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Marco Bezzecchi im MotoGP Interview: Der Mann, der aus dem Nichts kam

Marco Bezzecchi hat 2018 gut lachen. Er fährt eine perfekte Moto3 Saison in seinem PrüstelGP Team.
Marco Bezzecchi hat 2018 gut lachen. Er fährt eine perfekte Moto3 Saison in seinem PrüstelGP Team. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wetten kann ein hochriskantes Geschäft sein. Gelegentlich können jedoch kleine Einsätze zu großen Gewinnen führen.

 

Wer im letzten Winter ein paar Euro auf den Italiener Marco Bezzecchi gesetzt hätte, bei dem hätte die Kasse schon so manches Mal in 2018 geklingelt. Doch wer hätte das vor dem Saisonstart getan? Ich gebe ehrlich zu: Bezzecchi ist für mich bislang eine der größten positiven Überraschungen der Saison. Und das sind auch die Geschichten, die einfach jede Menge Spaß machen. Fahrer die plötzlich vorne mitmischen, die aber vorab keiner auf dem Zettel hatte.

 

Am Sachsenring habe ich Bezzecchi getroffen. Wer ist der Italiener überhaupt? Wo kommt er her? Hätte er selbst mit seinen Erfolgen gerechnet und vor allem, wie geht es ihm dabei? Diese und noch viel mehr Fragen klären wir im großen MotoGP Interview.

Motosports24: Marco, was ist mit Dir im letzten Winter passiert?

 

Marco Bezzecchi: (Lacht). Nichts. Ich habe einfach nur trainiert, trainiert und noch mehr trainiert. Und ein gutes Gefühl zur neuen Maschine und dem Team aufgebaut. Ansonsten ist wirklich nichts Spezielles vorgefallen.

 

Ich frage, weil man es ohne großes Herumreden so sagen kann: Diese Saison ist bislang ein voller Erfolg. Hättest Du diese Entwicklung für 2018 erwartet?

 

Nein. Also um die Meisterschaft mitzufahren, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. So eine Weltmeisterschaft ist sehr schwierig, es gibt viele schnelle Fahrer. Natürlich wusste ich, dass ich auch schnell unterwegs bin. Das habe ich schon bei den Wintertests gemerkt. Ich habe schon gedacht das es möglich sein könnte mal um einen Podestplatz mitzufahren. Und dann wurde es zum Start in die Saison von Rennen zu Rennen besser.

 

Was funktioniert 2018 besser auf und abseits der Piste als in der letzten Saison?

 

Ich habe letztes Jahr sehr viel Erfahrung mit dem CIP Team und Mahindra gesammelt. Mahindra hat mir viel beigebracht. Das hat mir mit Sicherheit auf der Strecke sehr geholfen. Abseits der Strecke habe ich noch einmal mein Trainingsprogramm verschärft. Nicht, weil ich körperlich nicht auf der Höhe gewesen wäre. Nein. Ich wollte einfach noch mehr tun um ganz oben mit der Spitze mithalten zu können.

Marco Bezzecchi 2018 in Argentinien in der Moto3 für PrüstelGP
Schon beim zweiten Rennen der Saison feierte Marco Bezzecchi den ersten WM Sieg der Saison und seiner Karriere. (© KTM)

Schon in Deinem zweiten Rennen 2018 gelang Dir der erste Sieg in der WM. Wie hast Du diesen Erfolg erlebt?

 

Das war natürlich ein ganz besonderer Tag für mich. Das erste Podium und der erste Sieg sind immer etwas ganz Besonderes. Ganz besonders bei schwierigen Bedingungen wie beim Rennen in Argentinien. Ich habe mich dort einfach ab der ersten Sekunde super gefühlt. Reifen, Strecke, es hat alles ab Beginn an für mich gepasst. Auch zum Start in das Rennen war ich zuversichtlich und bereits in der ersten Kurve ganz vorne. Ich habe mir gedacht: Bleib konzentriert. Das habe ich mir das ganze Rennen lang gesagt. Ich habe dann gesehen, dass ich mich vom Rest absetzen konnte. Diese Position zu halten war gar nicht so einfach. Nach der Zielüberfahrt war dann einfach nur noch pures Glück.

 

Fühlt sich für Dich das Fahren seitdem leichter an? Nach dem Motto: Ich weiß jetzt wie es ist ein Rennen zu gewinnen.

 

Einfacher? Nein, mit Sicherheit nicht. Aber ich habe jetzt mehr Erfahrung um in der Spitzengruppe mitzufahren. Das hilft. Es ist und bleibt aber schwierig, denn jedes Rennen ist anders.

 

Gehst Du jetzt anders in ein Rennen als nach dem Saisonauftakt in Qatar?

 

Nein. Ich habe immer die gleiche Einstellung seit Beginn der Saison. Immer die gleiche Art und Weise zu fahren.

 

Neben dem Erfolg gab es aber auch schon erste Rückschläge. Wie hast Du die beiden Stürze in den letzten Runden erlebt. Was geht einem direkt danach aber auch später im Kopf vor?

 

Also die Stürze waren einfach extrem schade. Ich schaue jetzt mal vor allem auf die letzte Situation in Assen. Da hatten wir einfach unheimlich viel gearbeitet. Ich war dort alleine genauso schnell wie in der Gruppe. Im Rennen hatte ich dann mehr Probleme - vor allem mit dem Wind. Da war die Maschine ständig in Bewegung. Ich hatte schon Probleme vorne mit dranzubleiben. Aber ich hatte weniger Probleme als im Vergleich zum Rennen in Mugello. In der letzten Runde wollte ich einfach an Aron (Canet) und Enea (Bastianini) dranbleiben um dann im letzten Sektor im Windschatten an ihnen vorbeiziehen zu können. Nur in der zehnten Kurve war meine Linienwahl etwas anders und als ich dann Gas gegeben habe, habe ich etwas den Randstein berührt. Tja, und dann bin ich leider gecrasht. Es gab einige Leute die gesagt haben, ich hätte mal lieber den vierten Platz mitgenommen. Aber wenn man zehn Meter vor sich das Podium sieht, dann will man es auch erreichen. Hinterher ist es natürlich immer einfach darüber zu sprechen.

 

Das neue Jahr beziehungsweise diese Saison bedeutete für Dich auch mit einem neuen Team zusammenzuarbeiten. Wie funktioniert das bislang?

 

Also wie ich schon sagte habe ich mich ganz schnell mit dem Team zusammengefunden. Es ist alles sehr familiär. Die Leute sind alle sehr freundlich, wir helfen uns gegenseitig. Alle versuchen immer ihr Bestes zu geben. Das hilft mir natürlich sehr. Es gibt keinen Stress, keine Hektik und so kann auch ich entspannt bleiben.

Marco Bezzecchi 2018 in der Moto3 in Barcelona für PrüstelGP
Auch bittere Momente mit Stürzen gehören für Marco Bezzecchi in 2018 mit dazu. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Spürst Du nach diesen ersten Erfolgen in 2018 auch schon mehr Druck als vor einem Jahr?

 

Das kommt tatsächlich darauf an. Letztes Jahr hatte ich den Druck überhaupt, Ergebnisse zu liefern, um nicht gleich wieder aus der Moto3 rauszufliegen. Mahindra hat mich zwar in die Weltmeisterschaft gebracht, aber ich wusste, dass sie sich aus der WM zurückziehen wollen. Und dann wusste ich erst einmal nicht so genau ob und wie es für mich weitergeht. Denn das Team oder die Maschine musste ich auf jeden Fall wechseln. Das war mein Druck 2017. Zum Glück ist alles gut für mich gelaufen. In diesem Jahr ist der Druck natürlich hoch. In jedem Rennen hat man Druck. Wenn es einen kümmert was man macht, hast du immer Druck im Kopf. Aber das ist ganz normal. Es ist nur wichtig, dass für sich zu verstehen. Denn Rennen werden immer so laufen. Aber klar setze ich mich natürlich auch selbst unter Druck, denn ich will schließlich gute Rennen fahren.

 

Wie hat sich die ganze Aufmerksamkeit für Dich verändert? Merkst Du ein deutlich gestiegenes Interesse an Deiner Person?

 

(Grinst). Na klar. Ich habe schließlich mehr Fans jetzt, mehr als im letzten Jahr. Das gefällt mir natürlich. Es ist schön diese Stimmung auf der Strecke zu spüren. Vor allem bei meinem Heimrennen. In Mugello habe ich das Publikum so intensiv gespürt, das hat mich sehr glücklich gemacht. Das Leben insgesamt hat sich schon ein wenig geändert, weil einen viele Menschen jetzt plötzlich anhalten und etwas von mir möchten. Im Moment ist es für mich noch nicht zu viel. Klar sprechen mich auch die Leute zu Hause auf der Straße an. Aber es ist natürlich nicht so ein Hype wie bei Valentino Rossi (lacht).

 

Wie sehen Deine Wünsche und Ziele für den Rest der Saison aus?

 

(Grinst). Genauso wie jetzt und schon die ganze Saison. Gute Rennen fahren und um das Podium kämpfen. Klar will ich immer an der Spitze weiter mitfahren. Und ich möchte gerne so weiterarbeiten wie bisher – auch mit dem Team. Alle arbeitet super und dann werden wir sehen, wo wir in den letzten drei bis vier Rennen stehen.


Lass und mal zurück zu Deinen Anfängen gehen. Wie bist Du überhaupt zum Motorradsport gekommen?

 

Ich habe mit sechs Jahren angefangen Motorrad zu fahren. Für meinen Geburtstag habe ich mir ein Minibike von meinem Vater gewünscht. Diesen Wunsch hat er mir erfüllt. Dann bin ich erst einmal in der Hofeinfahrt damit rumgekurvt. Anschließend ging es auf die Strecken für Minibikes. Dann ging es langsam mit den Rennen los und es wurde besser und besser. Ich habe im Minibike diverse Meisterschaften gewonnen. Schritt für Schritt habe ich mich dann entwickelt. Von der italienischen Moto3 Meisterschaft ging es dann die Junior WM, nachdem ich dort einmal zweiter und Sieger in der Gesamtwertung geworden bin. Danach ging es mit Mahindra weiter, für sie bin ich ja auch im ersten Jahr in der WM gefahren.

Marco Bezzecchi 2018 in der Moto3 für PrüstelGP
2018 in der Moto3 in der Erfolgsspur: Marco Bezzecchi. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Hattest Du das Gefühl, das Dir die Entwicklung bis in die WM leicht gefallen ist?

 

Ja und nein. Also der Aufstieg in die WM war schon der größte Schritt den ich in meiner Karriere bislang gemacht habe. Das Niveau in der Nachwuchsklasse ist schon hoch. Aber eine WM zu fahren ist noch einmal ein ganz anderer Level, ein ganz anderes Niveau. Vor allem mit den vielen neuen Strecken. Aber auch in der Rookie Saison mit Mahindra, denn das war keine ganz so einfache Maschine. Aber es hat mich gelehrt niemals aufzugeben und immer alles aus sich rauszuholen. Der Schritt jetzt in das Team in diesem Jahr war da schon ein klein wenig einfacher.

 

Gab es auch mal schwierige Momente, wo Du vielleicht sogar ans Aufhören gedacht hast?

 

Also ans Aufhören habe ich nie gedacht. Aber schwierige Momente gab es. Klar. Du kannst ja nicht jedes Rennen gewinnen. Leider. Aber jeder möchte natürlich jedes Rennen gewinnen. Aber schwierige Momente gehören einfach dazu. Man muss einfach stark sein und im Kopf frei bleiben.

 

Du bist einer von vielen Fahrern der Nachwuchsakademie VR46 von Valentino Rossi. Wie bist Du dort hingekommen?

 

Als ich Fahrer von Mahindra 2015 war bin ich in der italienischen Moto3 gefahren und lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz eins. Mahindra wollte mir für Mugello eine Wildcard in der WM organisieren. Dann habe ich die Jungs von Valentino (Rossi) gesehen. Die hatte ich schon in Qatar getroffen als ich für das Rennen den Fahrer in der WM für Mahindra ersetzt habe. In Mugello sind sie dann auf mich zugekommen, um mich auf die Ranch von Vale einzuladen. Da bin ich dann hin und wir haben uns alle näher kennengelernt. Im gleichen Jahr kam dann ein Anruf an Weihnachten, das sie mich gerne sprechen würden. Und dort haben Sie mir dann angeboten, in die VR46 Akademie einzusteigen. Das war für mich wie ein Weihnachtsgeschenk. Ich bin noch heute glücklich ein Teil dieser Akademie zu sein.

 

Wie wichtig war und ist für Deine Entwicklung die Teilnahme an dieser Akademie?

 

Das ist sehr wichtig. Sie sind sehr daran interessiert italienische Fahrer an der Spitze der Rennserien zu sehen. Sie unterstützen uns dort wirklich sehr. Alles, was wir brauchen, erhalten wir dort. Auch der Wettkampf untereinander hilft uns allen, damit das Niveau immer hoch bleibt. Und natürlich haben wir Vale – den besten Lehrer der Welt.

 

Wie sieht der Alltag für Dich dort aus?

 

Ganz normal. Am Vormittag bin ich im Workshop als Mechaniker und mittags wird trainiert. Abend bin ich dann mit meinen Freunden und meiner Freundin zusammen. Alles ganz gewöhnlich, aber sicher trotzdem anders, als jemand, der acht Stunden einfach im Büro sitzt.

Marco Bezzecchi 2018 in der Moto3 für PrüstelGP
Aufstieg zum WM Titel 2018? Für Marco Bezzecchi scheint derzeit alles möglich. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Neben all dem sportlichen würde ich aber gerne auch noch ein bisschen was Persönliches von Dir erfahren. Was machst Du am liebsten, wenn Du nicht auf der Rennstrecke bist?

 

Ich habe Glück, denn alle meine Freunde mögen Motorräder. Also trainieren wir einfach oft zusammen. Klar, bei ihnen steht mehr der Spaß im Vordergrund. Aber das ist gut, denn so komme ich einfach auch auf andere Gedanken, weil es sich nur nach Spaß anfühlt. Aber wir gehen auch einfach gerne aus oder ich bin mit meiner Familie zusammen.

 

Wenn ich auf Deinem Smartphone den Music Player einschalte. Was würde ich hören?

 

Wenn ich an der Strecke bin höre ich viele Lieder von Vasco Rossi. Aber ansonsten auch einfach das, was gerade im Radio läuft.

 

Was war das beste Geschenk was Du zuletzt erhalten hast?

 

Der Sieg in Argentinien.

 

Was vermisst Du von zu Hause, wenn Du auf Reisen gehst?

 

Ich bin sehr gerne zu Hause. Ich mag es da, wo ich wohne. Wenn ich bei den Rennen bin, denke ich jetzt natürlich nicht permanent daran. Aber sobald das Rennen vorbei ist möchte ich eigentlich direkt nach Hause, denn ich bin da einfach gerne.

 

Was darf in Deinem Kühlschrank daheim niemals fehlen?

 

Milch.

 

Wo hast Du in Deinem Leben bislang am besten gegessen und was?

 

Eine Piadine in Rimini.


Dein erstes Ritual, wenn Du von einem Rennwochenende nach Hause kommst?

 

Mmh, da habe ich ehrlich gesagt keins. Eher nur hier an der Strecke.

 

Dein Ritual vor einem Rennen?

 

Ich spreche mit dem Motorrad.

 

Hat Dein Motorrad auch einen Namen?

 

Ja, Emelie.

 

Wo wirst Du 2019 fahren?

 

Ich weiß es stand heute noch nicht. Wir werden sehen.

 

Danke, Marco, für das Gespräch.

Das Gespräch führte Markus Kahl

Markus Kahl trifft Marco Bezzecchi am Sachsenring 2018 zum Gespräch.
Markus Kahl trifft Marco Bezzecchi am Sachsenring 2018 zum Gespräch. (© Tobias Linke)

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Kommentare: 2
  • #1

    Müller Rolf alias Fit. (Mittwoch, 01 August 2018 22:11)

    Super Beitrag und viele Grüße vom Sachsenring Fit.

  • #2

    Motosports24 (Donnerstag, 02 August 2018 07:44)

    Vielen Dank für das freundliche Feedback und viele Grüße zurück.