesen Details bis ins Kleinste zu perfektionieren, um den Traum vom Erfolg immer und immer wieder Wirklichkeit werden zu lassen.

(Markus Kahl)

Francesco Bagnaia in der Moto2 2017 für das Sky Racing Team VR46
Wir haben Francesco Bagnaia am Sachsenring 2017 zum Gespräch getroffen und einen Trainingstag von ihm begleitet. (© www.gp-fever.de)

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