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Fabio Di Giannantonio im MotoGP Interview – Mit positiver Energie auf dem Weg zum Gipfel

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
Wir treffen einen ganz entspannten Fabio Di Giannantonio zum Gespräch. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Genau das ist das Spannende vor jedem neuen Kennenlernen eines Gesprächspartners im Paddock. Man weiß schlicht nicht, auf was für eine Art von Mensch man trifft. Hat die Person Lust auf ein Gespräch? Denkt sie eigentlich an etwas ganz anderes? Ist sie arrogant oder zugänglich? Mit diesen Gedanken bin ich auch zum Interview mit Fabio Di Giannantonio losgezogen. Und ich muss danach sagen: So positiv überrascht wurde ich noch nie.

 

So viel Freundlichkeit, Lebenslust und positive Energie habe ich bislang noch nicht in einer solchen Begegnung erlebt. Umso leichter war es, den Menschen „Diggia“ (so sein Spitzname) näher kennenzulernen. Mit Di Giannantonio sprechen wir über seine positive Art zu denken, den Kampf mit dem Aufstehen, seine Ziele und warum für ihn ein einfaches Pasta Gericht das beste Essen der Welt ist.

Motosports24: Die MotoGP-Kommentatorin Amy Dargan twitterte vor kurzem, sie müsste bei Dir in die „Positiv denken“ Schule gehen. Sie würde keinen Fahrer kennen, der so positiv an alles herangeht, selbst nach allen Rückschlägen. Verrätst Du uns also bitte Dein Geheimnis?

 

Fabio Di Giannantonio: (Lacht). Das ist gar kein Geheimnis. Es ist mein Weg, an die Rennen heranzugehen. Ich liebe es, Rennen zu fahren, ich liebe Motorräder. Ein gutes Ergebnis einzufahren ist natürlich schön und am Ende auch das Resultat unserer Arbeit. Aber bei einem schlechten Ergebnis muss man das Ergebnis von der Leistung trennen. Wenn man beispielsweise ein schlechtes Resultat einfährt, du selbst aber 100 Prozent gegeben hast, dann war das in diesem Moment einfach das Maximum. Vielleicht war die Maschine in dem Moment nicht so gut, vielleicht auch du selbst nicht. Aber du hast 100 Prozent gegeben. Das ist meine Einstellung. Es ist somit kein großes Geheimnis, sondern nur das, wie ich denke und arbeite.

 

Wie schwierig ist es nach Rückschlägen wieder aufzustehen, aber genauso nach Erfolgen nicht abzuheben?

 

Es ist nicht schwierig. Also wenn du einen Rückschlag erleidest, liegst du erst einmal am Boden. Aber die einzige Möglichkeit ist, einfach wieder aufzustehen. Es ist ein Teil des Spiels. Das Wichtigste ist, nicht den Fokus auf die Arbeit zu verlieren und auf das, was getan werden muss. Und das ist auch schon alles.

 

Wie ist das so als angehender Star in der MotoGP. Halten Deine Freunde und Familie Dich auch auf dem Boden oder erzählen die Dir den ganzen Tag wie toll Du bist?

 

Nicht so richtig (grinst). Also ja, meine Familie gibt mir immer jede Menge Unterstützung. Aber wenn ich einen Fehler mache, dann sagen sie mir auch, dass ich jetzt was falsch gemacht habe und dass ich etwas anders tun muss. Aber nein (lacht). Sie feiern mich nicht jeden Tag ab. Wir sind eine ganz normale Familie.

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
Für das Gresini Racing Team fährt Fabio Di Giannantonio das dritte Jahr in der Moto3 WM. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Was macht Dich nach einem negativen oder stressigen Wochenende auf der Rennpiste daheim wieder glücklich?

 

Mit Freunden zusammen sein, eine gute Pizza essen. Das normale Leben zu Hause zu genießen. Eins, zwei Tage ein ganz normaler Junge zu sein, der einfach zum Strand geht und entspannen kann.

 

Was vermisst Du von daheim am ehesten, wenn Du auf Reisen bist?

 

Meine Familie, meine Haustiere und auch meine Freunde.

 

Für Italiener steht ja angeblich Essen ganz hoch im Kurs. Bei Dir auch?

 

(Lacht). Absolut. Essen ist für mich alles.

 

Was magst Du am liebsten und kochst Du auch?

 

Noch bin ich kein großer Koch, aber ich lerne Stück für Stück. Und mein Lieblingsessen? Ganz klar, eine schöne Pasta Carbonara. Ein echter Klassiker.

 

Als Sportler ist eine gute Ernährung ja unheimlich wichtig. Aber das Training daneben muss natürlich auch stimmen. Bist Du eher der Typ, der die Gewichte im Fitnessstudio stemmt oder mehr der Ausdauersportler?

 

Ich mag verschieden Sachen um ehrlich zu sein. Ich mag das Fitnessstudio tatsächlich gerne, wenn ich dort mit meinem persönlichen Trainer zusammenarbeite. Aber mir macht es genauso Spaß, Rad zu fahren, vor allem mit meinen Mechanikern. Für mich ist das kein Training, sondern fühlt sich eher wie Spaß an. Deswegen macht mir beides Freude, es ist für mich alles andere als eine Qual.

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
Immer für einen Spaß zu haben: Moto3 Pilot Fabio Di Giannantonio. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wie sieht so eine normale Trainingswoche bei Dir aus?

 

Wenn ich von einem Rennen zurückkomme, ist montags der Tag um auszuspannen. Aber wenn ein Rennen nicht so gut gelaufen ist kann es schon passieren, dass man mich montags im Fitnessstudio trifft, wo ich versuche, das Negative weg zu trainieren. Ansonsten bin ich drei bis viermal in der Woche im Fitnessstudio. Ein Tag ist immer Pause und ansonsten geht es dann aufs Fahrrad oder ich fahre Motocross. Am Wochenende ist meistens frei um zu entspannen und mich mit Freunden zu treffen.

 

Und wie fängt ein perfekter Tag am Morgen für Dich an?

 

Also, der Morgen ist für mich etwas sehr Spezielles. Aber warte, ich erkläre es. Wenn ich morgens aufwache, bin ich immer sauer. Jeden Tag. Erst wenn ich etwas gegessen habe, dann wird es besser. Aber vom Aufstehen bis zum Frühstück, das ist die schwierigste Zeit des Tages für mich. Also stehe ich auf, esse etwas, ganz in Ruhe und dann können wir von mir aus machen was du willst.

 

Was isst Du denn dann morgens? Die Italiener sind ja nicht gerade für ein üppiges Frühstück bekannt…

 

Ja, das stimmt. Sehr viel esse ich tatsächlich nicht, denn ich bin schließlich Moto3 Pilot (lacht). Ich esse dann drei bis vier fette biscotate (Anmerkung: Das sind wie Kekse gebackenes Brot, sehr ähnlich wie Zwieback), mit etwas Marmelade oder Honig. Das war es dann auch schon.

 

Was machst Du am liebsten in Deiner freien Zeit?

 

Zum Strand gehen. An den Strand zu gehen ist das Beste, was man machen kann. Ein bisschen die Sonne genießen. Ich wohne ja nur zwei Minuten vom Strand weg.

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
In Brünn konnte Fabio Di Giannantonio 2018 den ersten Rennsieg seiner Moto3 Karriere feiern. (© Gresini Racing Team)

Wie bist Du überhaupt zum Motorradsport gekommen?

 

Ich habe angefangen als ich fünf war. Mein Vater hat mich mit zu einer Kartstrecke genommen, auf der Pocketbikes gefahren sind. Die Pocketbikes konnte man mieten. Mein Vater hat mich gefragt ob ich Lust habe, das auszuprobieren. Und ich sagte: Nein, auf keinen Fall. Aber mein Vater hat mich angebettelt, es doch wenigstens eine Runde zu probieren. Also habe ich es dann doch gemacht. Und dann hat mich der Virus sofort gepackt. Dann kamen die ersten Rennen dazu und so ging es immer weiter, bis ich eben hier in der WM gelandet bin.

 

Bist Du auch in anderen Sportarten gut?

 

Ja. Ich habe beispielsweise gut und lange Futsal gespielt. Ich war in einer richtig guten Mannschaft. Zeitweise waren wir sogar zweiter in der italienischen Meisterschaft. Und ich glaube, das habe ich da ganz ordentlich hinbekommen.

 

Lass uns mehr auf das Sportliche zu sprechen kommen. Du bist einer von wenigen Italienern, der nicht Teil der VR46 Akademie (die Nachwuchsakademie von Valentino Rossi) ist. Ist das für Dich eher ein Vor- oder ein Nachteil?

 

Ich denke momentan ist es nicht ganz so wichtig, dass ich dort nicht mit dabei bin. Natürlich machen sie großartige Arbeit bei sich zu Hause. Sie trainieren dort zusammen, sind immer zusammen. Aber wenn Du in der Weltmeisterschaft ankommst und ein gutes Umfeld um dich herum hast, ist der Unterschied vielleicht nicht ganz so groß. Klar fehlt dir Valentino (Rossi), der dir die Tipps für die Sachen auf der Maschine mitgibt. Aber ich sehe da nicht so einen großen Unterschied, wenn man eben nicht Teil dieser Akademie ist.

 

Wechseln wir auf die Rennstrecke. Wie zufrieden bist Du bislang mit Deiner Saison?

 

Ich bin zufrieden, doch. Wir haben eine starke Saison bislang. Manche Ergebnisse bleiben leider noch aus. Ich habe zwar ein Rennen gewonnen (Le Mans), am Ende dann aber leider auch nicht. Aber ich bin zufrieden. Ich gehe meinen eigenen Weg. Im Training beispielsweise mit eigenem Setup oder der Tatsache, alleine auf der Strecke unterwegs zu sein. Ich habe das Vertrauen schnell zu sein. Wir machen einen sehr guten Job und ich bin mir sicher, dass die Wunschresultate kommen werden.

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
Bei einem Sieg darf sich auch Fabio Di Giannantonio mit einem schönen Wheelie freuen. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Bislang ist es von den Punkten die erfolgreichste Saison seit Du in der Moto3 fährst. Fühlt es sich für Dich auch genauso erfolgreich an?

 

Erfolgreicher als letztes Jahr nicht. Letztes Jahr hatte ich drei Podestbesuche in der ersten Halbzeit der Saison. In diesem Jahr nur zwei. Aber irgendwie ist es doch die erfolgreichste Saison, denn wenn man sich manche Rennen wie Le Mans anschaut. Dann ist es doch eigentlich sehr gut.

 

Es gibt aber noch viele Schwankungen in den Resultaten 2018. Nach dem Rennen in Assen hast Du viel geschimpft, weil Dich die Konkurrenz reihenweise locker überholen konnte. Kannst Du mir diese Probleme erklären? Es scheint ja nicht nur dort eins zu sein, wie Du sagst.

 

Also um ehrlich zu sein, kenne ich die Antwort nicht. Wenn ich es wüsste, könnte ich es beseitigen. Wenn ich auf der Strecke bin sehe ich, wie ich viel Zeit auf die Fahrer vor und hinter mir verliere. Vor allem auf der Geraden. Es ist dabei egal wie hart ich pushe. Ich bin, wenn ich aufs Gas gehe, leichte Beute für den Rest. Ich bin eben relativ groß. Ich versuche mich zwar so klein wie möglich zu machen, aber es wird nicht besser. Das scheint das größte Problem zu sein.

 

Woran musst Du noch am meisten arbeiten? Mit Deiner Maschine, Deinem Fahrstil, an Dir selbst?

 

Also, da ist immer Platz, um sich zu verbessern. Ich trainiere zu Hause sehr viel, somit denke ich, dass ich mich selbst Tag für Tag verbessere. Auch mit der Maschine wird es von Rennen für Rennen besser, gerade, was das Gefühl für den Vorderreifen betrifft. Das ist sicher ein Punkt, mit dem viele Fahrer zu kämpfen haben. Natürlich lässt sich auch an der Strategie immer was verbessern. Wir sind mit allem nah an sehr guten Ergebnissen dran, es fehlt nicht mehr viel.

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
Blick voraus. Wohin wird der Weg von Fabio Di Giannantonio führen? (© Gresini Racing Team)

In den Moto3 Rennen geht es grundsätzlich immer super eng zu. Meistens kann sich nie ein Fahrer groß vom Feld absetzen. Was ist also das Geheimnis, um ein Moto3 Pilot zu sein, der immer um den Sieg mitfahren kann?

 

Das ist eine sehr gute Frage. Selbst für mich ist das schwer zu verstehen. In manchen Rennen gilt es, einfach immer da zu sein. Man muss zusehen, in jeder Runde in jeder Kurve vorne mitzufahren. In manchen Rennen ist es dagegen schwierig, alles unter Kontrolle zu haben. Manchmal sind da unheimlich viele Fahrer in der Gruppe, in der man unterwegs ist. Oder es sind viele Rookies dabei, die eben ihre speziellen Manöver machen. Das wird dann auch mal etwas gefährlich oder aber du verlierst dadurch plötzlich den Anschluss. Es ist schwierig, das immer so zu gestalten, wie man es selbst möchte.

 

Wie kann man jemandem verständlich machen, der kein Motorrad fährt, warum man auf einer Strecke gut ist und auf anderen nicht? Welche Faktoren spielen für Dich eine Rolle um ein gutes Rennen zu absolvieren?

 

Ich denke, um eine gutes Rennen zu haben, muss das erste freie Training gut laufen. Mit der Strecke ist es natürlich so eine Sache. Also du kommst beispielsweise an eine Strecke wie hier den Sachsenring. Eine Strecke, die ich gerne mag. Wenn du dich dann aber nicht so wohlfühlst wie du vielleicht erwartet hast, dann ist das nicht so hilfreich. Es kommen so viele Faktoren zusammen. Angefangen beim Publikum wie auch Menschen, die im Paddock um dich herum sind. Das ist eben von Strecke zu Strecke unterschiedlich.

 

Was sind Deine Ziele noch für den Rest der Saison? Kannst Du vielleicht noch in die Meisterschaft mit eingreifen?

 

Auf jeden Fall. Mein Ziel ist es immer Rennen zu gewinnen und an jedem Rennwochenende auf dem Podium zu stehen. Somit ist klar, dass ich auch um die Meisterschaft mitkämpfen möchte.

 

Wie sehen Deine Pläne für 2019 aus?

 

Um ehrlich zu sein hätte ich gerne ein Moto2 Bike. Ich denke, der Moment dafür ist jetzt gekommen, um diesen Schritt zu machen. Ich bin bereit dafür. Ich brauche nur jemanden der mir vertraut und mir eine solche Maschine gibt. Wenn das klappt, ist es möglich dort zu fahren.

 

Danke für das Gespräch, Fabio.

Das Gespräch führte Markus Kahl

Fabio Di Giannantonio 2018 in der Moto3 für Gresini Racing am Sachsenring
Markus Kahl trifft Fabio Di Giannantonio zum Gespräch am Sachsenring 2018. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

P.S. Kennst Du schon das Interview "Ohne Worte" mit Fabio Di Giannantonio? Nein? Dann schau doch mal hier vorbei.

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