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Die MotoGP steckt in der Rossi Falle

Bin ich wirklich der Superstar der MotoGP? Ja, Valentino Rossi, Sie sind es.
Bin ich wirklich der Superstar der MotoGP? Ja, Valentino Rossi, Du bist es. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Das Phänomen ist in Hollywood schon eine ganze Weile zu beobachten. Irgendein Blockbuster läuft ziemlich erfolgreich. Was ist die Folge? Es wird eine Fortsetzung gedreht, vielleicht gleich noch die Fortsetzung einer Fortsetzung. Oder aber man greift auf einen Streifen zurück, den es schon einmal gab und frischt ihn mit neuer Besetzung einmal auf. Aber nur mit einer Besetzung von Schauspielern, die einem den Erfolg garantieren. Das klingt ziemlich mutlos? So ganz ohne Ideen? Stimmt. Und was hat das jetzt mit der MotoGP und Valentino Rossi zu tun? Sehr viel.

 

Vor wenigen Tagen hat Rossi ja gesagt. Zu zwei weiteren Jahren mit seinem Yamaha Werksteam in der MotoGP. Die Fans mit gelben Kappen sind am Jubeln. Und auch der Rechteinhaber der MotoGP, die Dorna, ist mit Sicherheit nicht böse über diese Verlängerung. Garantiert der Italiener doch damit weiterhin höchste Aufmerksamkeit für die Rennserie. Alles gut somit? Ja und nein. Wenn man es mit dem eben genannten Beispiel des Kinoblockbusters vergleicht, ist alles in bester Ordnung. Fans glücklich, Medien glücklich, Veranstalter glücklich. Alles geht so weiter wie bisher, alle sind zufrieden. Es ist die leichteste Entscheidung für alle Beteiligten und doch der Moment, den ich als Rossi Falle bezeichnen würde, in die alle schon eine ganze Weile reingetappt sind. Warum?

Die wirtschaftliche Abhängigkeit

Wer sich das Imperium von Valentino Rossi mal etwas genauer anschaut wird schnell merken: Rossi ist die MotoGP und die MotoGP ist Rossi. Die Hälfte des Fahrerlagers wird vom Italiener mit Merchandising Artikeln aus seiner hauseigenen Firma beliefert. Mittlerweile hat Rossi sogar die Vermarktung bei seinem eigenen Team übernommen. Ich will an dieser Stelle gar kein Urteil darüber fällen, ob das nun gut oder schlecht ist. Nur als Beispiel eingeworfen: Man stelle sich bitte einmal vor, Lewis Hamilton würde für das Mercedes Team und das halbe Fahrerfeld das Marketing in der Formel 1 übernehmen und die Fanartikel produzieren. Undenkbar? Vermutlich schon. In der MotoGP läuft es aber ein bisschen anders. Aber es sind ja nicht nur Kapperl und Fahnen, mit denen Geld verdient werden kann, sondern beispielsweise auch TV Vermarkter und Veranstalter. Denn alle schalten ein: Wegen Rossi. Alle kommen: Wegen Rossi. Alle kaufen Karten und Produkte: Wegen Rossi. Die italienische Maschine läuft – und zwar wie geschmiert. Aber es ist auch Rossi selbst, der prächtig an sich selbst verdient, wie wir zu Beginn schon kurz gesehen haben. Denn die Nachfrage nach ihm steigert ja gleichzeitig auch den Umsatz seiner eigenen Firma, die noch mehr der vielen Produkte von ihm produzieren kann und muss. Die Nachfrage befeuert sich somit quasi selbst. Alles steht und fällt – so scheint es – mit einer einzigen Person.

Hat nicht nur seine Maschine, sondern noch viel mehr in der MotoGP im Griff: Valentino Rossi.
Hat nicht nur seine Maschine, sondern noch viel mehr in der MotoGP im Griff: Valentino Rossi. (© Movistar Yamaha MotoGP Team)

Die mediale Aufmerksamkeit

Neben der wirtschaftlichen Kraft, die vom Produkt „Rossi“ ausgeht, sind es natürlich auch die Medien, die massiv vom Superstar der MotoGP profitieren. Man kann es einfach nicht wegdiskutieren und muss dafür auch sein Kapperl ziehen: Kein anderer Fahrer im Paddock versteht es so meisterhaft mit den Medien umzugehen und zu spielen, wie Rossi es tut. Er bespielt seine eigenen Kanäle und erreicht damit schon mehr als genug Anhänger. Aber er versteht es genauso, auch die anderen Medien und Medienvertreter in seinen Bann zu ziehen. Er spielt mit der Kamera, hat immer einen coolen Spruch auf den Lippen. Er lässt die Massen tanzen und nutzt die Medien (insbesondere in seiner Heimat) meisterlich, um sich in Szene zu setzen. Und diese Medien laufen ihm auch nur allzu gerne hinterher. Denn: Rossi verspricht Aufmerksamkeit. Er verspricht Klickzahlen. Man kann mit seinem Gesicht gut etwas verkaufen. Seien es Artikel oder auch andere Produkte, die im Schlepptau seines Namens an den Mann (oder die Frau) gebracht werden. Rossi garantiert Schlagzeilen, denn er weiß, wann er bestimmte Aussagen treffen muss, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Kein anderer Fahrer kann da auch nur annähernd mithalten und so sind die Medienvertreter auch dankbar, dass sie ein Produkt haben, was sich auch so gut verkaufen und vermarkten lässt. Eine Win-Win Situation für alle Beteiligten.

Valentino Rossi steht meist im Mittelpunkt des Interesses.
Valentino Rossi steht meist im Mittelpunkt des Interesses. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Die Folgen der Fanliebe

Wer den Streckensturm in Mugello oder auch Misano einmal gesehen oder vielleicht selbst erlebt hat weiß, wovon ich rede. Die Gelbhemden (Rossis Erkennungsfarbe) stürmen in großer Regelmäßigkeit die Strecke nach einem Rennen. Gelbe Leuchtfeuer werden gezündet und eine ganze Rennstrecke versinkt im gelben Fahnenmeer. Aber auch auf anderen Strecken ist es nicht viel anders. Schaut man sich die Zuschauer auf einer Tribüne bewusst etwas näher an, die an einem Rennsonntag dort Platz nehmen, wird die Zahl der Gelbhemden dort in der ganz großen Mehrzahl sein. Dazu kommen diverse Rossi Fantribünen. Selbst wenn ihr Idol einmal nicht auf dem Podium nach einem Rennen zu befeiern ist, fordert die Masse lautstark Rossi zu sehen. Rossi genießt sichtlich dieses Bad in der Menge. Doch diese massive Zustimmung für ihn scheint mittlerweile ganz extreme Züge anzunehmen.

 

Ich war jedenfalls mehr als erstaunt, als ich die Siegerehrung beim ersten Rennen 2016 in Katar erleben durfte. Rossi nicht auf dem Podest, dafür die Herren Jorge Lorenzo, Marc Marquez und Andrea Dovizioso. Doch statt artigem Applaus war bei der Siegesfeier nur ein gellendes Pfeifkonzert zu vernehmen. Andere Fahrer außer Rossi sind somit, so der Eindruck, auf dem Podium unerwünscht. Da stelle ich dann schon die etwas provokante Frage: Wie hätten wir es denn gerne? Soll Rossi alleine zwanzig Runden an den Tribünen vorbeifahren, kräftig winken und alle gehen glücklich wieder nach Hause? Oder soll dort noch Sport stattfinden, wo eben auch einmal ein anderer Fahrer oben steht und nicht nur der italienische Superstar? Wo es eben auch mal Ergebnisse gibt, die einem vielleicht nicht so gefallen. Ich denke, die Frage kann man selbst nach den Zerwürfnissen zum Ende der Saison 2015 stellen.

Egal wo "Der Doctor" auftaucht: Eine Menschentraube an Fans ist sicher schon da.
Egal wo "Der Doctor" auftaucht: Eine Menschentraube an Fans ist sicher schon da. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Warum diese Fokussierung zum echten Problem werden kann

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Zeit, sich die von mir benannte Rossi Falle einmal genauer anzusehen. Man muss natürlich eines zuerst einmal festhalten: Das Phänomen, einer dominierenden Persönlichkeit oder Mannschaft in einer Sportart, hat es schon immer gegeben. Allerdings nicht – zumindest kann ich mich nicht daran erinnern – in dieser ausgeprägten Form, wie man es bei Rossi und der MotoGP erleben kann. Der Italiener ist ein großartiger Sportler und mittlerweile auch fantastischer Geschäftsmann. Nichts von alledem was er tut ist von Grund auf verwerflich. Denn es gehören, beispielsweise bei wirtschaftlichen Verträgen oder auch den Medien, immer zwei dazu. Der, der gibt und der Andere, der nimmt.

 

Für die Rennserie ist diese Art der „Marktmacht“ jedoch nicht gut. Warum spreche ich also von einer Rossi Falle? Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Abhängigkeit von einer Person, also die Entstehung eines wie auch immer gearteten Monopols, noch keinem Bereich im Leben gutgetan hat. Egal ob im politischen, wirtschaftlichen oder – wie in diesem Fall – sportlichen Bereich. Denn was passiert, wenn Entscheidungen getroffen werden oder Dinge passieren, die der dominierenden Figur nicht passen? Wirft er andere Fahrer dann z.B. als Kunden seiner Firma einfach raus? Nimmt er persönlich Einfluss auf Entscheidungen? Selbst wenn bis heute nichts dergleichen öffentlich erkennbar wäre, aber die Möglichkeit ist ganz einfach vorhanden.

Ein Bild ohne Valentino Rossi bei einer Siegerehrung 2015 in der MotoGP? Fast unmöglich.
Ein Bild ohne Valentino Rossi bei einer Siegerehrung 2015 in der MotoGP? Fast unmöglich. (© Gerhard Schiel)

Ebenso muss man sehen, dass durch die Popularität von Rossi eine gewisse Abhängigkeit der Serie im Ganzen entsteht. Denn der Tag wird kommen, wenn Rossi nicht mehr als aktiver Fahrer über die Strecke heizt. Und der Tag ist deutlich näher, als viele wahrhaben wollen. Was passiert dann, wenn Rossi nicht mehr da ist? Bleiben dann die Tribünen alle leer? Schalten die Fans zuhause den Fernseher nicht mehr ein? Bricht die mediale Aufmerksamkeit völlig zusammen? Man sagt nicht umsonst: Im Erfolg werden die größten Fehler gemacht. Alle profitieren derzeit von der großen Popularität des Italieners, alle partizipieren auch wirtschaftlich von ihm – er selbst ja auch. Das wird sich nach seiner aktiven Zeit nicht ändern, denn längst hat er sich sowohl wirtschaftlich (durch seine Firma VR46) also auch sportlich (mit dem Nachwuchsteam in der Moto3) fest für die Zukunft im Paddock verankert.

 

Doch für die Rennserie selbst ist die Gefahr riesengroß, dass nach einem Weggang Rossis die Lücke so groß wird, dass ein Einbruch in vielen Bereichen droht. Das Ziel kann und muss daher lauten: Mehr Vielfalt entstehen zu lassen und zwar schon jetzt, wo man im Fahrwasser von Rossis Popularität noch etwas aufbauen kann, um eben ein mögliches tiefes Loch in der Zukunft zu vermeiden. Dazu müssen aber viele Leute mitarbeiten und nicht nur einer allein. Denn wenn wir mal die Fahrer als Beispiel nehmen: Niemand drängt sich auch auf, um mit Charisma und Ausstrahlung die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Das Feld überlässt man Rossi (so scheint es) gerne. Und wenn man immer nur auf die Frage des eigenen Idols mit „Rossi“ antwortet, braucht es einen auch nicht zu wundern, das in diesem Bereich nichts passiert.

 

Die MotoGP hat in der momentanen Situation eine Chance, wie sie vielleicht selten zuvor da war. Denn die andere große Motorsportserie – die Formel 1 – hat derzeit so viele Probleme mit sich selbst wie nie zuvor. Es tut sich hier eine unglaubliche Chance auf, diese Lücke mit Leben und einem tollen Angebot zu füllen. Aber funktioniert das, wenn man nur auf eine einzige dominierende Person als Aushängeschild setzt? Ich habe da so meine Zweifel, dass das der richtige Weg ist. Ich wünsche mir mehr Vielfalt, Fahrer und ein Umfeld, die Lust darauf haben die MotoGP und sich selbst ansprechender zu verkaufen. Raus aus der Konzentration auf nur eine Person, hin zu mehr Gesichtern und Persönlichkeiten. Das würde nicht nur der MotoGP, sondern dem Motorsport insgesamt sehr gut tun.

 (Markus Kahl)

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