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MotoGP in der Nische: Kuschelwarm und superflauschig

MotoGP in Misano
Die MotoGP boomt. Nur in Deutschland kommt nichts von dieser Euphorie an. Die Sportart bleibt in der Nische. (©www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Ich sage es lieber gleich zu Beginn: Vorsicht, wer diesen Beitrag liest! Wieso warnt der jetzt vor was, dass ich noch gar nicht gelesen habe? Ich warne, weil ich mir sicher bin, das es einigen Leuten die Zornesröte ins Gesicht treiben wird. Denn was jetzt kommt, wird nicht jedem gefallen.

 

Vor gut fünf Jahren bin ich zum Motorradsport gestoßen, bin also keiner, der sich schon seit 30 Jahren den Benzingeruch um die Nase wehen lässt. Das hat Nachteile (wie wir später noch sehen werden), aber auch den Vorteil, recht unbefangen einen Blick auf manches werfen zu können.

Der Motorradsport hat sich (wie vielleicht so manch andere „Randsportart“) in einer bestimmten Nische eingekuschelt. Es ist dort warm und behaglich, man kennt sich untereinander (weil es in der Regel ja auch etwas beschaulicher und übersichtlicher ist). Gemeinsam kann man gut über die Anderen schimpfen, die einfach nicht erkennen wollen, was für einen tollen Sport man dort betreibt oder als Fan verfolgt. In dieser superflauschigen und kuschelwarmen Nische lebt es sich gut. Man ist unter gleichgesinnten, wo es sich einfach angenehmer feiern oder schimpfen lässt.

 

Doch diese Behaglichkeit und Bequemlichkeit ist es, die den Sport nicht wirklich vorankommen lässt. Moment mal, höre ich da schon die ersten rufen, ist doch nicht unsere Schuld, wenn die Anderen das Potential des Mopedsports nicht erkennen. Stimmt nicht, sage ich. Warum? Das will ich versuchen zu erklären, denn mir sind da in den vergangenen Jahren ein paar Sachen aufgefallen.

Warum die Medien an allem Schuld sind

Kommentatoren und Moderatoren wie z.B. Alex Hofmann können viel für eine gute Übertragung in der MotoGP beitragen
Kommentatoren und Moderatoren wie z.B. Alex Hofmann können viel zu einer guten Übertragung in der MotoGP beitragen (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wie oft habe ich schon den Satz gehört: Weil nichts übertragen wird, interessiert Motorradsport keinen Menschen. Stimmt. Nach wie vor. Wer die Übertragungszeiten in den Fernsehanstalten auf seiner Seite hat, wird einfach besser wahrgenommen. Da führt auch in der heutigen Online Zeit (fast) nichts vorbei. Jede Sportart außerhalb des Fußballs hat es da schwer. Jetzt kann man sich über diesen Zustand beklagen oder aber versuchen, eine andere Lösung zu erarbeiten. Klar braucht es dazu einen Sender, der einfach Lust auf den Sport hat. Denn nur wenn die Verpackung auch stimmt, schalten die Leute ein. Es hilft der beste Sport nichts, wenn er nicht wahrgenommen wird. Da muss man nicht Drumherum reden.

 

Doch warum klappt das beim Motorradsport nicht? Schauen wir für eine Antwort mal auf die Formel1. Der Sport selbst hat in den letzten Jahren unglaublich an Attraktivität eingebüßt. Ich denke, das kann jeder bestätigen, der sich schon länger mit dem Sport befasst. Langweilige Rennen ohne Action, alles glattgelutschte PR. Viel Positives konnte man da in letzter Zeit nicht finden. Somit sind auch die Zuschauerzahlen in den Keller gerauscht. Trotzdem muss man dem übertragenden Sender RTL zugutehalten, das sie das Produkt „Formel 1“ nach wie vor sehr attraktiv verkaufen. Ich finde die Zeit vor oder nach dem Rennen eigentlich fast sogar interessanter als die Rennen selbst, weil sich der Sender sehr viel Mühe gibt, spannende und attraktive Clips und Beiträge zu produzieren. Schön geschnitten, gut vertont. Es macht mir großen Spaß, das anzusehen. Dazu eine große Kommentatoren- und Moderatorencrew, die an und auf der Strecke das Paket verkaufen. Ich will jetzt gar nicht auf die Qualität einzelner Leute eingehen – da hat jeder seine ganz eigene Meinung dazu. Aber insgesamt ist die Verpackung prima, nur das Produkt schwächelt.

 

Ein anderes interessantes Beispiel sind die jüngsten Übertragungen der National Football League (NFL). Football ist nun wirklich keine Sportart mit großer Tradition oder Fanbase in Deutschland. Und doch hat man in dieser Saison das Gefühl gehabt, bei diesem Sport kommt hier was in Bewegung. Ein Spartensender (Pro 7 Maxx) hatte sich die Rechte geschnappt und mit überschaubaren Mitteln große Erfolge gefeiert. Einschaltquoten (mitten in der Nacht) mit mittleren sechsstelligen Zuschauerzahlen sind wirklich beeindruckend. Dafür brauchte es nicht viel mehr als ein ordentliches Studio, Kommentatoren die richtig Lust hatten und ein paar verrückte Einfälle. Alles wirkte ziemlich professionell umgesetzt und so bekam die Sportart unerwartet viel mehr Zulauf, als man jemals erwartet hätte.

 

Wenn man sich jetzt dagegen die Übertragung von Sportarten in den reinen Sportkanälen anschaut merkt man schnell: Irgendwas fehlt. Es ist vollkommen klar, dass dort durch die ständig wechselnde Sportart nicht überall irgendwelche großen Teams hingeschickt werden können. Natürlich ist es für einen Sender einfacher, wenn er nur eine Sportart zu begleiten hat. Trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass eine liebevolle und detailversessene Übertragung anders aussieht. Vermutlich liegt es einfach auch ein Stück weit daran, dass bei der Übertragung in Sportkanälen auch meist nur die Leute einschalten, die sowieso schon Fans der Sportart sind. So sind dann auch die Übertragung und die Kommentare, die sich in erster Linie an Leute richten, die sowieso schon alles kennen. Nur so ist beispielsweise zu erklären, dass Zuschauer eine (so scheint es) extrem hohe Erwartungshaltung haben. Wer nicht innerhalb von drei Sekunden den vierzehnten Platz eines Fahrers in einem Rennen von vor 15 Jahren benennen kann, wird schon etwas schief angeschaut. Zugegeben: Das Beispiel ist etwas überspitzt und doch scheint es, das Zuschauer ausschließlich Moderatoren mit Fachwissen wollen und niemanden, der den Sport auch etwas allgemeiner verkaufen kann. Im Motorsport erscheint mir dieses Phänomen noch viel ausgeprägter zu sein, als in anderen Sportarten. Solange also der Motorradsport in einem solchen „Spartensender“ stattfindet, wird es schon mal ein Stück schwerer als in einer anderen Konstellation.

 

Aber Medien sind ja nicht nur alleine das Fernsehen, sondern auch Onlinekanäle und auch die gute alte Zeitung bzw. Magazine. Auch hier hat es der Motorradsport schwer. In Fachportalen wird darüber natürlich viel geschrieben, aber wenn man in die allgemeinen Zeitungen oder Magazine schaut, finden MotoGP und Co. quasi nicht statt. Vor einiger Zeit hatte ich dazu ein spannendes Gespräch mit dem Chef der Sportredaktion einer großen deutschen Tageszeitung der mir sagte: Wenn da nix bei uns steht, dann fehlt da einfach auch die Relevanz für eine Veröffentlichung. Was das heißt?

Warum sich die MotoGP völlig unter Wert verkauft

Stefan Bradl: Moto2 Weltmeister 2011. Doch was ist von dem Titel für den Sport in Deutschland hängen geblieben?
Stefan Bradl: Moto2 Weltmeister 2011. Doch was ist von dem Titel für den Sport in Deutschland hängen geblieben? (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Darüber ließe sich jetzt vermutlich noch ein ganz eigener Beitrag zaubern. Ich will aber den Gedanken des Sportchefs von eben aufgreifen und ihn mal in einer konkreten Situation schildern. Stellen wir uns vor, ein Redakteur einer großen Tageszeitung kommt tatsächlich mal bei einem Rennen vorbei. Er will eine schöne Geschichte machen und zieht los. Er sieht das Training oder Rennen (findet es auch spannend) und will danach ein paar knackige Statements von einem (bevorzugt) Deutschen Fahrer einsammeln. Der erklärt dem Schreiber sinngemäß sein an diesem Tag vielleicht unbefriedigendes Ergebnis mit den Worten: „Die Reifen haben heute nicht funktioniert. Außerdem müssen wir noch am Setup arbeiten, um uns beim nächsten Mal zu verbessern“. Danach rauscht er ab. Was soll ein Zeitungs- oder Magazinschreiber jetzt damit anfangen?

 

Was ich damit sagen will: Das Rennen spannend zu finden ist das eine. Sich und seinen Sport Drumherum zu verkaufen etwas ganz anderes. Ich glaube, das ist ein ganz großes Problem in diesem Bereich. In einem Land wie Spanien oder Italien, wo ein grundsätzlich anderes Interesse am Motorradrennsport herrscht, ist dieser „Verkaufsdruck“ längst nicht so hoch, da die Nachfrage seitens Medien und Fans einfach ganz anders, viel größer ist. In einem Land wie Deutschland jedoch ist deutlich mehr Aufwand notwendig, um neben einer Sportart wie Fußball medial bestehen zu können. Diese Erkenntnis scheint sich noch nicht bei allen herumgesprochen zu haben.

 

Dazu ein weiteres Beispiel. Wenn man die Fahrer einmal persönlich kennenlernt, sind das alles durch die Bank weg brauchbare Kerle. Nett, freundlich und zum größten Teil auch sehr zugänglich. Für den kurzen Smalltalk. Geht es aber darum, mal ein längeres Gespräch mit Ihnen – gerade außerhalb der Rennstrecke – zu führen, werden an mancher Stelle schnell die Mauern hochgezogen. Eine Aussage wie „In der ganzen Winterpause ist keine Zeit für ein einstündiges Gespräch“ sind dann leider keine Ausnahme. Klar kann man sagen ich bin, wenn ich anfrage, keine Bild Zeitung. Habe nicht diese Relevanz. Nur: Auch anderen Medienkollegen ist so eine Verhaltensweise schon aufgefallen. Was ich damit sagen will ist: Wer nicht aktiv dafür etwas tut, um als Vorbildfunktion oder Aushängeschild sich und seinen Sport nach außen hin zu verkaufen, sollte hinterher auch nicht darüber klagen, wenn sich niemand dafür interessiert.

 

Und schauen wir uns doch mal an, was die letzten beiden Weltmeistertitel von Deutschen Fahrern medial und auch für den Sport selbst für eine Wirkung hatten. Wenn wir es freundlich formulieren muss man sagen: Es ist dadurch nicht allzu viel bewegt worden. Wenn wir ehrlich sind, muss man festhalten: Außer den bisherigen Rennsportfans hat es eigentlich kaum jemanden interessiert. Die große Euphoriewelle ist schlicht nicht losgetreten worden. Das ist bei solchen Erfolgen eigentlich ein Desaster, wenn hier für den Sport nichts hängen bleibt.

Warum der Motorradsport für Geldgeber schlicht uninteressant ist

Internationale Konzerne wie Repsol oder Red Bull finden ihren Platz in der MotoGP. Wo sind die deutschen Unternehmen? Fehlanzeige.
Internationale Konzerne wie Repsol oder Red Bull finden ihren Platz in der MotoGP. Wo sind die deutschen Unternehmen? Fehlanzeige. (©Repsol Honda MotoGP Team)

Bleiben wir bei dem Thema mediale Aufmerksamkeit. Denn die hat ganz viel auch damit zu tun, wie sehr sich nicht nur Zuschauer, sondern auch potentielle Förderer und Geldgeber für den Sport interessieren. Was ich jetzt beschreibe, ist eine ganz subjektive Wahrnehmung. Der vermeintliche Motorradsportfan mag es vor allem gerne laut. Er will seinen Idolen huldigen und bestimmte Rituale pflegen. Das jährliche treffen auf dem Campingplatz ist für ihn heilig. Das schreibe ich ganz ohne Wertung sondern nur so, wie ich es wahrnehme. Wer nicht diese „Rituale“ mitmacht, gehört nicht dazu. Eine Tatsache, die mir das Leben am Anfang nicht eben leichter gemacht hat, um Fuß in diesem Sport zu fassen. Was mir dabei jedoch auch noch fehlt ist irgendwie der „normale“ Zuschauer. Was meine ich damit?

 

Es gab im Fußball mal eine Zeit, da ist vor allem der Mann ins Stadion gegangen. Da war man in zugigen Stadien ohne Dach und verbrachte die Zeit auf Stehplätzen. Gerne hat man dann auch seine Söhne mitgenommen. Frauen waren kaum gesehen, genauso wenig wie Leute, die außerhalb des „Fankreises“ zu suchen waren. Das hat sich grundsätzlich gewandelt. Schon seit einiger Zeit hat das Business in die modernen Fußballstadien Einzug gehalten. Geschäftsleute sind dort genauso zu finden wie Frauen und Kinder. Die Klientel hat sich schlicht und ergreifend völlig gewandelt, der Personenkreis, für den heute ein Stadionbesuch drin ist, hat sich deutlich erweitert. Das dort mittlerweile zu viel sich nur noch um Kommerz dreht mag stimmen, soll aber jetzt nicht das Thema sein. Was ich vielmehr sagen will ist, dass eine Verbreiterung des möglichen Zuschauer- oder Interessenkreises in der MotoGP bislang nicht in diesem Maße stattgefunden hat. Hier dominiert eindeutig noch der „Fan“. Das mag der Anhänger des Sports an sich gut finden, für den Sport im Allgemeinen ist es dagegen eine Katastrophe. Es geht auch nicht darum eine bestimmte Gruppe aus dem Sport wegzuschreiben sondernd vielmehr darum, diesen Sport für neue Zielgruppen greifbarer und attraktiver zu machen. Das Motto lautet nicht jemandem etwas wegzunehmen, sondern anderen etwas anzubieten.

 

Denn jetzt komme ich auf den Ausgang zurück. Warum ist es so, dass ein Fußball so viel interessanter für mögliche Geldgeber ist? Einmal, weil er natürlich eine größere mediale Plattform dort für sich findet aber auch, weil er dort einen breiteren Kundenkreis für sich ansprechen kann. Natürlich gibt es die durchaus berechtigte Aussage von Fahrern, dass ihr Sport mindestens national, vielleicht sogar international stattfindet. Das stimmt. Aber es gibt auch Weltmeisterschaften in der Leichtathletik, im Tischtennis, im Schwimmen und, und, und. Nur dieses Etikett „international“ alleine zieht nicht. Sport ist heute mehr als der reine Wettbewerb. Das kann man beklagen, die Entwicklung aber nicht zurückdrehen. Punkt. Einen Sport, der ausschließlich für Zuschauer und Fans stattfindet, wird es in der jetzigen Zeit einfach brutal schwer haben. Man muss nicht auf jeden kommerziellen Zug aufspringen der gerade einmal vorbei fährt. Die Mechanismen des Business kann man aber auch nicht einfach ignorieren.

 

Versetzen wir uns bewusst mal in die Lage eines jungen Menschen, der sich für den Motorradsport begeistert. Die Klagen sind landauf, landab zu hören, dass es nicht nur an vernünftigen Strukturen im Nachwuchsbereich fehlt, sondern vor allem auch an Geldgebern. Was passiert also jetzt. Dieser junge Mensch zieht los um potentielle Geldgeber für seinen Sport aufzutreiben. Da er noch unbedeutend ist und ihn keiner kennt, wird er vor allem kleinere und wahrscheinlich auch wohnortnahe potentielle Geldgeber ansprechen. Wenn er erfolgreich ist, kratzt er irgendwie das Geld zusammen, denn Technik kostet nun einmal mehr als ein Fußball. Dieser Mensch hat Glück gehabt auf Menschen zu treffen, die seinen Wunsch unterstützen. Denn sind wir ehrlich: Was springt für den Geldgeber dabei heraus? Gerade in den kleineren Serien – und da reden wir gerne auch schon von einer nationalen Meisterschaft – eigentlich gar nichts.

 

Und so muss man die Sache dann einfach auch mal völlig nüchtern betrachten. Eine Firma/ein Mensch gibt Geld für jemanden, der seinem Hobby nachgehen will. Wenn er nicht ein Mäzen ist oder bereit ist, Geld für diese Sache zu spenden, nennt man die Person Sponsor. Und die erwartet eine wie auch immer geartete Gegenleistung. Erwartet, dass das zur Verfügung stellen des Geldes auch für ihn einen Nutzen bringt. Da muss man leider ehrlich sein: In der Regel wird diese Firma oder dieser Mensch keinen Nutzen davon haben. Bei Großveranstaltungen im Sport ist der Nutzen für einen Sponsor leicht und schnell erkennbar. Er bekommt jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit. Dieses Angebot hat der junge Nachwuchsfahrer nicht. Doch das Problem liegt noch viel tiefer, denn dieses Angebot hat er (zumindest derzeit) nicht einmal in einer Weltmeisterschaft. Zumindest wenn man es mit der deutschen Brille auf den Augen betrachtet.

 

Somit kann man es drehen und wenden wie man will: In der momentanen Konstellation ist der Motorradsport für Geldgeber aus Deutschland einfach völlig uninteressant.

Warum die Fixierung auf eine einzelne Person den Sport zerstört

Er ist die MotoGP: Valentino Rossi. Um ihn dreht sich nach wie vor der komplette Sport.
Er ist die MotoGP: Valentino Rossi. Um ihn dreht sich nach wie vor der komplette Sport. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Neben der fehlenden medialen Aufmerksamkeit und den ausbleibenden Geldgebern sehe ich aber noch ein ganz anderes Problem für den Motorradsport in Deutschland – wenn wir bewusst einmal ganz an die Spitze schauen. Man kann ja schon froh sein, überhaupt einen Deutschen Fahrer in der Königsklasse zu haben. Doch fragt man mal willkürlich ein paar Leute, die sich mit dem Sport nicht wirklich auskennen, ist zumindest ein Name vielen Leuten schon einmal begegnet: Valentino Rossi. Der Italiener ist und bleibt das Aushängeschild für die MotoGP, überstrahlt damit alle anderen Fahrer meilenweit. Und das ist – rein aus der Sicht des Gesamtsports betrachtet – nicht unbedingt förderlich.

 

Hat der eben tatsächlich was gegen das Idol von gefühlt 99 Prozent aller Motorradsportfans gesagt? Ja, hat er. Aber ich kann gleich alle beruhigen. Denn der Name Rossi spielt in meiner weiteren Überlegung als Person selbst keine Rolle. Der Mensch könnte auch Michael Müller, Vincenzo Napoli oder Pablo Picasso heißen. Es ist eben in diesem Fall eben „nur“ Herr Rossi.

 

Das grundsätzliche Problem ist in diesem – wie in anderen Fällen auch – die Fixierung auf eine einzelne Person. Wir erleben ein ähnliches Phänomen gerade in der Fußball Bundesliga, wo vor lauter Dominanz des FC Bayern München eine Menge Fans regelrecht eingeschlafen sind. Die restlichen Vereine finden dort kaum noch statt, weil ein Verein alles überstrahlt und dominiert. Die Folge ist die totale Langeweile, weil schlicht kein Wettbewerb mehr stattfindet. Aber, höre ich viele jetzt sagen, Rossi ist doch kein sportlicher Alleinunterhalter der alles dominiert. Stimmt, sportlich gesehen ist das absolut korrekt. Aber aus Sicht des Fans und der medialen Aufmerksamkeit betrachtet, gibt es in der MotoGP quasi nur diesen einen Fahrer. Und diese Art von „Verdrängungswettbewerb“ (so will ich das mal nennen) lässt anderen Fahrern kaum Luft zum Atmen. Aus Sicht der Einzelperson Rossi mag das gut und richtig sein. Aus Sicht der gesamten Rennserie ist es jedoch eher schlecht.

 

Denn Rossi zieht die Journalisten an. Er zieht die Medien insgesamt an. Er zieht die Fans an. Und er zieht mögliche Geldgeber an. Aber, und das ist der wichtigste Punkt, eben nur für sich. Ein bisschen Strahlkraft fällt zwar auf den Rest mit ab, aber das Meiste bleibt für ihn hängen.

 

Ganz ehrlich: Das ist aus persönlicher Sicht völlig in Ordnung. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, wo sich Angebot und Nachfrage abwechseln. Aber was passiert, wenn so eine dominante Figur dann irgendwann verschwindet? Sind dann die Tribünen leer? Kommen keine Fans mehr? Steigen alle Geldgeber aus? Ich kann nur hoffen, dass dem nicht so ist. Eine Delle nach unten wäre wohl zu erwarten, für den Sport insgesamt könnte es jedoch gut sein. Warum? Weil dann wieder Platz für neue Helden wäre. Sport lebt immer von Gesichtern. Aber so wäre tatsächlich die Chance vorhanden, dass es neue Leute gibt, die sich an die Spitze fahren könnten. Für Nachwuchsfahrer gäbe es vielleicht eher die Chance auf sich aufmerksam zu machen, weil die Suche nach neuen Gesichtern natürlich in deutlich größerem Umfang stattfinden würde. Die Lücke eines Alleinunterhalters müsste geschlossen werden, die Chance für andere wäre da.

 

Gleichzeitig wäre es auch die Chance, den Sport insgesamt anders aufzustellen – gerade auch aus deutscher Sicht. Die Chance, einen Schritt aus der Nische zu machen, weil man sich nicht mehr hinter dem alles überstrahlenden Idols verstecken kann (ich sage das bewusst mal etwas provokant). Man müsste was tun, hätte aber auch die Chance dazu.

 

Nochmal: Es geht nicht um die Person Rossi an sich. Es geht um die Dominanz einer einzelnen Person (oder eines Vereins wie im Fußball) der dem Rest einfach extrem viel Spielraum entzieht. Das man über die Leistung dieses Sportlers in jeglicher Hinsicht nicht ein negatives Wort verlieren braucht, ist denke ich jedem völlig klar.

Der Motorradsport muss sich in Deutschland neu erfinden

Toller Ansatz und richtiger Schritt. Das deutsche IntactGP Team engagiert sich jetzt auch mit einem Nachwuchsteam im Motorradsport. Matthias Meggle soll dabei der kommende Mann sein.
Toller Ansatz und richtiger Schritt. Das deutsche IntactGP Team engagiert sich jetzt auch mit einem Nachwuchsteam im Motorradsport. Matthias Meggle soll dabei der kommende Mann sein. (© IntactGP)

Nach all den Analysen, warum es nicht läuft für den Zweiradsport bei uns, braucht es aber auch einen möglichen Ausblick, wie doch die Wende gelingen kann. Letztendlich ist es die komplette bisherige Analyse – nur eben genau umgedreht. Ich denke, am leichtesten wäre es für den Zweiradsport bei uns, wenn es einen Eisbrecher wie Michael Schumacher gäbe. Er hat damals die Formel 1 in Deutschland wachgeküsst. Ohne ihn wären Fahrer wie ein Sebastian Vettel oder Nico Rosberg heute vielleicht gar nicht möglich gewesen. Eine Persönlichkeit, wie sie Schumacher im Laufe der Jahre geworden ist, gepaart mit großen sportlichen Erfolgen, können Berge in einer Sportart bewegen. Denn Erfolg zieht automatisch Erfolg nach sich.

 

Auf einmal wäre Geld da, auf einmal wären Geldgeber interessiert. Mehr junge Menschen würden den Sport ausüben wollen, Verbände wären gezwungen, Strukturen zu verändern. Doch dieser Eisbrecher ist aus sportlicher Sicht momentan in Deutschland nicht in Sicht. Die zwei Weltmeisterschaften in kleineren Klassen haben in jüngster Vergangenheit nicht gereicht, um eine Trendwende in Deutschland herbeizuführen.

 

Somit braucht es andere Wege um die Wende zum Besseren hin zu schaffen. Wie könnte das aussehen? Ich sage gleich: Es gibt die Patentlösung nicht. Aber eine mögliche Variante könnte sein, eine professionelle Teamstruktur zu schaffen. Ansätze davon sind bei einem Team wie IntactGP zu sehen, die sich jetzt dazu entschlossen haben, neben dem Profibereich auch in den Nachwuchsbereich zu investieren. Ein guter und lobenswerter Ansatz. Doch um eine Trendwende herbeizuführen, ist mehr notwendig.

 

Eine Idee könnte daher sein, eine Motorradsportakademie ins Leben zu rufen. Ein Zentrum, in der ganz gezielt junge interessierte Menschen im Zweiradsport ausgebildet werden. An der Akademie könnte ein Ausbildungsteam dranhängen, das Fahrer schon in kleineren Klassen begleitet und bis in die WM führt. Alles unter dem Dach von einer Gruppe potentieller Geldgeber, die in die komplette Akademie mit eingebunden werden. Es könnte eine professionelle mediale und marketingmäßige Begleitung stattfinden – sozusagen ein Vorzeigeprojekt im Nachwuchssport. Ansätze einer solchen Akademie sind in anderen Sportarten oder im Motorsportbereich im Ausland zu bewundern. Warum sollte so etwas hier nicht gelingen?

 

Es gibt sie, die Möglichkeit zu einer erfolgreichen Sportart zu werden. Das haben andere Sportarten neben dem Motorradsport schon oft bewiesen. Die Frage ist nur: Ist man bereit die flauschige Nische verlassen zu wollen oder lebt man lieber (halbwechs) zufrieden weiter drin? Ich habe meine Liebe zu diesem Sport vor einigen Jahren entdeckt und ich würde mir wünschen, dass es der Sportart mit allen Beteiligten gelingt, diesen nächsten, so wichtigen Schritt zu gehen. Es sind nicht immer nur die Umstände, es ist auch viel der Wille und die Bereitschaft, neue Wege einzuschlagen. Leicht geschrieben ist das, aber sicher schwer umzusetzen. Doch das alleine sollte kein Grund sein, sich mit der Nische zufrieden zu geben.

 

Es gibt viele kleine Initiativen, die sich redlich bemühen, den Motorradsport zu fördern. Die Ideen entwickeln, um jungen Fahrer eine Perspektive aufzuzeigen. Doch sind es letztendlich alles zu kleine Schritte, um wirklich den großen Knalleffekt für den Sport insgesamt auszulösen.

 

Vieles, was ich hier geschrieben habe, war eine einzige Provokation, vielleicht für manche eine regelrechte Zumutung. Doch wenn man wirklich nach vorne kommen will, muss man sich entscheiden. Entweder kuschelwarm und superflauschig weiter in der Nische oder raus ins Kühle, manchmal vielleicht auch harte Geschäft. Anders geht es nicht. Das ist die Entscheidung, die der Motorradsport in Deutschland im Zweifel treffen muss. Ich bin gespannt, was die Oberhand gewinnen wird.

(Markus Kahl)

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Kommentare: 4
  • #1

    Top (Montag, 07 März 2016 09:23)

    Super zu lesen, weiter so!

  • #2

    MotogpFan (Montag, 07 März 2016 17:57)

    Ein Fahrer wie VR46 ist schlecht für die MotoGP, aber Deutschland braucht einen Schuhmacher in der MotoGP? Das kann auch nur deutsche Logik sein...

  • #3

    Motosports24 (Montag, 07 März 2016 18:38)

    Lieber MotoGP Fan,

    danke für Deinen Beitrag. Habe ehrlich gesagt schon fast darauf gewartet, bis die erste reflexartige Reaktion beim Stichwort "Rossi" kommt ;-)

    Aber lass mich kurz auf Deinen Einwand eingehen, da ich ihn im Beitrag scheinbar nicht verständlich genug transportiert habe. Aber eine Frage zuerst: Wo steht, das ein Valentino Rossi schlecht für die MotoGP ist? Nirgends. Weil es auch nicht das Thema ist. Mein Anliegen ist vielmehr folgendes. Wenn eine Person mit einer Persönlichkeit wie Herr Rossi alle anderen Fahrer überstrahlt, bleibt für den Rest automatisch weniger Platz. Ich denke, das lasst sich völlig wertfrei sagen. Weniger Aufmerksamkeit für andere bedeutet, das diese auch weniger Möglichkeiten haben sich zu etablieren oder zu entfalten, da die Aufmerksamkeit sich eben auf eine Person konzentriert. Das hat auch Folgen für den Nachwuchs, weil eben ein gewisser "Aufmerksamkeitsstau" entsteht. Weniger Aufmerksamkeit für andere = weniger Medienpräsenz = weniger Sponsoren = weniger Aufstiegschancen. Das ist der eine Gedanke, der sich automatisch auch auf den deutschen Nachwuchs auswirkt.

    Der zweite Gedanke ist das Beispiel Michael Schumacher. Hat aber mit Rossi gar nichts zu tun. Mein Einwand ist, das es jemanden wie ihn in Deutschland (nicht international) bräuchte um den Sport nach vorne zu bringen. Hätte es Schumacher nicht gegeben, wären (vielleicht) diverse Formel 1 Karrieren anderer deutscher Fahrer gar nicht möglich gewesen. Sprich: Es braucht einen nationalen Eisbrecher, der in seinem Fahrwasser automatisch andere, junge Talente, nachzieht.

    Also quasi ein Deutscher Rossi. Denn sind wir ehrlich: Er war und ist für viele Motorrad Talente eine Inspiration. Aber eben hauptsächlich in Italien. Für den deutschen Nachwuchs bringt ein Valentino Rossi nichts. Wie auch. Von daher sollte man diese zwei Dinge nicht miteinander vermischen, da sie nichts miteinander zu tun haben.

    Wenn Du dazu noch eine Frage hast, schreib einfach zurück oder kontaktiere mich unter den Kontaktmöglichkeiten bei "Über uns". :-)

  • #4

    Tobias (Montag, 02 Oktober 2017 17:58)

    Hallo,
    ich weis nicht ob nach fast einem Jahr noch jemand antworten wird, aber ih muss eine Seminararbeit über den Motorradsport schreiben und fand diesen Artikel sehr hilfreich.
    Somit würde ich mich freuen wenn sie noch mehr Informationen zum Thema Sponsoring und Medienpräsenz in diesem Sport haben.

    mit freundlichen Grüßen

    Tobias