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Pablo Nieto im MotoGP Interview – Der Talententwickler

Pablo Nieto vom Sky Racing Team am Sachsenring 2018
Er will die Talente zu großen Fahrer in der MotoGP machen: Pablo Nieto. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wer Pablo Nieto sagt, wird im gleichen Atemzug an seinen Vater Angel Nieto denken. Die Nieto-Familie war und ist ein fester Teil in der Motorrad Weltmeisterschaft. Nach den sportlichen Erfolgen des Vaters schreibt Pablo jetzt ein neues Kapitel dieser Tradition fort. Als Teammanager beim Sky Racing VR46 Team ist sein Job, ein Team zu führen, junge Talente zu finden und sie zu entwickeln.

 

Wie und ob das gelingt, erzählt er im Gespräch mit Motosports24. Außerdem spricht Nieto über Spaß an der Arbeit, seine eigene Karriere und die Aussichten der MotoGP im Zeitalter von Elektro Bikes.

Motosports24: Welcher Job ist schwieriger: Teamchef oder Fahrer?

 

Pablo Nieto: (Lacht). Also diese Jobs sind völlig unterschiedlich. Als Fahrer bist du immer darauf fokussiert, deine schnellste Runde auf die Strecke zu bringen. Aber du hast weniger einen Blick für die Dinge, die um dich herum passieren. Warum du überhaupt auf der Maschine sitzt und was die Leute um dich herum möglich machen. Es ist als Fahrer ein völlig anderer Stress, das kann man gar nicht miteinander vergleichen.

 

Vermisst Du Deine Zeit als Fahrer manchmal? Du bist schließlich jünger als Valentino Rossi!

 

(Grinst). Ja, da hast Du recht. Das ist schon ein bisschen unglaublich. Valentino macht mit seiner Karriere natürlich mehr als nur einen Eintrag in die Geschichtsbücher. Wenn man mir heute sagen würde, du kannst deine Rennkarriere fortsetzen, würde ich das mit einem klaren „nein“ beantworten. Alles hat seine Zeit und meine Zeit als Fahrer ist vorbei.

 

Du bist Deine komplette Karriere in der 125er Klasse gefahren. Warum gab es für Dich nie einen Einsatz in einer höheren WM Klasse?

 

Ja, das stimmt. Da war ich vielleicht ein bisschen eigen in meiner Einstellung. Ich bin gefahren, um Weltmeister zu werden. Und das wollte ich in dieser Klasse unbedingt schaffen. Ich war oft nah dran, aber ich habe es leider nie geschafft bis zum Ende einer Saison um den Titel mitzufahren. Das war der Grund, warum ich es wieder und wieder versuchen wollte. Klar hätte ich auch in die nächsthöhere Klasse wechseln können.

 

Aber wenn Du keinen Titel hast, bekommst du dann nicht unbedingt die beste Maschine – also die Werksmaschine, die man als Fahrer haben möchte. Somit fährst du dann eben nur in den Top 15 mit und nicht in den Top 5, wo man als Fahrer aber gern hinmöchte.

Pablo Nieto bespricht mit seinem Schützling Francesco Bagnaia vom Sky Racing Team die Taktik für die Ausfahrt
Pablo Nieto bespricht mit seinem Schützling Francesco Bagnaia die Taktik für die Ausfahrt. (© Motosports24)

War für Dich von klein auf klar, dass Du selbst mal professionellen Motorradsport betreiben willst wie Dein Vater?

 

Nein. (Lacht). Nein, nein. Als ich ganz klein war, hatte ich ziemlich Angst vor der Geschwindigkeit. Eigentlich verrückt, oder? Ich bin der Jüngste der Kinder in meiner Familie. Ich erinnere mich an meinen Bruder, der einfach viel verrückter war als ich. Mit 12 habe ich dann angefangen Rennen zu fahren und dann hat sich meine Einstellung plötzlich grundlegend verändert. Fünf Jahre später war ich dann schon in der Weltmeisterschaft. Das ging dann rasend schnell. Und ich hätte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen können, tatsächlich mal eine so lange Zeit in diesem Motorrad Zirkus mit dabei zu sein.

 

Hättest Du Dir auch eine andere Sportart für Dich vorstellen können?

 

Schwierig. Also, alle gefährlichen Sportarten machen mir Spaß. Ich mag beispielsweise auch Tennis, aber der Motorradsport war dann doch irgendwie in mir drin.

 

Wie hast Du es in Deiner Karriere erlebt. War Dein erfolgreicher Vater eher „Druck“ so gut sein zu müssen wie er oder hat Dir sein Name eher Türen geöffnet?

 

Also, ich denke, als ich geboren wurde, war das eben als Sohn von Angel Nieto. Das hat mich mein Leben lang verfolgt. Und für mich ist es eine Ehre Sohn von Angel Nieto zu sein. Es haben mich eine Menge Menschen in meiner Karriere angesprochen und zu mir gesagt „du bist der Sohn von Angel Nieto“. Mich hat das aber nie gestört sondern glücklich gemacht. In der Weltmeisterschaft ist es so, dass du vielleicht zwei bis drei Jahre unterwegs bist und in dieser Zeit schnell sein musst um auch dort bleiben zu können. Ich bin zehn Jahre gefahren. Viele wussten, dass ich ein schneller Fahrer bin. Aber sie wussten eben auch, dass ich der Sohn von Angel Nieto bin.

In der Sky Racing Team Garage werden die Motorräder vorbereitet
In der Sky Racing Team Garage werden die Motorräder vorbereitet. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Lass uns über Deinen Job als Teammanager sprechen. Der Zuschauer bekommt davon in der Regel nicht so viel mit. Meistens sieht man einen Teammanager wie er die Zeiten an der Box verfolgt oder auch Interviews gibt. Lass uns mal ein wenig tiefer einsteigen, wie so Dein Tag aussieht. Was sind für Dich Deine relevanten Aufgaben?

 

Also außerhalb der Strecke ist es wirklich so, dass ich praktisch den ganzen Tag am Telefon verbringe (lacht). Nein wirklich, das Telefon klingelt mehr oder weniger den ganzen Tag. Aber ich bin natürlich auch derjenige, der auf alles im Team ein Auge hat. Mechaniker, der Hersteller, Reifenlieferant, Kalex. Einfach alles. Klar ist das stressig und dein Chef hängt dir neben den Sponsoren auch noch im Nacken.

 

Aber wenn dir sowas nicht grundsätzlich Spaß macht, dann wäre es in der Tat unangenehm. Jeder will, dass du einen guten Job machst. Und wenn du einen guten Job machst, dann machen den auch die Fahrer. Dann kommen auch die Ergebnisse. Als Teammanager muss man einfach alle vorbereiten. Die Rennwochenenden, die Interviews, alles was dazu gehört. Es ist wirklich ein rund um die Uhr Job. 24 Stunden, 7 Tage die Woche.

 

Schon zu Beginn Deines Jobs als Teammanager hattest Du gleich großen Erfolg, als Du mit Maverick Vinales 2013 Weltmeister wurdest. Wie war dieser Titel für Dich, wie hast Du das erlebt?

 

Es war eins der besten Jahre als Teammanager bislang. Wir haben als ganz normales Team begonnen – mit einem ziemlich kleinen Budget. Wir mussten uns gegen Teams wie Monlau oder Red Bull durchsetzen. Das hat es für uns natürlich etwas schwerer gemacht. Wir haben damals einen tollen Job gemacht und so wurde es für mich ein ganz besonderes Jahr. Am Ende betrachtet, war der Plan perfekt, den wir damals hatten. Von 18 Rennen waren wir bei 16 Rennen auf einem Podestplatz. Es kann also nicht so schlecht gewesen sein, was wir uns da erarbeitet haben.

 

War für Dich seinerzeit schnell klar, das mit diesem Fahrer der WM Titel möglich ist?

 

Ja, uns war früh klar, dass Maverick über großes Potential verfügt. Das hat man einfach gesehen. Das, was wir „nur“ machen mussten, war alles an die richtige Stelle im Team für ihn zu bringen. Das war der Grund, warum wir den Titel gewonnen haben.

Pablo Nieto vom Sky Racing Team beim MotoGP Rennen am Sachsenring 2018
Pablo Nieto erklärt uns seine Arbeit beim Sky Racing Team in der Motorrad WM. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Wann und wie merkst Du bei einem Fahrer: Mit dem könnte hier was gehen, der hat das gewisse Etwas, das Potential für ganz oben?

 

Also, es gibt ja etwas, was man fühlen und was man sehen kann. Beispielsweise mit Maverick (Vinales). Jeder wusste, dass Maverick sehr schnell ist. Auch bevor er in der WM war, war er mit allen Maschinen zuvor schon sehr schnell unterwegs. Aber es ist natürlich sehr schwierig im Vorfeld zu wissen, welcher Fahrer das Potential hat Weltmeister zu werden. Das ist Teil meines Jobs herauszufinden, welcher Fahrer der Richtige sein könnte.

 

Es ist wirklich schwierig. Da kann mal ein Fahrer dabei sein, der scheinbar das Potential eines Valentino Rossi in Ansätzen zeigt, aber es gibt eben nur einen Valentino. Das Schwierigste für einen Fahrer ist es, eine gleichbleibend konstant gute Leistung abzurufen. Das schafft nicht jeder.

 

Warum gibt es Fahrer, die in den Nachwuchsklassen groß auftrumpfen, für die es in der WM dann aber gar nicht läuft?

 

Ja, das passiert manchmal. In der spanischen Meisterschaft hast du beispielsweise vier, fünf, sechs Fahrer die gute Fahrer werden könnten. Aber sie sind eben noch sehr jung. Wenn sie dann aber mal ein paar Jahre älter sind, kann sich alles ändern. Wenn du so jung bist, fehlt dir natürlich die Erfahrung. Man kann Potential sehen, aber Talent alleine reicht nicht um oben anzukommen. Man muss Talent mitbringen, sehr hart arbeiten, ein gutes Team um sich herumhaben und das alles miteinander zusammenbringen.

 

Man muss einfach auch sehen, dass man in dem Teenageralter um die 15, 16 Jahre eine Menge Entbehrungen auf sich nehmen muss. Sie müssen die Schule schleifen lassen, zu 100 Prozent an der Strecke sein. Das ist nicht so einfach für die jungen Fahrer. Man muss alles zusammenbringen, es perfekt umsetzen. Und das ist das Schwierige.

 

Welchen und wie viel Einfluss kannst Du überhaupt auf Deine Fahrer nehmen. Viele haben ja persönliche Betreuer, Manager und andere Personen um sich herum. Jeder redet rein. Wie schwierig ist das?

 

Ja, das ist schwierig. Aber ich nehme mal unsere Fahrer im Team. Zu ihnen haben wir eine sehr gute Beziehung. Das ist unheimlich wichtig. Sie respektieren mich sehr und das ist ein sehr wichtiger Faktor. So kann ich Ihnen einige Sachen mehr mit auf den Weg geben, die sie nicht von jedem bekommen können. Beispielsweise wenn ich ihnen sagen, wie sie an bestimmte Dinge herangehen oder etwas umsetzen sollen. Die Fahrer nehmen vielleicht drei vier Sachen auf, die ich ihnen sage. Das ist die Sache, die den Unterschied ausmachen kann. Natürlich sind auch nicht alle Sachen, die ich sage, zu 100 Prozent richtig. Aber ich gebe mein Bestes, um ihnen die Sachen mitzugeben, die aus meiner Erfahrung heraus ihnen helfen können.

Francesco Bagnaia im Sky Racing Team 2018 in der Moto2
Die Topfahrer derzeit beim Sky Racing Team: Francesco Bagnaia, der um den Titel in der Moto2 mitfährt... (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)
Luca Marini vom Sky Racing Team in der Moto2 2018
...und Luca Marini, der sich gerade vom Talent zum Podiumsanwärter emporfährt. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Gibt es einen Moment, wo man zu einem Fahrer sagen muss: „Hier endet unser gemeinsamer Weg“. Wann wäre für Dich ein Zeitpunkt, um das sagen zu müssen?

 

Schwierig. Ich erinnere mich an den Moment im letzten Jahr, als wir Andrea Migno sagen mussten, dass sich unsere Wege trennen werden. Wir hatten eine tolle Beziehung zueinander. Es entstehen ja Verbindungen zueinander, die über eine normale Arbeitsbeziehung hinausgeht. Es ist schon sehr schwierig, aber manchmal spürt man in sich, dass die Zeit der Trennung gekommen ist.

 

Du hast als Teammanager einen großen Anteil am Entstehen und Wirken dieses VR46 Teams. Wie zufrieden bist Du bislang mit Eurer Zeit mit den beiden Teams in der Weltmeisterschaft?

 

Ich bin natürlich nie ganz zufrieden mit unserer Arbeit (grinst). Wir müssen mehr als unser Bestes geben. Aber es stimmt natürlich, dass sich das Team sehr gut entwickelt hat. Noch ist es wie ein Baby, wir haben ja 2014 erst angefangen. Es ist also noch ein sehr junges Team. Aber wir machen rundherum gute Arbeit. Mit Luca (Marini) und Pecco (Bagnaia) machen wir schon einen guten Job in der Moto2, auch wenn wir natürlich noch eine Menge lernen müssen. Wir müssen unsere Füße am Boden halten, nicht abheben und einfach weiter sehr hart arbeiten.

 

In der Moto3 haben wir ein wenig mehr Erfahrung, aber auch ein paar mehr Probleme. Denn wir hätten da gerne schon ein paar bessere Resultate, die aber leider noch ausbleiben. Unseren Fahrern geben wir die bestmöglichste Unterstützung die für uns machbar ist. Das Gefühl aus der Vergangenheit, ein gutes Moto3 Motorrad vorzufinden, wollen wir unseren Fahrern mitgeben. Aber das funktioniert momentan leider nicht so gut und so fehlen uns auch die Ergebnisse.

 

Es gibt ja für die Entwicklung von jungen Fahrern nicht nur den einen richtigen Weg, um es bis ganz nach oben oder vorne zu schaffen. Welchen Weg geht Ihr mit Eurem Team, was bietet Ihr an und welche Erwartungen habt Ihr ganz konkret an Eure Fahrer? Kurz, was ist Deine und Eure Philosophie?

 

Unsere Philosophie ist es, ein hochprofessionelles Team zu sein. Für mich ist aber das Wichtigste, dass die Fahrer Freude haben. Es gibt schließlich nicht so viele Fahrer, die sagen können, sie sind Fahrer des VR46 Teams. Also sollen sie Spaß haben und Freude an ihrem Job. Wenn uns das nicht gelingt, bleiben auch die Ergebnisse aus. Trotz allem darf die professionelle Einstellung nicht auf der Strecke bleiben. Harte Arbeit gehört dazu, aber man sollte auch nicht vergessen, dass wir zur Elite des Motorradsports gehören.

Die jüngsten Start des Sky Racing Teams in der Moto3 kommen 2018 noch nicht so richtig in Schwung.
Die jüngsten Start des Sky Racing Teams in der Moto3 kommen 2018 noch nicht so richtig in Schwung. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

Die VR46 Akademie unterstützt derzeit sehr viele Fahrer in ihrer Entwicklung. Sehen wir bald nur noch Schützlinge aus dieser Ausbildungsgruppe, die in der Weltmeisterschaft den Ton angeben werden?

 

(Grinst). Das wünsche ich mir natürlich. Das ist Ziel unserer Arbeit, alle Fahrer für die Spitze fit zu machen. In der Moto2 und Moto3 sind wir jetzt mit dabei, bei der MotoGP ist es natürlich etwas schwieriger. Unsere Fahrer sind jetzt alle zwischen 15 und 20 Jahre alt. Das heißt, wir haben noch etwas Zeit um in der MotoGP anzukommen.

 

Wie wird sich der Motorradsport grundsätzlich Deiner Meinung nach entwickeln. Fangen wir beim technischen an. Es gibt ja jetzt die ersten Elektro Maschinen, die bald mit einer eigenen Serie starten. Sollten die sich durchsetzen, ist das dann noch der Sport mit dieser Faszination wie wir ihn heute kennen?

 

Vielleicht fragst du mich das noch einmal in einem Jahr. Momentan bin ich mir nicht ganz sicher denn es ist für jeden von uns schon etwas speziell, ein Motorrad komplett ohne Sound zu erleben. Wenn man aber länger darüber nachdenkt: So sieht die Zukunft aus. Wir werden sehen.

 

Glaubst Du, dass auch in Zukunft noch großes Interesse bei Zuschauern aber auch potentiellen Sponsoren an der Motorrad WM bleiben wird? Man sieht viele Entwicklungen, die dagegen sprechen könnten. Einmal die Entwicklung des ESports, aber auch das Bestreben in vielen Ländern, Fahrzeuge grundsätzlich so ein bisschen zu verteufeln.

 

Ja, das stimmt. Der eSport hat ein unheimliches Wachstum hinter sich. Aber wenn man sich diese Spieler mal anschaut, die wollen alle wie ihre Superhelden, wie Rossi oder Marquez sein. Die MotoGP hat meiner Meinung nach noch eine lange Zukunft vor sich. Das wird meiner Meinung nach immer im Zentrum des Interesses bleiben. Von daher müssen wir bei beidem mal sehen was die Zukunft bringt, es ist wirklich sehr schwierig, da eine Prognose abzugeben.

 

Was macht Pablo Nieto in fünf Jahren?

 

(Lacht). Ich weiß es nicht. Also, mir würde es Spaß machen, diesen Job weiterzumachen. Ich fühle mich als Teil einer Familie. Und ich liebe es, in diesem Team zu sein. Also warum das nicht einfach weitermachen!

 

Herzlichen Dank für das Gespräch, Pablo.

Das Gespräch führte Markus Kahl.

Markus Kahl trifft Pablo Nieto zum Gespräch am Sachsenring 2018.
Markus Kahl trifft Pablo Nieto zum Gespräch am Sachsenring 2018. (© www.gp-photo.de, Ronny Lekl)

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