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Jack Miller im MotoGP Interview: "Motorradfahren ist in meiner DNA"

Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
Langweilig ist anders. Jack Miller zeigt im Interview am Sachsenring ganz neue Seiten. (© www.gp-fever.de, Steve Wobser)

2015 wurde er in eiskaltes Wasser geworfen. Die Vorschusslorbeeren für Jack Miller waren groß, als er als erster Fahrer direkt von der Moto3 in die MotoGP aufstieg. Zweieinhalb Jahre fährt Miller mittlerweile in der Königsklasse des Motorradrennsports. Einen Sieg konnte er einfahren, auf die weiteren ganz großen Ergebnisse muss er aber noch warten. Im Gespräch mit Motosports24 erzählt Miller von seinem steinigen und harten Weg in die MotoGP, auf was es für ihn im Rennsport ankommt und warum er sich auch mit 40 noch vorstellen kann auf einem Motorrad zu sitzen.

Warum ist Jack Miller eigentlich Jackass?

 

(Lacht). So hat mich mein Großvater genannt als ich jünger war. Ich war als kleiner Junge wie ein Terrier, die ganze Zeit am herumrennen. In Australien ist Jackass ein Begriff für eine Person, die die ganze Zeit ein bisschen verrückt ist.

 

Wie hat für dich eigentlich alles mit dem Motorradsport angefangen?

 

Mein Bruder hat mit vier Jahren ein Motorrad bekommen. Da war ich knapp drei. Ich habe geweint, weil ich nicht mitfahren durfte und dann hat mich mein Vater auf seiner Maschine mitgenommen. Da mein Bruder ziemlich groß war, war die Maschine schnell zu klein und so habe ich sie bekommen. Dann bin ich über das Gelände von der Farm meines Onkels gerast. Immer, wenn wir da waren, wollte ich Motorrad fahren. Nichts anderes. Das haben meine Eltern natürlich gesehen und mich so zu den ersten Rennen gebracht als ich etwa sieben Jahre alt war. Natürlich gab es auch oft genug eine neue Maschine zu Weihnachten. Von da an bin ich Motocross gefahren bis ich etwas 13 war. Dann habe ich mir das Bein gebrochen – wieder einmal. Ich habe mir alle möglichen Knochen vorher schon gebrochen gehabt. Das war aber der Moment, wo ich dann auf Straßenrennen umgestiegen bin. Dort, wie in den Rennen und Klassen zuvor, hatte ich in Australien so ziemlich alles an Meisterschaften gewonnen die es gab. Da es dort nichts mehr zu gewinnen gab, sind wir dann 2009 nach Europa, wo ich dann in Deutschland und Spanien in verschiedenen Meisterschaften an den Start gegangen bin.

 

Gab es in jungen Jahren ein Vorbild für dich oder eine Person, der Du nacheifern wolltest?

 

Ein kleinwenig habe ich natürlich auf Casey Stoner geschaut, der ja einen ähnlichen Weg wie ich beschritten hat. Aber klar hatte man auch einen Blick auf andere Landsleute wie Mick Dohan. Aber als ich ganz jung war, wollte ich wie die großen Stars im Motorcross sein. Das hat mich richtig fasziniert.

 

Du bist in sehr jungen Jahren nach Europa gekommen. Warum hast du den Weg auf dich genommen, mit welchem Ziel bist du hierhergekommen?

 

Ich wollte ganz einfach hier Motorrad fahren. Der Level in Australien war nicht so wirklich hoch. Ich war in meiner Heimat ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Aber ich wollte lieber ein kleiner Fisch in einem großen Teich sein. Deshalb bin ich hergekommen.

 

Bist du damals alleine oder mit deiner Familie nach Europa gezogen?

 

Mit meiner Familie. Ich hatte ja noch nicht so viel Erfahrung mit Straßenrennen, also haben wir das ganze Equipment aus Australien einfach mit hierhergenommen. Dann sind wir durch Europa gereist. Von Rennen zu Rennen, von Strecke zu Strecke.

Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
So fing alles an. Jack Miller in seinem besten Jahr bislang. 2014 schrammte er in der Moto3 knapp am Titel vorbei. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wie hart ist es für einen Australier in dieser Szene Fuß zu fassen, besonders in der MotoGP?

 

Definitiv schwierig. Alleine wenn man nur an das ganze Thema Sponsoring denkt. In Australien will niemand Geld dafür geben. Vor allem nicht, wenn du in Europa Deine Runden drehst. Der Fokus ist, wenn überhaupt, auf die Jungs vor Ort gerichtet. Da achtet keiner darauf, was in Europa oder sogar in der Weltmeisterschaft passiert. Aber wir haben es gepackt. Als ich mein erstes Jahr in der WM gefahren bin, war es ein totales Desaster. Wir hatten nur eine Option bei einem Team zu fahren und das hat gar nicht funktioniert. Es gab nur Ergebnisse außerhalb der Top 20. Uns war schon klar, dass ein gutes Bike in einer Saison alles auf den Kopf stellen kann. Aber wir hatten es nicht, brauchten aber unbedingt die Erfahrung in der Weltmeisterschaft, um voran zu kommen.

 

Warum bist du dann vom Offroad fahren zur Straßenmaschine gewechselt?

 

Ich wollte einfach was anders probieren. Klar, in Australien ist die Szene im Straßenrennsport ziemlich winzig. In Europa gibt es in vielen Ländern diese Nachwuchsmeisterschaften. Das kennen wir bei uns nicht. Bevor man da nicht 14 Jahre alt ist, kommt man eigentlich kaum auf eine Straßenmaschine, weil so kleine Maschinen dort nicht angeboten werden. Motorcross gibt es viel, aber Motorradrennen für die Straße eben nicht.

 

Du hast einen ziemlich anderen Lebenslauf, als viele deiner Kollegen. In einer CEV oder auch im Red Bull Rookies Cup bist du nie gefahren. Hat es Dir dieser Weg in deiner Karriere oft schwerer gemacht?

 

Ich denke schon. Stimmt, ich bin in diesen Nachwuchsklassen nie gefahren. Ich bin einen anderen, meinen Weg gegangen. Ich bin in der IDM gefahren, teils auch in der spanischen Meisterschaft. Da aber nur drei Rennen und bei einem ist auch noch die Maschine kaputtgegangen. In diesem Jahr (2011) habe ich wirklich hart gekämpft. Die Geschwindigkeit war da und man konnte an vielen Stellen schon sehen, welches Potential vorhanden ist. Mir hat es damals in der IDM gut gefallen. Natürlich ist es gut, wenn du auch als junger Bursche schon das Feeling aus dem WM Paddock kennenlernen kannst. Man lernt auch viele Leute kennen, knüpft Kontakte. Das merkt man dann hier und da schon, dass das fehlt.

 

Hilft dir die Erfahrung mit dieser harten Schule heute?

 

Ja, mit Sicherheit. Es hat mich gelehrt, Geduld zu haben. Und ich habe gelernt hart zu arbeiten. Jeder Schritt in meiner Karriere war das Ergebnis sehr harter Arbeit.

Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
2015 der EInstieg in die MotoGP. Jack Miller fährt eine Open Honda bei LCR. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Über welche Fähigkeiten muss ein Motorradfahrer verfügen um gut zu sein?

 

Tja, schwierige Frage. Ich für mich kann sagen, dass ich so etwas wie ein Allrounder bin. Ich kann verschiedene Arten von Motorrädern und die auch in ganz unterschiedlichen Klassen fahren. Wie Motocross, Dirt Track oder sowas in der Art. Wenn man da manchen MotoGP Fahrer draufsetzen würde, wäre er hoffnungslos verloren. Für mich ist es vor allem Kopfsache, nicht unbedingt die eine Fähigkeit, die man haben muss.

 

Wieviel Leidensfähigkeit muss man als Sportler haben?

 

Sehr viel. Sehr, sehr viel. Man muss sich beispielsweise daran gewöhnen, auch immer wieder mit gebrochenen Knochen an den Start zu gehen. Oder schau Dir meine Hand an. Der heftige Abflug aus Le Mans, den siehst Du immer noch in der Hand. Aber was will man machen. Die Rennen warten nicht auf einen. Motorradrennen sind mein Leben.

 

Gibt es einen Punkt in einem Rennen, ab dem es anfängt wehzutun? Ich denke gerade daran wie die Jungs bei der Tour de France auf die Berge strampeln und da völlig über ihrem Limit sind.

 

Klar, solche Momente gibt es natürlich. Es ist wirklich nicht einfach ein MotoGP Bike zu fahren. Diese brachiale Beschleunigung und auch Bremsfähigkeit, wie das in Deine Arme oder Deine Schultern reinhaut, das kann man mit Worten nicht beschreiben.

 

Hattest du schon mal einen Moment, an dem du am liebsten alles hingeworfen hättest?

 

Nein, denn dafür fahre ich einfach zu gerne Motorrad. Selbst wenn ich heute die Karriere beenden würde, wollte ich weiter an jedem Wochenende auf einem Motorrad sitzen. Und wenn es nur bei irgendwelchen Clubrennen ist. Motorradfahren ist mein Leben, das ist einfach fest in meiner DNA verankert.

 

Was bedeutet für dich das Wort Druck?

 

Also wir haben ja immer Druck von allen Seiten. Für mich kommt es immer darauf an, wie man damit umgeht. Druck kümmert mich ehrlich gesagt nicht allzu viel. Ich kann damit umgehen.

 

Du bist der erste Pilot, der von der Moto3 direkt in die MotoGP aufgestiegen ist. Wieviel Druck hattest Du auf einer Skala von 0 bis 10?

 

Klar, da war eine Menge Druck. Aber ich würde sagen, ich habe diesen Druck damals nicht als solchen verstanden. Ich wusste, eigentlich bin ich dafür noch nicht so ganz bereit. Aber dann habe ich es verstanden und heute genieße ich die Zeit hier einfach.

Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
2016 in Assen der bisherige Höhepunkt. Jack Miller gewinnt sein erstes Rennen in der MotoGP. (© Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team)

Was war im Rückblick das Schwierigste an diesem rasanten Aufstieg?

 

Die ganze Arbeitsweise eines MotoGP Fahrers voll und ganz zu lernen und zu verstehen. In der Moto3 genießt du doch noch viel mehr Freiheiten. Man muss dort noch nicht ganz so fokussiert sein. In der MotoGP bist du wirklich die ganze Zeit verplant, die ganze Woche dreht sich um absolut nichts anderes mehr. Man denkt auch einfach noch viel mehr darüber nach, wie man sich permanent verbessern kann.

 

Es gab viel Kritik, als es anfangs in der MotoGP noch nicht rund lief. Die Ergebnisse fehlten, du hattest viel einzustecken. Kamen da irgendwann Selbstzweifel auf?

 

Man hat immer Selbstzweifel. Ich hatte jedoch immer das Gefühl, keinen so schlechten Job zu machen. Im ersten Jahr bin ich eine Open Honda gefahren, was nachweislich nicht die beste Maschine im Paddock war. Es gab ja einige Fahrer wie Eugene Laverty oder auch Nicky Hayden, die ich auf dieser Maschine in Klassement hinter mir gelassen habe. Die haben ja vorher einiges gewonnen und ich hatte sie im ersten Jahr gleich hinter mir gelassen. Von außen können die Leute ja immer viel erzählen. Aber wenn ich es von innen betrachte, war das ziemlich gut, was wir zu dem Zeitpunkt erreicht haben.

 

Was ist nach zweieinhalb Jahren in der MotoGP deine größte Lehre oder Erkenntnis?

 

(Denkt lange nach). Arbeiten. Immer weiter hart arbeiten. MotoGP bekommst Du nicht aus deinem Kopf. Also heißt es immer am Ball bleiben.

 

Wir als Zuschauer sehen oft nur das reine Ergebnis, senken den Daumen, wenn ein Fahrer nur auf Platz 12 ins Ziel kommt. Wann bist du mit einem Rennen zufrieden, wenn man nicht ausschließlich auf das Resultat schaut?

 

Puh, schwierige Sache. Klar hat man manchmal das Gefühl, heute war es gar nicht so schlecht. Aber wir sind doch hier um Rennen zu gewinnen. Für mich ist es ein super Gefühl, wenn ich in den Top fünf ein Rennen beenden kann.

 

Kann ein neunter Platz für einen selbst in einem Rennen manchmal besser sein, einen zufriedener machen, als beispielsweise ein dritter Rang?

 

Nein. Auf keinen Fall. Es gibt ja nichts Besseres als auf dem Podest ein Rennen zu beenden. Natürlich kann ein neunter Platz sich in einem Rennen auch einmal wie ein Sieg anfühlen. Aber, ehrlich gesagt, ist man als echter Racer mit sowas nie zufrieden.

 

Kannst du ein Rennen auch mal ohne Druck genießen?

 

Da ist immer Druck. Wenn es nicht von außen ist, mache ich mir selbst schon genug Druck. Man will immer schneller, immer besser werden und sein. Da kommen dann auch nach einem Rennen gleich so Gedanken wie, ich muss noch mehr machen und tun, um mich beim nächsten Rennen besser auf der Maschine zu fühlen.

 

Wie positive bekloppt muss man eigentlich sein, um freiwillig mit 350 km/ über eine Strecke zu brettern?

 

Ja, das ist schon verrückt. Aber über sowas denkt man nicht nach. Ich denke eher an die nächste Kurve und wie spät ich da wieder bremsen kann. Ich kann mich noch an meine erste Fahrt mit einem MotoGP Motorrad erinnern. Ich dachte nur, wow, ist das schnell. Ich war ja zuvor noch nie eine Maschine mit 600 oder 1.000 Kubik gefahren. Aber ehrlich: Man gewöhnt sich verdammt schnell daran.

Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
2017 in der MotoGP für das MarcVDS Team: (© www.gp-photo.de)
Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
Jack Miller. Ob er hier auch 2018 fährt? (© www.gp-fever.de, Steve Wobser)

Lass uns noch ein bisschen über deine Heimat sprechen. Ich mag Australien, ist ein cooles Land, auch wenn ich selbst noch nie da gewesen bin. Was magst du an Deiner Heimat und an der Art deiner Landsleute?

 

Also ich vermisse Australien sehr. Es ist einfach sehr entspannt dort, sehr relaxed. Wir haben viel Platz dort. Jeder hat da einen Garten. Und Nachbarn sind oft sehr weit weg, wenn man wie ich dort auf einer Farm aufgewachsen ist. Es ist einfach eine sehr angenehme Atmosphäre.

 

Gibt es eine große Fangemeinde in deiner Heimat für den Motorradsport?

 

Nein, leider nicht. Klar gibt es große Fans von unserem Sport. Aber wir haben keine eigene große Meisterschaft, der Markt ist nicht wirklich da. Australien ist einfach sehr groß. Da ist es auch nicht so einfach, so eine Meisterschaft auf die Beine zu stellen.

 

Derzeit bist du der einzige Australier weit und breit. Können wir in naher Zukunft mit Nachwuchs von dort rechnen?

 

Mmmh, schwierig. Klar gibt es ein paar jüngere Talente wie Olly Simpson oder Matt Barton. Aber der ganz große Nachwuchs ist jetzt nicht in Sicht. Man darf aber einfach auch nicht vergessen, dass es viele Leute gibt, die Australien nicht verlassen wollen.

 

Kannst du dir vorstellen, auch mit 40 noch auf dem Bike zu sitzen?

 

Ich würde es lieben. Ich denke, jemand wie Troy Bayliss, hat das ja gezeigt, dass es geht. Wenn ich nur hart genug arbeite und meinen Körper nicht zu oft verletze: Warum nicht.

 

Welche Pläne hast du für deine Zukunft, Dein Vertrag läuft ja 2017 aus. Sehen wir dich 2018 auf der gleichen Maschine im gleichen Team?

 

Also um ehrlich zu sein, würde ich gerne hierbleiben. Wir arbeiten derzeit daran alles unter Dach und Fach zu bringen und ich hoffe, dass wir in den nächsten Wochen Vollzug melden können. Klar gibt es mehrere Optionen und ich will auf dem für mich bestmöglichen Bike landen.

 

Danke für das Gespräch, Jack.

(Das Gespräch führte Markus Kahl)

Jack Miller 2017 in der MotoGP für das Estrella Galicia 0,0 MarcVDS Team
Markus Kahl traf Jack Miller zum Interview am Sachsenring 2017. (© www.gp-fever.de, Steve Wobser)

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